Sicherheit und Konnektivität virtueller Kraftwerke stärken
Stromnetze waren in der Vergangenheit an zentralen Großkraftwerken orientiert. Mit zunehmender Versorgung aus erneuerbaren Energiequellen ändert sich dies hin zu dezentralen Stromnetzen. Neueste Hard- und Software sorgt in virtuellen Kraftwerken dafür, dass die Netze sicher sind und nicht überlasten.
Mark PatrickMarkPatrick
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Virtuelle Kraftwerke fassen eine Reihe von dezentralen Netzressourcen in einer einzigen Verwaltungseinheit zusammen.petovarga – stock.adobe.com
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Im Jahr 1935 wurde in Großbritannien eines der ersten
zusammenhängenden nationalen Stromnetze der Welt eingerichtet. Hierbei handelte
es sich um ein Verbundsystem, das große, zentrale Kraftwerke und regionale
Stromnetze im ganzen Land miteinander verband, um ein durchgängiges Netz zu
schaffen, das besser in der Lage war, den wachsenden Energiebedarf zu decken
[1]. Dieses Modell einer groß angelegten, planbaren Stromerzeugung aus
zentralen Kohle-, Gas- und später Kernkraftwerken bildete während des gesamten 20.
Jahrhunderts die Grundlage für eine zuverlässige Stromverteilung.
In den letzten Jahrzehnten arbeiten netzgebundene
Stromerzeuger jedoch zunehmend nachhaltig, womit dezentrale Energiequellen
(Decentralized Energy Resources, DERs) wie Photovoltaik (PV)- und
Windkraftanlagen in den Vordergrund rücken. Die neue, verteilte Netzstruktur
stellt die Netzbetreiber jedoch vor einige Herausforderungen. Diese wollen sie
mithilfe virtueller Kraftwerke (Virtual Power Plants, VPPs) bewältigen, die mit
den erneuerbaren Energiequellen verbunden sind. Eine bedeutende Rolle bei der
Technologie kommt dabei der Elektronik-Community, also Entwicklern, Herstellern
und Distributoren von Elektronik-Bauteilen zu.
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Virtuelle Kraftwerke steuern Energieflüsse
Kleine Wind- und Solarkraftwerke sorgen zwar dafür, dass
viele Haushalte und Unternehmen energieunabhängig und nachhaltig agieren, sie
stellen die Stromnetze jedoch vor neue Herausforderungen. Weil immer mehr Strom
aus häufig schwankenden erneuerbaren Quellen stammt, ist das traditionelle
Modell der zentralen Stromnetze nicht mehr anwendbar. Heute braucht es
anpassungsfähige Strategien zum Steuern der Energie, um das Angebot
kontinuierlich an die Nachfrage anzupassen.
In virtuellen Kraftwerken fasst man zahlreiche dezentrale
Energiequellen zu einer zusammenhängenden, digital gesteuerten Plattform
zusammen. Zu DERs zählen beispielsweise PV-Anlagen auf Dächern, On- und
Offshore-Windparks, Batteriespeichersysteme (Battery Energy Storage Systems,
BESS) sowie Elektrofahrzeuge mit bidirektionalen Ladegeräten (Onboard Charger,
OBC). Je nach Wetterverhältnissen und lokalen Verbrauchsmustern tragen sie zu
einer variablen Energieversorgung oder -nachfrage bei.
Durch den Einsatz moderner Technologien wie künstlicher
Intelligenz (KI) und miteinander verbundener Geräte im IoT können virtuelle
Kraftwerke den Betrieb der einzelnen dezentralen Energiequellen aufeinander
abstimmen. So stellen sie sicher, dass die kombinierte Leistung beziehungsweise
der Energiebedarf besser vorhersehbar ist und mit der aktuellen Leistung des
Netzes übereinstimmt. Netzbetreiber können so Angebot und -nachfrage in
Echtzeit steuern. Virtuelle Kraftwerke verbessern den Ausgleich der Netzlast
sowie die Reaktion auf die Energienachfrage, sind widerstandsfähiger und
reduzieren die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zum Decken von
Lastspitzen.
Bild 1: Ein zu Hause angeschlossenes Elektrofahrzeug lässt sich in ein virtuelles Kraftwerk einbinden und kann so als zuverlässiges und großes Batteriespeichersystem fungieren.tommoh29 – stock.adobe.com
Spitzen im Netz dynamisch ausgleichen
Ein virtuelles Kraftwerk fungiert im Prinzip wie ein Puffer:
es steuert die Ausgangsleistung der erneuerbaren Energien, nimmt Energie in
Echtzeit auf und verteilt sie entsprechend, damit die Versorgung stabil bleibt.
So lassen sich die für erneuerbare Energien typischen Schwankungen ausgleichen.
Zudem verringert das koordinierte Steuern der Energie das Risiko von
Stromausfällen, insbesondere in Zeiten geringer Leistung oder hoher Netzlast.
