Nachhaltigkeit entscheidet sich in der Elektronikbranche nicht erst beim Recycling. Sie beginnt bei regulatorischen Vorgaben, setzt sich in Designentscheidungen, Materialauswahl und Fertigungsprozessen fort und endet idealerweise in funktionierenden Kreisläufen für Komponenten, Baugruppen und Rohstoffe. Genau diesen Bogen spannt das Sustainability Gate der Silicon Saxony Days 2026.
Der Ticker begleitet den Themenstrang vom 15. bis 17. Juni 2026 am Flughafen Dresden und bündelt die wichtigsten Impulse aus Vorträgen, Diskussionen und Praxisbeispielen. Im Mittelpunkt stehen vier Leitfragen: Wie kommen Unternehmen mit neuen gesetzlichen Anforderungen und Nachhaltigkeitsmanagement zurecht? Wie lässt sich Elektronik schon in der Entwicklung ressourcenschonender denken? Welche Stellhebel gibt es in der Fertigung vom Halbleiter bis zur Leiterplatte? Und wie realistisch ist Kreislaufwirtschaft, wenn Elektronikbaugruppen am Ende ihres ersten Lebenszyklus stehen?
Damit liefert der Ticker einen kompakten Überblick für alle, die nachhaltige Elektronik nicht als abstraktes Ziel verstehen, sondern als konkrete Aufgabe in Entwicklung, Fertigung, Beschaffung und Management. Von ESG, Green ICT und Ecodesign über Batteriepass, digitalen Produktpass und PFAS-/PFOS-freie Materialien bis zu Urban Mining und E-Waste-Reduktion: Hier werden die wichtigsten Aussagen des Sustainability Gate gesammelt, eingeordnet und auf den Punkt gebracht.
Eindrücke von den Silicon Saxony Days und dem Sustainability Gate
Sachsens Hightech-Sektor wächst weiter
Zum Auftakt der Silicon Saxony Days 2026 hat Silicon Saxony neue Zahlen zur Entwicklung des sächsischen Mikroelektronik- und IKT-Sektors vorgestellt. Demnach stieg die Zahl der Beschäftigten zum Stichtag 30. September 2025 auf rund 82.500. Gegenüber dem Vorjahr entspricht das einem Plus von rund 1.500 Arbeitsplätzen beziehungsweise knapp zwei Prozent.
Das Wachstum verteilt sich nahezu gleichmäßig auf die Halbleiterindustrie und die Softwarebranche. Besonders bemerkenswert ist die Entwicklung vor dem Hintergrund der schwachen gesamtwirtschaftlichen Lage in Deutschland. Während viele Branchen weiter unter Druck stehen, baut Sachsens Hightech-Industrie Beschäftigung auf und bestätigt ihre Rolle als wichtiger Wachstumsmotor des Freistaates.
Getragen wird die Entwicklung nicht allein von großen Fabrikprojekten, sondern zunehmend auch vom Zulieferer-Mittelstand entlang der Halbleiterwertschöpfungskette. Investiert wird unter anderem in Reinraum- und Fabrikinfrastruktur, Spezialgase, Chemikalienversorgung, Messtechnik, Automatisierung, Robotik, Umwelttechnik und industrielle KI-Lösungen.
Die 20. Silicon Saxony Days erreichen 2026 zudem eine neue Größenordnung: Erstmals läuft die Veranstaltung über drei Tage, mehr als 2.000 Teilnehmende werden in Dresden erwartet. Internationale Delegationen, Taiwan als Special Partner, IPCEI Connect, die Silicon Europe Alliance und zahlreiche Start-ups machen die Veranstaltung zu einem zentralen Treffpunkt der europäischen Mikroelektronik-Community.
Auch Nachhaltigkeit rückt stärker in den Fokus. Mit dem von Hüthig Medien organisierten Sustainability Gate schaffen die Silicon Saxony Days erstmals eine eigene Plattform für Ressourceneffizienz, nachhaltiges Produktdesign, Kreislaufwirtschaft und die Reduzierung von Elektronikabfällen.
Was ist das Sustainability Gate?
