Lieferkettenkrisen, Chipmangel und immer kürzere Bauteillebenszyklen haben ein Thema ins Rampenlicht gerückt, das lange im Hintergrund arbeitete: Obsolescence Management. Dominik Göttler beschäftigt sich seit Jahren mit der Frage, wie elektronische Produkte trotz Abkündigungen und regulatorischer Anforderungen langfristig lieferfähig bleiben.
Im Interview spricht er über seinen Weg vom operativen Obsolescence Manager in die Beratung, erklärt, was sich konkret hinter dem Berufsbild verbirgt, welche Aufgaben den Arbeitsalltag prägen und warum der Job heute strategisch wichtiger ist denn je. Außerdem gibt er Einblicke in aktuelle Trends, Herausforderungen und Karriereperspektiven.
Zwischen Bauteilabkündigung und Produktionsstillstand: Der Arbeitsalltag
eines Obsolescence Managers
Herr Göttler, welchen Beruf haben Sie und wie kam es dazu?
Ich habe in Industrieunternehmen operativ im Obsolescence Management gearbeitet – meist an der Schnittstelle zwischen Entwicklung, Einkauf, Produktion und Programmmanagement. In diese Rolle bin ich weniger geplant als vielmehr hineingewachsen. Ausgehend von der Elektronikentwicklung wurde schnell klar, dass Bauteilverfügbarkeiten, Abkündigungen und Datenqualität einen enormen Einfluss auf Projekte, Termine und Kosten haben. Daraus entwickelte sich Schritt für Schritt ein klarer Fokus auf Obsolescence Management.
Heute bin ich selbstständig als Berater im Bereich Obsolescence Management tätig. Der Schritt in die Beratung ergab sich aus der Erkenntnis, dass sehr viele Unternehmen mit denselben strukturellen Problemen kämpfen – unabhängig von Branche oder Größe. Ich wollte dieses Wissen nicht nur intern anwenden, sondern Organisationen dabei helfen, Obsolescence Management systematisch aufzubauen und langfristig zu verankern.
Obsolescence Management funktioniert nur interdisziplinär.
Dominik Göttler, Obsoleszenzmanager und Berater
Was verbirgt sich hinter diesem Job?
Im operativen Umfeld ist Obsolescence Management im Kern Risikomanagement für vor allem elektronische Produkte. Ziel ist es sicherzustellen, dass Produkte über viele Jahre – oft Jahrzehnte – lieferfähig, wartbar und genehmigungsfähig bleiben. Dabei geht es weniger um einzelne Abkündigungen, sondern um die Fähigkeit, Risiken frühzeitig zu erkennen und steuerbar zu machen.
In der Beratung kommt die strategische Ebene hinzu. Es geht um Fragen wie: Wie ist Obsolescence Management organisatorisch verankert? Gibt es klare Prozesse – reaktiv und proaktiv? Welche Datenbasis ist notwendig? Und welche Werkzeuge unterstützen sinnvoll? Der Fokus liegt darauf, aus Einzelmaßnahmen ein belastbares System zu machen.
Welche Tätigkeiten und Aufgaben umfasst diese Position?
Im operativen Alltag gehören zu den typischen Aufgaben:
- Analyse des Ist-Zustands im Unternehmen
- Aufbau und Optimierung von Prozessen
- Definition von Rollen, Verantwortlichkeiten und Eskalationswegen
- Softwareauswahl und -einführung
- Bewertung und Verbesserung der Datenqualität
- Schulungen und Know-how-Transfer
- In manchen Fällen auch Obsolescence Management als externe Dienstleistung
Wie sieht ein typischer Arbeitsalltag aus?
Im operativen Umfeld beginnt ein typischer Tag oft mit der Prüfung neuer Meldungen: Gibt es neue Abkündigungen oder Statusänderungen? Welche Produkte sind betroffen? Danach folgen Analysen, Abstimmungen mit anderen Abteilungen und das Erstellen von Prognosen – teilweise über 10, 15 oder sogar 20 Jahre. Ein großer Teil der Arbeit besteht darin, Entscheidungen vorzubereiten und Transparenz zu schaffen. Kein Tag ist wirklich gleich, da sich Prioritäten durch Lieferkettenereignisse sehr schnell verschieben können.
