Interview zur Zusammenarbeit in der Elektronikindustrie

Symtronics zwischen Wachstum, KI und Kreislaufwirtschaft

Symtronics bündelt Kompetenzen für die Elektronikindustrie. Michael Schwienbacher, Michael Geiger und Merlin Reingruber erklären, was daraus entsteht, wo gemeinsame Strukturen Abhängigkeiten schaffen und welche Projekte noch Entwicklungsarbeit brauchen.

7 min
Gemeinsame Aufträge, KI und zirkuläre Materialien prägen die Weiterentwicklung von Symtronics – im Interview geht es um Fortschritte und offene Fragen der Zusammenarbeit. Das Kürzel „be“ steht für Beyond Economy, dessen Festival am 28. Oktober 2026 in München diese Themen aufgreift und Akteure aus der Elektronikindustrie mit anderen Branchen zusammenbringt.
Symtronics will Elektronikunternehmen durch gemeinsamen Einkauf, vernetzte Fertigung und Materialkreisläufe stärken. Wie solche Kooperationen in der Praxis funktionieren, ist auch Thema beim beyond economy Festival am 28. Oktober 2026 in München.

Seit dem ersten Interview 2023 begleitet all-electronics.de die Entwicklung von Symtronics, dem Elektronik-Ecosystem innerhalb von Sym. Auf die Gespräche über nachhaltige Elektronik folgten konkrete Projekte rund um zirkuläres Zinn und Recycling sowie die Frage, wie Zusammenarbeit Unternehmen widerstandsfähiger macht. Zeit, bei Michael Schwienbacher, Michael Geiger und Merlin Reingruber nachzuhaken: Was ist aus den Plänen geworden, und wo steht Symtronics heute? Die drei berichten über Unternehmenszukäufe, gemeinsame Aufträge und den Aufbau einer Technologieplattform. Auch ein Thema: offene Fragen zur Eigenständigkeit der Unternehmen, zur fairen Auftragsvergabe und zur Kontrolle von KI-Agenten sowie das dritte beyond economy Festival am 28. Oktober 2026 in München.

Seit unserem letzten Gespräch ist viel passiert. Was hat sich bei Symtronics grundlegend verändert?

Michael Geiger treibt als CSO bei Sym den Aufbau vernetzter Innovationsräume voran – mit Fokus auf nachhaltige Lösungen und kooperative Projekte in der Elektronikbranche.
Michael Geiger treibt als CSO bei Sym den Aufbau vernetzter Innovationsräume voran – mit Fokus auf nachhaltige Lösungen und kooperative Projekte in der Elektronikbranche.

Michael Schwienbacher: Wir haben die Rollen und unsere Ausrichtung klarer definiert. Sym initiiert, betreibt und entwickelt Ecosysteme. Wir haben uns entschieden, uns dieses und nächstes Jahr auf die Entwicklung von Symtronics zu konzentrieren. Es soll als Blaupause für weitere Ecosysteme dienen. Eine Erkenntnis dabei ist, dass es jemanden braucht, der diese Entwicklung anschiebt. Diese Rolle nennen wir derzeit Lead-Investor. Bei Symtronics übernimmt sie die Schwienbacher Gruppe mit ihren Elektronikunternehmen. Sie verfolgt eine gemeinsame Strategie, wächst organisch und durch Zukäufe und arbeitet gleichzeitig mit weiteren Akteuren zusammen, die ihr nicht gehören. Unser Ziel ist jedoch weiterhin ein vielfältiges, regionales und eigenverantwortlich organisiertes Ecosystem.

Michael Geiger: Dazu kommt die Entwicklung zu einer Technologieplattform auf zwei Ebenen. Digital haben wir an Datenbanken, Schnittstellen und Konnektoren gearbeitet. Unternehmen sollen ihre bestehenden Systeme anbinden und ihre Daten in darauf aufbauenden Anwendungen nutzen können. Physisch verbinden wir die Kapazitäten der Unternehmen in Entwicklung, Material, Fertigung, Service und Logistik. Beides gehört zusammen.

Wenn Sie „wir“ sagen: Was liegt bei Sym, was bei Symtronics und was bei der Schwienbacher Gruppe?

Michael Schwienbacher: Die Schwienbacher Gruppe übernimmt Unternehmen und entwickelt sie weiter. Sym organisiert die Zusammenarbeit im Ecosystem. Symtronics umfasst dabei sowohl Unternehmen der Gruppe als auch weitere eigenständige Akteure entlang der Wertschöpfung.