Das Sustainability Gate ist ein eigener Themenstrang der Silicon Saxony Days 2026. Es widmet sich der Frage, wie Elektronik entlang ihrer Wertschöpfungskette nachhaltiger werden kann – von gesetzlichen Vorgaben und Nachhaltigkeitsmanagement über Entwicklung und Fertigung bis zu Recycling und Kreislaufwirtschaft.
Strukturiert ist das Gate in vier Themenfelder: gesetzliche Vorgaben und Nachhaltigkeitsmanagement im Unternehmen, nachhaltige Elektronikentwicklung von der Designidee bis zum Prototyping, grün gedachte Herstellung vom Halbleiter bis zur fertigen Leiterplatte sowie Recycling von Elektronikbaugruppen in der Praxis.
Damit macht das Sustainability Gate sichtbar, dass nachhaltige Elektronik viele Stellhebel hat: regulatorische Anforderungen, Datenverfügbarkeit, Materialauswahl, Energieeffizienz in der Fertigung, schadstoffärmere Prozesse, digitale Produktpässe, Urban Mining und funktionierende Materialkreisläufe.
Sachsen will Chipdesign-Hub aufbauen
Ebenfalls im Rahmen der Pressekonferenz zu den Silicon Saxony Days 2026 wurde bekannt gegeben, dass das Barkhausen Institut gemeinsam mit vier Partnern aus Wissenschaft und Forschung einen Antrag beim Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt eingereicht hat. Ziel ist es, mit ChipDE-Digital einen der fünf geplanten Design-Hubs des neuen nationalen Kompetenzzentrums Chipdesign in Sachsen zu etablieren.
Der Hub soll ab 2027 Hochschulen, Forschungseinrichtungen, Start-ups und Unternehmen beim Entwurf digitaler Chips unterstützen. Dafür sollen moderne Entwicklungswerkzeuge, europäische Designplattformen und Expertenwissen leichter zugänglich gemacht werden. So könnten Kosten und Einstiegshürden für neue Chip-Entwürfe deutlich sinken.
Strategisch zielt das Vorhaben auf mehr technologische Souveränität in der Mikroelektronik. Deutschland und Europa wollen Abhängigkeiten von externen Entwicklungen und Lieferketten verringern und eigene Schlüsseltechnologien stärken. Das Vorhaben fügt sich zugleich in die Ziele des europäischen Chips Act 2.0 ein, der Europas Halbleiterindustrie, Forschung, Entwicklung und Fertigung weiter stärken soll.
Für Sachsen wäre ChipDE-Digital ein weiterer Schritt, um den Mikroelektronikstandort über die Chipproduktion hinaus auszubauen. Prof. Dr. Gerhard Fettweis, Gründer des Barkhausen Instituts und Koordinator des Projekts, sieht darin eine besondere Chance: Mit Silicon Saxony zähle der Freistaat bereits heute zu den führenden Mikroelektronikstandorten Europas. Zusätzliche Chipdesign-Kompetenzen könnten diese Position langfristig festigen und erweitern.
Nach Bewilligung der Hub-Anträge und des Koordinationsantrags könnte das nationale Kompetenzzentrum Chipdesign am 1. Januar 2027 starten.
ESG muss sich im Alltag bewähren
Beim Live-Talk „ESG That Pays Off: Practice Over Principles“ wurde schnell klar: Nachhaltigkeit ist kein Selbstzweck und keine Fleißaufgabe für möglichst viele Einzelmaßnahmen. Entscheidend ist, welche Schritte im Unternehmen tatsächlich Wirkung entfalten – ökologisch und wirtschaftlich.
Moderiert von Petra Gottwald diskutierten Andreas Ernst von ASMPT, Merlin Reingruber (sym) und Rui Duarte (elocompanion) darüber, wie ESG vom regulatorischen Pflichtprogramm zum praktischen Steuerungsinstrument werden kann. Der gemeinsame Tenor: Unternehmen sollten ihre Wertschöpfungskette genau analysieren, relevante Hebel identifizieren und dann gezielt handeln, statt generischen Vorgaben hinterherzulaufen.
Konkrete Beispiele reichten von Energieeffizienz in Maschinen über den Einsatz recycelter Materialien bis zu sekundärem Zinn in der Elektronikfertigung. Auch Digitalisierung spielte eine zentrale Rolle: Ohne belastbare Daten, automatisierte Prozesse und Transparenz in der Lieferkette lasse sich Nachhaltigkeit kaum skalieren.
