Digitale Zwillinge tragen dazu bei, die Designmethodik von Halbleitern und Systemen in der Automobilindustrie neu zu gestalten. Sie ermöglichen die Entwicklung von wirklich softwaredefinierten Fahrzeuge.
Conhas ThakkarConhasThakkar
6 min
PAVE360 Automotive ist eine neue Kategorie von Digital-Twin-Software. Sie wurde entwickelt, um der zunehmenden Komplexität der Integration von Automobil-Hardware und -Software gerecht zu werden.Siemens
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Moderne Fahrzeuge werden
heute nicht mehr nach PS oder Drehmoment definiert. Vielmehr zeichnen sie sich
durch die Intelligenz und Anpassungsfähigkeit der verwendeten Software sowie
durch die Erwartungen der Verbraucher an ein stetig verbessertes Fahrerlebnis
aus.
Automobilhersteller haben
inzwischen erkannt, dass sie zur Erfüllung dieser Erwartungen eher einen
softwareorientierten Ansatz verfolgen müssen, anstatt feste
Hardwarearchitekturen zu entwickeln und diese anschließend mit einer
Softwareschicht zu überlagern. Der Vormarsch des softwaredefinierten Fahrzeugs
(SDV) stellt somit einen Paradigmenwechsel im Automobilbau dar.
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Warum geraten klassische Entwicklungsmodelle an ihre Grenzen?
Traditionell verfolgte
die Automobilindustrie ein Entwicklungsmodell, bei dem die Hardware an erster
Stelle stand. In diesem Modell wird die Fahrzeugarchitektur lange vor Beginn
der Softwareentwicklung finalisiert. Dies ist ineffizient und verzögerungsanfällig.
Wenn zum Beispiel mitten
in der Entwicklung neue Sicherheits- oder Infotainmentfunktionen aufkommen,
haben die Hersteller Schwierigkeiten, diese zu integrieren, weil die
Elektronikarchitektur des Fahrzeugs und die elektronischen Steuergeräte (ECUs)
bereits abschließend definiert sind. Dies führt häufig zu Verzögerungen bei der
Markteinführung von Fahrzeugen oder der Verschiebung innovativer Funktionen der
nächsten Generation, was die Wettbewerbsfähigkeit der Marke und die
Verbraucherwahrnehmung schädigen kann.
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Die Entwicklung von Autos
zu vernetzten, intelligenten Systemen zeigt, dass das hardwareorientierte
Design nicht flexibel genug ist, um Hunderte von Sensoren, Steuergeräten und
KI-gesteuerten Funktionen zu integrieren. Selbst eine scheinbar einfache Softwareänderung,
wie das Hinzufügen einer neuen Fahrerassistenzfunktion, kann monatelange
Neuvalidierungen und erneute Hardwaretests nach sich ziehen. Da
Unterhaltungselektronik und Mobilitätsdienstleistungen alle paar Monate
erneuert werden, ist das träge, isolierte Entwicklungsmodell nicht mehr
nachhaltig.
Diese Probleme, in
Verbindung mit der Notwendigkeit, die Markteinführungszeit zu beschleunigen und
Alleinstellungsmerkmale zu bieten, die Verbraucher begeistern, bedeuten, dass
die Softwareentwicklung künftig nicht mehr im Nachgang realisiert werden kann. Sie
muss von Anfang an in den Hardwareentwicklungsprozess eingebunden werden.
Bei einem
„Shift-Left“-Ansatz können Ingenieure/Entwickler mit Software-Workloads
beginnen und diese viel früher im Verlaufe des Entwicklungszyklus auf einem
digitalen Zwilling des Fahrzeugs und seiner Elektronik validieren.
Systemarchitekten können jetzt kontinuierlich KI-gestützte Anwendungen
entwickeln und testen, z. B.:
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Wahrnehmungsstacks für autonomes Fahren;
Entscheidungskompetenzen;
Erweiterte Fahrerassistenzsysteme (ADAS);
Konnektivität;
Infotainmentsysteme.
Die Entwicklung mithilfe
virtueller ECUs und Halbleitermodelle ermöglicht die Optimierung der Hardware
auf die tatsächlichen Softwareanforderungen.
