Zentralisierte Rechenleistung, Chiplets und offene Toolchains
Mehr Rechenleistung für die Ära softwaredefinierter Fahrzeuge
Softwaredefinierte Fahrzeuge erhöhen den Bedarf an zentraler Rechenleistung erheblich. Skalierbare Plattformen mit Chiplet-Erweiterung und offenen Toolchains schaffen die Grundlage, um Leistung, Softwarekontinuität und lange Automotive-Lebenszyklen zusammenzuführen.
Peter BechbergerPeterBechberger
5 min
Wie zentralisierte Rechenleistung, Chiplets und offene Toolchains nachhaltige SDV-Architekturen ermöglichenCatsby_Art - stock.adobe.com
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Softwaredefinierte Fahrzeuge (SDVs) verändern grundlegend, wie
elektronische Systeme im Automobilbereich entworfen, entwickelt und über die
gesamte Lebensdauer eines Fahrzeugs hinweg weiterentwickelt werden.
Fortschrittliche Fahrerassistenzsysteme, KI-basierte Sensorik und
Entscheidungsfindung, zunehmend komplexere Cockpit-Funktionen sowie die
Forderung nach kontinuierlichen Over-the-Air-Updates treiben die
Rechenanforderungen erheblich in die Höhe. Sie gehen damit weit über das
hinaus, was traditionelle, weit verteilte ECU-Architekturen effizient
unterstützen können. Gleichzeitig werden die Grenzen der klassischen Skalierung
von Prozesstechnologien in der Halbleiterindustrie zunehmend sichtbar. Jede
neue Prozessgeneration bringt geringere Leistungs- und Effizienzsteigerungen,
während Kosten, Designkomplexität und Qualifizierungsaufwand deutlich zunehmen.
Bild 1: Anstieg des Rechenbedarfs im Fahrzeug und skalierbare RechenplattformRenesas
Für OEMs und Tier-1-Zulieferer ergibt sich daraus ein strukturelles
Missverhältnis: Die Komplexität der Software und die Leistungsanforderungen
steigen rasant an, während der traditionelle Ansatz, auf immer größere
monolithische SoCs auf den neuesten Fertigungsprozessen zu setzen,
wirtschaftlich und technisch an seine Grenzen stößt. Infolgedessen entwickeln
sich die Architekturen der Fahrzeugelektronik hin zu zentralisierten
Rechenplattformen in Kombination mit Software-First-Entwicklungsmodellen. In
diesem Zusammenhang fungiert die R-Car
Gen5 von Renesas als zentrale Rechenplattform für SDVs. Sie
kombiniert die Integrationsvorteile eines monolithischen SoC mit
Chiplet-basierter Skalierbarkeit sowie einem offenen SDK und einer Toolchain,
um die Anforderungen auf Systemebene im Automobilbereich zu adressieren.
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Wie zentrale Rechenplattformen die SDV-Architektur verändern
Die zentralisierte Datenverarbeitung ist ein entscheidender Faktor für
SDVs, da sie die Konsolidierung mehrerer Fahrzeugdomänen auf einer gemeinsamen
Hardware- und Software-Grundlage ermöglicht. Anstatt zahlreiche dedizierte
Steuergeräte mit isolierten Software-Stacks zu betreiben, kann eine zentrale
Rechenplattform ADAS-, Cockpit-, Gateway- und Karosseriefunktionen auf einem
einzigen System hosten. Dies setzt jedoch voraus, dass die Anforderungen mit
unterschiedlichen Sicherheits- und Echtzeitanforderungen korrekt umgesetzt werden.
Diese Konsolidierung reduziert die Systemkomplexität, den Verkabelungsaufwand
und den Integrationsaufwand und ermöglicht gleichzeitig eine kohärentere
Softwarearchitektur im gesamten Fahrzeug.
Bild 2: Übergang zu zentralisierten E/E-ArchitekturenRenesas
R-Car Gen5 ist als solches zentrales Rechnersystem konzipiert. Es
kombiniert hochleistungsfähige Anwendungsprozessoren mit Echtzeit- und
sicherheitsrelevanten Prozessorkernen. Dadurch können Anwendungen mit sehr
unterschiedlichen Anforderungen an Timing, Sicherheit und Verfügbarkeit auf
einer einzigen Plattform koexistieren. Der Fokus der Architektur liegt dabei nicht
nur auf Spitzen-Rechenleistung, sondern auch auf vorhersehbarem Verhalten,
langfristiger Verfügbarkeit und der Fähigkeit, die Softwareentwicklung über
viele Jahre hinweg zu unterstützen. Für SDVs ist dies entscheidend: Software
ist zum Produktionsstart nicht mehr statisch, sondern entwickelt sich über den
gesamten Fahrzeuglebenszyklus hinweg weiter.