Besonders deutlich wurde, dass ESG dort wirtschaftlichen Nutzen stiften kann, wo es früh in Entscheidungen einfließt – etwa im Designprozess, bei der Materialauswahl, im Total Cost of Ownership oder bei Scope-3-Emissionen. Nachhaltigkeit zahlt sich demnach weniger auf dem Papier aus als in konsequent umgesetzten Entscheidungen.
Das Fazit der Runde: Die Frage lautet nicht mehr, ob ESG relevant ist. Die entscheidende Frage ist, wie schnell Unternehmen vom Prinzip ins Handeln kommen.
Green ICT: Warum Nachhaltigkeit zur Resilienzfrage wird
Jochen Kerbusch von VDI/VDE Innovation + Technik ordnete in seinem Vortrag „Research, Development, and Transfer of Resource-Efficient Information and Communication Technologies“ Green ICT als zentrales Forschungs- und Förderthema ein. Im Mittelpunkt standen ressourceneffiziente Informations- und Kommunikationstechnologien, die Energieverbrauch, CO₂-Emissionen und Materialeinsatz über den gesamten Lebenszyklus digitaler Infrastrukturen senken sollen.
Kerbusch machte deutlich, dass Nachhaltigkeit in der Mikroelektronik weit über Effizienzfragen hinausgeht. Lieferkettenstörungen, Rohstoffabhängigkeiten, Energiepreise und geopolitische Risiken zeigten, dass Unternehmen ihre Geschäftsmodelle widerstandsfähiger aufstellen müssen. Nachhaltigkeit werde damit auch zu einem wirtschaftlichen Hebel: Wer Ressourcenverbrauch senkt, Sekundärrohstoffe nutzt und Kreisläufe stärker mitdenkt, verringert zugleich Kosten- und Versorgungsrisiken.
Ein Blick in die Förderlandschaft zeigte, dass Green ICT bereits in zahlreichen Projekten verankert ist. Seit 2019 wurden laut Kerbusch Projekte mit Green-ICT-Bezug im Umfang von rund 112 Millionen Euro gefördert. Schwerpunkte liegen unter anderem bei energieeffizienten AI-Prozessoren, vernetzten Sensorsystemen, Chipdesign, Systemintegration und Transfer aus der Forschung in die Industrie.
In der Diskussion wurde zugleich deutlich, dass Nachhaltigkeit in der Hightech Agenda Germany stärker sichtbar werden könnte. Kerbusch formulierte es klar: „Aus meiner Sicht ist der Fokus noch nicht stark genug auf Nachhaltigkeit. Er liegt zu sehr auf reiner Ökonomie.“ Genau deshalb sei es wichtig, Nachhaltigkeit, Wirtschaftlichkeit und technologische Souveränität nicht gegeneinander auszuspielen.
Der Appell an Industrie und Forschung: Roadmapping-Prozesse aktiv nutzen, Bedarfe einbringen und Green ICT als Chance begreifen – für klimafreundlichere Technologien, robuste Lieferketten und neue Wertschöpfung.
Prettl Go Zero: Klimaschutz ist kein gerader Weg
Klimaneutralität beginnt nicht mit großen Versprechen, sondern mit Messpunkten, Prioritäten und vielen praktischen Entscheidungen im Alltag. Genau das machte der Vortrag „Prettl Go Zero: Transformation Between Failure and Success“ beim Sustainability Gate deutlich.
Die 2020 gestartete Initiative Prettl Go Zero orientiert sich an den drei Scopes des Greenhouse Gas Protocols. Ziel ist es, direkte und indirekte Emissionen systematisch zu erfassen, zu reduzieren und nur dort zu kompensieren, wo Vermeidung nicht möglich ist. „Sustainability is not a straight line. It is a journey“, sagte Quentin Zapf, CTO von Prettl Electronics, zu Beginn seines Vortrags.
Dabei geht es laut Zapf nicht um Marketing, sondern um eine strategische Antwort auf steigende Energie- und CO₂-Kosten sowie wachsende Kundenanforderungen. Konkrete Maßnahmen reichen von Energieeffizienzprojekten über erneuerbare Energien bis zur Elektrifizierung interner Transporte. So wurden unter anderem Beleuchtung und Druckluftsysteme modernisiert. Solche Projekte lassen sich oft innerhalb eines Jahres umsetzen, sparen Kosten und senken Emissionen messbar.
