Leiterplattenindustrie unter Druck

Unimicron schließt Werk in Geldern – 240 Jobs betroffen

Während Unimicron vom KI-Boom profitiert und in neue Fabriken investiert, stehen in Geldern rund 240 Arbeitsplätze vor dem Aus. Warum schließt der Konzern ausgerechnet sein deutsches Leiterplattenwerk?

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Modernes Bürogebäude mit Urinfor-Logo, Fahnen und Grünanlage vor dem Eingang.
Ein modernes Bürogebäude mit dem gut sichtbaren Urinfor-Logo, davor mehrere Fahnen und eine gepflegte Außenanlage.

Der taiwanische Leiterplattenhersteller Unimicron wird sein Werk in Geldern in Nordrhein-Westfalen schließen. Die Produktion am Standort Am Holländer See soll im ersten Halbjahr 2027 eingestellt werden. Von der Entscheidung sind sämtliche rund 240 Beschäftigten betroffen. Das Unternehmen nimmt bereits keine neuen Aufträge mehr an. Bestehende Kundenaufträge sollen noch abgearbeitet werden.

Die Konzernmutter Unimicron Technology hat die geplante Auflösung der Unimicron Germany GmbH am 27. Oktober 2026 im Rahmen einer Börsenmitteilung bekannt gegeben. Nach Informationen von Antenne Niederrhein sind anhaltende Verluste und ein schwieriges Marktumfeld ausschlaggebend für die Entscheidung. Trotz jahrelanger finanzieller Unterstützung durch die Muttergesellschaft sei keine wirtschaftlich tragfähige Perspektive für den deutschen Standort gefunden worden.

35 Millionen Euro für die Abwicklung

Für die geordnete Schließung und anschließende Liquidation plant Unimicron eine Kapitalzuführung von rund 35 Millionen Euro. Die Mittel sollen über die Holding UniRuwel Holding Limited an die deutsche Tochtergesellschaft fließen. Laut Börsenmitteilung ist das Geld für die Fertigstellung bestehender Kundenaufträge, Abfindungen für Beschäftigte, die Rückzahlung von Bank- und Konzerndarlehen sowie die weiteren Liquidationskosten vorgesehen. Die Mittel sollen in die Kapitalrücklage fließen. Die Zahl der von der Holding gehaltenen Geschäftsanteile bleibt unverändert.

Für die Beschäftigten sollen nun Verhandlungen über einen Interessenausgleich und einen Sozialplan beginnen. Konkrete Vereinbarungen über Abfindungshöhen oder weitere Unterstützungsmaßnahmen sind bislang nicht bekannt. Betroffen sind nach aktuellen Medienberichten rund 240 Beschäftigte. Auf seiner Unternehmenswebsite nennt Unimicron Germany weiterhin mehr als 350 Mitarbeiter. Wann diese Angabe zuletzt aktualisiert wurde und worauf die Differenz zurückzuführen ist, bleibt unklar.

Warum schließt Unimicron das Werk in Geldern?

In der taiwanischen Börsenmitteilung begründet Unimicron die geplante Auflösung der deutschen Tochter mit der übergeordneten Konzernplanung und dem Ziel, Betriebskosten zu senken. Hinzu kommen nach den aktuellen Unternehmensangaben die länger anhaltenden wirtschaftlichen Verluste des Standorts. Damit zeichnet sich eine Kombination aus wirtschaftlichen Problemen in Deutschland und einer strategischen Entscheidung der Konzernmutter ab. Welche einzelnen Kostenfaktoren für die Schließung besonders ausschlaggebend waren, geht aus den bislang veröffentlichten Informationen allerdings nicht hervor.

Hohe Energiepreise, steigende regulatorische Anforderungen und die internationale Wettbewerbssituation belasten viele deutsche Elektronikfertiger. Ob und in welchem Umfang diese Faktoren die Entscheidung bei Unimicron beeinflusst haben, ist bislang nicht konkret belegt. Auch ein unmittelbarer Zusammenhang mit früheren Umweltbelastungen oder technischen Zwischenfällen am Standort lässt sich aus den verfügbaren Angaben nicht ableiten.

