Qualität durch KI: Anomalieerkennung in der Automobilherstellung
Qualität sichern, Kosten senken, Ausfälle vermeiden – KI-gestützte Anomalieerkennung bringt neue Präzision in die Automobilherstellung. Mit datengetriebenen Methoden lassen sich Probleme vorhersagen, bevor sie auftreten, und Prozesse nachhaltig optimieren.
Christoph StockhammerChristophStockhammer
Martin BüchelMartinBüchel
Wie optimiert künstliche Intelligenz die Anomalieerkennung in der Automobilherstellung? Neue Methoden sichern Qualität und senken Betriebskosten.Panuwat - stock.adobe.com
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Automobilhersteller sehen sich mit der Herausforderung
konfrontiert, eine hohe Produktqualität sicherstellen und gleichzeitig die
Betriebskosten minimieren zu müssen. KI-gestützte Anomalieerkennung, eine
Methode zur Identifikation von Auffälligkeiten in Maschinendaten, kann
potenzielle Probleme vorhersagen, bevor sie überhaupt auftreten. Diese
Strategie bietet Automobilherstellern die Möglichkeit, ihre Prozesseffizienz zu
steigern, Stillstandszeiten zu reduzieren und die Produktqualität zu
verbessern.
Viele Ingenieure und Techniker in der Automobilindustrie
verlassen sich ausschließlich auf die manuelle Sichtung von Daten oder auf
automatisierte Alarme, wenn Sensorwerte definierte Schwellenwerte
überschreiten. Da es die menschlichen Möglichkeiten übersteigt, Tausende von
Sensordaten gleichzeitig zu analysieren, werden Anomalien oft übersehen,
insbesondere wenn sie in komplexen Mustern vorkommen.
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Bild 1: Ein komplexer Fall für die Anomalienerkennung. Im Zeitbereich sind das normale Signal (oben) und das anomale Signal (unten) kaum voneinander zu unterscheiden.MathWorks
KI-gestützte Anomalieerkennung ermöglicht es Ingenieuren,
potenzielle Fehler vorherzusagen und Wartungsintervalle zu optimieren. Daraus
resultieren eine höhere Zuverlässigkeit, geringere Betriebskosten und eine
verlängerte Lebensdauer von Komponenten. Ein robustes und präzises System zur
Anomalieerkennung erfordert einen gut durchdachten Entwicklungs-Workflow, der
Datenerfassung, Algorithmusentwicklung sowie eine umfassende Validierung und
Tests umfasst.
Bild 2: Bei einer Darstellung im Frequenzbereich werden die Unterschiede des in Bild 1 gezeigten Falls deutlich.MathWorks
Entwicklung einer KI-gestützten Lösung zur
Anomalieerkennung: Planung und Datenerfassung
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Die Entwicklung einer KI-gestützten Lösung zur
Anomalieerkennung umfasst mehrere Schritte – von der Planung und Datenerfassung
bis hin zur Bereitstellung und Integration. Ingenieure, die neu im Bereich KI
sind, müssen sowohl die Algorithmenentwicklung als auch die Betriebsumgebung
verstehen, um eine Lösung erarbeiten zu können, die potenzielle Probleme
effektiv identifiziert.
Der Entwicklungsprozess eines KI-gestützten Systems zur
Anomalieerkennung beginnt mit der Definition des Problems und der potenziellen
Anomalien. Auch die verfügbaren Sensordaten, Komponenten und Prozesse werden
bewertet. Automobilingenieure müssen zunächst festlegen, was eine Anomalie
darstellt und unter welchen Bedingungen Daten als anomal betrachtet werden
sollen.
Die Datenerfassung in der Automobilherstellung erfolgt
sowohl durch Sensoren, die Prozesse kontinuierlich überwachen, als auch durch
manuelle Prüfungen, um höchste Präzision zu gewährleisten. Während der
Fahrzeugherstellung sammeln Messsysteme innerhalb der Produktionslinien
umfangreiche Daten, die häufig mit der FIN (Fahrzeug-Identifizierungsnummer)
des Fahrzeugs verknüpft sind. Ingenieure sollten diese Betriebsdaten nutzen, um
Systeme zur Anomalieerkennung zu trainieren – etwa für Predictive Maintenance und
Qualitätskontrolle. Allerdings kann die Verarbeitung großer Datenmengen
kostspielig und zeitaufwendig sein; zudem sind anomale Daten oft schwer zu
ermitteln.
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Ingenieure können stattdessen synthetische Daten generieren,
indem sie detaillierte Simulationen von technischen Systemen und deren
Betriebsumgebungen erstellen. Mit einem tiefen Verständnis der Systemphysik
können Ingenieure sogar anomale Daten aus Simulationen gewinnen, die in realer
Hardware schwer oder gar nicht zu erfassen sind. Synthetische Daten sind
besonders nützlich, wenn echte Betriebs- oder Testdaten knapp, schwer
zugänglich oder aus Datenschutzgründen eingeschränkt sind. Dabei ist entscheidend,
dass die Simulation das reale Betriebssystem korrekt abbildet und Anomalien
genau modelliert. Das bedeutet, dass ingenieurtechnisches Fachwissen für diesen
Prozess unerlässlich ist.
