Generative KI verlässt die Hype-Zone und liefert in der Test- und Messtechnik messbaren Mehrwert: Nigel AI beschleunigt Abläufe, entschärft Komplexität und treibt Entwicklung mit überraschender Wucht voran.
Austin HillAustinHill
2 min
Gorodenkoff Productions OU
Anzeige
Im Juli 2025 brachte Emerson NI Nigel AI als Teil der NI
LabVIEW+ Software-Suite für Test und Messtechnik auf den Markt. Seitdem hat
sich gezeigt, wie dynamisch sich generative KI auch in industriellen
Anwendungen weiterentwickelt. Während das Thema in der öffentlichen Wahrnehmung
häufig von allgemeinen Hype-Debatten geprägt ist, rücken in der Praxis
zunehmend konkrete Fortschritte in einzelnen Branchen in den Vordergrund.
Im Umfeld der Test- und Messtechnik liegt der Nutzen
generativer KI weniger in publikumswirksamen Anwendungen als vielmehr in der
Verarbeitung und Aufbereitung großer Datenmengen, um Fachkräfte bei klar
umrissenen Aufgaben zu unterstützen. Emerson investierte gezielt in das
Training von Nigel AI für die Testoptimierung, um Ingenieurteams bei
anspruchsvollen Aufgaben effizienter zu unterstützen. Aus der Einführung der
KI-Funktionen in der Testsoftware lassen sich mehrere zentrale Erkenntnisse
ableiten.
Die Fähigkeit, einfache Kommunikation zusammenzufassen, ist
hilfreich. Für den industriellen Einsatz reicht dieser Nutzen allein jedoch
kaum aus, um größere Investitionen zu rechtfertigen. Relevanter Mehrwert
entsteht dort, wo stark ausgelastete und hochqualifizierte Ingenieurteams im
Arbeitsalltag spürbar entlastet werden.
NI LabVIEW nähert sich seinem 40. Jubiläum. Über Jahrzehnte
hinweg hat sich die Software als Industriestandard etabliert und zu einem sehr
umfangreichen Werkzeug für unterschiedlichste Testumgebungen entwickelt. Sie
umfasst Hunderte von Funktionen. Entsprechend hoch ist der
Einarbeitungsaufwand. Es existieren sogar Hochschulkurse, die sich gezielt mit
dem Umgang mit LabVIEW beschäftigen, und zahlreiche berufliche Laufbahnen bauen
auf entsprechender Expertise auf.
Anzeige
Über Jahrzehnte hinweg hat sich NI LabVIEW als Industriestandard etabliert und zu einem sehr umfangreichen Werkzeug für unterschiedlichste Testumgebungen entwickelt.Emerson
Vor diesem Hintergrund gehörte zu den ersten
Anwendungsfällen von Nigel AI die Möglichkeit, Funktionen per Alltagssprache zu
finden, um VI-Dateien schneller konfigurieren zu können. Wie viele andere
Branchen steht auch Test & Measurement vor Herausforderungen bei der
Fachkräfteverfügbarkeit. Werkzeuge, die den Einstieg in komplexe Software
erleichtern, können dazu beitragen, neue Ingenieurinnen und Ingenieure
schneller produktiv zu machen.
Auch die Analyse von Code, der von anderen Personen erstellt
wurde, ist oft zeitaufwendig – besonders dann, wenn Rückfragen nicht mehr
möglich sind. Deshalb wurde Nigel AI so erweitert, dass Controls und
Indikatoren in einer VI-Datei aufgelistet und jeweils mit kurzen Beschreibungen
versehen werden. Auch dies kann Arbeitszeit spürbar reduzieren.
Von diesen Funktionen profitieren insbesondere weniger
erfahrene Anwender. Darüber hinaus kann Nigel AI inzwischen personalisierte
Vorschläge für Änderungen oder Ergänzungen machen, basierend auf Aktionen
innerhalb einer VI-Datei. Künftig soll diese Fähigkeit auf umfassendere
Projektkontexte innerhalb von Unternehmen ausgeweitet werden.
Klassische größere Softwareupdates erscheinen häufig in
einem Rhythmus von etwa zwei Veröffentlichungen pro Jahr. Bei KI-gestützten
Funktionen zeigt sich jedoch ein deutlich höheres Entwicklungstempo. Durch die
laufende Weiterentwicklung von Nigel AI konnten Verbesserungen wesentlich
schneller bereitgestellt werden.
Bereits innerhalb von drei Monaten wurden unter anderem
Aktualisierungen der Chat-Benutzeroberfläche umgesetzt, die Möglichkeit zum
Anhängen von Dateien ergänzt und die zugrunde liegende Wissensbasis erweitert.
Hinzu kommen Fortschritte beim verwendeten Large Language Model, die es
erleichtern, Nutzerfeedback schneller in neue Funktionen zu überführen.
Für Unternehmen, die selbst KI-Tools entwickeln oder
produktiv einsetzen möchten, deutet sich damit ein verändertes
Entwicklungsmuster an: Änderungen erfolgen in deutlich kürzeren Abständen als
bei klassischer Unternehmenssoftware. Vergleichbare KI-Funktionen werden
derzeit auch in anderen wissenschaftlichen Softwarewerkzeugen eingeführt. Wie
hoch das Tempo solcher Iterationen langfristig sein wird, bleibt abzuwarten.
Die Geschwindigkeit, mit der die KI-Funktionen von
LabVIEW+-Anwendern angenommen wurden, fiel hoch aus. Inzwischen wird Nigel AI
von Ingenieurteams in 73 Ländern genutzt. Damit wächst zugleich die
Anforderung, regionale Vorschriften, unterschiedliche Rahmenbedingungen und
lokale Anforderungen angemessen zu berücksichtigen.
Mit steigender Verbreitung nimmt auch das Feedback zu
Funktionen und möglichen Verbesserungen zu. Dabei lässt sich nur schwer
vorhersagen, in welchem Labor, in welcher Region oder in welchem Markt neue
KI-Werkzeuge zuerst breit eingesetzt werden oder wo besonders innovative
Anwendungsfälle entstehen. Umso wichtiger wird lokales Know-how in den
relevanten Märkten.
Anzeige
KI als Werkzeug zur Reduktion von Komplexität
Die Anforderungen in der Test- und Messtechnik werden
voraussichtlich nicht geringer. Gleichzeitig zeigt sich, dass KI-Werkzeuge bei
klar definierter Zielsetzung dazu beitragen können, Komplexität zu reduzieren,
Entwicklungszyklen zu verkürzen und Unterstützung schneller in die Praxis zu
bringen. Der entscheidende Punkt liegt dabei weniger in der allgemeinen
Verfügbarkeit von KI als in ihrer konkreten Ausrichtung auf reale industrielle
Aufgabenstellungen. (bs)
Autor
Austin Hill, Teamleiter, NI Software Produktmanagement, Test & Measurement, Emerson