xBOM: Das Vertrauen in softwaredefinierte Mobilität
Rückrufe und Sicherheitslücken zeigen: Ohne Transparenz über Software, Modelle, Firmware und Dienste fehlen Kontrolle und Vertrauen. xBOM schafft Klarheit im Fahrzeug–Edge–Cloud-System. Die ist das Fundament für Sicherheit, Compliance und beschleunigte Innovation.
Daniel JablonskiDanielJablonski
3 min
Warum xBOM für Rückverfolgbarkeit, Sicherheit und Updates in softwaredefinierten Fahrzeugen unverzichtbar wird, weit über die SBOM hinaus.Catsby_Art - stock.adobe.com
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Eine Regulierungsbehörde ordnet einen
Over-the-Air-(OTA)-Rückruf für Millionen von Fahrzeugen an, nachdem die
Fahrerüberwachung als unzureichend eingestuft wurde. Die Korrektur betrifft
„nur Software“ – doch die Untersuchung legt verstreute Bestände offen, schwache
Rückverfolgbarkeit über Steuergeräte (ECUs) und Cloud-Backends hinweg sowie
keinen einheitlichen Nachweis darüber, welche Fahrzeugkomponenten tatsächlich
von der neuen Sicherheitslücke betroffen sind. Händlernetzwerke, ohnehin
belastet durch den Ausfall einer Drittanbieterplattform, kämpfen damit, zu
verifizieren, welche VINs betroffen sind und was wann installiert wurde.
Angesichts jüngster Rückrufe, Ausfälle und
Untersuchungen wirkt dieses hypothetische Szenario beunruhigend real. Was
fehlt: eine in Echtzeit abfragbare erweiterte Stückliste (xBOM), die Software,
Firmware, Kryptografie, KI-Modelle, Daten und Cloud-Dienste umfasst, damit die
Frage „Was ist wo drin?“ in wenigen Minuten statt in Wochen beantworten werden
kann.
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Warum xBOM jetzt dringend erforderlich ist
Das Auto ist heute eines der komplexsten
digitalen und verbraucherorientierten Produkte. Lieferketten lernen
gleichermaßen aus den Erfahrungen von Krisen wie aus den Anforderungen der
Regulierung. Aus beiden Perspektiven ergibt sich derselbe Auftrag: zu verstehen,
was Fahrzeuge im Kern ausmacht und antreibt. Doch solange die einzelnen
Komponenten im Verborgenen bleiben, lassen sie sich weder zuverlässig absichern
noch verbessern.
Die aktualisierten Vorschriften der UNECE
verlangen eine detaillierte Dokumentation von Software-Updates; der Cyber
Resilience Act (CRA) der EU nutzt SBOMs zur Identifizierung von Schwachstellen
und beschränkt die obligatorische Weitergabe an Marktüberwachungsbehörden auf
bestimmte Umstände. Die Botschaft an die Hersteller lautet: Kennt eure
Komponenten!
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xBOM als Kontrollschicht
Die meisten Unternehmen haben die Phase
einer rein statischen SBOM als bloße Checkliste längst hinter sich gelassen.
Aktuell vollzieht sich ein Wandel: xBOM etabliert sich als normalisierte,
abfragbare Struktur. Darauf aufbauend entsteht eine Kontrollschicht, die
Sicherheits-, Cybersecurity- und Produktteams befähigt, das gesamte
Fahrzeug‑Edge‑Cloud‑Kontinuum zu überwachen, Entscheidungen zu treffen und
gezielte Maßnahmen einzuleiten:
Beobachten:
Welche Komponenten tatsächlich im Einsatz sind, pro ECU, Image, Modell,
Datensatz oder Dienst.
Entscheiden:
Auf Basis klarer Richtlinien wie Kryptografie‑Baselines, Ausnutzbarkeit,
Datenresidenz oder Sicherheitsgates.
