Virtuelle Entwicklung verändert die Fahrzeugarchitektur

Wenn Hardware zu spät kommt – und Software zu früh ist

Die Automobilindustrie kämpft nicht nur mit Chipmangel, sondern mit einem strukturellen Timingproblem: Hardwarezyklen dauern Jahre, Software entwickelt sich in Monaten. Neue Entwicklungsansätze verschieben deshalb den Startpunkt der Fahrzeugentwicklung.

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Die jüngsten Chipengpässe haben die Automobilindustrie Milliarden gekostet. Wenn man ein Auto bauen will und keine Chips einbauen kann, ist jedem das Problem klar. Doch auch ohne Lieferengpässe existiert seit Jahren ein immer größer werdendes Problem das mit dem Timing von Chips zu tun hat: Das grundlegende Problem der Branche ist nicht, dass zu wenige Chips gebaut werden können, sondern dass Entwickler viel zu spät mit neuer Hardware arbeiten dürfen. Chip-Hersteller und Hersteller von etwa Fahrzeugen oder Maschinen begegnen sich meist erst dann, wenn die entscheidenden Software- und Architekturfragen längst beantwortet sind. Zu diesem Zeitpunkt steht fest, was das Fahrzeug können soll, wie seine Funktionen aufgebaut sind und wie sie zusammenspielen. Wenn das Auto schließlich auf den Markt kommt, ist der eingesetzte Chip technologisch oft schon ein Kompromiss aus der Vergangenheit.

Warum geraten Hardware- und Softwarezyklen unter Druck?

Das ist kein Sonderfall der Pandemie, sondern ein struktureller Widerspruch. Software hat ihren Rhythmus verändert. Sie entwickelt sich heute in Wochen und Monaten. Hardware dagegen folgt Zyklen von Jahren. Die beiden Welten laufen aus dem Takt. Software ist zu schnell geworden, Hardware ist eben langsam. Genau dieser Bruch verhindert, dass Fahrzeuge wirklich als kontinuierlich weiterentwickelbare Systeme gedacht werden können.

Über Jahrzehnte war die Reihenfolge klar: Erst kommt die Hardware, dann die Software. Entwickler warteten auf erste Muster, auf Testplatinen, auf Seriennähe. Währenddessen wurde geplant, spezifiziert und abgesichert. Wenn die Software schließlich auf realer Hardware lief, war vieles bereits festgeschrieben. Änderungen wurden teuer, riskant oder schlicht unmöglich. Innovation fand spät statt – zu spät.

Vom hardwaregetriebenen zum systemgetriebenen Denken

Doch dieses Modell passt nicht mehr zu Systemen, die sich ständig verändern und erweitern sollen. Der entscheidende Schritt ist dabei nicht einfach eine bessere Simulation. Virtuelle Maschinen gibt es seit langem. Der eigentliche Wandel besteht darin, Software nicht mehr für einen bestimmten Chip zu schreiben, sondern für ein gesamtes System – unabhängig davon, welche Hardware später darunterliegt.

Man kann sich das vorstellen wie beim Hausbau. Statt sich früh auf einen bestimmten Ziegelhersteller festzulegen, entwirft man zuerst den Grundriss. Man entscheidet, wo Räume liegen, wie Leitungen verlaufen und welche Teile besonders tragfähig sein müssen. Erst später wird entschieden, welches Material konkret verwendet wird. Fällt ein Lieferant aus, bleibt der Bauplan gültig.

Übertragen auf auf ein modernes Hightech-Produkt bedeutet das: Funktionen, Datenflüsse und Sicherheitsanforderungen werden zunächst systematisch beschrieben und ausführbar gemacht, ohne dass sie von frühen Entscheidungen für einen bestimmten Prozessor oder ein bestimmtes Betriebssystem abhängen. Diese Beschreibung ist kein theoretisches Dokument, sondern reale Software, die laufen kann – sowohl in virtuellen Umgebungen als auch auf echten Testsystemen. Der gleiche Code kann dabei auf unterschiedlichen Chips ausgeführt werden. Ein Wechsel der Plattform wird zu einer Anpassung der Konfiguration, nicht zu einem Neuschreiben der Anwendung.

Entwicklung beginnt mit der Software

Damit verschiebt sich der Startpunkt der Entwicklung. Software entsteht nicht mehr am Ende der Kette, sondern ganz am Anfang. Architekturentscheidungen werden getroffen, während sie noch veränderbar sind. Hardware- und Softwareteams arbeiten parallel statt nacheinander. Zeit, Qualität und Lernkurven verbessern sich gleichzeitig.