Frühzeitige
Bereitstellung eines digitalen Zwillings spart Zeit und Geld
Abbildung 1. Oben: Herkömmlicher Hardware- und Software-Entwicklungszyklus. Unten: Ein effizienterer Ansatz mit virtueller Hardware.Siemens
Der traditionelle
Entwicklungsablauf ist in der oberen Hälfte von Abbildung 1 dargestellt.
Die untere Hälfte zeigt einen digitalen Entwicklungsfluss, bei dem die
Co-Entwicklung viel früher gestartet werden kann. Mit diesem Ansatz kann die
Softwareentwicklung mindestens sechs Monate früher beginnen und ohne
Auswirkungen auf den Lieferplan zusammen mit der Hardware getestet werden.
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Tier-1-Unternehmen und
OEMs wollen sich vom herkömmlichen Hard- und Softwareentwicklungszyklus lösen.
Durch den frühen Einsatz digitaler Zwillinge im Entwicklungsprozess können
Ingenieure testen, wie unterschiedliche Hardwarearchitekturen auf Software-Workloads
reagieren, z. B. in Form von KI-basierter Wahrnehmung oder
Echtzeitnavigation. Dadurch wird das Risiko kostspieliger Neuentwicklungen
verringert. Zudem kann eine pünktliche Lieferung oder sogar eine schnellere
Markteinführung gewährleistet werden.
KI-Workloads haben
erheblichen Einfluss auf die Optimierung der Chipsatzfunktionen
Künstliche Intelligenz
ist heute fester Bestandteil des Autos. Viele Funktionen werden von KI-Modellen
unterstützt, darunter:
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Fortschrittliche Fahrerassistenzsysteme;
Spurführung;
Adaptiver Tempomat;
Autobahn-Pilot;
Kollisionsvermeidung.
Diese Funktionen
erfordern enorme Datenverarbeitungskapazitäten, schnelle Berechnungen und
kontinuierliches Lernen aus realen Fahrszenarien.
Im Gegensatz zu
herkömmlichen Automobil-Steuergeräten, die fest für spezielle Aufgaben
(z. B. Motor- oder Bremssteuerung) entwickelt wurden, erfordern
KI-gesteuerte Workloads eine spezialisierte Halbleiterhardware, die einen
enormen Rechendurchsatz, eine geringe Latenz bei der Datenübertragung und eine
hohe Energieeffizienz realisieren kann. Beispiele:
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Hochleistungs-SoCs (System-on-Chips), wie NVIDIA Drive oder Qualcomm Snapdragon Ride, die CPUs, GPUs und neuronale Verarbeitungseinheiten (NPUs) für Erkennung und Entscheidungsfindung integrieren.
Speicher-Subsysteme wie LPDDR5 und Speicher mit hoher Bandbreite, die eine schnellere Datenübertragung zwischen Sensoren und Prozessoren ermöglichen.
NoCs (Network-on-a-Chip), die parallel KI-Inferenzen verarbeiten und Kommunikation zwischen verteilten ECUs verwalten.
Die nächste Generation
autonomer Fahrzeugfunktionen wird noch komplexer sein, was dynamischere
Rechenressourcen mit hoher Bandbreite erfordert. Spätestens von diesem Moment
an werden digitale Zwillinge verwendet, um schnell mehrere potenzielle
Chipsatzkonfigurationen zu bewerten. Dies wäre mit echten SoCs viel zu teuer
und zeitaufwändig.
Für noch realistischere
Ergebnisse sollten Halbleiterlieferanten in der Lage sein, die Workloads aus
aktuellen, realen Fahrdaten zu simulieren. Durch die Validierung von
Siliziumarchitekturen in virtuellen Fahrzeugumgebungen können Chiphersteller
frühzeitig Engpässe vorhersagen, die Leistung optimieren und KI-fähige
Halbleiter liefern, die bessere und anpassungsfähigere Fahrzeuge ermöglichen.
Warum ist durchgängige Validierung im SDV entscheidend?
Eines der wesentlichen
Probleme der aktuellen Methodik bei der Fahrzeugentwicklung besteht darin, dass
Teile der Entwicklung überwiegend isoliert voneinander durchgeführt werden.
