ZVEI-Umfrage zeigt technologische Aufbruchstimmung

Elektro- und Digitalindustrie setzt auf industrielle KI

Eine Umfrage des ZVEI zeigt, das fast jedes zweite Unternehmen industrielle KI-Anwendungen produktiv einsetzt, hohe Investitionen plant und kurze Amortisationszeiten erwartet. So könnte die Branche 2026 nach drei schwierigen Jahren erstmals wieder wachsen.

Minimalistische Illustration einer Europakarte als Leiterplatte auf dunkelgrünem Hintergrund. Die Umrisse Europas sind aus kupferfarbenen Leiterbahnen, Kontaktpunkten, Pads und elektronischen Verbindungen gestaltet. Mehrere schwarze Mikrochips und Bauteile sitzen auf zentralen Regionen des Kontinents und sind über feine PCB-Strukturen miteinander verbunden. Nach Osten laufen zahlreiche Leiterbahnen aus der Europakarte heraus und verstärken den Eindruck eines vernetzten elektronischen Systems. Die Grafik visualisiert Europa als industrielle Elektronikplattform und steht sinnbildlich für den Ausbau von PCB-, IC-Substrat- und Elektronikfertigung im Rahmen des European Defence Industry Programme (EDIP). Das Bild vermittelt Themen wie Verteidigungselektronik, europäische Industriepolitik, technologische Souveränität, Lieferketten, Kapazitätsaufbau und strategische Fertigung in Europa.
Europa braucht endlich mehr gezieltes Datenteilen, das den Schutz von Knowhow im Unternehmen wahrt und zugleich entstehende Wertschöpfung fair verteilt.

Wie eine aktuelle ZVEI-Mitgliederbefragung zeigt, verändern industrielle KI-Anwendungen die Unternehmen in hohem Maße. Denn nahezu alle Unternehmen befassen sich mit industrieller KI und wollen Wachstumschancen nutzen. Folglich planen sie hohe Investitionen. Mehr als die Hälfte der Befragten kann dies bereits konkret quantifizieren und will zwischen 10 und 25 Prozent der Gesamtinvestitionen für industrielle KI aufwenden. Dabei gehen 60 Prozent der Unternehmen davon aus, dass sich diese Investitionen nach spätestens ein bis zwei Jahren wirtschaftlich auszahlen.

Bevor sich das Potenzial von industrieller KI aber vollends entfalte, müssten die Unternehmen noch Hausaufgaben erledigen, mahnt ZVEI-Präsident Dr. Gunther Kegel an. Weiterhin sei die Bereitschaft zum Datenteilen entlang der Wertschöpfungskette unzureichend. Die Umfrage lässt erkennen, dass kleine Unternehmen hier besonders zurückhaltend sind. Knapp 80 Prozent teilen ihre Daten bisher nicht; bei den Großen sind es nur 10 Prozent.

Ohne mehr gezieltes Datenteilen, das den Schutz von Knowhow im Unternehmen wahrt und zugleich entstehende Wertschöpfung fair verteilt, würde das Potenzial industrieller KI unausgeschöpft bleiben und der deutsche und europäische Industriestandort gegenüber China an Stärke verlieren, dem größten Wettbewerber bei industrieller KI laut Umfrage. Passen müsse aber auch der rechtliche Rahmen. KI-Regulatorik im EU AI Act müsse industrietauglicher werden, damit die hiesige Industrie ihre Stärken im globalen Wettbewerb ausspielen kann.

2026: Reales Produktionsplus erwartet

Aber auch in vielen anderen Bereichen drückt die Last überbordender Regularien. Hier sei Bundesregierung im Obligo und müsse den Reformstau endlich auflösen, um die überfällige Effizienzwende beherzt umzusetzen. Deutschland brauche mehr Freiheit für Unternehmergeist: niedrigere Steuern, kein unnötiges ‚Gold Plating‘ wie beim Lieferkettensorgfaltsgesetz und konsequentes Weiterverfolgen der Elektrifizierung, um resilienter zu werden.

Das ergebe sich aus der geopolitischen Weltlage und sei insbesondere deshalb wichtiger denn je, weil Deutschland die dafür erforderlichen Hebel selbst in der Hand halte. Unter der Voraussetzung, dass sich die Lage im Iran im zweiten Quartal normalisiert, hält der ZVEI an der Jahresprognose für 2026 fest. Der Verband erwartet demnach ein reales Produktionsplus von 2 Prozent. Bislang lägen die Auftragseingänge der Branche über den Vorjahreswerten. Abzuwarten blieben aber die Effekte des Irankrieges, die in den ausgewerteten Daten noch keinen Niederschlag finden. „In diesen weltpolitisch herausfordernden Zeiten erkennen wir den hohen Wert des EU-Binnenmarkts. Hier spiegelt sich ein auffällig starker Anstieg, während das Geschäft mit dem Rest der Welt schwieriger wird“, betont Dr. Kegel. Europa müsse alles daransetzen, die eigene Wettbewerbsfähigkeit und Resilienz zu stärken.

Plattform für Sicherheits- und Verteidigungsindustrie

Europa und Deutschland stehen vor der Aufgabe, ihre Verteidigungsfähigkeit eigenständig zu gewährleisten. Dabei wird deutlich: Diese entsteht nicht mehr nur bei den klassischen Systemhäusern der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie (SVI), sondern entlang der gesamten industriellen Wertschöpfungskette. Der notwendige Hochlauf zur Verteidigungsfähigkeit erfordert eine breite industrielle Basis. Der Elektronikanteil an Verteidigungsgütern steigt kontinuierlich – von rund 10 Prozent im Jahr 2000 auf perspektivisch rund 25 Prozent im Jahr 2035.

Derzeit erschweren aber die spezifischen rechtlichen und regulatorischen Anforderungen, hohen Sicherheitsauflagen sowie gesonderte Zertifizierungen, Normen und Standards den Zugang zum SVI-Markt. Diese Vorgaben müssen gerade für neue Akteure aus dem zivilen Bereich besser erschließbar werden. Dazu gehöre unter anderem die Modernisierung des Beschaffungswesens – mit klaren Verantwortlichkeiten, standardisierten Vertrags- und Vergabemodellen sowie professionellem Lieferketten-Risikomanagement. Zentral sei etwa ein strukturierter Marktdialog, der die vorhandenen Fähigkeiten der gesamten Industrie frühzeitig einbindet.

Moderne Verteidigungssysteme basieren zunehmend auf Elektronik und Software. Schlüsseltechnologien wie Sensorik, Leistungselektronik, Software und Datenkommunikation stammen dabei überwiegend aus der zivilen Industrie. Vor diesem Hintergrund hat der ZVEI die Plattform „Sicherheit und Verteidigung“ ins Leben gerufen. Deren Ziel ist es, Mitgliedsunternehmen Orientierung beim Eintritt in die Sicherheits- und Verteidigungsindustrie zu geben und ihre Position im Markt zu stärken.