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Aus Systemperspektive können die OEMs dank der zentralen Rechenarchitektur
zudem eine gemeinsame Hardware- und Software-Basis für mehrere
Fahrzeugbaureihen definieren. Dies reduziert die Fragmentierung und ermöglicht
eine effektivere Wiederverwendung von Softwarekomponenten, Tools und Prozessen.
Das Ergebnis sind nicht nur niedrigere Entwicklungskosten, sondern auch eine höhere
Qualität und eine schnellere Einführung neuer Funktionen.
Chiplet-Architekturen für skalierbares Automotive-Computing
Zwar vereinfacht die zentrale Rechenverarbeitung die Architektur, jedoch
bleibt die Notwendigkeit einer Leistungsskalierung bestehen. Insbesondere die
Rechenlast von ADAS und KI nehmen weiterhin rasant zu. Dies ist auf eine
steigende Anzahl an Sensoren, höhere Auflösungen, den zunehmenden Einsatz von
KI im Fahrzeuginnenraum und immer komplexere Modelle zurückzuführen. Die
Skalierung der Leistung durch eine kontinuierliche Erhöhung der Größe und
Komplexität monolithischer SoCs stößt jedoch an praktische Grenzen.
Einschränkungen bei der Maskengröße, eine Verschlechterung der Ausbeute bei
großen Chips und Herausforderungen hinsichtlich der Leistungsdichte machen
diesen Ansatz zunehmend unattraktiv. Dies gilt insbesondere für
Automobilanwendungen mit strengen Anforderungen an Zuverlässigkeit und
Qualifizierung.
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Chiplet-Architekturen bieten einen alternativen Ansatz. Durch die
Aufteilung eines Systems in mehrere Siliziumchips innerhalb eines einzigen
Gehäuses lässt sich die Leistung flexibler und kostengünstiger skalieren. Für
den Einsatz im Automobilbereich liegt der Hauptvorteil nicht in der maximalen
Modularität als Selbstzweck, sondern in der Möglichkeit, Rechenleistung gezielt
dort hinzuzufügen, wo sie benötigt wird, ohne das gesamte SoC neu zu entwerfen.
R-Car Gen5 folgt dieser Philosophie, indem es ein leistungsstarkes Basis-SoC
mit der Option kombiniert, die Leistung durch zusätzliche Chiplets zu
erweitern, insbesondere für die KI-Beschleunigung.
Dieser Ansatz ermöglicht es OEMs und Tier-1-Zulieferern, eine gemeinsame
Hardwareplattform über verschiedene Fahrzeugklassen und Ausstattungsvarianten
hinweg zu nutzen. Gleichzeitig können sie die Leistung über optionale
Erweiterungen differenzieren. Einstiegsmodelle können auf der
Basiskonfiguration aufbauen, während höherwertig ausgestattete Varianten oder
spätere Aktualisierungen im Produktlebenszyklus zusätzliche Rechenressourcen
integrieren können. Wichtig ist, dass diese Skalierbarkeit so konzipiert ist,
dass sie die Anforderungen der Automobilindustrie wie funktionale Sicherheit,
langfristige Zuverlässigkeit und vorhersehbares Verhalten berücksichtigt.
Anstatt alle Chip-Dies über einen gemeinsamen Speicher eng miteinander zu
verknüpfen, legt die Architektur den Schwerpunkt auf geregelte Kommunikation
und klar definierte
Grenzen zur Fehlerisolierung.
Bild 3: Skalierbare SoC-Plattform mit Chiplet-RechenerweiterungenRenesas
Warum braucht das softwaredefinierte Fahrzeug ein einheitliches Softwaremodell?
Hardware-Modularität schafft nur dann einen Mehrwert, wenn sie die
Softwareumgebung nicht fragmentiert. Für SDVs sind die Wiederverwendbarkeit und
Portabilität von Software von entscheidender Bedeutung, da der Aufwand für
Validierung und Zertifizierung mit zunehmender Systemkomplexität rapide
ansteigt. Eine zentrale Anforderung besteht daher darin: Die Skalierung der
Hardware – sei es durch zusätzliche Prozessorkerne oder Chiplets – darf keine
grundlegenden Änderungen an der Softwarearchitektur erzwingen.
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R‑Car Gen5 und seine Chiplet-Erweiterungen sind so konzipiert, dass sie der
Software ein einheitliches logisches System präsentieren. Standardisierte
Schnittstellen, Virtualisierung und Abstraktionsschichten gewährleisten einen
konsistenten Zugriff auf Beschleuniger. Dabei ist es unerheblich, ob diese im
Basis-SoC integriert sind oder über ein Chiplet bereitgestellt werden. Aus
Sicht des Betriebssystems und der Anwendungen erscheinen zusätzliche
Rechenressourcen als Teil desselben Systems und nicht als Sonderlösungen.
