Marktdaten von Data4PCB

Leiterplattenindustrie wächst 2026 – aber zu wenig und langsam

2,4 % Wachstum klingen nach Erfolg. Doch die Europäische Leiterplattenindustrie verliert massiv an Tempo. Während der Weltmarkt zweistellig wächst, schrumpft Europas Basis dramatisch. Es könnte sogar ein  Kahlschlag bis 2035 drohen.

3 min
Infografik mit Kennzahlen zum europäischen Leiterplattenmarkt 2026 vor blauem Platinenhintergrund
Der europäische Leiterplattenmarkt kam 2025 auf 1,756 Mrd. € und legte nominal um 2,4% zu, während der Weltmarkt im selben Zeitraum um mehr als 11% wuchs. 168 Hersteller an 182 Standorten stehen einer stark konzentrierten Struktur gegenüber: 41 Unternehmen vereinen rund 79% Marktanteil, während drei Viertel der Betriebe zusammen nur 21,2% des Branchenumsatzes erzielen.

Erst gab es nach der gescheiterten Übernahme von Circuit Foils kürzlich Grund zum Feiern für die europäische Leiterplattenindustrie. Und jetzt folgt die gute Nachricht, dass die Industrie gewachsen ist. Doch: „ Ist es an der Zeit zu feiern, weil die europäische Leiterplattenproduktion 2025 um 2,4% gewachsen ist?" fragt Dieter Weiss von Data4PCB. Und wie zu befürchten, fällt die Antwort nicht positiv aus. „Wohl kaum, wenn der weltweite Leiterplattenmarkt im selben Zeitraum um mehr als 11 % zulegte." Allein eine Abwertung des US-Dollars gegenüber dem Euro lässt das Bild auf US-Dollar-Basis freundlicher erscheinen und suggeriert ein Wachstum Europas von 6,9%. Und das ist nicht der einzige Grund, warum keine Feierstimmung aufkommt. Beispielsweise ist die Gesamtzahl der Leiterplattenhersteller 2025 um 11 Unternehmen auf nun 168 Hersteller mit 182 Standorten gesunken. Für 2026 rechnen die Analysten hingegen mit zwei zusätzlichen Produzenten, da TLT‑PCB den Betrieb aufnimmt und ein schwedischer OEM in die eigene Leiterplattenfertigung eingestiegen ist. Das täuscht jedoch nicht darüber hinweg, dass der grundlegende Negativtrend für Europa bestehen bleibt.

Europäische Leiterplattenhersteller (PCB) nach Umsatzgruppen 2026: Balkendiagramm mit EU-Umsatzanteilen und Firmenzahl – >50 Mio. €: 690,5 Mio. € (8 Firmen, 39,3%); 20–50 Mio. €: 445,0 Mio. € (14, 25,4%); 10–20 Mio. €: 247,2 Mio. € (19, 14,1%); 5–10 Mio. €: 187,0 Mio. € (26, 10,6%); 2–5 Mio. €: 136,0 Mio. € (41, 7,7%); <2 Mio. €: 50,6 Mio. € (60, 2,9%). Hinweis: 41 Firmen (24,4%) erzielen 78,8% der europäischen Produktion; 127 Firmen (75,6%) nur 21,2%. Gesamt: 168 Unternehmen, 182 Standorte, Umsatzsumme 1.756,2 Mio. €, Rev. 22.02.2026, Quelle Data4PCB/Global Electronics Association.
In Europa konzentriert sich das Leiterplatten-Geschäft auf wenige große Hersteller: 41 Unternehmen über 10 Mio. € Umsatz vereinen 78,8% der Produktion. Am anderen Ende stehen 60 Firmen unter 2 Mio. €, die zusammen nur 2,9% Marktanteil erreichen.

Welche Produkttypen und Segmente bewegten den Leiterplattenmarkt?

Auf der Ebene der Produkttypen ergeben sich laut Data4PCB keine gravierenden Verschiebungen; Rigid-Flex-Leiterplatten und flexible Multilayer zeigen jedoch einen klar positiven Trend. In den Marktsegmenten verzeichnen die Analysten – ohne Überraschung – einen deutlichen Rückgang im Automobilbereich. Auch die Medizintechnik entwickelt sich rückläufig. Größter Marktsektor bleibt die Industrieelektronik, geprägt durch hohe Produktvielfalt und geringe Stückzahlen. In diesem Segment entfallen in Deutschland rund 46% der dort gefertigten Leiterplatten. Das Industriesegment legte um mehr als 43 Mio. Euro zu.

In absoluten Zahlen ist 2025 die Verteidigungselektronik der größte Gewinner mit einem Plus von 23% und einem Plus von mehr als 50 Mio. Euro. Die Luft- und Raumfahrtelektronik, die auf europäischer Ebene statistisch von der Verteidigungselektronik getrennt wurde, wuchs um 15% und damit um fast 23 Mio. Euro.