Als Berater ist der Alltag noch einmal deutlich vielfältiger. Er besteht aus Workshops, Analysen, Konzeptarbeit, Kundenterminen und Erstgesprächen. Hinzu kommen Themen wie Wissensaufbereitung, Vorträge, Fachbeiträge oder Podcasts sowie die Zusammenarbeit mit Software- und Industriepartnern.
Risikomanagement für langlebige Elektronik: Warum Obsolescence Management strategisch entscheidend ist
Welche Highlights bringt der Job mit sich?
Im operativen Umfeld ist ein echtes Highlight, wenn Risiken frühzeitig erkannt werden und größere Probleme gar nicht erst entstehen. Wenn ein Produkt trotz kritischer Bauteilsituation weiter ausgeliefert werden kann, weil rechtzeitig gehandelt wurde, ist das sehr befriedigend.
In der Beratung ist es besonders spannend zu sehen, wie Unternehmen sich entwickeln – vom reinen Feuerwehrmodus hin zu einem strukturierten, proaktiven Obsolescence Management. Außerdem ist der Einblick in unterschiedlichste Branchen und Organisationsformen sehr bereichernd.
Wenn ein Produkt trotz kritischer Bauteilsituation weiter ausgeliefert werden kann, weil rechtzeitig gehandelt wurde, ist das sehr befriedigend.
Dominik Göttler, Obsoleszenzmanager und Berater
Was haben Sie studiert beziehungsweise welche Qualifikationen haben Sie?
Ich habe einen technischen Hintergrund im Bereich Elektrotechnik beziehungsweise Elektronik-naher Disziplinen. Das Studium vermittelt methodisches Denken, aber viele entscheidende Fähigkeiten – etwa Lifecycle-Denken, Risikoabschätzung oder Schnittstellenmanagement – lernt man erst in der Praxis.
Wie haben Sie den Beruf gefunden?
Der Beruf hat mich eher gefunden als umgekehrt. In Projekten wurde schnell klar, dass Obsoleszenz kein Randthema ist, sondern massiven Einfluss auf Termine, Kosten und Kundenzufriedenheit hat. Daraus entwickelte sich eine Spezialisierung.
Welche Eigenschaften braucht man für den Beruf?
Für den Beruf braucht man vor allem analytisches Denken, Kommunikationsstärke und eine strukturierte Arbeitsweise. Wichtig sind außerdem Frustrationstoleranz sowie ein grundsätzliches Interesse an Technik und übergreifenden Zusammenhängen. In der Beratung kommen zusätzlich unternehmerisches Denken, Präsentationsfähigkeit und die Bereitschaft hinzu, Verantwortung zu übernehmen.
Welche Rolle spielt die Zusammenarbeit mit Kollegen und anderen Fachleuten?
Eine zentrale Rolle. Obsolescence Management funktioniert nur interdisziplinär. Ohne enge Zusammenarbeit mit Entwicklung, Einkauf, Produktion, Qualität und Management sind nachhaltige Entscheidungen nicht möglich.
Der fachliche Austausch mit anderen Experten ist entscheidend, da sich Obsolescence Management kontinuierlich weiterentwickelt. Während früher fast ausschließlich elektronische Bauteile im Fokus standen, spielen heute zunehmend auch die Abkündigung von Software, Firmware und chemischen Materialien eine Rolle.
Gleichzeitig gewinnen Datenverarbeitung und KI-gestützte Auswertungen immer stärker an Bedeutung, um Risiken frühzeitig zu erkennen und fundierte Entscheidungen treffen zu können.
Wie sehr bereitet das Studium auf das Berufsleben vor?