Entwicklung eines Algorithmus zur Anomalieerkennung
Der erste Schritt bei der Entwicklung eines Algorithmus zur
Anomalieerkennung besteht darin, die Daten zu organisieren und vorzubereiten,
um sie für die Analyse nutzbar zu machen. Dies umfasst die Neuformatierung und
Neustrukturierung der Daten, die Extraktion von relevanten Datenanteilen, der
Umgang mit fehlenden Werten sowie das Entfernen von Ausreißern, die das
Analyseergebnis verfälschen könnten.
Als Nächstes müssen Ingenieure eine geeignete Technik zur
Anomalieerkennung auswählen. Das erfordert eine Bewertung der
Dateneigenschaften, der Art der Anomalien und der verfügbaren Rechenressourcen.
Dabei ist entscheidend, mit verschiedenen Trainingsansätzen für ein KI-Modell
zu experimentieren, um eine gute Lösung für einen bestimmten Datensatz zu
ermitteln. KI-Techniken können generell – je nach Art der verfügbaren Daten –
in überwachte und nicht überwachte Lernansätze unterteilt werden.
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Bild 3: Workflow zur Entwicklung eines Anomalieerkennungssystems. Gemessene Sensordaten können mit künstlich generierten Daten aus Simulationen angereichert werden.MathWorks
Überwachtes Lernen
Überwachtes
Lernen wird für die Anomalieerkennung herangezogen, wenn Teile der
historischen Daten eindeutig als normal oder anomal gekennzeichnet werden
können, beispielsweise während eines Prüfstandtests. Ingenieure, die Daten mit
Wartungsprotokollen oder historischen Beobachtungen abgleichen können,
kennzeichnen die Daten oft manuell. Durch das Training anhand des
gekennzeichneten Datensatzes erlernt das überwachte Modell die Zusammenhänge
zwischen Datenmustern und den zugehörigen Kennzeichnungen.
Anwendungen von KI und Anomalieerkennung sind nicht auf
Fahrzeugkomponenten beschränkt: Forscher der Technischen Universität Graz haben
eine neue
Methode entwickelt, um Müdigkeit bei Fahrern auf der Grundlage von
Elektrokardiogramm (EKG)-Signalen und Deep-Learning-Algorithmen zu erkennen.
Mithilfe eines Fahrsimulators erstellten sie eine umfangreiche Datenbank mit
Messwerten von müden und ausgeruhten Fahrern und trainierten ein neuronales Netzwerk,
um den Grad der Müdigkeit mit hoher Genauigkeit zu klassifizieren. Die Studie
schlägt vor, EKG-Daten mit anderen Sensoren zu kombinieren und personalisierte
Klassifikatoren zu entwickeln, um die Müdigkeitserkennung weiter zu verbessern.
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Unüberwachtes Lernen
Viele Unternehmen verfügen nicht über gekennzeichnete
anomale Daten, die für einen überwachten Lernansatz erforderlich wären. Dies
kann daran liegen, dass anomale Daten nicht archiviert wurden oder dass
Anomalien zu selten auftreten, um einen umfangreichen Trainingsdatensatz zu
erstellen.[nbsp] In solchen Fällen ist unüberwachtes Lernen erforderlich.
Bei einem unüberwachten Lernansatz wird das Modell darauf
trainiert, die Merkmale normaler Daten zu lernen. Alle neuen Daten, die
außerhalb des definierten Normalbereichs liegen, werden als Anomalie
gekennzeichnet. Unüberwachte Modelle können Sensordaten analysieren und dabei
ungewöhnliche Muster identifizieren, die auf ein Problem hindeuten können –
selbst wenn derartige Fehler bislang weder aufgezeichnet noch identifiziert
wurden.
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Merkmalserkundung und -extraktion (Feature Engineering)
Obwohl einige KI-Modelle direkt mit Rohsensordaten trainiert
werden, ist es oft effektiver, vor dem Training nützliche Merkmale aus den
Daten zu extrahieren. Feature
Engineering ist der Prozess, bei dem bestimmte Kenngrößen aus Rohdaten
extrahiert werden, wodurch KI-Modelle effizienter aus den zugrundeliegenden
Mustern lernen können. Eine typische Anwendung ist hier das Spektrum eines
Signals (Frequenzanteile) über eine Fourier-Transformation (FFT) zu
analysieren. Häufig wissen erfahrene Ingenieure bereits, welche Merkmale aus
den Sensordaten extrahiert werden müssen.
