Cybersicherheit im Quantenzeitalter
Wie Daten schon heute für morgen sicher gemacht werden
Von der Vorsorge zur digitalen Verteidigung: Quantencomputer stellen die bisherige Verschlüsselung auf den Prüfstand – und damit unsere digitale Sicherheit. Warum Europol zur Eile mahnt und welche Rolle deutsche Halbleiterhersteller spielen beleuchtet dieser Beitrag.
Symbolische Darstellung eines Quantencomputers – die Bedrohung für klassische Verschlüsselung.
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Crash-Propheten hatten noch nie Sendepause.
Doch wenn selbst die konservative Großmutter, Kind der Nachkriegszeit, mitgibt:
„Spare, wenn du hast, dann hast du in der Not“, dann klingt das heute wie ein
Appell zur digitalen Vorsorge. Denn der Verteidigungsfall kommt nicht als
Angriff mit Panzern, sondern als Angriff auf unsere Daten. Die Bedrohung ist
real: Europol warnt vor organisierten Netzwerken, die bereits heute verschlüsselte
Daten sammeln, um sie später mit Quantencomputern zu entschlüsseln und somit
für sich nutzbar zu machen. Das Szenario nennt sich „store now, decrypt later“.
Quantencomputer
sind dabei, die Spielregeln der Kryptografie grundlegend zu verändern.
Algorithmen wie RSA (Rivest-Shamir-Adleman), auf denen ein Großteil
unserer digitalen Kommunikation basiert, könnten schon bald von
Quantencomputern geknackt werden. Post-Quantum-Kryptografie (PQC) heißt die
Antwort darauf: Also neue kryptografische Verfahren, die auch im Zeitalter der
Quantenrechner Bestand haben.
Es ist Zeit zu handeln: Quantenbedrohung
rückt näher
Die Fortschritte im Quantencomputing sind
rasant. Große Tech-Konzerne, Universitäten und Start-ups überbieten sich mit
Erfolgsmeldungen. Gleichzeitig reagiert die Sicherheitsforschung: Das
US-amerikanische National Institute of Standards and Technology (NIST) hat
bereits drei Algorithmen als Post-Quantum-Standards definiert: Die Federal
Information Processing Standards (FIPS) FIPS-203 (ML-KEM), 204 und 205 bieten
robuste Mechanismen für Schlüsselaustausch und digitale Signaturen, die
Angriffen von Quantencomputern standhalten.
Auch das Bundesamt für Sicherheit in der
Informationstechnik (BSI) hat seine Einschätzung zum so genannten „Q-Day“
abgegeben – dem Tag, an dem Quantencomputer erstmals in der Lage sein werden,
herkömmliche Verschlüsselung praktisch zu brechen. Das BSI rechnet bereits um
das Jahr 2030 damit – also etwa zu dem Zeitpunkt, an dem heutige
Elektronikentwicklungen in Serie gehen. Wer sich also jetzt nicht vorbereitet,
läuft Gefahr, später mit veralteter Sicherheitstechnik zu produzieren.
Und auch das von Europol initiierte Quantum
Safe Financial Forum (QSFF) drängt darauf, insbesondere den Finanzsektor schon jetzt
mit den heute verfügbaren Mitteln gegen die morgen verfügbare Technik
abzusichern.
Herausforderungen bei der Umstellung auf PQC
So klar das Ziel ist, so anspruchsvoll ist
der Weg dorthin. Größere Schlüssel und komplexere Algorithmen erfordern mehr
Rechenleistung – eine Herausforderung besonders für ältere Systeme. Zudem ist
die Standardisierung noch nicht vollständig abgeschlossen, sodass sich die verwendeten
Algorithmen in Zukunft noch ändern können. Und auch organisatorisch ist der
Umstieg kein Selbstläufer – er erfordert Investitionen, Umdenken und
technisches Know-how. Der Schlüssel zum Erfolg liegt daher in der sogenannten
Kryptoagilität: Systeme sollten von Anfang an so flexibel gestaltet werden,
dass sie schnell auf neue Erkenntnisse oder Bedrohungen reagieren können.
Erste Schritte zu einer sicheren
IT-Infrastruktur
Trotz dieser Herausforderungen zeigen erste
praktische Umsetzungen, dass der Wandel zur Post-Quanten-Kryptografie bereits
begonnen hat: Infineon, Rutroniks größter Franchisepartner, hat
sich frühzeitig als Vorreiter in Sachen PQC positioniert. Bereits 2017 wurde
ein quantenresistenter Schlüsselaustausch auf einem kontaktlosen Chip umgesetzt.
Anfang 2025 folgte die weltweit erste EAL6-Zertifizierung durch das BSI für
einen Sicherheitscontroller mit ML-KEM-Verfahren. Damit deckt Infineon
insbesondere Smartcard-Anwendungen ab.
Auch andere deutsche
Halbleiterhersteller treiben die Entwicklung voran. Elmos Semiconductor legt
nun, gemeinsam mit ID Quantique, mit einem für das PQC wichtigen Baustein nach,
einem miniaturisierten Quantum Random Number Generator (QRNG).
Jedes Verschlüsselungsverfahren beginnt mit
einer Zufallszahl für die Schlüsselerzeugung. Die Erzeugung einer solche
Zufallszahl ist für einen logisch und diskret arbeitenden Apparat jedoch eine
große Herausforderung. HRNG, Hardware Random Number Generator, gibt es seit
langem und in verschiedenen technischen Ausführungen. Herkömmliche Generatoren
(TRNG/PRNG) sind manipulierbar – durch physikalische Einflüsse, wie Licht,
Druck, Temperatur, elektromagnetische Felder und Versorgungsspannung oder durch
gezielte Eingriffe durch Künstliche Intelligenz.
QRNG nutzt echte Quanteneffekte wie die
Emission von Photonen, um wirklich zufällige Zahlen zu generieren. Das ist
nicht nur sicherer, sondern auch eine zwingende Voraussetzung für
FIPS-203/204/205-konforme Kryptografie. Solche QRND-Lösungen sind bisher eher
als Erweiterungssteckkarten für Server bekannt. Elmos hat die Technologie nun
miniaturisiert und in ein 2x2 mm DFN-Gehäuse gepackt (Bild 1). Damit steht die
patentierte Technologie über Rutronik allen Anwendern weltweit zur Verfügung. Neben
der Finanzbranche profitieren auch die Bereiche Industrie, Medizin und Automotive.
Sicherheit ist kein Luxus, sondern
Pflicht
Es geht längst nicht mehr nur um Banken. Ob
Industrieanlagen, medizinische Geräte oder Fahrzeuge mit Assistenzsystemen –
unsere Welt ist digital, vernetzt und damit angreifbar. Was passiert, wenn die
Assistenzsysteme in Fahrzeugen plötzlich Verkehrsschilder falsch erkennen, wenn
sich Fahrzeuge per Ultra-Wideband-Technologie und Rolling-Key-Verfahren öffnen
lassen, weil der Schlüssel vorhersehbar war? Oder wenn medizinische Daten abgefangen
werden, weil der Zufallszahlengenerator nicht echt war?
Die Quantenrevolution kommt. Vielleicht nicht
morgen, aber sicher – früher als viele hoffen. Wer heute nicht investiert, wird
morgen zahlen. Um es mit der Weisheit der konservativen Großmutter zu sagen: „Verschlüssele
deine Daten heute vernünftig, dann bist du auch morgen vor
Quanten-Cyberangriffen geschützt.“ (bs)
Autor: Bernd
Hantsche, Vice President Technology Competence Center bei Rutronik