Nach der Definitionsphase entwickeln Teams bis zur vollständigen
Systemintegration ihre Systeme parallel und isoliert mit wenig bis keiner
Interaktion.
Effizienter Code kann
nicht isoliert vom Rest des Systems entwickelt werden. Das ist aber nicht das einzige
Problem. Wenn eine vollständige Systemvalidierung erst nach der Lieferung der
Hardware möglich ist, können größere Probleme zu unmittelbaren und
möglicherweise katastrophalen Verspätungen des Zeitplans führen.
Um diese Probleme zu
beheben, bietet sich der Einsatz einer digitalen Zwillingsplattform an, mit der
sich vollständige Systeme simulieren lassen. Damit die Ergebnisse so genau wie
möglich sind, sollten auch reale Inputs und Hardware integriert werden.
Weiterentwicklung der
SDV-Funktionen erfordert kontinuierliche Validierung und Tests
Softwaredefinierte
Fahrzeuge sind keine statischen Produkte, die nach einigen Jahren obsolet
werden. Vielmehr handelt es sich um sich stetig weiterentwickelnde Plattformen.
Diese Autos lassen sich kontinuierlich aktualisieren, sodass lange nach dem
Kauf neue Funktionen zur Verfügung stehen.
Für den Eigentümer
bedeutet das mehr Sicherheit, ein verbessertes Fahrerlebnis und eine längere
Lebensdauer des Fahrzeugs. Für Automobilhersteller schaffen softwaredefinierte
Fahrzeuge neue Einnahmequellen durch Abonnements und Feature-on-Demand-Dienste.
In diesem Szenario kann
ein Systementwickler nicht einfach einen Chipsatz ohne zukunftssichere
Perspektive wählen oder in Isolation ein effizientes Programm schreiben.
Außerdem ist eine stabile, anpassbare Simulationsumgebung erforderlich, die in
der Lage ist, vollständige Systeme über den gesamten SDV-Entwicklungsablauf
hinweg zu bewerten.
Letzten Endes ist die
Realisierung eines voll softwaredefinierten Fahrzeugkonzepts ohne den Einsatz
digitaler Zwillinge nicht möglich. Und auch hierbei darf nicht unsystematisch
vorgegangen werden. Stattdessen braucht es eine ganzheitliche Umgebung, die alle
Modelle, Tools und Hardware auf einer Plattform mit synchronisierter
Kommunikation integriert. Zudem sollte sie skalierbar sein und mit Designs
wachsen, um jede Phase des Entwicklungszyklus abzudecken.
Abbildung 2. Der durchgängige digitale Ansatz mit dem integrierten Entwicklungs-Workflow Siemens PAVE360 für softwaredefinierte Fahrzeuge.Siemens
Abbildung 2
veranschaulicht, wie ein integrierter Entwicklungsablauf für SDV den
durchgängigen Ansatz eines digitalen Zwillings ermöglicht. Es handelt sich um
eine offene Lösung, die auf Automobilstandards basiert und zum Aufbau einer
Plattform verwendet werden kann, die eine 360-Grad-Ansicht der Interaktion von
Chips, ECUs, Softwarestacks und Fahrzeugnetzwerken bietet.
Verwendung einer Plattform
mit digitalem Zwilling zum Entwerfen und Testen von SDVs
Ein mehrstufiger
digitaler Zwilling sollte über das gesamte Fahrzeugdesign hinweg skalierbar
sein und als maßgebliche Referenz (Single Source of Truth, SSOT) innerhalb
eines Unternehmens dienen.
Systemarchitekten
können eine digitale Zwillingsumgebung für die Architekturauswahl verwenden, um
mehrere SoCs in derselben Schleife zu testen. Dazu wird eine ähnliche
Softwarearchitektur auf verschiedenen Modellen des SoC bereitgestellt und ihre
Leistung für das gegebene Szenario analysiert. Dann können sie mithilfe von Simulationen das beste SoC für ihre
Anwendungsfälle auswählen, anstatt sich vollständig auf die Datenblätter der
Chiphersteller zu verlassen.
