Zahlen, Trends und Erfolgsfaktoren

Elektrotechnikstudium: Warum Standorte auseinanderdriften

Die Zahl der Erstsemester in der Elektro- und Informationstechnik ist seit Jahren rückläufig. Eine aktuelle Untersuchung analysiert die Entwicklung differenziert nach Hochschultyp und Standortgröße – und zeigt, wie einige Hochschulen erfolgreich bleiben.

4 min
Elektrotechnik-Studiengänge haben ein Nachwuchsproblem. Doch manche Hochschulen zeigen Gegenstrategien, die wirken.

Die elektrotechnischen Studiengänge leiden seit Jahren unter einem massiven Imageproblem. Das zeigt sich auch in der Entwicklung der Studierendenzahlen. Eine aktuelle Auswertung des VDE zeigt: Das Interesse am Elektrotechnikstudium sinkt seit Jahren – allerdings nicht überall gleich stark. Während einige Hochschulstandorte massiv unter Nachwuchsmangel leiden, gelingt es anderen, ihre Attraktivität deutlich zu steigern.

Die Studie „Hochschulen Elektro- und Informationstechnik 2026 – Teil 1“ des VDE analysiert, welche Faktoren über Erfolg oder Misserfolg elektrotechnischer Studiengänge entscheiden können.

Erstsemesterzahlen Elektrotechnik: Langfristiger Abwärtstrend

Die Auswertung der Statistiken des Fakultätentags Elektro- und Informationstechnik (FTEI) und des Fachbereichstags Elektro- und Informationstechnik (FBTEI) zeigt einen klaren Befund: Seit 2013 ist die Zahl der Erstsemester im Bachelorstudium der Elektro- und Informationstechnik bundesweit um rund 34 Prozent gesunken, und zwar an Universitäten und Hochschulen für Angewandte Wissenschaften (HAW) gleichermaßen. Das Problem ist also nicht einem Hochschultyp allein zuzuordnen.

HAW 2022 und 2024 im Vergleich: Größe als entscheidender Erfolgsfaktor

Kleine HAW-Standorte: Hohe Volatilität, geringe Planungssicherheit

Kleinere Hochschulen für Angewandte Wissenschaften mit bis zu 40 Erstsemestern pro Jahr zeigen keinen einheitlichen Trend. Die Entwicklungen streuen stark, im Mittel folgen sie jedoch dem negativen Gesamttrend. Einzelne Standorte verzeichnen Rückgänge von bis zu 45 Prozent.

Mittelgroße HAW-Standorte: Abwärtstrend trotz einzelner Lichtblicke

Bei mittelgroßen HAW-Standorten mit 40 bis 120 Erstsemestern ist tendenziell ein Rückgang zu beobachten. Die größten prozentualen Verluste innerhalb des Betrachtungszeitraums liegen bei -70 Prozent, der größte prozentuale Anstieg liegt bei knapp 50 Prozent.

Große HAW-Standorte: Wachstum durch Sichtbarkeit und Vernetzung

Ein anderes Bild zeigt sich bei großen HAW-Standorten mit 170 bis 330 Erstsemestern pro Jahr. Hier ist zwischen 2022 und 2024 ein nahezu einheitlicher Aufwärtstrend erkennbar. Die Hochschule München sticht mit einem Zuwachs von rund 40 Prozent innerhalb eines Jahres besonders hervor. Große Standorte profitieren offenbar von höherer Sichtbarkeit, urbanem Umfeld und enger Industrieanbindung.

Universitäten 2013 bis 2023: Mittelgroße Standorte als Hauptverlierer

Kleine Universitäten: Teilweise dramatische Einbrüche

An kleinen Universitätsstandorten mit 40 bis 150 Erstsemestern zu Beginn des Betrachtungszeitraums ist der Abwärtstrend besonders ausgeprägt. Vier von fünf untersuchten Standorten verloren im Mittel rund 75 Prozent ihrer Studienanfänger. Insgesamt gingen die Erstsemesterzahlen an Universitäten im Zeitraum 2013–2023 ebenfalls um 34 Prozent zurück. Die größten prozentualen Gewinne verzeichnet die TU Clausthal. Von deren Erfahrungen können ggfs. andere Hochschulen profitieren.

Mittelgroße Universitäten: Größter Beitrag zum Gesamtrückgang

Mittelgroße Universitäten mit ursprünglich 250 bis 400 Erstsemestern tragen zahlenmäßig am stärksten zum Rückgang bei. Bei vier von fünf Standorten sank die Zahl der Studienanfänger um rund 50 Prozent. Viele dieser Hochschulen rutschen damit in die Kategorie kleiner Standorte ab. Damit tragen die mittelgroßen Standorte zahlenmäßig deutlich zum Gesamtrückgang an den Universitäten bei.

Große Universitäten: Stabilität durch Strahlkraft

Große Universitätsstandorte mit 380 bis 1000 Studienanfängern zeigen dagegen eine weitgehend stabile Entwicklung. Die Strahlkraft großer Metropolregionen, etablierte Reputation und starke industrielle Netzwerke wirken hier stabilisierend.

Standortgröße als Erfolgsfaktor – mit Einschränkungen

Die Clusteranalyse legt nahe, dass die Größe eines Hochschulstandorts einen relevanten Einfluss auf die Entwicklung der Erstsemesterzahlen hat. Aufgrund der begrenzten Stichprobengröße ist die statistische Signifikanz jedoch eingeschränkt. Dennoch zeigt sich ein Trend: Kleine und mittlere Standorte verlieren an Attraktivität, während große Standorte robuster aufgestellt sind. Der VDE vermutet, dass sowohl im Falle der großen Universitäten als auch der großen HAW die Attraktivität des Standortes und auch die hohe Zahl an potentiellen Studieninteressierten eine große Rolle spielt.

