EMS-Konsolidierung in der E-Fertigung nimmt Fahrt auf

Warum Defense und KI die Übernahmen in der Elektronik treiben

Die Konsolidierung im europäischen EMS-Markt beschleunigt sich. Bei Übernahmen steht heute meist nicht zusätzlicher Kapazitätsaufbau im Vordergrund, sondern der Zugang zu Wachstumsmärkten wie Defense und KI, neuen Kompetenzen und attraktiven Kundenbranchen.

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Der europäische Markt für Electronic Manufacturing Services (EMS) befindet sich in einer neuen Konsolidierungsphase. Übernahmen und Unternehmenszukäufe haben sich in den vergangenen zwölf Monaten deutlich beschleunigt. Im Vordergrund stehen dabei weniger klassische Kapazitätserweiterungen als strategische Ziele wie der Zugang zu attraktiven Endkundenbranchen, neuen Märkten und zusätzlichen Kompetenzen.

Kapazität allein ist heute in der Regel kein ausreichendes Kaufargument, erläutert Simon Majer, Director Investment Banking bei Raymond James. Produktionsflächen oder zusätzliche Linien könnten Unternehmen häufig selbst aufbauen. Akquisitionen erfolgen dagegen vor allem aus fünf Gründen: Zugang zu attraktiven Branchen, neue Fähigkeiten, geografische Expansion, Synergien sowie Buy-and-Build-Strategien.

Besonders gefragt sind neben Defense-Exposure EMS-Dienstleister, die sich vom reinen Fertiger zum Lösungsanbieter entwickelt haben. Dazu zählen Kompetenzen in Entwicklung, Design, NPI-Prozessen, Testing, Zertifizierung oder Lifecycle-Services. Solche Leistungen erhöhen die Kundenbindung, verbessern die Margen und schaffen zusätzliche Cross-Selling-Möglichkeiten.

Defense entwickelt sich zu einem wichtigen Bewertungstreiber

Defense zählt derzeit zu den gefragtesten Bereichen im EMS-Markt. Während viele Unternehmen vor zehn Jahren ihren Defense-Anteil eher begrenzen wollten, suchen Investoren und strategische Käufer heute gezielt nach entsprechenden Kompetenzen. Die Verteidigungsausgaben in Europa sind in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Gleichzeitig nehmen geopolitische Spannungen, Reshoring-Initiativen und Anforderungen an die Versorgungssicherheit zu. EMS-Unternehmen mit entsprechender Zertifizierung und Erfahrung können von langfristigen Programmen, hohen Eintrittsbarrieren und vergleichsweise stabilen Margen profitieren.

Besonders interessant ist dabei, dass nicht zwingend ein hoher Verteidigungsanteil erforderlich ist. Bereits bestehende Kundenkontakte, Zertifizierungen wie AS9100 oder erste Aktivitäten im Aerospace- und Defense-Umfeld können ausreichen, um das Interesse potenzieller Käufer zu wecken. Da nur ein vergleichsweise kleiner Teil der Unternehmen über die notwendigen Qualifikationen verfügt, kann sich dies laut Majer in einem Bewertungsaufschlag niederschlagen. Aber auch bestehende Kundenbeziehungen werden positiv eingewertet, da der organische Aufbau einer solchen Pipeline oftmals Jahre dauern kann.

KI und Rechenzentren eröffnen neue Wachstumschancen

Neben Defense sorgt vor allem der Boom rund um künstliche Intelligenz und Rechenzentren für Bewegung im Markt. Der weltweite Ausbau von KI-Infrastruktur treibt die Nachfrage nach Netzwerktechnik, Stromversorgung, Kühlung und Hochleistungshardware. EMS-Anbieter mit entsprechenden Fertigungskompetenzen können von überdurchschnittlichem Wachstum profitieren.

An den Kapitalmärkten zeigt sich dieser Trend besonders deutlich. Auch Unternehmen mit starkem Data-Center-Bezug werden teilweise deutlich höher bewertet als klassische EMS-Dienstleister. Als Beispiel nennt Majer den kanadischen EMS-Anbieter Celestica, dessen Bewertungsniveau infolge der starken KI- und Data-Center-Nachfrage deutlich gestiegen ist.

Die im Vortrag gezeigte Peer-Group-Analyse verdeutlicht den Zusammenhang: Ausgewählte EMS-Unternehmen mit hoher Exponierung gegenüber KI, Cloud-Infrastruktur oder Defense wuchsen zwischen 2021 und 2025 deutlich stärker als der Gesamtmarkt. Gleichzeitig verbesserten sie ihre Margen und steigerten damit ihre Attraktivität für Investoren. Dieser Trend sorge zeitgleich aber auch für Verwerfungen in Industrie, Med-Tec und Automotive Kunden, da diese Speicher- und weitere aktive und passive Bauteile nur schwer erhalten, welche im AI-Boom verknappt werden.