Dieses einheitliche Softwaremodell reduziert den Integrationsaufwand und
begrenzt den Bedarf an variantenspezifischen Softwarezweigen. Es vereinfacht
zudem die langfristige Wartung, da Software-Updates und neue Funktionen auf
Basis einer konsistenten Plattformabstraktion entwickelt und validiert werden
können. Dies ist selbst dann möglich, wenn sich die zugrundeliegende Hardware
weiterentwickelt.
Offenes SDK und Toolchain für schnellere Markteinführung
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Mit zunehmendem Softwareumfang wird eine effiziente Entwicklung zu einem
entscheidenden Wettbewerbsfaktor. Hardware-Leistung allein reicht nicht aus,
wenn es zu lange dauert, Plattformen
in Betrieb zu nehmen und Software zu integrieren. Renesas begegnet dieser
Herausforderung mit einem offenen SDK und einer Toolchain, bekannt als RoX-Plattform
(R-Car Open Access), deren Basiskonfiguration das Whitebox SDK bildet.
Der Fokus liegt auf der Bereitstellung einer kohärenten,
produktionsorientierten Entwicklungsumgebung statt auf einer Sammlung nicht
zusammenhängender Tools. Linux und Android bilden die Grundlage für
High-Level-Software, ergänzt durch Virtualisierungsunterstützung und Optionen
für Echtzeitbetriebssysteme, wo dies erforderlich ist. Standard-APIs und offene
Schnittstellen kommen zum Einsatz, um Lock-in-Effekte zu minimieren und die Portierbarkeit
über Projekte und Hardwaregenerationen hinweg zu erleichtern.
Ein besonders wichtiger Aspekt ist die Möglichkeit, bereits frühzeitig mit
der Softwareentwicklung zu beginnen. Virtuelle Plattformen und cloudbasierte
Entwicklungsumgebungen ermöglichen es Design-Teams, mit der Integration, dem
Testen und CI/CD-Workflows zu beginnen, noch bevor die endgültige Hardware
verfügbar ist. Dieser sogenannte Shift-Left-Ansatz reduziert das Risiko von
Integrationsproblemen in späten Projektphase und verkürzt die Gesamtentwicklungszeit.
Das ist ein zunehmend wichtiger Vorteil, da die Anzahl der Fahrzeugprogramme
zunimmt und der Softwareumfang wächst.
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Bild 4: Offene RoX-Plattform für SDVsRenesas
Welche Vorteile haben OEMs und Tier-1-Zulieferer durch R-Car Gen5?
Die Kombination aus zentraler Rechenleistung, Chiplet-basierter
Skalierbarkeit und einer offenen Toolchain hat bedeutende Auswirkungen auf die Systemebene.
OEMs erhalten die Möglichkeit, stabile Rechen- und Softwareplattformen zu
definieren, die mehrere Fahrzeuggenerationen umfassen. Dadurch lassen sich Softwareinvestitionen
nachhaltig nutzen und häufige Architekturänderungen reduzieren.
Tier-1-Zulieferer profitieren von klar definierten Integrationszielen und einer
gemeinsamen Entwicklungsumgebung. Dies verringert Doppelaufwand und beschleunigt
die Zusammenarbeit.
Aus Lebenszyklusperspektive unterstützt dieser Ansatz eine schrittweise
Leistungsskalierung und Funktionserweiterung, ohne dass es in späten Programmphasen
zu disruptiven Hardwareänderungen kommt. Er eignet sich zudem gut für die
OTA-gesteuerte Bereitstellung von Funktionen, bei der neue Funktionen auch
Jahre nach dem Produktionsstart eingeführt werden können. Dies setzt allerdings
ausreichende Rechenkapazitäten oder modulare Upgrade-Pfade voraus.
Warum wird Skalierbarkeit zur Schlüsselfrage für softwaredefinierte Fahrzeuge?
Der Übergang zu softwaredefinierten Fahrzeugen zeigt die Grenzen
traditioneller Ansätze im Bereich Automotive-Computing auf. Zentralisierte
Rechenplattformen werden unverzichtbar, müssen jedoch skalierbar,
softwarefreundlich und für die langen Lebenszyklen im Automobilbereich geeigSnet
sein. R-Car Gen5 kombiniert eine zentrale Rechenarchitektur mit
Chiplet-basierter Skalierbarkeit sowie einem offenen SDK und einer Toolchain,
um diese Anforderungen auf Systemebene zu erfüllen.
Der Fokus verlagert sich von immer größeren monolithischen SoCs hin zu
Modularität, Wiederverwendbarkeit und Entwicklungseffizienz unter realen Automotive-Rahmenbedingungen.
Skalierbare Rechen- und einheitliche Softwareplattformen sind für OEMs und
Tier-1-Zulieferer keine optionalen Optimierungen mehr, sondern grundlegende
Elemente für wettbewerbsfähige SDV-Architekturen.
Autor:
Peter
Bechberger, Director, SoC Product Marketing, Renesas