Besonders anspruchsvoll bleibt Scope 3, weil viele Daten außerhalb des eigenen Unternehmens liegen. Hier setzt Prettl auf pragmatische Einstiegspunkte, etwa Kreislaufwirtschaft, Recyclingströme, nachhaltige Beschaffung und langlebigere Elektronikprodukte.
Das Fazit: Klimaschutz braucht Führung, Kennzahlen und Lernbereitschaft. Der Weg zu weniger Emissionen verläuft nicht fehlerfrei – aber er kann wirtschaftlich sinnvoll, motivierend und strategisch notwendig sein.
Regulierung wird zur Daueraufgabe für die Elektronikindustrie
Die Elektronik- und Digitalindustrie steht vor einer wachsenden Zahl regulatorischer Anforderungen – und diese betreffen längst nicht mehr nur einzelne Produkte. In seinem Vortrag „Sustainability Regulations: Challenges for the Electronics and Digital Industry“ zeigte Christian Eckert vom ZVEI, wie stark Unternehmen inzwischen von Lieferkettenvorgaben, Berichtspflichten, Ecodesign-Anforderungen, Chemikalienrecht und Verpackungsregulierung gefordert werden.
Eckert machte deutlich, dass allein der Nachhaltigkeits- und Umweltbereich beim ZVEI mehr als 30 priorisierte Regelungsvorhaben beobachtet. Hinzu kommen Umsetzungsakte, Detailvorgaben und neue Vereinfachungsinitiativen der EU. Für Unternehmen entsteht dadurch eine doppelte Aufgabe: Sie müssen neue Anforderungen erfüllen und zugleich laufend prüfen, welche Regeln sich durch Deregulierung oder Omnibus-Pakete wieder verändern.
Besonders relevant wird die Entwicklung, weil Regulierung zunehmend horizontal wirkt. Ecodesign betrifft damit nicht mehr nur klassische Endprodukte wie Waschmaschinen, sondern kann über Anforderungen an Reparierbarkeit, Recyclingfähigkeit oder Rezyklatanteile auch Zulieferer und Komponentenhersteller erreichen. Ähnliches gilt für den digitalen Produktpass, der entlang der Lieferkette Daten verfügbar machen soll.
Ein weiterer Schwerpunkt war die geplante PFAS-Regulierung. Eckert warnte, dass Elektronik und Halbleiter stark betroffen sein können, weil viele Anwendungen bislang auf solche Stoffgruppen angewiesen sind. Sein Appell: „Scan your products and processes, talk to suppliers and follow the legislative process.“ Wer damit noch nicht begonnen habe, sei bereits spät dran.
Auch Packaging rückt stärker in den Fokus. Die neue Packaging and Packaging Waste Regulation bringt laut Eckert zusätzliche Anforderungen für B2B-Prozesse, Herstellerverantwortung, Datenqualität und Wiederverwendung in der Intralogistik.
EU-Batterieverordnung macht Nachhaltigkeit messbar
Batterien werden in Europa künftig deutlich stärker über ihren gesamten Lebenszyklus reguliert. Im Vortrag „EU Battery Regulation: Sustainability, Standardization and Conformity“ zeigte Kerstin Sann-Ferro von der DKE, wie die neue EU-Batterieverordnung Nachhaltigkeit, Normung und Produktkonformität miteinander verknüpft.
Im Mittelpunkt stehen Anforderungen von der Rohstoffgewinnung über Design, Nutzung und Wiederverwendung bis zum Recycling. Damit wird Nachhaltigkeit nicht mehr nur als Umweltziel verstanden, sondern als regulatorisches Prinzip für Entwicklung, Herstellung, Dokumentation und Marktzugang. Zentrale Elemente sind unter anderem CO₂-Fußabdruck, Sorgfaltspflichten, Rezyklatanteile, Haltbarkeit, Leistungsfähigkeit und der Batteriepass.