Strategische Käufer prägen aktuell das Geschehen

Auffällig ist die Zusammensetzung der Käuferseite. Während Finanzinvestoren in den Jahren 2024 und 2025 selektiver agierten, prägen derzeit vor allem strategische Investoren das Transaktionsgeschehen. Zu den aktivsten Konsolidierern zählen Unternehmen wie Hanza, Incap, Cicor oder Alliance Electronics. Ihr Ziel ist es, durch Zukäufe schneller zu wachsen, neue Fähigkeiten zu erwerben und ihre Marktposition auszubauen. Allein in den vergangenen fünf Jahren wurden laut Raymond James mehr als 120 EMS-Unternehmen in Europa und Nordamerika übernommen.

Interesse aus den USA und Indien nimmt zu

Das Käuferinteresse beschränkt sich dabei nicht auf Europa. Nach Beobachtung von Majer beschäftigen sich zunehmend auch Käufer aus den USA und Indien mit europäischen EMS-Unternehmen. Neben dem Zugang zu europäischen Kunden geht es dabei vor allem um lokale Fertigungskapazitäten, Engineering-Kompetenzen, spezialisierte Technologien und eine Präsenz in regulierten oder sicherheitskritischen Endmärkten. Gerade bei Defense, Aerospace und Medizintechnik kann ein etablierter europäischer Footprint einen strategischen Vorteil darstellen.

Ein aktuelles Beispiel ist die Ende Juli 2026 angekündigte Übernahme von AEMtec durch Micross Components, ein Portfoliounternehmen des US-Finanzinvestors Behrman Capital. AEMtec mit Hauptsitz in Berlin bringt Micross zusätzliche Kompetenzen in Advanced Packaging, Photonics, Optoelektronik, Testing und Assembly sowie einen deutlich größeren Footprint in Kontinentaleuropa. Micross verweist im Zusammenhang mit der Transaktion ausdrücklich auf die Nähe zu europäischen Kunden und den Ausbau seiner Position im europäischen Defense-Umfeld. Für Majer zeigt die Transaktion, dass spezialisierte europäische Anbieter zunehmend auch für außereuropäische Käufer strategisch relevant sind.

Auch indische EMS- und ESDM-Gruppen treten international aktiver auf. Ihr Interesse gilt nicht nur zusätzlichen Produktionskapazitäten, sondern insbesondere Kundenzugang, Engineering und Technologie. Ein Beispiel für diese Internationalisierung ist Kaynes Technology, das über seine Tochtergesellschaft eine Mehrheitsbeteiligung an Sensonic in Österreich aufgebaut und diese 2025 auf 61 Prozent erhöht hat. Kaynes beschreibt Europa als einen Baustein seines globalen Operating Models. Aus Sicht von Majer dürfte daher auch das Interesse indischer Käufer an europäischen EMS-Plattformen und spezialisierten Technologieanbietern weiter zunehmen.

Für kleinere EMS-Unternehmen ergeben sich daraus drei grundsätzliche Optionen: selbst zum Konsolidierer werden, sich einem größeren Anbieter anschließen oder eigenständig weitermachen. Für eine eigenständige Positionierung steigen dabei die Anforderungen, unter anderem weil größere Anbieter ihre Verhandlungsmacht gegenüber Kunden und Lieferanten weiter ausbauen.

Optionen kleinerer EMS Unternehmen
Optionen kleinerer EMS Unternehmen

Lacon und TT Electronics als Beispiele

Wie stark Defense-Themen inzwischen die M&A-Aktivitäten prägen, zeigen aktuelle Transaktionen. So übernahm Incap Anfang 2026 den deutschen EMS-Anbieter Lacon. Die Transaktion verdeutlicht, dass Käufer neben dem bestehenden Umsatzmix auch die Perspektive berücksichtigen, attraktive Endmärkte wie Defense künftig stärker auszubauen.

Ein weiteres Beispiel ist die Übernahmeofferte von Cicor für TT Electronics. Das britische Unternehmen ist unter anderem im Aerospace- und Defense-Umfeld aktiv und verfügt zudem über Kompetenzen in IoT-Lösungen sowie Anwendungen für raue Umgebungen. Obwohl die Übernahme letztlich nicht zustande kam, bot Cicor einen deutlichen Aufschlag auf die damalige Börsenbewertung. Das unterstreicht die strategische Bedeutung attraktiver Endmärkte und spezialisierter Kompetenzen.

Worauf es bei Unternehmensbewertungen ankommt

Die Bewertung eines EMS-Unternehmens hängt heute von weit mehr als Umsatz und Gewinn ab. Wichtige Faktoren sind Umsatzwachstum, EBITDA-Marge, Kundenstruktur, Managementqualität, Integrationsgrad sowie die Positionierung in attraktiven Endmärkten. Positiv wirken können insbesondere eine starke Präsenz in Defense, KI oder Medizintechnik, spezialisierte Fertigungskompetenzen und langfristige Kundenbindungen.

Majers Fazit: Einzelne Stärken allein reichen nicht aus. Entscheidend sei ein überzeugendes Gesamtbild ohne größere Schwächen. Unternehmen, die attraktive Endmärkte bedienen, technologische Alleinstellungsmerkmale besitzen und stabile finanzielle Kennzahlen vorweisen können, dürften auch künftig zu den Gewinnern der EMS-Konsolidierung gehören. Und so wird erwartet, dass auch 2026 im Licht vieler Übernahmen stehen wird.