Handeln: Mit
höchster Präzision, etwa OTA‑Updates nur für betroffene VINs, das Rotieren von
Zertifikaten oder das gezielte Retraining ausschließlich relevanter Modelle.
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Die Familie der xBOMs wächst nahezu
täglich um neue Mitglieder: FBOM (Firmware BOM), Container/Image BOM,
License/Attribution BOM, SaaSBOM bzw. Cloud BOM und weitere. Es empfiehlt sich,
keine exotischen Kategorien zu schaffen, solange deren Verwaltung nicht
gesichert ist. Häufig lässt sich jede Unter‑BOM an einen externen Standard oder
ein Artefakt anbinden.
Aktuell erleben wir eine Neudefinition
der xBOM als Kontrollschicht für SDV. Sie ist nicht länger eine statische
Teileliste, sondern eine dynamische Ebene, die Sicherheits‑, Cybersicherheits‑
und Produktteams befähigt, über das gesamte Fahrzeug‑Edge‑Cloud‑Kontinuum
hinweg zu beobachten, zu entscheiden und zu handeln. Dabei synchronisiert sie
Compliance, Cybersicherheit, KI‑Governance und Lebenszyklusmaßnahmen über
heterogene Assets hinweg.
Was befindet sich in der xBOM und
weshalb ist jedes einzelne Element von Bedeutung?
Die xBOM lässt sich als eine Familie
miteinander verbundener, standardkonformer Manifestdateien verstehen. Jede
einzelne Datei wirkt dabei wie ein Signal innerhalb des Regelkreises und
ermöglicht einen vollständigen, durchgängigen Überblick über sämtliche
Bausteine aktueller Produkte und Systeme, weit über die reine Software hinaus.
Eine xBOM ist somit eine Sammlung mehrerer Stücklisten:
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SBOM
(Software): Komponenten, Versionen, Hashes, Lizenzen, Abhängigkeitsgraphen,
Build-Herkunft → ermöglicht CVE-Auswirkungsprüfungen, Lizenzpflichten und
gezieltes Patchen nach ECU/VIN.
HBOM
(Hardware): ECUs, Sensoren/Aktoren, SoC-Steppings, Sicherheitsenklaven →
entscheidend für die Analyse des Ausmaßes von Errata und die Homologation.
CBOM
(Kryptografie): Algorithmen, Modi, Schlüsselgrößen, Bibliotheken, Zertifikate;
wo Kryptografie in Boot, Diagnose, V2X, TLS, KMS/HSM zum Einsatz kommt →
ermöglicht Krypto-Agilität und PQ-Migrationsplanung.
ML-BOM
(KI): Modellkarten, Datensatz-„Datenblätter“, Trainingspipelines,
Bewertungsergebnisse, Herkunft → Überprüfbarkeit, Driftkontrolle und sichere
Rollbacks für ADAS/IVI-KI.
Plus: FBOM (Firmware) für Boot-Kette und
Modul-Hashes; Container/Image-BOM für Basisbild-Risiken;
Lizenz-/Attributions-BOM für Verpflichtungen; SaaSBOM für externe Dienste,
Regionen, Unterauftragsverarbeiter und Datenflüsse.
Eine xBOM ist eine Sammlung mehrerer Stücklisten: u. a. SBOM, HBOM, CBOM und ML-BOM.Skyline Graphics - stock.adobe.com
Bewährte Vorgehensweise: Jede
Unterstückliste sollte in einem etablierten Standard oder Artefakt verankert
sein. Neue Kategorien dürfen nicht schneller entstehen, als sie auch verwaltet
werden können. Im Mittelpunkt steht eine einheitliche Kontrolloberfläche, nicht
ein Wettbewerb um die ausgefallenste Taxonomie.
Mehr als Compliance: xBOM erschließt
strategische Resultate
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Sichere Monetarisierung von
Funktionen: Die genaue Kenntnis der Software‑,
Kryptografie‑ und Modellkonfiguration pro Fahrzeugidentifikationsnummer (VIN)
ermöglicht die Freischaltung kostenpflichtiger Funktionen, Testversionen und
stufenweise Einführungen ohne regulatorische Überraschungen, da sämtliche
Nachweise direkt im Fahrzeug vorliegen.
