Die neue Kolumne von Silicon Saxony

Was Fußball, Turnen und der Chips Act 2 verbindet

Während sportliche Großereignisse die öffentliche Aufmerksamkeit dominieren, werden die Weichen für Europas technologische Zukunft an anderer Stelle gestellt. Der Chips Act 2 steht dabei für die Frage, wie Europa seine Stärken sichert und strategische Lücken schließt.

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Während Millionen auf die Fußball-WM blicken, arbeitet Brüssel am Chips Act 2, an einem Gesetz, das über Europas Platz in der wohl wichtigsten Industrie des Jahrhunderts mitentscheidet. Zwei Großereignisse, höchst ungleich verteilt: Über das eine wird in jeder Kneipe geredet, über das andere kaum. Es ist verführerisch, den Wettlauf um Chips und KI als eine Art Weltmeisterschaft zu erzählen. Doch der Vergleich hinkt, nicht zuletzt, weil die gesamte Chipindustrie, ja der ganze KI-Stack, nicht annähernd so breit diskutiert wird, wie die Aufstellung der Nationalmannschaft.

Neue Regeln

Für eine Sache taugt der Fußball aber doch als Lehrstück. Bei dieser WM, ausgetragen vor allem in den USA, gibt es plötzlich Trinkpausen, selbst in klimatisierten Stadien. Relativ plötzlich ändern sich also die Regeln, nicht ohne Einfluss auf Spielfluss und damit natürlich auch auf Taktiken. Genau das erlebt gerade die KI-Branche. Mitte Juni zwang das US-Handelsministerium den Entwickler Anthropic per Exportkontroll-Direktive, seine leistungsfähigsten Modelle, Fable 5 und Mythos 5, für sämtliche Nicht-US-Bürger zu sperren, auch für eigene Beschäftigte ohne US-Pass und selbst innerhalb der USA. Das Unternehmen schaltete die Modelle daraufhin für alle ab. Die Lehre: Ein Spitzenmodell kann über Nacht verschwinden, nicht wegen Preis oder Leistung, sondern weil sich die Spielregeln ändern.

Die Riege war immer global

Zurück zur Chipindustrie und zu einer weiteren Sport-Metapher: der Turnriege im Mehrkampf. Eine starke Riege turnt an allen Geräten. Am Reck, der anspruchsvollen Logik, ist Taiwan Weltmeister; am Barren, dem Speicher, turnt Korea vorn. Lange war das kein Problem, denn keine Region musste die beste Riege allein stellen. Man trat gemeinsam an, jeder an seinem Gerät, und das Ergebnis war globaler Wohlstand. Diese Zeit ist vorbei. Morris Chang, Gründer von TSMC, brachte es bereits 2022 auf den Punkt „Die Globalisierung ist fast tot, der Freihandel ebenso, zumindest wenn es um die fortschrittlichsten Halbleiter geht“. Spätestens seit Corona prägen nun auch Begriffe wie Autonomie, Souveränität oder Unverzichtbarkeit die Diskussionen unserer Branche. Und plötzlich fragt sich jede Nation, welche „Geräte“ sie selbst beherrschen muss.

Europas Gerät ist das Pauschenpferd

Und Deutschland, Europa? Abgeschlagen, irrelevant? Keineswegs. Es gibt ein Gerät, an dem wir ganz wir auf Weltniveau turnen. Es geht, Spotlight on, um die Leistungselektronik. Man könnte sie das Pauschenpferd der Halbleiterwelt nennen: technisch vertrackt, wenig spektakulär anzusehen, und doch entscheidet sie über Medaillen. Dass sie medial unterbelichtet bleibt, liegt auch an einer Medienlandschaft, die sich für GPUs im KI-Zeitalter mehr begeistert als für Spannungswandler. Ein Blick in die Podcast-Verzeichnisse illustriert das Missverhältnis: Fußball-Podcasts gibt es zu Hunderten, sie stürmen die Sport-Charts, und zur WM erscheint sogar ein tägliches Update. Sucht man dagegen nach „Halbleiter“, findet man kaum mehr als eine Handvoll Nischenformate. Ausnahmen bestätigen für mich die Regel: all-electronics hat sich mit dem „all“ im Namen einen Eigenanspruch gegeben, den es auch einlöst - bis hin zum eigenen Thementag „Power“, getreu dem Motto, dass es keine Leistung ohne Leistungselektronik gibt.