Sann-Ferro machte deutlich, dass Regulierung und Normung dabei eng ineinandergreifen. Die EU-Verordnung setzt den rechtlichen Rahmen, harmonisierte Normen sollen Unternehmen helfen, die Anforderungen praktisch nachzuweisen. Das Standardisierungsmandat M/579 der Europäischen Kommission adressiert die Batterieverordnung vor allem über Normen zu Performance und Durability.
Für Hersteller, Zulieferer und Anwender bedeutet das: Technische Eigenschaften, Nachhaltigkeitsdaten und Konformitätsnachweise müssen künftig deutlich systematischer zusammengeführt werden. „Standardization is the bridge between regulation and implementation“, lautete eine zentrale Botschaft des Vortrags.
Besonders relevant wird dies mit Blick auf den Batteriepass. Er soll Informationen zu Herkunft, Zusammensetzung, CO₂-Fußabdruck, Nutzung und Recyclingfähigkeit digital verfügbar machen. Damit entsteht zugleich ein neues Daten- und Dokumentationsregime entlang der Batterie-Wertschöpfungskette.
Nachhaltigkeit rückt ins Lastenheft der Entwicklung
Nachhaltigkeitsanforderungen verändern zunehmend, wie Produkte entwickelt, bewertet und in den Markt gebracht werden – auch in der Niederspannungstechnik. Im Vortrag „Customer-driven sustainability and how requirements shape design“ zeigten Christopher Warter und Yousuf Elamin von Siemens, wie knapper werdende Ressourcen, steigende Kundenanforderungen und neue Regulierung konkrete Designentscheidungen beeinflussen.
Im Mittelpunkt stand der Wandel von linearen Produktmodellen hin zu zirkulären Ansätzen. Produkte sollen nicht mehr nur hergestellt, verkauft, genutzt und entsorgt werden. Sie müssen künftig so gedacht werden, dass Reparatur, Refurbishment, Wiederverwendung und Recycling bereits in der Entwicklung berücksichtigt werden. Eine zentrale Botschaft lautete: „The traditional way of take, use and waste is no longer possible.“
Siemens übersetzt diese Anforderungen nach eigenen Angaben in ein internes Ecodesign-Framework. Dazu gehören unter anderem Stoffbeschränkungen, Environmental Product Declarations, energieeffiziente Auslegung, Ressourceneffizienz, langlebige Produkte, Reparierbarkeit, Upgradefähigkeit und Circularity. Wichtig sei, ökologische Anforderungen mit wirtschaftlicher Tragfähigkeit zu verbinden. Ein Produkt könne noch so nachhaltig sein – ohne Marktakzeptanz entstehe kein tatsächlicher Umwelteffekt.
Als Beispiel präsentierten Warter und Elamin den refurbished Sanftstarter SIRIUS 3RW5 Z R11. Das Gerät wird aus dem Markt zurückgenommen, geprüft, gezielt aufgearbeitet und wieder verkauft. Durch den Refurbishment-Prozess lasse sich der CO₂-Fußabdruck in der Herstellungsphase um rund 50 Prozent senken. Die technischen Eigenschaften bleiben laut Siemens identisch, mögliche Gebrauchsspuren am Gehäuse seien der sichtbare Unterschied.
Die Nachhaltigkeitsdaten werden über Environmental Product Declarations und digitale Produktinformationen bereitgestellt. Ein QR-Code am Gerät führt zu Dokumentation, Handbüchern und Nachhaltigkeitsangaben – darunter Energieeffizienz, Lebensdauer, Reparaturfähigkeit und CO₂-Werte.
Sicherheitsrelais: Nachhaltiger durch neues Design
Funktionale Sicherheit und Nachhaltigkeit geraten in Schaltgeräten schnell in einen Zielkonflikt. Sicherheitskreise arbeiten nach dem Ruhestromprinzip: Strom aus bedeutet sicherer Zustand. Dafür werden monostabile Relais mit zwangsgeführten Kontakten eingesetzt, die im Betrieb dauerhaft Energie verbrauchen. Für höhere Sicherheitsanforderungen braucht es zudem Redundanz – also zusätzliche Relais, mehr Leiterplattenfläche, mehr Material und mehr Energieverbrauch.
