Aufbruch in bessere Zeiten?

Kommentar: Orientierung für EMS-Unternehmen

productronica zeigt wachsenden EMS-Markt, doch begrenzte Ressourcen, flexible Fertigung und Supply-Chain-Resilienz bleiben strategische Aufgaben.

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Auf der productronica gab es EMS-Infos satt in der eigens dafür errichteten Area.

Die Besucherzahl auf der Münchener Fachmesse für die Entwicklung und Fertigung von Elektronik war mit rund 47.000, das heißt mit einem Plus von mehr als 10 Prozent, ein Indiz für wachsendes Interesse am Marktgeschehen – wie auch bereits in den vorangegangenen Jahren. Auch die Vortragsreihen auf dem PCB & EMS Marketplace waren wieder gut besucht und wurden vom Publikum weitgehend als sinn- und gehaltvoll bewertet. Zudem war der Austausch mit Kolleginnen und Kollegen aus anderen Unternehmen in vielerlei Hinsicht hilfreich und notwendig zugleich. Unterm Strich also alles gut?

Sicher, nach all den branchenbezogenen Wehen vor, während und nach der Corona-Zeit steht das Barometer tendenziell auf „aussichtsreich“. Betrachtet man die künftig fordernden Themen wie Advanced Packaging, Leistungselektronik oder die Absicherung der Wertschöpfungskette, die auf der productronica behandelt und gehandelt wurden, zeigt sich jedoch für so manches Unternehmen eine unterschiedliche Herangehensweise, um die eigene Zukunft in den Griff zu bekommen. Angesichts der Tatsache, dass die Branche im deutschsprachigen Raum immer noch eher mittelständisch geprägt ist, spielen für viele EMS-Dienstleister die eigene Unternehmensgröße und begrenzte Kapitalressourcen eine entscheidende Rolle für den Bewältigungsprozess.

Strategische Prioritäten für EMSler

Hier kann nicht jedes am Marktgeschehen beteiligte Unternehmen sich allen Herausforderungen gleichermaßen stellen. Es gilt, gerade als Mittelständler, die Themen aufzugreifen, die nicht nur das Überleben sichern, sondern auch eine positive, gestalterisch aktive Rolle ermöglichen. Meiner Einschätzung nach gibt es zwei zentrale Bereiche, die für eine zukunftsorientierte Unternehmensgestaltung unverzichtbar sind:

Auf flexible Fertigungslösungen fokussieren: Der Markt fordert künftig mehr situationsgerechte Elek-troniklösungen. Kurze Produktionszyklen werden vornehmlich die Fähigkeit zur High-Mix- und Low-Volume-Produktion bestimmen und mitgestalten. Hier muss die digitale Grundstruktur in den Fokus genommen werden und dafür sorgen, dass modulare Fertigungssysteme die Flexibilität die Wettbewerbsfähigkeit sichern.

Supply Chain Resilience und regionale Stärke – strategisches Denken ist gefordert: Die Lieferkettenproblematik ist so alt wie die Branche selbst – nur: die Unternehmen kommen nicht umhin, hier ernsthaft an einer marktgerechten Lösung zu arbeiten – und zwar im gesamten Verbund aller Beteiligten, ohne Berührungsängste. Nur so wird es gerade mittelständisch operierenden Unternehmen möglich, den regionalen Einkauf von Bauteilen strukturell abzusichern. Wem dies gelingt, wird weniger anfällig gegen große, immer wiederkehrende Krisen. Das Reshoring erlangt dabei eine zunehmende Bedeutung, um der Abhängigkeit von fernen Lieferquellen strategisch entgegenzuwirken.

Was Unternehmen jetzt vermeiden sollten

Ein starkes Team an EMSlern konnte den Besuchern fundierte Auskünfte geben.

Vieles davon ist nicht neu. Letztendlich ist es eine Frage der Haltung, wie und in welchem Maße ein EMS-Dienstleister sein Unternehmen mit diesen Gedanken und Maßnahmen in die Zukunft führen kann und soll. Dies wiederholt zu betonen, scheint mir unerlässlich, mit dem Hinweis auf folgende Verhaltensweisen, die für die Unternehmensentwicklung hinderlich sind:

Viele Unternehmer fühlen sich oftmals überfordert, aufgrund der Komplexität der sich fortschreitend marktverändernden Gegebenheiten adäquate Entscheidungen für die Zukunft des eigenen Betriebes zu fällen. Sie werden vorsichtiger und zögerlicher – in einem Maße, das eher zur Stagnation als zur Expansion neigt.

Entscheidungen zur Investition in die Technologie werden hinausgeschoben, im worst case sogar gestrichen. Das, was den Unternehmer ausmacht – eine rational basierte Situationsbewertung und der gesunde Mut zum Risiko – gehen verloren, Ängste und Unsicherheit bestimmen das Alltagsgeschehen.

Durch vielschichtige Sorgen fehlt der Suche nach den damit verbundenen Lösungen die Weitsicht. Das dringend strategische Denken mit Abstand gerät ins Abseits, führt mehr zum reaktiven Handeln als zur aktiven Unternehmensgestaltung.

Das Sich-im-Kreise-Drehen nimmt allmählich die Fähigkeit, die Gesamtproblematik zu erkennen und eine externe, andersartige Betrachtung des Geschehens als Lösungsweg zu sehen. Oftmals hilft bereits im ersten Schritt eine schlaglichtartige Analyse durch fachliche Beratung, den Blick auf den Horizont zu weiten sowie einen Ansatzpunkt zur andersartigen Problemlösung zu erkennen.

Kein Unternehmer und keine Unternehmerin ist vor diesen Veränderungen gefeit. Doch sie fordern, in neuralgischen Situationen hinderliche Grenzen zu überwinden. Die Rückbesinnung darauf, Hürden mit einer gewissen inneren Distanz zu betrachten und neu zu bewerten, möglicherweise durch fachlichen Dialog mit Externen oder anderen Betroffenen, kann ein Schritt in die richtige Richtung sein.

Kommentator:

Matthias Holsten
matthias holsten e² consulting