Welche Kompetenzen sind durch die Zukäufe hinzugekommen, und wo bestehen bei Symtronics noch Lücken?

Mann mit Brille und dunklem Sakko vor unscharfem dunklem Hintergrund.
Michael Schwienbacher gestaltet die Entwicklung von Symtronics mit und setzt dabei auf gemeinsame Strukturen, die die Eigenständigkeit der beteiligten Unternehmen erhalten sollen.

Michael Schwienbacher: Mit den Zukäufen haben sich unsere Kompetenzen deutlich erweitert. Bei Messtec Power Converter kamen beispielsweise die Entwicklung von Lasertreibern, mechanische Fertigung, Vakuumverguss und umfangreiche Prüfverfahren hinzu. Top-Print bringt Leiterplattenlayout und Bestückung mit. Hinzugekommen ist außerdem mechanische Fertigung in Habach. Der Elektronikbereich der Gruppe ist innerhalb von etwa zwei Jahren von rund 25 auf rund 125 Beschäftigte gewachsen. Diese Zahl bezieht sich auf die Gruppe, nicht auf das gesamte Ecosystem.

Michael Geiger: Symtronics verbindet heute Rohstoff, Entwicklung, Musterbau und Serienüberleitung, Beschaffung, Oberfläche und Veredelung sowie Fertigung bis zu den OEMs. Demnächst soll auch die Herstellung von Leiterplatten hinzukommen. Die Rückführung der Materialien bauen wir mit Partnern auf. Trotzdem werden Lücken bleiben. Kein Ecosystemkann jede Nische mit eigenen Unternehmen abbilden. Dafür etablieren wir auch langfristige Partnerschaften.

Wie verändert sich das Geschäftsmodell von Symtronics?

Diskussionsrunde in einem Konferenzraum mit Publikum und Präsentationswand.
Merlin Reingruber, hier beim Sustainability Gate 2026, gibt regelmäßig Einblicke unter anderem in seine Erfahrungen mit recyceltem Zinn.

Was ist aus dem bisherigen Mitgliedschaftsmodell geworden, und wie verdient Sym heute an der Zusammenarbeit?

Michael Schwienbacher: Wir werben bei Symtronics aktuell keine weiteren Mitglieder im bisherigen Sinne. Wir binden Akteure in die Zusammenarbeit ein und verdienen an den jeweiligen Transaktionen, also an Umsatz und Einkauf, mit. Dazu gehören Vermittlungs- und Vertriebsgebühren.

Gleichzeitig stellt sich für uns die Frage, wann ein Unternehmen eigentlich Teil des Ecosystems ist. Ist ein Lieferant, der an einem gemeinsamen Projekt mitarbeitet, bereits ein Akteur? Wir werden ohnehin nie sämtliche Kompetenzen selbst abdecken können. Entscheidend ist, dass die Zusammenarbeit funktioniert. Wir haben bereits Projekte abgeschlossen, bei denen drei oder vier Unternehmen gemeinsam einen Kunden beliefert haben.

Wie viel Eigenständigkeit bleibt im Elektronik-Ecosystem?

Woran lässt sich der wirtschaftliche Nutzen für die beteiligten Unternehmen konkret erkennen – etwa bei knappen Materialien?

Michael Geiger: Wir bündeln Einkaufsvolumen. Dadurch haben wir andere Möglichkeiten bei der Beschaffung und können die negativen Folgen der Preisentwicklung abmildern. Bauteil-Allokationen und Materialengpässe beschäftigen auch unsere Unternehmen. Der gemeinsame Einkauf hilft hier gerade kleineren Betrieben.

Ein weiteres Beispiel ist eine Produktentwicklung, die wir zusammen mit einem Unternehmen aus dem Ecosystem umsetzen. Dabei verwendet es erstmals recyceltes Zinn, das bei uns in der Fertigung schon lange Standard ist. Als OEM profitiert es vom Fertigungs-Know-how von Mayerhofer und vom Material der Feinhütte Halsbrücke. In der Serie muss es dieses Material dann nicht mehr importieren. Das entspannt die Lieferkette. Der Nutzen entsteht also dadurch, dass vorhandene Kompetenzen und Zugänge für weitere Unternehmen verfügbar werden. Sie müssen Erfahrungen, die andere bereits gesammelt haben, nicht vollständig selbst aufbauen.

Sie kaufen weitere Unternehmen hinzu und bündeln zentrale Funktionen. Wie verhindern Sie, dass daraus doch eine Konzernstruktur entsteht?