Senkung der Lebenszykluskosten: Gezielte OTA‑Updates und Nachschulungen verringern Händlerbesuche und
den Umfang von Rückrufaktionen. Eine transparente Genealogie verkürzt Audits
und die Reaktion auf Vorfälle.
Beschleunigte Innovationen: xBOM‑Diagramme identifizieren zentrale „Kingpins“ (gemeinsam genutzte
Bibliotheken, Basis‑Images und Datensätze) sodass einmalige Verbesserungen
vorgenommen und sicher über das gesamte System hinweg weitergegeben werden
können.
Der engste Verwandte der xBOM ist ihr
vertrauenswürdiger digitaler Zwilling
Ein digitaler Zwilling ist nur so
verlässlich wie sein Inventar. Die xBOM verleiht dem digitalen Zwilling eine
überprüfbare Struktur, die exakt Auskunft darüber gibt, welche Teile, welche
Software, welche Schlüssel, welche Modelle und welche Datenflüsse im System
vorhanden sind. Dadurch werden Simulationen, Sicherheitsfälle und
Was‑wäre‑wenn‑Analysen auditfähig. Auf diese Weise entwickeln sich
vertrauenswürdige digitale Zwillinge von einer reinen Präsentationsidee zu
einem operativen Werkzeug für OTAs, Diagnosen und regulatorische Nachweise.
Basierend auf branchenerprobten
SDV-Implementierungen zeigt der folgende 90-Tage-Rhythmus einen praktischen
Weg, wie sich eine operative xBOM-Praxis aufbauen lässt und erste messbare
Ergebnisse entstehen.
Minimaler Betriebsrhythmus (90 Tage
bis zur Traktion)
Tage 0–30: Festlegung der Signale: SBOM +
FBOM pro ECU (Hashes, Lizenzen, Boot-Kette); CBOM-Bestandsaufnahme
(Schlüssel/Zertifikate/Verschlüsselungen); SaaSBOM-Katalog
(Dienste/Regionen/Datenflüsse). Standardisierung der IDs (VIN/ECU,
Image-Digests, Zertifikats-IDs), damit die Grafiken aussagekräftig sind.
Tage 31–60: Verbindung der Gates:
Ergänzung von VEX; Definition der Gate‑Krypto‑Richtlinie (CBOM) sowie der
Cloud‑Flows (SaaSBOM) in CI/CD; Verknüpfung von SBOM/FBOM mit VINs zur
Sicherstellung der „As‑Built/As‑Updated“-Wahrheit.
Tage 61–90: Integration von
Data‑BOM/ML‑BOM für eine DT‑Funktion, beispielsweise ADAS; Durchführung einer
Übung (Zertifikat widerrufen, Basis‑Image rotieren, Datensatz zurückrufen);
Messung von MTTR und Reduzierung des Blast‑Radius.
Kulturwandel statt Kontrollwandel
Letztendlich markiert der Übergang von
SBOM zu xBOM und von statischen Listen zu einer dynamischen Kontrollschicht
sowohl einen kulturellen als auch einen technischen Wandel. Konsequente
Transparenz und Sichtbarkeit fördern Disziplin, Kooperation und Sicherheitsbewusstsein.
Was einst wie eine reine Bestandsaufnahme erschien, entwickelt sich zur stillen
Architektur des Vertrauens in jedem Fahrzeug und jeder Dienstleistung und
etabliert die Praxis, Unbekanntes in Bekanntes zu verwandeln. In der vernetzten,
softwaredefinierten Mobilität wird diese Sichtbarkeit zu einem humanistischen
Gebot: Klarheit vor Geschwindigkeit, damit Beschleunigung niemals Sicherheit
übertrifft. (na)
Autor:
Daniel Jablonski, Automotive Program Director
GlobalLogic