Die neue Kolumne vor dem Hintergrund von Nexperia

Fünf Beobachtungen zur Halbleiterlage 2026

Unsicherheit ist 2026 der neue Standard – zumindest in der Halbleiterwelt. Fünf brutale Realitäten zeigen, warum Resilienz, Teamgeist und Geschwindigkeit zur Überlebensstrategie werden – zwischen geopolitischem Spielball und technologischem Aufbruch.

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Sind Sie Optimist, Pessimist oder Pragmatiker? Ist Ihr Glas halbvoll, halbleer oder schlicht doppelt so groß, wie es sein müsste? Wer 2026 in die Welt der Halbleiter blickt, braucht vor allem eines: die Bereitschaft, mit Unsicherheit zu leben. Prognosen sind bekanntlich schwierig – besonders, wenn sie die Zukunft betreffen. Trotzdem: ein pragmatischer Blick auf fünf Themen, die dieses Jahr prägen dürften. Neben der Fußball‑WM, versteht sich.

Geopolitik als Produktionsfaktor

Taiwan bleibt der zentrale Knoten globaler Foundry‑Kapazitäten. Ein Störfall dort – politisch oder physisch – würde die Versorgung binnen Tagen ins Wanken bringen. Hinzu kommt die Pax Silica: der Versuch einer Verständigung zwischen den Halbleitermächten, um Handelsströme zu stabilisieren. Bislang noch ohne Deutschland. Und doch reicht oft ein Tweet oder ein diplomatischer Fehlpass, damit alles wieder wackelt. Donald Trump im Weißen Haus verstärkt diesen Unsicherheitsfaktor zusätzlich. Seine „America First“-Politik verschiebt Handelsregeln, Sanktionen und Sicherheitszusagen schneller, als Fabs geplant, genehmigt und gebaut werden können. Geopolitik ist 2026 kein Hintergrundrauschen mehr, sondern Kernrisiko – und wird nicht nur in Risikoberichten beschrieben, sondern in Kapitalkosten, Investitionsentscheidungen und Bewertungen eingepreist.

Lieferketten unter Dauerdruck

Die Nexperia‑Krise ist noch nicht ausgestanden . Trotz Lockerungen in China stocken Backend‑Kapazitäten – Assembly, Test, Packaging – und führen vor Augen, wie zerbrechlich selbst vermeintlich „sichere“ Lieferketten bleiben. Kaum ist ein Engpass abgefedert, zeichnet sich der nächste ab: KI‑Datenzentren saugen den Speichermarkt leer. Die DRAM‑Preise stiegen im vierten Quartal 2025 um 40–50 Prozent; für 2026 werden weitere 70–100 Prozent diskutiert. Automobil‑OEMs, die pro Premiumfahrzeug bereits 2025 DRAM im Wert von über 150 US‑Dollar verbauten, geraten damit in brutalen Margendruck – mit der bekannten Kettenreaktion aus Panikkäufen, Feature‑Downgrades und im Zweifel Produktionsstopps. Prognose: „Sichere“ Ketten bleiben massiv unter Druck, Preisanpassungen werden zur Normalität. Und ja: Das Thema Halbleiter – oder deren Mangel – wird mehr als einmal in den Nachrichten auftauchen.

Wer 2026 in die Welt der Halbleiter blickt, braucht vor allem die Bereitschaft, mit Unsicherheit zu leben.

Frank Bösenberg, Geschäftsführer Silicon Saxony

Europas Chips Act 2.0

Brüssel arbeitet am Chips Act 2.0. Als Osterüberraschung könnte eine Überarbeitung kommen – mit Fokus auf Resilienz, Fachkräfte und schlankere Verfahren. Europa hat das Know‑how, und der äußere Druck ist groß genug, um mitzuspielen. Technologische Souveränität ist plötzlich nicht mehr nur ein Wort für Sonntagsreden, sondern eine Frage harter Standortökonomie. Entscheidend wird sein, die Lehren aus dem Chips Act 1 zu ziehen: Bürokratie abbauen, Tempo erhöhen und den Schulterschluss mit anderen Initiativen – etwa den AI‑Gigafactories – konsequent suchen. Sonst verschüttet man Wasser – um im Bild zu bleiben – statt das Glas zu füllen. Oder anders: Die Halbleiterindustrie ist Mannschaftssport. Deutschland stellt Weltklasse‑Spieler, aber ohne EU‑Team verliert man auf der Weltbühne.

Die Entwicklung in Deutschland

In Deutschland ist Chips Act 1 in der Umsetzung. ESMC liegt im Zeitplan, Infineons Smart Power Fab soll im Sommer eröffnen. Neben Neuigkeiten von Quantum Diamonds, X‑Fab und GlobalFoundries dürften weitere Projekte aus der ersten Förderrunde folgen – die Anträge wurden bereits im Januar 2025 eingereicht. Die Forderung nach mehr Geschwindigkeit bleibt so auch 2026 alles andere als obsolet. Parallel zeigt sich immer deutlicher die Kraft der Netzwerke: Silicon Saxony feiert 25 Jahre, die Bavarian Chips Alliance fünf – und beide erfahren Anerkennung weit über die eigene Region hinaus. Auch die Ökosysteme in Berlin, Hamburg, im Ruhrgebiet und in Südwestdeutschland werden sichtbarer eine Rolle spielen.

Silicon Saxony: Teamplay global

Regionale Stärke braucht Teamplay – Silicon Saxony liefert seit 25 Jahren den Beweis. Mit Netzwerkpower, den 20. Silicon Saxony Days (Juni 2026), ESRA und einer Vernetzung, die von Dresden über Hsinchu bis ins Silicon Valley reicht. Hier findet nicht nur Industriewachstum statt, sondern ein Modell wird gelebt: Kooperation, die Interessen austariert – vom KMU bis zum Konzern, von Forschung bis Politik. Wirklich große Aufgaben lassen sich nur gemeinsam lösen. Der zwischen Bayern und Sachsen abgestimmte Vorschlag für ein Chipdesign‑Kompetenzzentrum zeigt: Zusammenarbeit ist nicht immer bequem, aber möglich – und vor allem sinnvoll und notwendig, wenn man wachsen will. In diesem Sinne: auf ein erfolgreiches, gesundes und gemeinsames Jahr 2026. (bs)

Der Autor

Frank Bösenberg, Geschäftsführer bei Silicon Saxony