Im Vortrag „Sustainable Relays for Safety Control Systems“ zeigte Frank Liebusch, wie sich dieser Konflikt konstruktiv entschärfen lässt. Der Ansatz: Nicht die Sicherheitsanforderung wird verändert, sondern das Relais selbst. Beim SID-Doppelankerrelais steuert ein gemeinsamer Antrieb zwei voneinander unabhängige Kontaktsätze. Funktional verhält sich das Bauteil wie zwei Relais, physisch bleibt es jedoch ein einzelnes Bauelement.
Dadurch sinken laut Liebusch Gewicht, Kunststoffanteil, Leiterplattenfläche und Zahl der benötigten Bauteile. Besonders relevant ist auch der Betrieb: Die Leistungsaufnahme des Relais selbst lasse sich um 41 Prozent reduzieren, bezogen auf das komplette Gerät um 28 Prozent. Diese Einsparung wirke nicht nur einmalig in der Produktion, sondern dauerhaft beim Endkunden.
Auch die Verpackung nahm Liebusch in den Blick. Die neue EU-Verpackungsverordnung mache Packaging zu einem integralen Bestandteil des Produkts. Durch Designänderungen, besser recyclebare Kartonagen, kompostierbare Materialien und kürzere Transportwege ließen sich zusätzliche Nachhaltigkeitseffekte erzielen – ohne Kostensteigerung.
„Sustainability is not an add-on. It is a design decision“, sagte Liebusch. Gerade in regulierten technischen Umgebungen zeige sich, dass Innovation weiterhin möglich ist, wenn Nachhaltigkeit früh im Entwicklungsprozess mitgedacht wird.
Batteriepass beginnt auf Zellebene
Nachhaltige Batteriewertschöpfung beginnt nicht erst beim Recycling, sondern bereits bei der einzelnen Zelle. Im Vortrag „Creating a Sustainable Battery Value Chain – It starts with the Humble Cell“ zeigte Luis Rey Adell von Dukosi, wie Zellüberwachung, Datenerfassung und Batteriepass-Technologien dazu beitragen können, Batterien sicherer, leistungsfähiger und nachhaltiger zu machen.
Im Mittelpunkt stand eine Lösung, die jeder Batteriezelle eigene Intelligenz und Speicherfähigkeit gibt. Statt nur auf Modul- oder Packebene zu messen, werden Daten direkt an der Zelle erfasst. Dazu gehören unter anderem Temperatur, Spannung, Zustandsinformationen und Ereignisse über den Lebenszyklus hinweg. Laut Adell lassen sich dadurch Sicherheit, Performance und Transparenz verbessern.
Technisch setzt Dukosi auf eine NFC-basierte Kommunikation zwischen Zelle und Batterieeinheit. Dadurch sollen Verkabelung, Gewicht und Komplexität reduziert werden. Gleichzeitig kann jede Zelle relevante Daten speichern – etwa zu Herkunft, Chemie, Produktionsdaten oder Auffälligkeiten während Transport und Betrieb. „The more data you can make available, the more intelligence you can bring into the battery“, sagte Adell.
Besonders relevant wird dieser Ansatz mit Blick auf den Batteriepass. Dukosi arbeitet hier unter anderem an cell-level battery passport technology. In Projekten mit Partnern wie STMicroelectronics und einem europaweiten Versuch mit einem Kia EV3 werden Daten von der einzelnen Zelle bis in die Cloud übertragen und nutzbar gemacht.
Die Daten können nicht nur regulatorische Anforderungen unterstützen, sondern auch Analysen, KI-gestützte Auswertungen und bessere Entscheidungen im Betrieb ermöglichen. So lässt sich etwa nachvollziehen, wie einzelne Zellen genutzt, belastet oder gealtert sind – eine wichtige Grundlage für längere Lebensdauer, Second Life und Recycling.
Nachhaltigkeit beginnt im Schaltplan
Nachhaltiges Elektronikdesign bedeutet mehr als die Suche nach vermeintlich „grünen“ Bauteilen. Im Vortrag „Sustainability in electronics design“ zeigte André Alcalde von Celus, wie frühe Entwicklungsentscheidungen Umweltwirkung, Kosten und Risiken eines Produkts langfristig beeinflussen können.