Save the date: EMS & PCB-Forum 2027

Nachdem das von in4ma veranstaltete International EMS & PCB-Forum 2026 in Würzburg stattfand, zieht das Branchentreffen 2027 nach Dresden. Am 30. Juni und 1. Juli 2027 stehen dort erneut aktuelle Marktinformationen, Entwicklungen in der EMS- und PCB-Industrie sowie der persönliche Austausch mit internationalen Branchenvertretern im Mittelpunkt.

Der Mutterkonzern wächst weiter

Bemerkenswert ist die Schließung vor dem Hintergrund der wirtschaftlichen Entwicklung des taiwanischen Mutterkonzerns. Unimicron Technology profitiert derzeit erheblich von der Nachfrage nach Leiterplatten und IC-Substraten für KI-Anwendungen und leistungsfähige Rechenzentren. So steigerte Unimicron im dritten Quartal 2026 den auf die Anteilseigner der Muttergesellschaft entfallenden Nettogewinn gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 358 Prozent auf rund 10,05 Milliarden Taiwan-Dollar. Das entspricht dem zweithöchsten Quartalsergebnis der Unternehmensgeschichte, auch wenn das Ergebnis gegenüber dem Vorquartal zurückging.

Am selben Tag, an dem Unimicron die geplante Auflösung seiner deutschen Tochter bekannt gab, genehmigte der Verwaltungsrat zusätzliche Vorbestellungen von Fertigungsanlagen mit langen Lieferzeiten im Umfang von rund 50,9 Milliarden Taiwan-Dollar. Sie sollen den Ausbau neuer Fabriken und die Verbesserung von Fertigungsprozessen ermöglichen. Die tatsächliche Umsetzung hängt laut Unternehmensmitteilung von der Nachfrage und den Marktbedingungen ab.

Geldern verliert anspruchsvolle Leiterplattenfertigung

Mit dem Werk in Geldern verschwindet ein traditionsreicher Standort der deutschen Leiterplattenindustrie. Die frühere Ruwel-Fertigung gehört seit vielen Jahren zur Unimicron-Gruppe und ist auf kundenspezifische, technisch anspruchsvolle Leiterplatten spezialisiert. Zum Portfolio gehören unter anderem mehrlagige Leiterplatten, High-Density-Interconnect-Technologien (HDI), Hochfrequenz-Leiterplatten, Dickkupferstrukturen und Semiflex-Lösungen. Die Produkte kommen beispielsweise in der Automobilindustrie, der Industrieelektronik, der Medizintechnik und bei Anwendungen mit hohen Anforderungen an Zuverlässigkeit und thermisches Management zum Einsatz.

Noch 2022 hatte Unimicron nach eigenen Angaben rund zwölf Millionen Euro in ein neues Produktionsgebäude, Anlagen zur Kupferbeschichtung und Durchkontaktierung sowie in die Infrastruktur am Standort investiert. Bereits 2018 war eine neue Innenlagenfertigung entstanden. Der Standort verfügt damit über hochautomatisierte Fertigungseinrichtungen, die auf anspruchsvolle Leiterplattentechnologien ausgelegt sind.

Leiterplattenmarkt zwischen KI-Boom und Konsolidierung

Die Werksschließung fällt in eine Phase erheblicher Veränderungen in der weltweiten Elektronikindustrie. Während die Nachfrage nach KI-Infrastruktur neue Wachstumsmöglichkeiten eröffnet, steht die europäische Leiterplattenfertigung weiterhin unter starkem wirtschaftlichem Druck.