Methodisch gut, inhaltlich nur bedingt. Das Studium hilft, komplexe Themen zu strukturieren. Die Realität von Lieferketten, Abkündigungen und Entscheidungsprozessen lernt man jedoch erst im Berufsalltag.
Welche Technologien oder Trends in der Elektronik begeistern Sie derzeit?
Mich interessieren vor allem datengetriebene Ansätze im Lifecycle- und Risikomanagement: bessere Prognosen, strukturierte BOM-Analysen und die intelligente Verknüpfung von Entwicklungs-, Einkaufs- und Compliance-Daten.
Lieferketten, Regulierung und Produktlebenszyklen: Die wachsenden Herausforderungen für Obsolescence Manager
Welche Herausforderungen sehen Sie aktuell in der Elektrotechnik-Landschaft?
Die Diskrepanz zwischen langen Produktlebensdauern und kurzen Bauteillebenszyklen, instabile Lieferketten, steigende regulatorische Anforderungen und Fachkräftemangel. Viele Produkte sollen 20–30 Jahre verfügbar sein, während Bauteile oft nur wenige Jahre am Markt bleiben.
Unternehmen, die Obsoleszenz systematisch managen, haben einen klaren Wettbewerbsvorteil.
Dominik Göttler, Obsoleszenzmanager und Berater
Wie trägt Elektronik-Entwicklung zur Lösung gesellschaftlicher Herausforderungen bei?
Elektronik ist die Grundlage für Energieeffizienz, Mobilität, Medizintechnik und Infrastruktur. Obsolescence Management stellt sicher, dass diese Systeme langfristig verfügbar, sicher und wirtschaftlich betrieben werden können.
Gab es Projekte, die Sie besonders geprägt haben?
Ja, insbesondere Projekte in regulierten Branchen wie Luftfahrt oder Bahn. Dort haben selbst kleine Bauteiländerungen große Auswirkungen. Diese Projekte haben mein Verständnis für Risiko, Dokumentation und Entscheidungsprozesse nachhaltig geprägt.
Welchen Rat würden Sie Nachwuchskräften geben?
- Keine Angst vor Schnittstellenrollen
- Früh Verantwortung übernehmen
- Zusammenhänge verstehen wollen – nicht nur Technik
- Fragen stellen, auch wenn sie banal erscheinen
Welchen Rat würden Sie Ihrem jüngeren Ich geben?
Früher den Mut zur Spezialisierung haben. Und genau so wieder machen würde ich: neugierig bleiben, Dinge hinterfragen und Verantwortung übernehmen – auch wenn der Weg nicht immer geradlinig ist.
Warum ist Obsolescence Management ein Zukunftsberuf?
Weil Lieferfähigkeit, Resilienz und langfristige Produktverfügbarkeit immer wichtiger werden. Unternehmen, die Obsoleszenz systematisch managen, haben einen klaren Wettbewerbsvorteil.
Über Dominik Göttler
Dominik Göttler ist Berater für Obsolescence Management mit technischem Hintergrund in Elektrotechnik und Elektronik-nahen Disziplinen. Zuvor war er in Industrieunternehmen operativ an der Schnittstelle zwischen Entwicklung, Einkauf, Produktion und Programmmanagement tätig.
Heute unterstützt er Unternehmen aus regulierten und langlebigen Industrien – darunter Luft- und Raumfahrt, Medizintechnik, Rüstungsindustrie sowie Bahn- und Transportsektor – beim Aufbau strukturierter Obsolescence-Management-Prozesse. Sein Fokus liegt auf der langfristigen Sicherstellung der Lieferfähigkeit elektronischer Produkte, der Verbesserung von Stücklistendaten und der Einführung geeigneter Lifecycle- und Monitoring-Tools.
Neben seiner Beratungstätigkeit betreibt er die Wissensplattform Obsolescence-Management.de sowie die Podcasts NextCycle (Schwerpunkt Elektronik und Supply Chain) und Backbone (Unternehmertum und Organisation). Zudem postet er bei LinkedIn pro Woche mindestens zwei Beträge zum Thema Obsolescence
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