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Um in Großbritannien den Energiebedarf auszugleichen und die
Netzinstabilitäten zu verringern, hat Octopus Energy ein virtuelles Kraftwerk
entwickelt, das Elektrofahrzeuge miteinander verbindet. Es umfasst dabei eine
Leistung von 100 MW intelligent gemanagter Elektrofahrzeuge. Ist viel
kostengünstige Energie aus erneuerbaren Quellen vorhanden, lädt das System die
Fahrzeuge automatisch auf und gleicht so Angebot und Nachfrage aus [2].
Dieses System setzt zwar lediglich bei der Nachfrage an,
jedoch hat Octopus Energy einen intelligenten Vehicle-to-Grid-Tarif (V2G) für
kompatible Elektrofahrzeuge mit bidirektionalen Onboard Chargern etabliert, um
die Netzversorgung zu verbessern [3]. Mit dem System können ausgewählte
Fahrzeuge bei Nachfragespitzen Strom in das Netz zurückspeisen und so das
lokale Stromnetz stabilisieren.
In Großbritannien gehen rund sechs Prozent des Stroms beim
Verteilen verloren [4], davon 1,7 Prozent beim Übertragen über weite Strecken
[5]. Der Netzbetreiber National Grid möchte die Netzverluste verringern, indem
er Strom dezentral – also näher am Verbrauchsort – erzeugt [6]. Mit dieser
Strategie unterstreicht National Grid die Not, die Netze „intelligenter“ zu
gestalten, zum Beispiel durch Plattformen für den Peer-to-Peer-Energiehandel,
einem Kernelement virtueller Kraftwerke [7].
Der Weg zu einem gerechteren Energiemarkt
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In Zeiten, in denen die Energienachfrage das verfügbare
Angebot übersteigt, müssen die Netzbetreiber in konventionellen Stromnetzen
häufig zusätzliche, in der Regel wenig nachhaltige und schnell hochzufahrende
Energiequellen wie Gaskraftwerke aktivieren. Alternativ können virtuelle
Kraftwerke auf die Nachfrage reagieren, indem sie vorübergehend den nicht
unbedingt nötigen Verbrauch reduzieren, gespeicherte Energie aus
Batteriespeichern entladen oder Lasten auf Zeiten außerhalb der Spitzenlast
verlagern.
In Westaustralien kam es in den letzten Jahren vermehrt zu
Stromausfällen, insbesondere in Zeiten mit außergewöhnlichen Sommertagen mit
sehr hohen Temperaturen und erhöhter Nachfrage aufgrund von Klimaanlagen. So
hatte der australische Energiemarktbetreiber AEMO im Hauptstromnetz des Landes
ein Defizit von 326 MW ermittelt [8]. Als Reaktion auf das Defizit hat Plico,
ein Unternehmen für umweltfreundliche Produkte im Energiesektor, 2.500
Haus-Batterien zu einem virtuellen Kraftwerk kombiniert, das einer einzigen
27-MWh-Batterie entspricht [9]. Im Dezember 2024 lief das System zweimal, um
die hohe Sommernachfrage zu bewältigen und Stromausfälle und -instabilitäten
abzuwenden. Zuvor war das System bereits im Sommer 2023/24 13 Mal erfolgreich
im Einsatz.
Bild 2: Hochspannungsleitungen können Strom über große Entfernungen transportieren, sie verursachen jedoch beträchtliche Energieverluste.Mouser Electronics
Zusätzlich zu den betrieblichen Verbesserungen können
virtuelle Kraftwerke zu einem gerechteren Energiesystem beitragen, indem sie
einen offenen Peer-to-Peer-Energiehandel ermöglichen. Mit diesem dezentralen
Ansatz können einzelne Energieerzeuger überschüssige Energie direkt an die
Verbraucher verkaufen. Hiermit umgeht man traditionelle Zwischenhändler und
fördert einen wettbewerbsfähigen und widerstandsfähigen Energiemarkt.
Zusammengenommen führen die von virtuellen Kraftwerken ermöglichten Fortschritte
zu einem nationalen Netz, das nicht nur stabil und effizient ist, sondern
ebenso schnell auf die sich entwickelnden Anforderungen einer nachhaltigen
Energiezukunft reagiert.
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Management-System mit zuverlässiger Konnektivität
Virtuelle Kraftwerke werden von einem zentralen System
gesteuert, das die Energieressourcen verteilt, als „Distributed Energy Resource
Management System“ (DERMS) bezeichnet. Es optimiert das Erfassen und Steuern
von Daten und liefert Echtzeit-Informationen über Energieerzeugung und
-verbrauch sowie Umweltfaktoren. Dabei arbeitet ein DERMS mithilfe von
KI-Methoden, speziell maschinellem Lernen (ML) und ermöglicht kurzfristige
Vorhersagen und ein schnelles Anpassen an Stromschwankungen.
