Gemeinsames Schreiben an die EU-Kommission
Das fordern Elektronikverbände von der EU-Politik
Europäische Elektronikverbände wenden sich mit einem Appell an die EU-Kommission. Sie sehen strukturelle Risiken für Europas Fertigungstiefe und fordern politische Weichenstellungen. Welche Maßnahmen sie konkret verlangen.
Elektronikverbände verlangen von der EU eine strategische Neuausrichtung der Industriepolitik. Sie verlangen eine umfassende Elektronikstrategie, die die gesamte Wertschöpfungskette vom Chip bis zur Systemintegration berücksichtigt.
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Europas Elektronikfertigung steht wieder auf der politischen Bühne. Nicht zuletzt, weil sich die Realität am Markt nur schwer schönreden oder gar -rechnen lässt. In der Leiterplattenindustrie wächst Europa zwar nominal, bleibt im globalen Vergleich aber deutlich zurück. So stehen 2,4 % Plus im Jahr 2025 einem weltweiten Wachstum von mehr als 11 % gegenüber. Der europäische Markt erreichte laut Data4PCB etwa 1,76 Mrd. Euro – bei gleichzeitig sinkender Herstellerzahl und zunehmender Konzentration.
Auch im EMS-Sektor ist das Bild widersprüchlich. Nach den Boomjahren 2021 und 2022 folgte 2024 ein massiver Markteinbruch von 14 %. 2025 blieb vielerorts von schwacher Auslastung, unsicherer Auftragslage und Personalabbau geprägt. Zwar rechnen laut einer Umfrage 78 % der Unternehmen für 2026 wieder mit Wachstum EMS-Branche 2025: Zwischen Krisenmodus und Hoffnungsschimmer – doch die strukturellen Herausforderungen bleiben: Preisdruck, Fachkräftemangel, politische Unsicherheiten und fragile Lieferketten.
Wer in dieser Situation nur von „Supply Chains“ spricht, greift allerdings zu kurz. In der Praxis handelt es sich um ein industrielles Ökosystem: von Wafern und Chips über Komponenten, Leiterplatten und Baugruppenfertigung bis hin zur Systemintegration. Schwächelt ein Teil, gerät das gesamte Gefüge unter Druck. Vor diesem Hintergrund erhöhen nun mehrere europäische Elektronikverbände den politischen Druck in Brüssel.
Politischer Moment: Industriepolitik vor Richtungsentscheidungen
Das sind die Unterzeichner des Schreibens
Global Electronics Association (GEA) (Ehemals IPC)
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FEEI – Fachverband der Elektro- und Elektronikindustrie (Österreich)
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KIGEIT – National Chamber of Electronics and Telecommunications (Polen)
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LETERA – Lithuanian Electronics Association (Litauen)
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Svensk Elektronik (Schweden)
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FDEF – Fédération des Industries Électriques, Électroniques et de Communication (Frankreich)
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EIPC – European Institute for the PCB Community
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FHI – Federation of Norwegian Industries (Norwegen)
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Estonian Electronics Industries Association (Estland)
In einem gemeinsamen Schreiben an die Exekutiv-Vizepräsidenten Stéphane Séjourné und Henna Virkkunen fordern die Global Electronics Association (GEA, ehemals IPC) sowie mehreren nationalen Elektronikverbänden aus Österreich, Polen, Schweden, Frankreich, Litauen, Norwegen und Estland eine strategische Neuausrichtung der europäischen Industriepolitik. Ein deutscher Branchenverband ist in der Liste der Unterzeichner nicht aufgeführt. Der Zeitpunkt ist bewusst gewählt: Mit dem Industrial Accelerator Act, der Überarbeitung der Public Procurement Directives und dem nächsten Mehrjährigen Finanzrahmen stehen zentrale Weichenstellungen an.
Aus Sicht der Industrie geht es dabei um mehr als Förderprogramme für einzelne Technologiebereiche. Es gehe um die strukturelle Absicherung der gesamten Elektronik-Wertschöpfung in Europa.
