Reformpaket der Koalition: So reagieren Wirtschaftsverbände
Die Koalition hat ein Reformpaket zu Steuern, Bürokratie, Arbeitsmarkt und Zukunftstechnologien beschlossen. Naturgemäß sind nicht alle gleichermaßen damit zufrieden. Das zeigen auch die Reaktionen der Wirtschaftsverbände.
Dr. Martin LargeDr. MartinLargeCvD Online all-electronics.de / Redakteur aIT/AP
5 min
Das Reformpaket der Koalition stößt bei Wirtschaftsverbänden auf ein geteiltes Echo: ZVEI und Bitkom sehen einen wichtigen Einstieg in eine Reformpolitik, BDI und VDMA vermissen stärkere Impulse für Wachstum und Investitionen. Der Bundestag steht symbolisch für die politische Umsetzung, an der sich die Beschlüsse nun messen lassen müssen.(Bild: Pixabay)
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„Die Koalition hat gezeigt, dass sie mehr kann als Geld ausgeben.“ Mit dieser Einschätzung von Ifo-Chef Clemens Fuest gegenüber dem Spiegel lässt sich die Grundstimmung nach den Beschlüssen des Koalitionsausschusses gut zusammenfassen. Die schwarz-rote Bundesregierung hat ein umfangreiches Reformpaket vorgelegt, das Steuerzahler entlasten, Bürokratie abbauen, Arbeitsmärkte flexibilisieren und Zukunftsbranchen stärker fördern soll. Für viele Verbände ist das ein Schritt in die richtige Richtung. Also ein Befreiungsschlag für den Standort Deutschland? Soweit will dann aber doch keiner gehen. Wäre auch verwunderlich, wenn mit einem Paket alle Probleme Deutschlands erschlagen sein würden.
Die Koalition adressiert – soweit die Theroie – viele Punkte, die Industrie und Digitalwirtschaft seit Monaten einfordern: weniger Berichtspflichten, schnellere Verfahren, mehr Spielraum beim Datenschutz, Förderung von Zukunftstechnologien und Reformen am Arbeitsmarkt. Genau deshalb fällt die Reaktion der Verbände verständlicherweise differenziert aus. Der politische Wille zur Veränderung wird anerkannt. Ob daraus eine spürbare Entlastung für Unternehmen entsteht, hängt nun an der Umsetzung und an weiteren Reformschritten.
Das lobt der ZVEI an den Koalitionsbeschlüssen
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Der ZVEI bewertet das Reformpaket als überfälligen Einstieg in eine Reformpolitik. Wolfgang Weber, Vorsitzender der ZVEI-Geschäftsführung, sieht vor allem den Fokus auf Zukunftstechnologien positiv. Die Koalition entscheide sich damit für die „Entfesselung neuer Potenziale“ und müsse dabei besonders die Tech-, Elektro- und Digitalindustrie in den Blick nehmen. Genannt werden Batterien, Mikroelektronik, Rechenzentren, Clean-Tech und Elektrifizierung als zentrale Wachstumsfelder für Deutschland. Schlagworte, die nicht zum ersten Mal von Regierungsvertretern in den Mund genommen werden.
Vor diesem Hintergrund trifft das Reformpaket einige zentrale Forderungen des ZVEI. Positiv bewertet der Verband die gezielte Beschleunigung von Erneuerung, Ausbau und Digitalisierung der Stromverteilnetze. Auch der beschleunigte Rollout-Pfad für Smart Meter wird als richtiges Signal für mehr Steuerbarkeit und Flexibilität eingeordnet.
Die Wirtschaftsverbände begrüßen beim Reformpaket der Koalition die grundsätzliche Richtung, fordern aber mehr Tempo, stärkere Investitionsimpulse und spürbare Entlastungen für Unternehmen.KI
Trotz des positiven Grundtons bleibt der ZVEI kritisch. Kritik gibt es beispielsweise an der geplanten Einführung von „Smart Meter light“, weil dadurch unnötige Doppelstrukturen entstehen könnten. Darüber hinaus sei die geplante Möglichkeit, Arbeitsverhältnisse von Hochverdienern gegen Abfindung aufzulösen, zwar ein Schritt in die richtige Richtung. Aber aus Sicht des Verbands braucht es deutlich mehr Flexibilität, insbesondere bei der wöchentlichen Arbeitszeitgestaltung. Damit greift Weber eine Forderung auf, die der ZVEI bereits Anfang 2026 deutlich gemacht hatte: starre Arbeitszeitregeln passen aus Sicht der Elektro- und Digitalindustrie nicht zu einer Wirtschaft, die sich durch Digitalisierung, Automatisierung und internationale Wertschöpfungsketten immer schneller verändert.