Durch die Verwendung der
nativen Beschleunigung in der Cloud ist nun auch eine Softwareentwicklung vor
der Verfügbarkeit der Hardware möglich. Zum Beispiel bietet Innexis Architecture
Native Acceleration (ANA) fast
eine Echtzeitleistung und überwindet somit die Probleme, die normalerweise mit
langsamen virtuellen Modellen verbunden sind. Sie ist für führende IP-Systeme
der nächsten Generation in der Automobilindustrie wie Arm Zena-CSS erhältlich.
So können OEMs jetzt ihre
Software frühzeitig entwickeln und IP-Partner Softwareökosysteme erstellen,
bevor die Hardware verfügbar ist. Systemarchitekten nutzen dann die Plattform
mit digitalem Zwilling, um über das VSI-Tool eine Simulation ihres gesamten
Systems zu erstellen, die entwickelte Software zu testen und die Systemleistung
in mehreren Szenarien mit Inputs aus der realen und virtuellen Welt zu
validieren.
Tools wie CARLA erlauben
es Systemingenieuren, mehrere reale Szenarien auszuführen und zu validieren.
Dies stellt sicher, dass Hard- und Software über Millionen von Kilometern
simulierter Szenarien ihre Leistungsfähigkeit beweisen. Diese Bemühungen erleichtern
auch die nachträgliche Zertifizierung nach technischen, sicherheitstechnischen
und rechtlichen Standards.
Ebenso können
Systemarchitekten ihre mechanischen Modelle bewerten, indem sie die
Amesim/PyBamm/FMU3.0-Modelle in ihre Simulation oder das Netzwerk integrieren.
Systemtests lassen sich immer auf die Anforderungen in derselben Schleife
zurückführen, und Designiterationen ermöglichen es, die erforderliche Reife
schnell zu erreichen. Sind die Systemarchitekten mit ihrem Design zufrieden
sind, können sie damit beginnen, die eigentliche Hardware einzubinden.
Wie können Over-the-Air-Updates zuverlässig geprüft werden?
Eines der Merkmale von
SDVs ist die Möglichkeit der Weiterentwicklung über Over-the-Air-Updates. Mit
dem digitalen Zwilling sind Systemarchitekten in der Lage, Softwareupgrades zu entwickeln,
während die Autos noch auf der Straße unterwegs sind. Architekten können jede
Softwareversion mit dem digitalen Zwilling der Hardware simulieren und
sicherstellen, dass Updates die Sicherheit oder Leistung nicht beeinträchtigen.
Nach strengen Tests ist die Software in Millionen von Fahrzeugen auf der Straße
einsetzbar, ohne Menschenleben in der realen Welt zu gefährden.
Der digitale Zwilling als Grundlage moderner Fahrzeugentwicklung
Der zunehmende Einsatz
softwaredefinierter Systeme transformiert die Automobilindustrie von einem
fertigungsorientierten Wirtschaftszweig in ein technologie- und
innovationsgestütztes Ökosystem. SDVs definieren neu, wie Automobilhersteller
in einem sich schnell verändernden Markt Mehrwert bieten.
Mit umfassenden digitalen
Zwillingsumgebungen können Systemarchitekten vor der Bereitstellung Fehler
sicher simulieren, neue Algorithmen testen und Updates in einer vollständig
virtuellen Umgebung validieren. Dies sorgt nicht nur für Zuverlässigkeit und Sicherheit,
sondern verkürzt auch signifikant den Entwicklungszyklus. Automobilhersteller sind
nun in der Lage, die Markteinführungszeit zu verkürzen, die Garantiekosten zu senken
und den Lebenszykluswert jedes Modells durch kontinuierliche softwaregesteuerte
Verbesserungen zu verlängern.
Im Wesentlichen
ermöglichen SDVs Automobilherstellern, sich eher wie Softwareunternehmen zu
verhalten: agil, datengetrieben und kundenorientiert. Sie können Fahrerlebnisse
personalisieren, digitale Dienste profitabel vermarkten und eine stärkere
Markentreue aufbauen, während sie gleichzeitig die Risiken und Kosten
reduzieren, die mit der traditionellen Fahrzeugentwicklung verbunden sind. Das
Ergebnis ist eine intelligentere, sicherere und nachhaltigere automobile
Zukunft – eine, in der Innovation so schnell voranschreitet wie die
Software, die sie antreibt. (bs)
Autor
Conhas
Thakkar, leading Technical Solution Architect bei Siemens EDA