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(Bild: creativeteam @ AdobeStock)

| von Andrew Johnson, Simon Duggleby

Auf IEC 62368-1 basierende Normen werden bald eine Reihe bestehender Sicherheitsstandards für IKT-Ausrüstung (Informations- und Kommunikationstechnologie) und AV-Ausrüstung (Audio/Video) ersetzen. In einem Schritt haben die Regulierungsbehörden der USA und der EU das Datum angeglichen, an dem die neuen Normen die auf IEC 60950-1 und IEC 60065 basierenden Normen ersetzen. Dies hat sich als gute Entscheidung für Produktanbieter mit weltweitem Kundenstamm erwiesen.

Diese Angleichung kam zustande, da die EU den Termin für das „Ende der Konformitätsvermutung“ für bestehende Produkte verlängert hat, die bereits nachweislich mit den auslaufenden Normen EN 60065 und EN 60950-1 konform waren. Am 20. Dezember 2020 gelten die alten Normen nicht mehr und alle Produkte, die unter den Geltungsbereich von EN 62368-1 fallen müssen gemäß der neuen Norm geprüft werden.

Was beim HBSE-Sicherheitsansatz neu ist

Die Umstellung auf 62368-1 wurde durch die zunehmend unscharfe Unterscheidung zwischen der von 60950-1 erfassten IKT-Ausrüstung und der von 60065 erfassten AV-Ausrüstung notwendig. Allerdings vereinheitlicht die IEC 62368-1 nicht nur die Normen, sondern ändert auch den Blickwinkel. Der Geltungsbereich bleibt derselbe, doch der IEC-Technikausschuss TC108, der für 62368-1 verantwortlich ist, nutzte bei der Schaffung der neuen Norm den so genannten HBSE-Ansatz (Hazard Based Safety Engineering). Der HBSE-Ansatz zielt darauf ab, einen Standard zu schaffen, der weniger vorschreibend und gleichzeitig zukunftssicherer ist und letztlich dazu beiträgt, Produkte für den Benutzer sicherer zu machen.

Beim HBSE-Ansatz ist neu, dass er den Schwerpunkt weg vom Nachweis der Erfüllung vorgeschriebener Produktspezifikationen verlagert. Stattdessen müssen die Produkthersteller nachweisen, dass sie die bekannten Gefahren berücksichtigt haben und dass sie das Produkt so entworfen haben, dass es sich im erwarteten Kontext sicher verwenden lässt. Normen wie 62368-1 sind zwar risikobasiert, erfordern aber kein Risikomanagement wie etwa noch bei IEC 60601-1.

Was sind die Prinzipien von HBSE?

Mit diesem HBSE-Konzept sollen diejenigen geschützt werden, die ein Gerät sowohl unter normalen als auch unter Störungsbedingungen benutzen. Dabei identifizieren Entwickler zunächst potenziell gefährliche Energiequellen und Mechanismen, welche Energie an einen Nutzer übertragen könnten. Sobald dies geschehen ist, sind geeignete Maßnahmen nötig, um diese Übertragungen zu verhindern und geeignete Schutzmaßnahmen zu treffen, um den Benutzer und die umliegenden Objekte vor Verletzungen oder Schäden durch Stromschläge, thermische Verbrennungen und andere Gefahren zu schützen. Wichtig ist, dass das HBSE auch die Wirksamkeit der Schutzmaßnahmen misst. Die Analyse der Gefährdungen und Schutzmaßnahmen erfolgt anhand von Drei-Block-Modellen. Hierbei treffen die Entwickler entsprechende Schutzmaßnahmen, die eine Energieübertragung von der Quelle auf den Körperteil verhindert.

Beim HBSE-Konzept (Hazard Based Safety Engineering) identifizieren Entwickler potenzielle Gefahrenquellen und ergreifen entsprechende Schutzmaßnahmen, um ein Verletzungen vorzubeugen.