Michael Schwienbacher: Wir sind davon überzeugt, dass eine reine Top-down-Struktur dem, was wir erreichen wollen, nicht entspricht. Unsere Strategie zielt darauf, Unternehmen eigenverantwortlich zu halten und in eine symbiotische Zusammenarbeit zu bringen. Sym ist dabei als Betreiber organisiert. Unternehmenskäufe erfolgen über die Schwienbacher Gruppe. Die Gruppe verfolgt eine Buy-and-Build-Strategie. Wir planen, jährlich ein bis zwei Unternehmen hinzuzunehmen. Das Ecosystem reicht aber über diese Eigentumsverhältnisse hinaus. Es kann wesentlich mehr eigenständige Unternehmen verbinden, als die Gruppe selbst übernehmen könnte.

Michael Geiger: Für einen Auftrag können wir Unternehmen mit den jeweils passenden Kompetenzen zusammenbringen. Das gibt uns Flexibilität. Wir verbinden dabei verschiedene Unternehmenskulturen und Arbeitsweisen. Deshalb beschäftigen uns die gemeinsamen Abläufe gerade so intensiv.

Je mehr Einkauf, Vertrieb und IT gemeinsam laufen, desto größer werden auch die Abhängigkeiten. Wie viel Eigenständigkeit bleibt den Unternehmen?

Michael Schwienbacher: Das ist durchaus eine Problematik. Wenn Unternehmen viel Wertschöpfung über gemeinsame Strukturen organisieren, entstehen Abhängigkeiten. Die sind wechselseitig. Unser Anspruch lautet „Souveränität durch Gemeinschaft“. Gemeinsame Prozesse, IT-Infrastruktur, Einkauf und Vertrieb halten die Zusammenarbeit zusammen. Gleichzeitig wollen wir die Eigenverantwortung und Vielfalt der Unternehmen erhalten. Das ist die Aufgabe, an der wir arbeiten. Auch die Frage, wo genau die Grenze zwischen einem Ecosystem und einer Konzernstruktur verläuft, wird weiter diskutiert.

Wo stehen KI und zirkuläre Materialien in der Praxis?

Sie setzen auf KI-Agenten und digitale Zwillinge. Was läuft bereits, und wie kontrollieren Sie Fehler?

Michael Geiger: Wir haben zunächst viel Arbeit in das Fundament gesteckt: Welche Informationen liegen in welchen Datenbanken? Welche Systeme müssen miteinander verbunden werden? Darauf bauen Anwendungen auf, die beispielsweise Informationen aus Fertigung, Buchhaltung und Einkauf für einen Auftrag zusammenführen. Einzelne Abläufe funktionieren bereits. Jetzt bringen wir sie in einen größeren Zusammenhang. Dazu gehören auch klare Verantwortlichkeiten und die Frage, wie Anforderungen aus der Anwendung in eine technische Umsetzung übersetzt werden. Einen schlechten Prozess zu automatisieren hilft uns wenig. Bei den Agenten muss weiterhin ein Mensch auf die Ergebnisse schauen. Wir erleben, dass sie Fehler machen oder unbeabsichtigte Aktionen auslösen können. Deshalb brauchen wir Sicherheitsvorkehrungen. Wie schnell vollständige Automatisierung möglich wird, müssen wir sehen. Auch die Menschen müssen lernen, mit diesen Systemen umzugehen.

Digitale Zwillinge sind ein weiterer Baustein. Wir wollen Produkte zunächst digital abbilden, um früher eine Vorstellung davon zu bekommen, wie das Ergebnis aussehen muss. Damit wollen wir die Entwicklung beschleunigen.

Bei welchen zirkulären Materialien sind Sie inzwischen in der Serie, und wo wird noch erprobt?

Merlin Reingruber: Beim Zinn sind wir bereits in der Serie. Neben Stangenlot wollen wir schnellstmöglich auch Lotpasten aus zirkulärem Material einsetzen und damit auf Primärzinn verzichten. Fertigungsreste führen wir bereits zurück, damit das Material aufbereitet und wiederverwendet werden kann.

Bei Leiterplatten mit Leiterbahnen aus Aluminium statt Kupfer sprechen wir mit einem Anbieter, um die Technologie im Ecosystem verfügbar zu machen. Aluminium ist günstiger und für viele Anwendungen geeignet. Mehrere Unternehmen können dabei gemeinsam Erfahrungen sammeln, während der Technologieanbieter Zugang zu Anwendern bekommt. Bei Leiterplatten aus Naturrohstoffen sind wir noch im Prototypenstatus.

Was steht einer wirtschaftlichen Kreislaufwirtschaft noch im Weg, und welche weiteren Projekte verfolgen Sie?