Elektronik als strategischen Sektor anerkennen
Kernforderung der Verbände ist die vollständige Anerkennung der Elektronik als strategischer Sektor. Der bestehende EU Chips Act adressiere primär die Halbleiterfertigung. Doch Halbleiter allein reichten nicht aus, um industrielle Resilienz sicherzustellen.
Leiterplatten (PCB), Baugruppenfertigung (PCBA), Systemintegration, Test- und Validierungsprozesse seien integraler Bestandteil sicherheitskritischer Anwendungen – etwa in Verteidigung, Luft- und Raumfahrt, Energieinfrastruktur oder Medizintechnik. Technologische Souveränität entstehe nicht punktuell, sondern entlang einer geschlossenen Wertschöpfungskette.
Öffentliche Beschaffung als strategischer Hebel
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der öffentlichen Beschaffung. Die Verbände begrüßen zwar die Pläne der EU-Kommission, Vergaberichtlinien stärker an Resilienz, Innovation und wirtschaftlicher Sicherheit auszurichten. Gleichzeitig fordern sie, Elektronik explizit in mögliche „Made in Europe“-Kriterien einzubeziehen.
Öffentliche Nachfrage könne gezielt Investitionen in europäische Fertigungskapazitäten auslösen und langfristige Planungssicherheit schaffen. Gerade im Verteidigungsbereich dürften elektronische Komponenten nicht als austauschbare Standardware behandelt werden. Leiterplatten und Baugruppen enthielten sensibles geistiges Eigentum sowie sicherheitsrelevante Integrationsleistungen.
„Chips Act Plus“ statt isolierter Förderung
Konkret sprechen sich die Verbände für eine Erweiterung des EU Chips Act zu einem „Chips Act Plus“ aus. Dieser solle neben der Halbleiterproduktion ausdrücklich auch PCB, PCBA und Systemintegration berücksichtigen.
Damit knüpft die Branche an ihren bereits 2024 veröffentlichten „Call to Action“ an. Ziel sei eine kohärente europäische Elektronikstrategie, die das industrielle Ökosystem als Ganzes betrachtet – nicht nur einzelne Technologiestufen.
Das sind die zentralen Forderungen im Überblick
Die Elektronikverbände verlangen von der EU-Politik:
- eine eigenständige europäische Elektronikstrategie
- die Anerkennung von Elektronik als strategischer Sektor
- europäische Präferenzkriterien für strategische Produkte
- eine strategische Nutzung der öffentlichen Beschaffung
- eine Erweiterung des EU Chips Act
Ob diese Forderungen in den kommenden Gesetzgebungsprozessen berücksichtigt werden, dürfte entscheidend dafür sein, wie sich Europas Elektronikfertigung in einem zunehmend geopolitisch geprägten Wettbewerbsumfeld behaupten kann.
FAQ: Gemeinsames Schreiben an die EU-Kommission zur Elektronikfertigung
Worum geht es im Schreiben der Elektronikverbände an die EU-Kommission?
Mehrere europäische Elektronikverbände fordern eine strategische Neuausrichtung der EU-Industriepolitik, um Europas Elektronikfertigung und Wertschöpfungskette besser abzusichern.
An wen richtet sich der Appell konkret?
Das Schreiben ist an die Exekutiv-Vizepräsidenten Stéphane Séjourné und Henna Virkkunen adressiert.
Was ist die Kernforderung der Verbände?
Elektronik soll vollständig als strategischer Sektor anerkannt werden – nicht nur Halbleiter, sondern auch Leiterplatten, Baugruppenfertigung, Systemintegration sowie Test- und Validierungsprozesse.
Welche Rolle soll die öffentliche Beschaffung spielen?
Öffentliche Beschaffung soll strategisch genutzt werden, inklusive expliziter „Made in Europe“-Kriterien für Elektronik, um Nachfrage, Investitionen und Planungssicherheit in Europa zu stärken.
Was meinen die Verbände mit „Chips Act Plus“?
Gemeint ist eine Erweiterung des EU Chips Act, die neben der Halbleiterproduktion auch PCB, PCBA und Systemintegration einbezieht, um das gesamte industrielle Elektronik-Ökosystem zu stärken.