Beim HBSE-Konzept (Hazard Based Safety Engineering) identifizieren Entwickler potenzielle Gefahrenquellen und ergreifen entsprechende Schutzmaßnahmen, um Verletzungen vorzubeugen. Mouser

Die 62368-1-Norm klassifiziert die Energiepegel, denen ein Benutzer oder Objekt ausgesetzt werden kann, in drei Kategorien. Dabei ist Klasse 1 die niedrigste und Klasse 3 die höchste Kategorie. Diese Energiepegel-Klassifizierung hilft Entwicklern dabei, die für ihr Produkt erforderlichen Schutzmaßnahmen zu entwickeln. Auch hier weist die Norm 62368-1 verschiedene Ebenen von Schutzmaßnahmen auf: Basis-, Zusatz- und verstärkte Schutzmaßnahmen.

Klassifiziert wird ebenfalls in die „normale Person“ (entspricht der Benutzer/Betreiber-Klasse in 60950-1/60065), die „Fachperson“ (entspricht dem „Servicetechniker“) und die zusätzliche Klasse „unterwiesene Person“, die für Benutzer gilt, die von einer erfahrenen Person geschult wurden oder beaufsichtigt werden. Ein Beispiel hierfür ist, dass eine verstärkte oder doppelte Schutzmaßnahme erforderlich ist, um eine gewöhnliche Person vor einer Energiequelle der Klasse 3 (ES3) zu schützen.

Umfassende Konformität: Produkte, Komponenten und Subsysteme

Produktdesigner müssen bedenken, dass die neuen Normen nicht nur für ihr komplettes Endprodukt gelten, sondern auch für seine wichtigen Subsysteme und Komponenten wie etwa Netzteile. Derzeit ist es möglich, Netzteile zu beziehen, die entweder für 62368-1, 60950-1 oder 60065 zertifiziert sind. IEC 62368-1 enthält einen Abschnitt (4.1.1), der es erlaubt, nach 60950-1 oder 60065 zertifizierte Netzteile in Endprodukten zu verwenden, die nach 62368-1 zertifiziert sind. Sie ermöglicht auch die Verwendung von 62368-1-zertifizierten Netzteilen in 60950-1- oder 60065-konformen Endprodukten. Ob diese Klausel nach dem 20. Dezember 2020 weiterhin Gültigkeit hat, ist jedoch in der EU noch ungewiss. Angesichts der Unklarheit darüber, ob die alten Zulassungen nach 60950-1 und 60065 in der EU weiterhin gültig bleiben, stellen Gerätehersteller wie CUI derzeit ihre Netzteilportfolios auf die zweite Ausgabe der Norm 62368-1 um.

Fazit

Die neuen gefahrenbasierten Sicherheitsnormen 62368-1 werden bereits in der EU, den USA und Kanada eingeführt. Obwohl die älteren Normen erst Ende 2020 zurückgezogen werden, testen die Hersteller intelligenter Geräte bereits heute ihre neuen und bestehenden Produkte nach den neuen Normen. So können sie vermeiden, am Tag des Widerrufs überrumpelt zu werden.

Die Norm 62368-1 zielt darauf ab, den Produktdesignern mehr Flexibilität zu bieten, indem sie weniger präskriptiv ist und gleichzeitig dafür sorgt, dass die Anwender von sichereren Produkten profitieren. Aber der Wechsel zum HBSE ist auch ein Paradigmenwechsel in der Herangehensweise. Für Geräteentwickler und -hersteller bedeutet dies eine Fülle von Informationen, die sie lesen und verstehen müssen, wenn sie sicherstellen wollen, dass ihre Produkte konform sind. Die Verlängerung der ursprünglichen Frist vom Juni 2019 gewährt zusätzliche Zeit für den Vorbereitungsprozess. Es bedeutet aber auch, dass es eine harte Grenze für die alten Normen geben wird.

Andrew Johnson

Senior Director of Product Management bei CUI

Simon Duggleby

Supplier Marketing Manager EMEA bei Mouser

(prm)

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