EMS & PCB Forum 2026

Das EMS & PCB Forum 2026 findet am 8. und 9. Juli 2026 im Maritim Hotel in Würzburg statt. Die Veranstaltung zur aktuellen Marktsituation wird wie im letzten Jahr in deutscher Sprache mit Simultanübersetzung durchgeführt. Am 8. Juli beginnt die Veranstaltung mit einem kurzen Vortrag mehrerer Experten über ihre Sicht der aktuellen Lage. Anschließend gibt es ein Flying Dinner mit Networking-Möglichkeiten.

Im Segment Verteidigungselektronik liegt Frankreich mit rund 41% vorn, gefolgt von Großbritannien mit über 28%. Die Luft- und Raumfahrtelektronik wird mit 33,5% von Italien dominiert, gefolgt von Frankreich und Belgien. Medizinelektronik ist offensichtlich der bevorzugte Markt für Schweizer Leiterplattenhersteller, die zusammen mit Österreich mehr als 70% dieses Segments abdecken.

So hat sich Deutschland entwickelt

Deutschland verzeichnet inzwischen das dritte Jahr in Folge rückläufige Umsätze in der Leiterplattenproduktion. Seit 2022 hat das Land mehr als 27% seiner Umsätze in diesem Bereich verloren, während Österreich und die Schweiz im gleichen Zeitraum ein Wachstum von über 6% erreichen konnten. In Frankreich/Belgien ist zwischen 2022 und 2025 ein kräftiger Zuwachs von 32% zu beobachten; die Pro-Kopf-Umsätze weisen auf eine professionelle Strukturentwicklung hin. Großbritannien folgt mit fast 22% Wachstum in diesem Zeitraum knapp dahinter. Italien erzielte von 2022 bis 2025 ein Plus von 15%, verfügt jedoch weiterhin über viele kleine Leiterplattenhersteller und verlor im letzten Jahr zwei davon. Mittel- und Osteuropa verzeichneten – ähnlich wie Deutschland – über drei Jahre einen Rückgang von 12,5% gegenüber 2022. Hauptgrund ist die Reduktion der Unternehmen von 47 auf 33, vor allem im Bereich kleiner Hersteller.

Während größere Unternehmen sich gezielt auf einzelne Marktsegmente (z. B. Luft- und Raumfahrt, Verteidigung) oder bestimmte Technologien (etwa HDI sowie flexible und starrflexible Multilayer mit und/oder HDI) spezialisieren können, fehlt kleineren Herstellern häufig die technologische Tiefe und/oder Marktbekanntheit. Sie sind damit gezwungen, täglich einen Preiskampf gegen Anbieter aus Fernost zu führen. 

Vor diesem Hintergrund erscheint es wenig überraschend, dass Data4PCB davon ausgeht, dass sich die Zahl der europäischen Leiterplattenhersteller bis 2035 halbieren wird. Als mögliche Gegenmaßnahme, bringen die Analysten die Politik ins Spiel. So solle die Europäische Union die aus Data4PCB-Sicht "unfairen Einfuhrzölle auf Grundmaterialien" für europäische Hersteller nicht zurücknimmt und gleichzeitig weiterhin den zollfreien Import fertiger Leiterplatten aus Fernost zulässt. Ein weiterer entscheidender Schritt hin zu größerer europäischer Unabhängigkeit wäre die Definition sicherer Lieferketten für systemkritische Produkte in Europa – unter konsequenter Nutzung in Europa gefertigter Leiterplatten.

Was die Branche zu den Zahlen sagt

Ein Blick in die Kommentare bei LinkedIn zeigt, dass mehrere Stimmen das europäische Plus von 2,4% ebenfalls nicht als Wendepunkt sehen, sondern als Signal, dass Europas Position im weltweiten Vergleich weiter unter Druck steht. Darüber hinaus verschiebt sich in den Reaktionen der Fokus von der reinen Mengen- und Umsatzfrage hin zu Strukturthemen: Ein Teil der Beiträge beschreibt die Rückkehr größerer PCB- und Laminatkapazitäten nach Europa als wenig wahrscheinlich und setzt als Ziel eher auf das Halten des Status quo „Alles, was die europäischen Leiterplattenhersteller jetzt noch tun können, ist, den aktuellen Weltmarktanteil zu halten.“ Andere betonen, dass ein Zeitfenster für Gegenmaßnahmen weiterhin existiert – allerdings nur, wenn kritische Hardwarebereiche klar priorisiert und Wertschöpfungsketten konsequent end-to-end gedacht werden „Das Zeitfenster zum Handeln ist noch offen.“ Eine Kommentar fordert als Mindestschritt, „zu definieren, was die kritischen Hardware-Sektoren sind“ und darauf aufbauend „End-to-End-Souveränität“ zu erreichen. Auffällig ist zudem, dass „Souveränität“ in den Kommentaren breiter gefasst wird als Produktionsstandorte allein: genannt werden Vorprodukte, Chemikalien und Materialketten ebenso wie IP-Eigentum und Prozesskontrolle.