Die neue Kolumne vor dem Hintergrund von Nexperia

Nexperia und die Rückkehr der Industriepolitik

Der Fall Nexperia zeigt, wie abhängig Europas Elektronikindustrie von globalen Lieferketten ist. Warum Chips geopolitisch geworden sind, Versorgungssicherheit kostet – und weshalb Industriepolitik kein Tabu mehr sein darf.

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Letzten Monat habe ich an dieser Stelle über Technologiesouveränität geschrieben. Wie aktuell das Thema durch den Fall Nexperia wirklich werden würde, konnte ich da noch nicht wissen. Der Fall zeigt aber ganz deutlich, Europas Abhängigkeit von globalen Lieferketten ist ein strategisches Risiko. Ganz besonders, wenn China ein Teil dieser Lieferkette ist.

Technologische Souveränität ist kein Slogan. Sie ist die neue Währung globaler Handlungs- fähigkeit.

Frank Bösenberg

Nexperia produziert Standardchips für die Automobil- und Elektronikindustrie. Das Unternehmen entstand 2017, als der niederländische Chipkonzern NXP sein Geschäft mit Standardprodukten abspaltete. NXP selbst geht auf die frühere Halbleitersparte von Philips zurück. Daraus erklärt sich, warum der Hauptsitz von Nexperia trotz der global verteilten Produktion weiterhin in den Niederlanden liegt, obwohl dort keine Fertigung stattfindet. Und warum es im Zweifel niederländische Regeln und Gesetze sind, die angewendet werden.

Die Frontend-Fabriken, also die Wafer-Fertigung, befinden sich in Hamburg und Manchester. Das Backend – Montage, Test und Verpackung – ist dagegen in Asien angesiedelt, wobei etwa 70 Prozent dieser Kapazitäten in China liegen, vor allem in Dongguan. Ironie der Geschichte – der vermeintlich technologisch am wenigsten anspruchsvolle Bereich wurde vor allem aus Kostengründen nach Asien verlagert – und bildet nun die Achillesferse nicht nur der deutschen Automobilindustrie.

Zur Wahrheit gehört aber auch: Die Krise auf Kundenseite ist hausgemacht. Nexperia hat global zehn Prozent Marktanteil, es gibt Alternativen. Besonders wenn diese jedoch nicht auch aus China kommen, sind sie in der Regel natürlich nicht günstiger. Eine aktuelle Bitkom-Umfrage unter deutschen Firmen gibt einen klaren Befund: Fast alle befragten Unternehmen akzeptieren höhere Preise für europäische Chips, aber nur in einem engen Rahmen. Acht von zehn Firmen wären bereit, bis zu fünf Prozent mehr zu zahlen, rund 17 Prozent akzeptieren bis zu zehn Prozent Mehrkosten. Ein großer Aufschlag hingegen bleibt gesellschaftlich und wirtschaftlich kaum durchsetzbar.

Versorgungssicherheit hat ihren Preis, das gilt heute ganz besonders für Halbleiter. Gleichzeitig ist Technologie kein neutrales Gut mehr. Sie ist geopolitisches Terrain. Wer Chips baut, sichert sich Einfluss. Die USA haben schon vor Jahren begonnen, ihre Chipindustrie unter nationalen Schutz zu stellen. Mit Exportkontrollen, Investitionssperren, Subventionen. China antwortet mit Gegensanktionen und Milliardenprogrammen für eigene Fabs. Europa hingegen zögert. Oft aus Angst, als protektionistisch zu gelten. Dabei ist es kein Protektionismus, strategische Abhängigkeiten zu reduzieren. Es ist Realpolitik im 21. Jahrhundert.

Wie kann es nun weitergehen? Es besteht die Notwendigkeit für bilaterale Gespräche zwischen einzelnen Ländern, idealerweise jedoch auf EU-Ebene mit China, um die Regeln für Handel und Investitionen in dieser neuen Ära der Geopolitik grundlegend neu zu definieren. Dies umfasst auch den fairen Umgang mit Transaktionen wie dem Erwerb von Nexperia, die in einer Zeit abgeschlossen wurden, bevor sich die globalen Handels- und Investitionsregeln im vergangenen Jahrzehnt nachhaltig verändert haben.

Das bisherige Vorgehen gleicht einem Betriebsunfall in Zeitlupe. Dennoch ist es notwendig, diese Fragen zeitnah zu klären – zum Wohle aller beteiligten Parteien. Insofern ist ein entschlossenes Vorgehen in der gegenwärtigen Situation durchaus gerechtfertigt.

Die Chipindustrie ist nicht nur eine Branche. Sie ist das Nervensystem moderner Ökonomien.

Frank Bösenberg

Und diese Klarheit bedeutet: Wenn wir von technologischer Souveränität sprechen, dann müssen wir auch handeln. Es reicht nicht, Strategiepapiere zu schreiben und Leuchtturmprojekte auszurufen. Es braucht Entscheidungsfreude, Durchhaltevermögen und ein gemeinsames Ziel. Die Chipindustrie ist nicht nur eine Branche. Sie ist das Nervensystem moderner Ökonomien. Wer sie schützt, schützt das Rückgrat unserer Wettbewerbsfähigkeit.

Es geht nicht darum, China auszuschließen. Es geht darum, Europas Handlungsfähigkeit zu sichern. Wer kritische Technologie produziert, sollte dies in einem Umfeld tun, das auf demokratische Kontrolle und wirtschaftliche Transparenz setzt. Wer europäische Wertschöpfung sichern will, darf nicht nur auf Fördermittel setzen, sondern muss bereit sein, im Zweifel auch unpopuläre Entscheidungen zu treffen.

Eine Einordnung in moralische Kategorien von richtig oder falsch wird dieser komplexen Situation jedoch nicht gerecht. Vielmehr ist es wichtig, anzuerkennen, dass es sich bei diesem Thema vor allem um geopolitische Fragestellungen handelt und dass sich die Spielregeln für Handel und Investitionen im Wandel befinden. Dieses Verständnis bildet die Grundlage dafür, die Regeln zukünftig überarbeiten und neu gestalten zu können. (bs)

Autor

Frank Bösenberg, Geschäftsführer von Silicon Saxony