Auch beim Bürokratieabbau sieht der ZVEI Chancen, aber zugleich eine Bewährungsprobe. Die pauschale Aufhebung nationaler Berichtspflichten könne Unternehmen spürbar entlasten. Entscheidend sei nun, dass Ministerien alte Berichtspflichten tatsächlich streichen und sie nicht neu begründen. Positiv bewertet der Verband zudem die engere 1:1-Umsetzung der europäischen Lieferketten-Richtlinie.
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Kritischer fällt die Bewertung der Steuer- und Rentenpläne aus. Die Entlastung unterer und mittlerer Einkommen sei richtig, weil sie Arbeitsanreize stärkt. Enttäuschend seien aber das Volumen der Entlastung und die zusätzliche Belastung hoher Einkommen, von der auch viele Unternehmen betroffen seien. Bei der Rente erkennt der Verband zwar Handlungswillen, warnt aber vor zusätzlichen Belastungen für die Wettbewerbsfähigkeit. Aus Sicht des ZVEI muss eine Stabilisierung des Rentensystems vor allem dazu beitragen, Lohnnebenkosten zu senken.
Bitkom nimmt Aufbruchsignal aus der Koalitonsbeschlüssen mit
Deutlich positiver fällt der Ton beim Digitalverband Bitkom aus. Präsident Ralf Wintergerst spricht von einem Aufbruchsignal. Sein zentraler Satz: „Wer auf die perfekte Reform wartet, bekommt am Ende gar keine.“ Der Bitkom begrüßt, dass Digitalisierung bei den Reformvorhaben von Beginn an mitgedacht wird. Aus Sicht des Verbands ist sie der stärkste Wachstumshebel für Deutschland.
Konkret verweist Bitkom auf Zukunftstechnologien wie künstliche Intelligenz, Hochleistungschips und autonomes Fahren. Auch der Ausbau des Deutschlandfonds zur Stärkung der Resilienz, Vereinfachungen beim Datenschutz und die Nutzung vorhandener Spielräume der Datenschutz-Grundverordnung werden positiv bewertet. Gerade die Datenschutzfrage ist für viele Digitalunternehmen zentral, weil bestehende Regeln in der Praxis häufig als Hemmnis für datengetriebene Geschäftsmodelle, KI-Anwendungen und digitale Verwaltungsprozesse wirken.
Auch die Arbeitsmarktreformen und das angekündigte Gesetz zum flächendeckenden Abbau von Berichtspflichten sieht Bitkom als mögliche Entlastung für Unternehmen. Entscheidend sei jetzt die Umsetzung. Aber Wintergersts mahnt: „Nicht zerreden, sondern konsequent umsetzen.“
FBDi sieht Chancen für die Elektronikbranche
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Auch der Fachverband Bauelemente Distribution (FBDi) bewertet das Regierungsprogramm grundsätzlich positiv. Geschäftsführer Andreas Falke erklärte auf Anfrage von all-electronics, dass er darin ein klares Signal für mehr Geschwindigkeit und weniger Bürokratie sieht. Die Aufhebung nationaler Berichtspflichten, die Genehmigungsfiktion und die geplante Beweislastumkehr seien wichtige Schritte hin zu einem moderneren Ordnungsrahmen.
Gleichzeitig mahnt Falke eine saubere Umsetzung an. Trotz der angekündigten Entlastungen könnten Änderungen im Außenwirtschaftsgesetz, neue Durchführungsgesetze und europäische Verordnungen die Anforderungen an Unternehmen weiter erhöhen. Entscheidend sei deshalb, dass beim Bürokratieabbau keine neuen Grauzonen entstehen, insbesondere im Zusammenspiel mit internationalen Compliance-Pflichten. Auch die Marktüberwachung müsse wieder handlungsfähig werden.
Für die Elektronikbranche sieht der FBDi spürbare Wachstumschancen, vor allem durch strategische Technologien wie Halbleiter, industrielle Digitalisierung, den beschleunigten Energie- und Netzausbau sowie die Modernisierung des Datenschutzes. Bürokratieabbau und Compliance müssten jedoch sauber aufeinander abgestimmt bleiben, damit die Reformen ihre volle Wirkung entfalten.
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Warum reicht das Reformpaket BDI und VDMA nicht aus?
