Kreislaufwirtschaft in der Elektronik

Warum Kreislaufwirtschaft über Rohstoffsicherheit entscheidet

Zirkuläre Materialströme können die Elektronikfertigung resilienter machen. Merlin Reingruber von Sym erklärt, warum Eigentumsmodelle, gemeinsame Datenräume und Design for Sustainability dafür entscheidend sind.

Diskussionsrunde in einem Konferenzraum mit Publikum und Präsentationswand.
Zirkuläre Materialien als Schlüssel zu mehr Stoff-Souveränität: Merlin Reingruber ordnet ein, welche Rolle Eigentumsmodelle, Datenräume und Design for Sustainability dabei spielen.

Zirkuläre Materialien können die Elektronikindustrie unabhängiger von volatilen Rohstoffmärkten machen. Dafür braucht es jedoch mehr als einzelne Recyclingprojekte: Entscheidend sind neue Eigentumsmodelle, gemeinsame Datenstrukturen und eine Entwicklung, die den gesamten Lebenszyklus eines Produkts berücksichtigt. Im Interview erläutert Merlin Reingruber, wie daraus mehr Stoff-Souveränität und Resilienz entstehen können.

Welche Rolle spielen zirkuläre Materialien bereits heute in der Elektronikfertigung?

Wir bewegen uns weg vom rein ökologischen Argument und hin zur Materialresilienz. Zirkuläre Materialien sind kein Nice-to-have, sondern eine Grundlage für unsere künftige Unabhängigkeit. In der Elektronikfertigung spielen sie bereits in Form von Leuchtturmprojekten innerhalb geschlossener Ökosysteme eine Rolle. Entscheidend ist: Wir müssen von der reinen Beschaffung zur „Stoff-Souveränität“ kommen. Wer sich heute den Zugriff auf zirkuläre Materialströme sichert, ist morgen weniger abhängig von volatilen globalen Rohstoffmärkten.

Unter welchen Voraussetzungen wird der Einsatz sekundärer Rohstoffe wie recyceltem Zinn wirtschaftlich tragfähig?

Wirtschaftlichkeit entsteht hier vor allem durch das Eigentumsmodell. Solange ein Unternehmen Elektronik lediglich verkauft und das Produkt danach „verliert“, ist die Rückgewinnung der Rohstoffe ein reiner Kostenfaktor. Die Wirtschaftlichkeit sekundärer Rohstoffe wie Zinn steigt deutlich, sobald wir Modelle etablieren, bei denen der Hersteller das Eigentum behält oder zumindest die Verantwortung über den gesamten Lebenszyklus übernimmt. Sie werden dann wirtschaftlich tragfähig, wenn sie nicht mehr als Abfall, sondern als verfügbares Asset im eigenen Ökosystem betrachtet werden.

Warum braucht Kreislaufwirtschaft in der Elektronik die Zusammenarbeit von Entwicklung, Fertigung, Materiallieferanten und Recyclingunternehmen?

Weil wir sonst in Silos stecken bleiben. Networking schafft Kontakte, ein Ökosystem schafft Arbeitsfähigkeit. Kreislaufwirtschaft scheitert heute häufig nicht an der Technik, sondern an einer fehlenden gemeinsamen Datenlogik. Entwicklung, Fertigung und Recycling müssen deshalb über eine gemeinsame Datenbasis verbunden sein, etwa über den digitalen Produktpass und entsprechende Datenräume. Wenn die Entwicklung nicht berücksichtigt, wie ein Entsorger das Produkt später trennen und verwerten kann, entstehen „technische Schulden“. Wir brauchen eine gemeinsame Governance statt voneinander losgelöster Einzellösungen.

Wie lässt sich Design for Sustainability ebenso selbstverständlich in der Elektronikentwicklung verankern wie Design for Cost oder Design for Manufacturing?

Indem wir Nachhaltigkeit als messbaren Qualitätsfaktor definieren. Solange Design for Sustainability lediglich als Ausdruck guten Willens verstanden wird, bleibt es optional. Wir müssen Nachhaltigkeitskriterien verbindlich in die Kalkulation aufnehmen. Das bedeutet, dass die stoffliche Zusammensetzung in Echtzeit transparent sein muss. Der ökologische Fußabdruck muss ebenso präzise in die Bauteilauswahl einfließen wie heute bereits Kosten oder Lieferfähigkeit. Wenn Nachhaltigkeit auf Knopfdruck messbar wird, kann sie zum Standard werden – ähnlich wie Design for Cost.

Welche kulturellen Veränderungen braucht ein Unternehmen, damit Nachhaltigkeit im Produktionsalltag gelebt wird?

Wir brauchen eine Abkehr von der „Monolith-Logik“. Viele Unternehmen versuchen, Nachhaltigkeit zentral zu verordnen. Das ist häufig zu starr. Wir bei Sym setzen deshalb auf „Symworking“ und nutzen die Eigenständigkeit unserer Betriebe als Resilienzfaktor. Kulturwandel bedeutet für uns: weg vom Silo-Denken, hin zur gemeinsamen Mehrwertstiftung im Verbund. Nachhaltigkeit wird erst dann Teil des Alltags, wenn die Mitarbeitenden in der Produktion erkennen, dass das zirkuläre Bauteil oder der reparierte Prozess nicht nur einem strategischen Ziel dient, sondern den eigenen Arbeitsalltag durch intelligentere Daten und bessere Abläufe unterstützt. Es geht nicht um Verzicht, sondern um besseres Wirtschaften.

Das Interview führte Martin Probst, Redakteur all-electronics.de.