Merlin Reingruber: Beim Sustainability Gate in Dresden hat sich gezeigt, wie sich die Debatte verschoben hat. Es ging vor allem darum, wie Kreislaufwirtschaft wirtschaftlich wird. Rohstoffsicherheit ist inzwischen ein Argument, das jede Geschäftsführung versteht. Das Sekundärzinn, das wir einsetzen, ist heute nicht teurer als Zinn aus der Mine. Der Weg dahin hat Jahre gedauert und Investitionen erfordert. Mayerhofer hat das mit Unterstützung von Sym geschafft. Ein mittelständisches Unternehmen kann das also stemmen.

Eine Hürde ist die Bereitschaft, einen laufenden Prozess umzustellen. Dazu kommt die Sorge vor Feldausfällen der gefertigten Elektronik. Hier hilft Erfahrung aus der Serie. Die können wir im Ecosystem teilen. Wir brauchen mehr Gelegenheiten, bei denen Entwicklung, Fertigung, Materiallieferanten und Recycler konkret zusammenarbeiten.

Michael Geiger: Wir bauen außerdem mit Partnern Projekte zur Rückführung von Elektronikschrott, zur Trennung von Bauteilen und Leiterplatte sowie zur Rückgewinnung von Rohstoffen in Europa auf. Die offene Frage ist die Wirtschaftlichkeit. Die lässt sich nur über mehrere Stufen der Wertschöpfung gemeinsam beantworten.

Was bietet das beyond economy Festival der Elektronikindustrie?

Welche Ergebnisse aus den bisherigen Beyond-Electronics-Formaten führen Sie beim Festival weiter?

Michael Geiger: Wir haben 2026 drei Schwerpunkte gesetzt: Ressourcen, die Fabrik der Zukunft mit Automatisierung und KI sowie die Zusammenarbeit im Ecosystem. Seit April führen wir diese Themen von einer Digital Session über eine Co-Creation Session bis zum Festival weiter. Dort bringen wir neben vielen anderen spannenden Themen auch ein Rohstoff-Panel auf die Bühne. Es geht um alternative Materialien, vermiedene Verschwendung und eine bessere Rückführung. Wir betrachten dabei den gesamten Lebenszyklus: Wie entsteht ein passendes Produkt möglichst ohne Ausschuss? Und wie kommt es nach der Nutzung in Wiederverwendung, Aufbereitung oder Recycling? Elektronik ist dafür ein konkretes Beispiel. Viele dieser Fragen betreffen andere Branchen genauso.

Das beyond economy Festival findet zum dritten Mal statt. Was ist 2026 neu?

Michael Geiger: Ein wesentlicher Bestandteil ist die beyond economy Vision Agenda 2040, die wir gemeinsam mit The Future:Project entwickelt haben. Rund 500 Unternehmerinnen und Unternehmer, Innovationsmanager und Fachleute haben ihr Feedback eingebracht. Daraus ist eine Zukunftslandkarte mit konkreten Zielbildern entstanden, wie eine erfolgreiche Wirtschaft 2040 aussehen kann. Am 28. Oktober stellen wir sie erstmals vor. Außerdem haben wir das Festival stärker auf Beteiligung ausgerichtet. Neben dem Bühnenprogramm gibt es Future Skill Workshops, Diskursrunden, Barcamps, Live Challenges und Co-Creation-Sessions. Dort sollen die Teilnehmer gemeinsam an Lösungen arbeiten. Zur Premiere 2024 kamen rund 450 Menschen, 2025 waren es über 1.100. In diesem Jahr erwarten wir 1.500. Beyond economy ist inzwischen auch zwischen den Festivals das ganze Jahr über aktiv.

Was nimmt ein Elektronikunternehmen konkret aus München mit?

Michael Geiger: Die Herausforderungen der Elektronik sind häufig branchenübergreifend. Ressourcen und KI beschäftigen viele Unternehmen. Ein Elektronikunternehmen findet deshalb bei uns das Rohstoff-Panel, konkrete Ansätze von Symtronics im Innovation Track und Gesprächspartner aus anderen Branchen, die teilweise schon andere Lösungswege gefunden haben. Beyond Electronics ist Teil des Themenfelds „beyond resources & energy“, das Symtronics inhaltlich mitgestaltet. Es geht um Energieeffizienz, Ressourcennutzung, industrielle Skalierung und resiliente Wertschöpfungsketten. Die Teilnehmer können dort ihre eigenen Herausforderungen mitbringen und mit Menschen besprechen, die an ähnlichen Aufgaben arbeiten.