Interview mit Joachim Kahmann, Senior VP Purchasing bei Stellantis
„Wir bewegen uns weg vom Einkauf traditioneller Black Boxes“
Softwaredefinierte Fahrzeugarchitekturen verändern die Wertschöpfung in der Automobilbranche nachhaltig. Joachim Kahmann von Stellantis erläutert, wie Einkauf, Partnerschaften und Standardisierung die Rollen von OEMs und Zulieferern neu definieren.
Joachim Kahmann ist Senior Vice President Purchasing EE & Modules sowie Global Head of Purchasing for Electric and Electronic bei Stellantis. Er hat ein Diplom in Produktionsmanagement sowie einen Doktortitel im Ingenieurwesen und verfügt über mehr als 20 Jahre Erfahrung in der Halbleiterindustrie.
Joachim Kahmann
Mit zunehmender Komplexität
softwaredefinierter Fahrzeuge beschränken sich die Herausforderungen der Automobilbranche
längst nicht mehr nur auf Architektur und Entwicklung. Einkaufsmodelle,
Lieferantenstrukturen und Standardisierungsentscheidungen bestimmen zunehmend
mit, wie skalierbar und kosteneffizient künftige Plattformen werden können. Joachim Kahmann, Senior Vice President Purchasing EE &
Modules bei Stellantis, bringt genau diese Perspektive in den Automobil-Elektronik Kongress 2026 ein, wo er an der
Podiumsdiskussion „Chiplets – Technology & Business Viability“ teilnehmen
wird.
Moderiert wird die hochkarätig besetzte Runde von Dr.
Mathias Pillin, CTO Bosch Mobility und Vorstandsmitglied bei Robert Bosch. Auf
dem Podium sitzen außerdem Dr. Christoph Grote, Senior VP AI & Innovation
bei BMW, Harald Kroeger, Head of Sales & President Automotive bei Sima.ai,
Michael Schaffert, SVP & Head of Chiplet Program bei Robert Bosch, sowie
Christopher Thomas, President von TSMC Europe.
Im Vorfeld der Veranstaltung in Ludwigsburg haben wir mit Joachim
Kahmann über Sourcing-, Plattform- und Lieferantenentscheidungen gesprochen,
die die nächste Phase der SDV-Industrialisierung
prägen werden.
Herr Kahmann, mit Blick auf die nächsten drei bis fünf
Jahre: Was wird der größte Engpass sein, um SDV- und KI-Strategien in
skalierbare, industrialisierte Fahrzeugplattformen zu überführen?
Der größte Engpass wird die Verfügbarkeit von
Engineering-Ressourcen sein, kombiniert mit der Notwendigkeit, weiterhin
Legacy-Architekturen zu unterstützen. Der Großteil der Branche startet nicht
auf einem leeren Blatt Papier. Gleichzeitig zur Entwicklung neuer
softwaredefinierter und KI-fähiger Plattformen müssen bestehende
Fahrzeugarchitekturen weiter gewartet, integriert und weiterentwickelt werden.
Beides parallel zu managen, ist für traditionelle OEMs eine große
Herausforderung und wird auch weiterhin eine der zentralen Einschränkungen für
die Skalierung bleiben.
Warum
Standardisierung und skalierbare E/E-Architekturen über den SDV-Erfolg
entscheiden
Welche heute getroffene Entscheidung wird am stärksten
bestimmen, wo künftig Wertschöpfung im automobilen Ökosystem entsteht?
Eine der entscheidenden Fragen ist, ob jeder OEM weiterhin
seine eigene Lösung entwickelt oder ob sich die Branche stärker in Richtung
Standardisierung bewegt, zum Beispiel rund um ein Vehicle OS. Diese
Entscheidung wird maßgeblich beeinflussen, wo im künftigen Ökosystem
Wertschöpfung entsteht. Je stärker die Branche grundlegende Schichten
standardisiert, desto mehr können Unternehmen ihre Ressourcen auf
Differenzierung in höherwertigen Bereichen konzentrieren.
An welchen Stellen bleiben aktuelle Ansätze für SDVs und
E/E-Architekturen der nächsten Generation in realen Programmen noch hinter den
Anforderungen zurück?
Eine große Herausforderung besteht darin, Echtzeit- und
sicherheitskritische Anwendungen in diese neuen Architekturen zu integrieren. Gleichzeitig muss die Branche noch hochskalierbare und
kosteneffiziente E/E-Plattformen entwickeln, die alles vom Einstiegs- bis zum
Premiumfahrzeug unterstützen können, ohne dass von einem Fahrzeugmodell zum
nächsten eine komplette Neuentwicklung erforderlich ist. Das bleibt
heute eine der zentralen Lücken in vielen realen Programmen.
Wie sich
Beschaffungsmodelle und Partnerschaften im SDV-Zeitalter ändern
Wie verändert sich der Einkauf als Reaktion auf
softwaredefinierte Architekturen?
Das hat erhebliche Auswirkungen auf den Einkauf. Wir bewegen
uns weg vom Einkauf traditioneller Black Boxes und hin zur Beschaffung von
Services, IP, Software-Komponenten, Halbleitern und ähnlichen Elementen. Das
verändert die Rolle des Einkaufs erheblich, weil das Beschaffungsmodell
deutlich stärker software- und technologiegetrieben wird als in konventionellen
Automotive-Programmen.
Welche Veränderungen sind in den Lieferantenbeziehungen
nötig, um SDV zu unterstützen?
Wir müssen lernen, Partnerschaften einzugehen. Das ist eine
der wichtigsten Veränderungen. Softwaredefinierte Fahrzeuge erfordern eine
andere Art der Zusammenarbeit im gesamten Ökosystem, mit einer engeren
Abstimmung zwischen OEMs, Zulieferern und Technologiepartnern als im
traditionellen Modell.
Wie geht Stellantis die Beschaffung für zunehmend
softwarezentrierte Systeme an?
Wir haben innerhalb des Einkaufsteams einen eigenen
Bereich aufgebaut, der vom Engineering unterstützt wird und in dem wir eher wie
ein Tier-1 agieren und diese neuen Ansätze anwenden. Dadurch können wir
Beschaffungsmodelle an die Anforderungen zunehmend softwarezentrierter Systeme
anpassen und die notwendigen Fähigkeiten direkter innerhalb der Organisation
aufbauen.