Jedoch hängt der Betrieb eines DERMS nicht nur von der
Software ab, sondern ebenfalls von der nahtlosen Integration robuster Edge- und
IoT-Hardware wie intelligente Umrichter, Mikrocontroller und Sensoren. Sie
müssen sicher mit einem virtuellen Kraftwerk kommunizieren, um Zustände
zurückzumelden und Vorgänge zu steuern. Dabei nutzen dezentrale Energiequellen
sowohl Kabel- als auch Funkverbindungen. Für kurze Strecken wird oft Ethernet
eingesetzt, da es zuverlässig und günstig ist – besonders Single Pair Ethernet
(10BASE-T1S) gewinnt an Beliebtheit. Für die schnelle Datenübertragung zur
Cloud wird meist Wi-Fi genutzt. Bluetooth Low Energy und Zigbee eignen sich
dagegen für energiearme Kurzstrecken, etwa zum Einbinden von Sensoren und zur
Echtzeit-Überwachung.
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Langstreckentechnologien wie LoRaWAN und NB-IoT erweitern
die Abdeckung in entlegenen Gebieten und ergänzen 5G-Mobilfunknetze, sodass
eine Kommunikation mit hoher Kapazität und geringer Latenz über große Bereiche
hinweg möglich ist. Mit der Kombination verschiedener
Kommunikationstechnologien treiben Entwickler die Digitalisierung und
Intelligenz der Stromnetze voran und ermöglichen so die nahtlose Integration
von intelligenten Stromzählern, Solarumrichtern und Batteriespeichersystemen,
auch außerhalb zuverlässiger lokaler Drahtlosnetzwerke.
Sichere Kommunikation in virtuellen Kraftwerken
Da virtuelle Kraftwerke immer mehr zu einem kritischen Teil
der Energieinfrastruktur eines Landes werden, sind robuste Applikationen für
die Hardware-Sicherheit entscheidend. Um die Integrität und Vertraulichkeit von
Daten in Tausenden miteinander vernetzten Geräten und Anlagen zu schützen,
können Entwickler innerhalb der virtuellen Kraftwerke eine Reihe von
Sicherheitsmaßnahmen einsetzen.
Sichere Features wie Hardware-Sicherheitsmodule,
physikalisch nicht klonbare Funktionen sowie vertrauenswürdige Plattform-Module
(Trusted Platform Modules, TPM) bieten beispielsweise hardwarebasiertes
Verschlüsseln und Sicherheit auf dem Chip. Sie schützen sensible Informationen
vor Manipulationen und unbefugtem Zugriff. Entwickler können zum Beispiel auf
die „Optiga“ TPM Security Solutions von Infineon Technologies, die bei Mouser
Electronics erhältlich sind, zurückgreifen. Dabei handelt es sich um Sicherheits-Controller,
die moderne Kryptografie nutzen, um die Integrität und Authentizität von
Embedded-Netzwerk-Bauteilen und -Systemen zu schützen.
Die Module lassen sich problemlos in Geräte wie Smart Meter,
Umrichter, Solarpanels und Netz-Gateways integrieren. Sie verfügen über
Sicherheitszertifikate gemäß der Trusted Computing Group (TCG), Common Criteria
(EAL4+) und des Federal-Information-Processing-Standards (FIPS). Hiermit sorgen
die Bauteile für eine sichere Kommunikation zwischen der Cloud und den
Endgeräten. So können Datenverletzungen verhindert und die Sicherheit von
virtuellen Kraftwerken erhöht werden.
Bild 3: Die „Optiga“ Trusted-Platform-Module von Infineon unterstützen die neuesten kryptografischen Algorithmen und bieten eine einfache Systemintegration.Mouser Electronics
Entwickler können zudem Sicherheitsfunktionen nutzen, die in
den neuesten Mikrocontrollern (MCUs) und System-on-Chips (SoCs) integriert
sind. Das betrifft zum Beispiel sicheres Booten, Laufzeit-Integritätsprüfungen
und Verschlüsselung auf Hardware-Ebene, um die Edge-Geräte eines virtuellen
Kraftwerks weiter zu sichern. Gemeinsam bilden die Applikationen eine
mehrschichtige Verteidigung, die softwarebasierte Protokolle ergänzt und
gewährleistet, dass die Kommunikation zwischen Edge-Geräten und dem zentralen DERMS
des Kraftwerks sicher bleibt.
Zentrale Rolle für virtuelle Kraftwerke
Virtuellen Kraftwerken kommt in Zukunft eine zentrale Rolle
im Energiemanagement zu. Mit fortschrittlichen digitalen Technologien können
sie die Netze stabiler, effizienter und widerstandfähiger gestalten. Mit dem
Bündeln verschiedener dezentraler Energiequellen und der Integration robuster
Kommunikations- und Sicherheitssysteme ebnen sie den Weg für eine nachhaltige,
CO2-arme Energiezukunft. (ts)
Autor
Mark Patrick, Director of Technical Content, EMEA, bei Mouser Electronics