Nach Zahlen von Data4PCB erreichte die europäische Leiterplattenproduktion 2025 einen Wert von rund 1,76 Milliarden Euro. Das entspricht einem nominalen Wachstum von 2,4 Prozent. Der Weltmarkt legte im gleichen Zeitraum dagegen um mehr als elf Prozent zu. Gleichzeitig sank die Zahl der europäischen Leiterplattenhersteller um elf auf 168 Unternehmen mit 182 Produktionsstandorten. Besonders angespannt ist die Situation in Deutschland. Hier gingen die Umsätze der Leiterplattenhersteller laut Data4PCB-Auswertung drei Jahre in Folge zurück. Zwischen 2022 und 2025 verlor die deutsche PCB-Produktion mehr als 27 Prozent ihres Umsatzes.

Auch in der benachbarten EMS-Industrie zeigt sich diese ungleiche Entwicklung. Eine Marktanalyse von in4ma und EMSNOW prognostiziert für den weltweiten EMS- und ODM-Markt 2026 ein Wachstum um 22,4 Prozent auf rund 1,23 Billionen US-Dollar. Davon profitieren jedoch vor allem große Unternehmen mit starkem Geschäft im Bereich KI-Server und Rechenzentren.

Wie groß die Unterschiede zwischen den Regionen und Marktsegmenten sind, zeigte das in4ma EMS & PCB-Forum 2026. Von 1.025 untersuchten europäischen EMS-Unternehmen verzeichneten 777 im Jahr 2025 rückläufige Umsätze. Die Nachfrage aus Automotive und der klassischen Industrieelektronik entwickelte sich deutlich schwächer als das Geschäft mit KI-Infrastruktur.

KI-Boom verschärft den Druck auf Materialien

Gleichzeitig führt der Ausbau der KI-Infrastruktur zu Engpässen bei Leiterplattenmaterialien. Insbesondere hochwertige Laminate, spezielle Glasgewebe und Kupferfolien werden verstärkt für komplexe Leiterplatten und Substrate benötigt. Wie die Analyse zur Materialknappheit bei Leiterplatten zeigt, können sich daraus für europäische Elektronikhersteller längere Lieferzeiten, höhere Materialkosten und eingeschränkte Verfügbarkeiten ergeben. Gleichzeitig priorisieren manche asiatischen Hersteller margenstärkere Anwendungen für KI-Rechenzentren.

Dass diese Entwicklung auch Unimicron Germany beschäftigt, zeigte sich bereits im August 2026. Bei einem Besuch einer taiwanischen Delegation in Geldern berichtete Unternehmensvertreterin Fei-Fei Peng laut Niederrhein Nachrichten, dass der KI-Boom die Lieferketten von Unimicron belaste und Materialien verknappe. Die Materialengpässe bilden damit einen belegten Teil des Marktumfelds. Ob sie unmittelbar zur Entscheidung über die Werksschließung beigetragen haben, bleibt offen.

Was bedeutet die Schließung für Europas Elektronikindustrie?

Die Schließung betrifft über die direkten Arbeitsplätze hinaus einen weiteren Teil der europäischen Elektronik-Wertschöpfungskette. Mit Geldern gehen Produktionskapazitäten für technisch anspruchsvolle Leiterplatten sowie über viele Jahre aufgebaute Fertigungs- und Prozesskenntnisse verloren. Davon können auch spezialisierte Zulieferer betroffen sein. Zur Leiterplattenfertigung gehören unter anderem Anbieter von Basismaterialien, Chemikalien, Bohr- und Fräswerkzeugen sowie Anlagen und Dienstleistungen. Wie stark einzelne Lieferanten tatsächlich von der Schließung betroffen sein werden, hängt allerdings von ihren Geschäftsbeziehungen und der weiteren Entwicklung ihrer Aufträge ab.

Bereits im Juli 2026 hatten Vertreter von ZVEI und Ilfa auf dem EMS & PCB-Forum dafür geworben, die europäische Elektronikstrategie stärker auf die gesamte industrielle Wertschöpfung auszurichten. Der geplante European Chips Act 2.0 könnte künftig neben der Halbleiterfertigung auch Leiterplatten, Substrate und EMS-Unternehmen stärker berücksichtigen.