Wie ernst es Europa meint, zeigt sich einmal mehr in Dresden. Knapp fünf Milliarden Euro investiert Infineon dort in eine neue Fabrik. Es ist die größte Einzelinvestition der Firmengeschichte. Und Infineon stellt sie rund drei Monate früher fertig als ursprünglich geplant. Für ein deutsches Großprojekt ist das allein schon eine Nachricht.

Die Belege liegen auf dem Tisch

Dass dieses Gerät zählt, ist im Übrigen keine Glaubensfrage. Die im Juni vorgelegte SIA-Deloitte-Studie „Powering AI“ kommt zu dem Ergebnis, dass Halbleiter über 95 Prozent des Wertinhalts eines KI-Server-Racks und mehr als die Hälfte der Investitionskosten eines KI-Rechenzentrums ausmachen. Bis 2028 könnte der Chip-Umsatz aus diesen Zentren auf rund 1,2 Billionen US-Dollar steigen. Die Studie bestätigt, was für die Branche längst weiß: KI braucht nicht den einen Wunderchip, sondern Logik, Speicher und, gern übersehen, Leistung. Genau dort setzt Infineons Smart Power Fab an, die am 2. Juli 2026 feierlich eröffnet wird. Sie wird jene Bausteine fertigen, die Megawatt effizient ins Rack bringen. Der Umsatz mit Stromversorgung für KI-Rechenzentren ist bei Infineon von 250 Millionen Euro (2024) auf über 700 Millionen (2025) gesprungen und soll 2026 rund 1,5 Milliarden erreichen. Gemeinsam mit Nvidia arbeitet man an einer 800-Volt-Architektur für Server-Racks. Und es sind nicht nur die Großen. Das Schweizer Start-up Hyperscale Power, auf den Silicon Saxony Days als Gewinner des aktuellen Ignite-Next-Batches gekürt, baut Festkörper-Transformatoren mit 98,5 Prozent Wirkungsgrad. Dass im Programm mit Infineon und Intel gleich zwei strategische Partner stehen, zeigt, wie eng etablierte Konzerne und junge Teams hier verzahnt sind.

Neue Geräte kommen hinzu

Und noch ein Gedanke. Ein Mehrkampf ist nicht in Stein gemeißelt, denn es kommen stetig neue Geräte hinzu. Quantencomputing und Physical AI sind solche jungen Disziplinen. Hier hat Europa erneut die Substanz, einen globalen Champion zu formen. Denn von der Forschungstiefe bis zu ersten ernstzunehmenden Unternehmen haben wir viel zu bieten. Soll heißen: Forschung und Entwicklung auch und besonders in neuen Feldern der Mikroelektronik sind wichtig, sie werden aber die Relevanz der bestehenden Bereiche in absehbarer Zeit nicht vollständig ersetzen.

Volle Riege oder die Champions halten?

Am Ende steht die strategische Frage „Will Europa, muss es gar, perspektivisch eine vollständige Riege aufstellen, an jedem oder zumindest mehr Geräten aktiv und, übertragen in die Welt der Wirtschaft, damit auch konkurrenzfähig, oder nicht?“ Fällt die Antwort auf diese Frage mit ja aus aus, ist es richtig, die Lücken zu schließen und Schwächen gezielt anzugehen. Aber die bestehenden Champions dafür weniger trainieren zu lassen und so den globalen Führungsanspruch zu gefährden, kann dabei natürlich nicht der Weg sein. Aus meiner Sicht brauchen wir als Europa und Deutschland beides: „Lücken schließen und Stärken erhalten“. Die gute Nachricht ist, dass der Chips Act genau das ermöglicht. Die schlechte: Über das Geld wurde bisher kaum gesprochen, und genau daran wird sich am Ende alles entscheiden. (bs)

Autor

Frank Bösenberg, Geschäftsführer bei Silicon Saxony