Diese Verschiebung verändert auch das Verhältnis zwischen Chip-Herstellern und Fahrzeugherstellern. Es entsteht eine neue Form der Zusammenarbeit, lange bevor ein Fahrzeug gebaut wird. In diesem frühen Markt werden die entscheidenden Fragen gestellt: Wie viel Rechenleistung wird tatsächlich benötigt? Wo entstehen Verzögerungen? Welche Teile müssen besonders abgesichert laufen, welche dürfen flexibel bleiben? Antworten entstehen nicht mehr aus Datenblättern oder Annahmen, sondern aus realem Verhalten laufender Software.

Bisher wurden solche Entscheidungen oft durch bestehende Lieferketten und historische Abhängigkeiten geprägt. Man griff auf Bewährtes zurück, weil Alternativen schwer vergleichbar waren. Wenn Software jedoch unabhängig von der Hardware entworfen und früh getestet werden kann, verschiebt sich diese Logik. Die geplante Softwarearchitektur bestimmt, welche Hardware sinnvoll ist – nicht umgekehrt.

Neue Zusammenarbeit zwischen OEMs und Chipindustrie

Das ist besonders relevant in einer Zeit, in der sich Fahrzeugarchitekturen grundlegend verändern. Viele kleine, isolierte Steuergeräte weichen zunehmend zentralen Rechnern und zonalen Konzepten. Unterschiedliche Recheneinheiten, von leistungsstarken Prozessoren bis zu sicherheitskritischen Controllern, arbeiten eng zusammen, oft sogar unter einem gemeinsamen Gehäuse. Die Software muss darauf vorbereitet sein. Funktionen müssen verschiebbar sein, Komponenten miteinander sprechen können, Sicherheitsanforderungen differenziert umgesetzt werden.

Genau hier lag bisher ein zentrales Dilemma. Hersteller mussten sich früh festlegen, ohne belastbare Erkenntnisse zu haben. Welche Leistungsreserven werden wirklich gebraucht? Wo entstehen Engpässe? Welche Teile der Software müssen besonders geschützt laufen, welche können unter einfacheren Bedingungen betrieben werden? Antworten darauf gab es oft erst, wenn Hardware bereits bestellt oder validiert war. Änderungen zu diesem Zeitpunkt verursachten enorme Kosten.

Längere Planungsphasen sind dafür keine Lösung. Mehr Papier macht Entscheidungen nicht besser, sondern langsamer. Während noch spezifiziert wird, entwickeln andere bereits Funktionen. Virtuelle Entwicklung verschiebt Erkenntnisse nach vorne, nicht durch längeres Nachdenken, sondern durch frühes Ausprobieren mit realer Software.

Diese Arbeitsweise verändert auch die internen Strukturen der Hersteller. Einkauf, Vorentwicklung und Serienentwicklung rücken näher zusammen. Architekturentscheidungen lassen sich faktenbasiert diskutieren, statt entlang historischer Beziehungen getroffen zu werden. Das reduziert Risiken und stärkt die eigene Verhandlungsposition gegenüber Plattform- und Halbleiteranbietern.

Auch für Chip-Hersteller selbst entsteht ein neues Spielfeld. Wer frühzeitig reale Software auf virtuellen Plattformen ermöglicht, wird nicht mehr nur über theoretische Kennzahlen wahrgenommen. Entwickler erleben, was eine Architektur leisten kann. Entscheidungen entstehen aus Nutzung, nicht aus Versprechen. Zusammenarbeit verlagert sich nach vorne – dorthin, wo sie noch bezahlbar und wirkungsvoll ist.

Welche strategische Bedeutung hat der Ansatz für Europa?

Gerade für europäische Hersteller ist diese Entwicklung strategisch relevant. Wer früher entscheidet, entscheidet nicht nur schneller, sondern unabhängiger. Abhängigkeiten von einzelnen Plattformen oder proprietären Ökosystemen lassen sich reduzieren. Geschwindigkeit entsteht nicht durch Druck, sondern durch Struktur.

Die Chipkrise hat gezeigt, wie verletzlich globale Lieferketten sind. Die Antwort darauf liegt nicht allein in neuen Fabriken, sondern in besseren Entscheidungen – und darin, sie früher zu treffen.

Die Automobilindustrie spricht seit Jahren vom “Software-Defined Vehicle” (SDV). Doch solange Software auf Hardware warten muss, bleibt es ein Versprechen. Erst wenn Software vor Hardware beginnen darf, wird dieses Versprechen einlösbar. Die nächste große Effizienzsteigerung der Branche entsteht nicht in der Produktion, sondern dort, wo Systeme heute erstmals vollständig gedacht, ausprobiert und verstanden werden können – lange bevor der erste Chip physisch existiert. (bs)

Autor

Stefan Nürnberger, Gründer und CEO von Veecle

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