Durch Validierung und Tests wird die Zuverlässigkeit und
Robustheit von KI-Modellen gewährleistet. In der Regel teilen
Fahrzeugingenieure die Daten in drei Teilmengen auf: Trainings-, Validierungs-
und Testdatensätze. Die Trainings- und Validierungsdaten werden zur
Feinabstimmung der Modellparameter während der Trainingsphase eingesetzt. Die
Testdaten wiederum werden nach dem Modelltraining zur Bestimmung der
Modellgenauigkeit mit unbekannten Daten verwendet. Zudem können Ingenieure das
Modell anhand von Leistungskennzahlen wie Präzision und Trefferquote bewerten
und es weiter optimieren, um die Anforderungen einer spezifischen
Anomalieerkennung zu erfüllen.
Neben der Genauigkeit ist auch die
Ausführungsgeschwindigkeit der trainierten KI-Modelle von Bedeutung. Je nach
gewähltem Modelltyp gibt es erhebliche Geschwindigkeitsunterschiede, aber auch
die Ausführungsumgebung hat maßgeblichen Einfluss. Das Modell könnte
beispielsweise auf einem Laptop, auf einer virtuellen Maschine in der Cloud
(möglicherweise mithilfe einer leistungsstarken GPU) oder auf einem
Mikrocontroller ausgeführt werden. Im Falle des Mikrocontrollers können
Laufzeitmessungen mittels PIL-Tests (=Processor-in-the-Loop) hilfreich sein, um
die zu erwartenden Latenzzeiten bei der Modellvorhersage abzuschätzen, bevor
die Modelle produktiv einsetzt werden.
Bereitstellung und Integration
Ein trainiertes und getestetes KI-Modell wird erst dann
wertvoll, wenn man es in den Betrieb integriert, und es tatsächlich Vorhersagen
für neue Daten liefert. Bei der Auswahl geeigneter Bereitstellungsumgebungen
berücksichtigen Ingenieure Faktoren wie Rechenanforderungen, Latenzzeiten und
Skalierbarkeit. Die Einsatzmöglichkeiten reichen von Edge-Geräten
im Fertigungsprozess, die Anomalien in Echtzeit erkennen, bis hin zu
Cloud-Plattformen mit nahezu unbegrenzter Rechenleistung, jedoch höheren
Latenzen.
Die Integration erfordert die Entwicklung von APIs zur
Abfrage der Modellvorhersagen sowie die Einrichtung von Datenpipelines, um
sicherzustellen, dass das Modell korrekt formatierte und vorverarbeitete
Eingabedaten erhält. Dadurch wird gewährleistet, dass das Modell mit den
Komponenten der Anwendung oder des Systems kompatibel ist und seinen vollen
Nutzen entfalten kann.
Nachdem das fertige Anomalieerkennungssystem bereitgestellt
wurde, ist die Arbeit aber keineswegs getan. In der Regel wird die Leistung des
KI-Modells anschließend in der Praxis bewertet, um festzustellen, ob
auftretende Anomalien zuverlässig erkannt und Fehlalarme vermieden wurden. Über
längere Zeiträume können sich auch Veränderungen in den Daten ergeben, etwa
durch Alterungsprozesse in den Komponenten. Das kann die Genauigkeit des
Erkennungssystems insgesamt verringern. Dann wird es erforderlich, dass Ingenieure
die KI-Modelle auf Grundlage der während des Betriebs gesammelten zusätzlichen
Daten neu trainieren. Diese aktualisierten Modelle müssen dann wieder
bereitgestellt werden, etwa als routinemäßige Software-Updates. Damit schließt
sich der Kreis zum Beginn des Entwicklungsprozesses – man spricht in diesem
Kontext auch von MLOps (Machine Learning Operations).
Bild 4: Lebenszyklus eines KI-Modells über Planung, Entwicklung, Bereitstellung und Monitoring.MathWorks
Fazit
KI-gestützte Anomalieerkennung kann Defekte reduzieren, die
Lebensdauer von Komponenten verlängern und die Betriebskosten senken. An die
Bereitstellung der Erkennungssysteme schließt sich eine Monitoring-Phase an, in
der die Genauigkeit der Modelle in der Praxis bewertet wird und auch Updates
der Modelle notwendig werden können. Damit trägt die KI-gestützte
Anomalieerkennung dazu bei, die Effizienz in der Automobilindustrie zu
steigern. Ingenieure können KI-Modelle einsetzen, um Sensordaten sowohl in der
Cloud als auch auf Edge-Geräten zu verarbeiten und Muster aus Daten zu
extrahieren. Dies ermöglicht die frühzeitige Erkennung von Problemen, bevor
schwerwiegende Ausfälle auftreten. (na)
Autoren:
Christoph Stockhammer: Principal Application Engineer bei
MathWorks
Martin
Büchel: Senior Application Engineer bei MathWorks