Im Mittelpunkt stand die Frage, wie Ingenieurinnen und Ingenieure bereits in der Konzept- und Schaltplanphase bessere Entscheidungen treffen können. Denn Bauteilauswahl, Architektur, Verfügbarkeit, Materialeinsatz, Energieverbrauch und spätere Reparierbarkeit werden häufig sehr früh festgelegt – mit Folgen für den gesamten Lebenszyklus eines Produkts.
Alcalde machte deutlich, dass Nachhaltigkeit im Designprozess nicht als zusätzliche Belastung verstanden werden sollte. Vielmehr könne sie helfen, Entwicklungsrisiken zu senken, Kosten zu vermeiden und robustere Produkte zu schaffen. „Sustainability in electronics design is not only about choosing green components“, lautete eine zentrale Botschaft des Vortrags.
Eine wichtige Rolle spielen dabei Daten und digitale Werkzeuge. Sie können Entwicklerteams dabei unterstützen, nachhaltigkeitsrelevante Informationen frühzeitig sichtbar zu machen – ohne den Designprozess mit zusätzlicher Komplexität zu überfrachten. Ziel ist es, bessere technische Entscheidungen zu ermöglichen, statt Nachhaltigkeit erst nachträglich an ein fertiges Produkt anzuflanschen.
Damit wird nachhaltiges Design zu einer Engineering-Aufgabe: Wer früh erkennt, welche Komponenten, Materialien und Architekturentscheidungen später Kosten, Risiken oder Umweltwirkungen verursachen, kann gezielter gegensteuern.
Causal AI soll Remanufacturing skalierbar machen
Wie lässt sich entscheiden, ob ein gebrauchtes Elektronikprodukt repariert, wiederaufbereitet oder recycelt werden sollte? Im Vortrag „Data-driven fault hypothesis generation for the intelligent remanufacturing of electronics“ zeigten Andreas Nierlich und Carolin Lange vom KIT wbk Institut für Produktionstechnik, wie Daten und Causal AI die Zustandsbewertung von Elektronikprodukten verbessern können.
Ausgangspunkt ist ein bekanntes Problem der Kreislaufwirtschaft: Viele Remanufacturing-Ansätze scheitern an aufwendigen manuellen Prüfungen, fehlender Datenintegration und der Frage, welche Messung tatsächlich sinnvoll ist. Das Forschungsprojekt DaFiRe will Produktions-, Design- und Lebenszyklusdaten mit adaptiven Messverfahren verknüpfen. Daraus sollen datenbasierte Fehlerhypothesen entstehen, die eine belastbarere Entscheidung zwischen Reparatur, Remanufacturing und Recycling ermöglichen.
Im Mittelpunkt steht dabei nicht nur die Suche nach Korrelationen, sondern nach Ursachen. „We need to understand why things are happening“, lautete eine zentrale Botschaft des Vortrags. Nur wenn Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge erkennbar sind, lassen sich Prüfaufwände reduzieren und industrielle Prozesse für Second-Life-Produkte wirtschaftlich gestalten.
Die Plattform soll helfen, Informationen aus Produktion, Nutzung, Rücklauf und Prüfung zusammenzuführen. Ziel ist eine skalierbare Entscheidungslogik, die Produktlebenszyklen verlängert, E-Waste reduziert und Remanufacturing als wirtschaftlich tragfähige Option stärkt.
Sekundärmaterialien als strategischer Hebel
Recycling ist in der Elektronikfertigung nicht nur eine Umweltfrage, sondern zunehmend ein Wettbewerbsfaktor. Im Vortrag „Secondary First: Recycling as a key to CO2 neutrality and resilience“ zeigte Patrick Gallit von MTM Ruhrzinn, warum sekundäre Materialströme für OEMs und EMS-Unternehmen strategisch wichtiger werden.
Die Branche steht unter Druck: Rohstoffpreise schwanken, Lieferketten bleiben volatil, Kapitalbindung durch Lagerbestände wird teurer und gleichzeitig steigen die Anforderungen an CO₂-Reduktion, CSRD/ESRS-Berichtspflichten, RoHS und 3TG-Sorgfaltspflichten. Ein Hebel liegt laut Gallit direkt in der Fertigung: Produktionsreste, Lotmaterialien und andere sekundäre Ströme sollten nicht nur entsorgt, sondern aktiv in Kreisläufe zurückgeführt werden.