Erfolgreiche Gegenstrategien: Was funktioniert in der Praxis

TU Clausthal: Attraktives Studienangebot und hohe Ansprüche an die Lehre

Die Technische Universität Clausthal gilt als Positivbeispiel unter den kleineren Universitäten. Nach einem Tiefpunkt von lediglich 13 Erstsemestern im Jahr 2017 stieg die Zahl bis 2023 auf rund 90. Entscheidend war eine Neustrukturierung des Studienangebots: Statt vieler spezialisierter Bachelorprogramme wurde ein breit angelegter Studiengang „Elektrotechnik“ mit klaren Vertiefungsrichtungen eingeführt, der es ermöglicht, problemlose einen Masterstudiengang an einer großen Universität anzuschließen.

Hinzu kommen internationale Kooperationen – etwa mit der Sichuan University. Chinesische Studierende kommen wegen eines besonderen bereits im Bachelor an die TU Clausthal: Man gibt ihnen für die ersten beiden Semester zwei Jahre Zeit, um auch dabei die deutsche Sprache zu erlernen. Weitere Programme für die einheimischen Studierenden, international anschlussfähig weiterzumachen und auch dort zu bleiben sind ebenfalls erfolgreich: Von Australien bis USA.

Die Attraktivität des Studienangebots wurde noch durch zwei weitere Maßnahmen angehoben. Mittlerweile studieren die Meisten in der Regelstudienzeit. Dies hat u.a. etwas mit der Vorbereitung insbesondere für stark theoretische Fächer wie „Theorie der Felder und Wellen“oder „Theoretische Elektrotechnik“ zu tun. Statt die alten Klausuren geheim zu halten, werden diese zur Vorbereitung an die Studierenden herausgegeben, was allerdings immer wieder Arbeit am Lehrstuhl bedeutet. Ohne das das Niveau herabgesetzt wird, können Studierende den Aufwand in der Vorbereitung relativ sicher in eine gute Note ummünzen. Der Erfolg bei diesen Klausuren beträgt rund 80 Prozent.

Auch für Frauen ist ein Elektrontechnikstudium an der TU Clausthal sehr attraktiv. Durch den hohen Frauenanteil bei den internationalen Studierenden fühlen sich auch die deutschen Frauen gut aufgehoben und im richtigen Studiengang. Das ist wiederum eine wichtige Botschaft in der Kommunikation z. B. mit den Schulen.

Weiter steht die Qualität der Lehre und Studierbarkeit besonders im Fokus. So achten die Dozenten sehr darauf, dass die Praktika funktionieren und spannende Inhalte vermitteln

Diese Maßnahmen zeigen insgesamt eine gewisse Sogwirkung: Es spricht sich herum, nicht nur in der Region, sondern auch bis in afrikanische Länder.

Hochschule München: Nachwuchsgewinnung durch Kommunikation und Sichtbarkeit

Die Hochschule München zeigt, wie strategische Nachwuchsarbeit wirkt. 2022 wurden regelmäßige Schulbesuche eingeführt, außerdem wurden Schulen an die Hochschule eingeladen. Das dient zunächst zum Abbau von Hemmschwellen und Stereotypen. Seit 2024 sind die Besuche von Schulen mit der Projektvernissage kombiniert worden. Junge Studierende zeigen den Schülerinnen und Schülern die Ergebnisse spannender Praxisprojekte und dienen somit als öffentliches Aushängeschild. Seit 2023 ist ein Instagram-Kanal eingerichtet und wird durch wiederkehrende Formate #kenntihreigentlichschon, #studiengangimfokus und #alumnistories stets aktuell gehalten. Somit werden Personen der Fakultät und Karrierewege den Jugendlichen sichtbar gemacht, authentische Einblicke in den Studienalltag gegeben und das Studienangebot der Elektro- und Informationstechnik greifbarer gemacht. Die Maßnahmen sind derart wirksam, dass 2025 – Bayern ist ohne Abiturjahrgang – sogar noch 256 junge Menschen das Studium der Elektro- und Informationstechnik aufgenommen haben.

Studiengangsmarketing: Hochschulen arbeiten am Limit

Die Befragung der Dekanate macht deutlich: Die Bewerbung elektrotechnischer Studiengänge erfolgt vielerorts bereits an der Belastungsgrenze. 96 Prozent der Universitätsfakultäten und 77 Prozent der HAW-Fachbereiche geben an, dass sie sehr hohen Aufwand betreiben oder sich dringend mehr Ressourcen wünschen. Kein Standort stuft seinen Werbeaufwand als gering ein.

Handlungsempfehlungen: Elektrotechnik-Studiengänge gezielt stärken

Der VDE warnt ausdrücklich vor vorschnellen Standortschließungen. Stattdessen fordert er gezielte Unterstützung durch Wissenschaftsministerien und Hochschulleitungen – insbesondere für jugendgerechte Kommunikation, nachhaltiges Marketing und eine hohe Qualität der Lehre. Erfolgreiche Beispiele zeigen: Attraktive Studiengänge sprechen sich herum. Ein systematischer Best-Practice-Austausch zwischen Universitäten und HAW, etwa über FBTEI und FTEI, könnte dazu beitragen, den elektrotechnischen Nachwuchs in Deutschland langfristig zu sichern. (bs)

Autor

Sabine Synkule, 

Redakteurin bei all-electronics