Verhaltener reagieren BDI und VDMA . Der Bundesverband der Deutschen Industrie erkennt zwar Reformwillen und Handlungsfähigkeit der Koalition an. BDI-Hauptgeschäftsführerin Tanja Gönner ordnet die Ergebnisse aber als positives Zeichen ein, „aber kein kraftvoller Wachstumsimpuls“. Der Schwerpunkt der BDI-Kritik liegt auf der wirtschaftlichen Wirkung: Das Paket signalisiert Bewegung, liefert aus Sicht des Industrieverbands aber noch zu wenig, um Investitionen und Wachstum wirklich anzuschieben.
Besonders kritisch sieht der BDI die Investitionsbedingungen. Die Einkommensteuerreform kann kleinere und mittlere Einkommen entlasten, bringt Unternehmen aber ungenügend Investitionsimpulse. Für Personengesellschaften können durch die geplanten Änderungen sogar Mehrbelastungen entstehen. Das ist für den industriellen Mittelstand relevant, weil viele Unternehmen in genau solchen Strukturen organisiert sind. Der BDI fordert deshalb, einerseits die Beschlüsse entschlossen umzusetzen und aber andererseits auch weitere Reformen nachzulegen, damit eine echte Dynamik für Wachstum und Investitionen entsteht.
Das sagt die IG Metall
Die IG Metall bewertet die Ergebnisse des Koalitionsausschusses deutlich gemischter als die Wirtschaftsverbände. Christiane Benner, Erste Vorsitzende der IG Metall, spricht von einem Ergebnis „wie eine bunte Tüte Süßes und Saures“. Positiv sieht sie das Bekenntnis zur Mitbestimmung, steuerliche Entlastungen für Beschäftigte, die Erhöhung von Kindergeld und Grundfreibetrag sowie die stärkere Besteuerung hoher Einkommen.
Auch die angekündigten Maßnahmen zur Qualifizierung und Weiterbeschäftigung begrüßt Benner. Angesichts von knapp drei Millionen jungen Menschen ohne Abschluss seien diese Schritte überfällig. Kritisch bewertet die IG Metall dagegen arbeitsmarktpolitische Lockerungen. Die Ausweitung sachgrundloser Befristungen und Änderungen beim Kündigungsschutz seien aus Sicht der Gewerkschaft ein Angriff auf Beschäftigtenrechte.
Scharf kritisiert Benner außerdem die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung und die verpflichtende Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung ab dem ersten Krankheitstag. Das erfülle eine Wunschliste der Arbeitgeber, führe aber zu mehr Unsicherheit für Beschäftigte und belaste zusätzlich die Hausarztpraxen. Mit Blick auf Rente und Arbeitszeit kündigt Benner Widerstand an: Die IG Metall werde für den Erhalt der Rente nach 45 Beitragsjahren, die Altersteilzeit und den 8-Stunden-Tag kämpfen.
Auch der VDMA bewertet das Paket nur als möglichen ersten Schritt. Hauptgeschäftsführer Thilo Brodtmann kritisiert, dass zentrale Stellschrauben der betrieblichen Kosten nicht angetastet wurden. Für den Maschinen- und Anlagenbau ist dieser Punkt entscheidend: Hohe Standortkosten, schwache Nachfrage und unsichere Investitionsbedingungen belasten die Branche. Hinzu kommt, dass aus Sicht des VDMA die vereinbarte Flexibilisierung der Arbeitszeit nicht umgesetzt wurde. Damit bleibe ein wichtiger Hebel für mehr Wettbewerbsfähigkeit ungenutzt.
Was entscheidet nun über den Erfolg des Reformpakets?
Die Reaktionen der Verbände zeigen ein klares Muster: Die Richtung stimmt, die Wirkung ist offen. ZVEI und Bitkom sehen den Einstieg in eine Reformpolitik, weil Zukunftstechnologien, Digitalisierung, Netze, Bürokratieabbau und Datenschutzvereinfachungen adressiert werden. BDI und VDMA setzen den Akzent stärker auf die Lücke zwischen politischem Signal und industrieller Entlastung.
Für die Unternehmen zählt nun, ob aus den 34 Punkten schnell konkrete Verbesserungen werden: weniger Berichtspflichten, niedrigere Standortkosten, schnellere Genehmigungen, flexiblere Arbeitsbedingungen, bessere Investitionsanreize und ein regulatorischer Rahmen, der industrielle Innovation erleichtert. Genau daran wird sich das Reformpaket messen lassen müssen. Die Koalition hat gezeigt, dass sie Reformen anstoßen kann. Jetzt muss sie zeigen, dass daraus auch wirtschaftliche Wirkung entsteht.