„Think about the economic advantage of using secondary materials in your supply chain“, lautete eine zentrale Botschaft des Vortrags. Wer Sekundärmaterialien sauber trennt, qualifiziert recycelt und wieder in die eigene Lieferkette integriert, kann CO₂-Emissionen reduzieren, Kosten senken und Abhängigkeiten von Primärrohstoffen verringern.
Gallit plädierte dafür, nicht bei allgemeinen Nachhaltigkeitszielen stehenzubleiben. Unternehmen sollten ihre Produktionsbereiche konkret prüfen: Wo entstehen sekundäre Materialströme? Was wird heute vermischt? Welche Partner können helfen, Materialien sortenrein zu erfassen, zu recyceln und wieder nutzbar zu machen?
Urban Mining scheitert oft vor dem Recycling
Urban Mining klingt nach einem naheliegenden Rohstoffversprechen: Kupfer, Zinn, Silber und Gold stecken bereits in Geräten, Leiterplatten und Industrieelektronik. Im Vortrag „Urban Mining in Germany: Between Potential and Reality“ zeigte Thomas Ruch von Stannol, warum dieses Potenzial in Deutschland bislang nur teilweise genutzt wird.
Der Engpass liegt laut Ruch nicht in der Recyclingtechnologie. Moderne Anlagen können viele Materialien effizient zurückgewinnen. Das eigentliche Problem entsteht früher: Viele Geräte erreichen die offiziellen Sammel- und Rücknahmesysteme gar nicht. Sie bleiben in Schubladen, Lagern, Werkstätten oder Produktionsumgebungen liegen, werden informell weitergegeben oder verschwinden in nicht dokumentierten Kanälen.
„Germany does not have a recycling problem. Germany has a collection problem“, sagte Ruch. Als Beispiel nannte er ungenutzte Mobiltelefone in deutschen Haushalten sowie industrielle Bestände wie ausgemusterte Produktionsanlagen, Testgeräte, Steuerungen oder Ersatzsysteme. Die Rohstoffe seien nicht tief in der Erde verborgen, sondern bereits über Tage vorhanden – nur häufig nicht zugänglich.
Der größte Hebel liegt damit in besseren Rücklaufstrukturen. Dazu gehören einfache Sammelstellen, planbare Abholprozesse, nachvollziehbare Datenlöschung, klare Verantwortlichkeiten, Take-back-Modelle und Anreize für Unternehmen und Beschäftigte. Entscheidend ist nicht nur die Recyclingquote, sondern vor allem die Rücklaufquote.
Recycling darf nicht der erste Reflex sein
Elektronik enthält wertvolle Komponenten, wird aber häufig viel zu früh als Abfall behandelt. Im Vortrag „Proactive Sustainability: from regulated carbon-footprint to the circular electronics“ stellte Ole Gerkensmeyer von Nexperia die Frage, ob die Branche beim Thema Nachhaltigkeit zu reaktiv denkt.
Sein Ausgangspunkt: Recycling ist wichtig, sollte aber erst am Ende einer Kette stehen. Vorher kommen Vermeidung, Wiederverwendung, Reparatur, Refurbishment, Remanufacturing und Repurposing. „Recycling should never be the first solution, but always the last resort“, sagte Gerkensmeyer. Besonders kritisch sei, dass viele elektronische und elektromechanische Komponenten deutlich länger halten könnten als das Produkt, in dem sie verbaut sind.
Anhand verschiedener Beispiele zeigte er, dass Komponenten oft weit vor ihrem technischen Lebensende aus dem Nutzungskreislauf fallen. Gleichzeitig sei das Auslöten einzelner Bauteile aus Leiterplatten wirtschaftlich und technisch nur in bestimmten Fällen sinnvoll. Vielversprechender könne es sein, komplette Subsysteme, Baugruppen oder Controllerkarten in anderen Anwendungen weiterzuverwenden.
Gerkensmeyer plädierte für ein Design, das Second-Life-Anwendungen stärker mitdenkt – etwa durch ausgewogenes Alterungsverhalten von Komponenten, bessere Dokumentation, branchenübergreifende Zusammenarbeit und neue Geschäftsmodelle. Elektronik solle möglichst lange im Kreislauf bleiben, bevor Materialien zurückgewonnen werden.