ZVEI zieht vorsichtig positive Bilanz:

Gilt das „düstere Bild“ für die Elektroindustrie noch?

„Deutschland ist überreguliert und zu teuer“ sagte Dr. Gunther Kegel bei der ZVEI-Jahrespressekonferenz 2025. Im Jahr 2026 klang der Ton differenzierter, aber keineswegs entspannter. Einen (Mit)-Schuldigen dafür hat er schnell ausgemacht.

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ZVEI-Jahresauftaktpressekonferenz 2026 in Dreieich: ZVEI-Manager Fabian Mayer (links), ZVEI-Präsident Dr. Gunther Kegel (Mitte) und ZVEI-Pressesprecher Thorsten Meier (rechts) ordnen die wirtschaftliche Lage der deutschen Elektro- und Digitalindustrie ein – zwischen Stabilisierung, anhaltenden Standortproblemen und vorsichtigem Optimismus für 2026.
Wolfgang Weber, Vorsitzender der ZVEI-Geschäftsführung (links), ZVEI-Präsident Dr. Gunther Kegel (Mitte) und ZVEI-Pressesprecher Thorsten Meier (rechts) stellen auf der ZVEI-Jahresauftaktpressekonferenz 2026 die aktuellen Konjunkturzahlen vor und bewerten die Lage der deutschen Elektro- und Digitalindustrie.

Viel Zeit ließ Dr. Gunther Kegel nicht, um falsche Hoffnungen aufkommen zu lassen. Gleich zu Beginn seiner Ausführungen bei der ZVEI-Jahrespressekonferenz machte der für seine deutlichen Worte bekannte ZVEI-Präsident klar, dass sich an den  grundlegenden Problemen des Standorts Deutschland weniger geändert habe, als er und der Verband es sich erhofft hatten. Zwar habe sich die Lage der Elektro- und Digitalindustrie nach dem massiven Einbruch 2024 stabilisiert, von einer Effizienzwende könne jedoch keine Rede sein. „Die Effizienzwende ist bisher ausgeblieben“, sagte Kegel – und legte nach: Die schwarz-rote Bundesregierung sei über einige vielversprechende Ansätze und Ankündigungen (manche würden sagen Versprechen) wie dem von Kanzler Merz selbst ausgelobten "Herbst der Reformen"  nicht hinausgekommen, von neuer wirtschaftlicher Dynamik sei Deutschland weiterhin weit entfernt.

Stabilisierung der Elektroindustrie – aber auf niedrigem Niveau

Tatsächlich zeigen die aktuellen Zahlen für 2025 ein gemischtes Bild. Nach dem Produktionseinbruch von 8,8 Prozent im Jahr 2024 gelang der Branche im vergangenen Jahr zumindest eine Stabilisierung. Von Januar bis November 2025 lag die reale Produktion um 0,5 Prozent unter dem Vorjahreswert. Ursprünglich hatte der ZVEI noch mit einem Minus von bis zu zwei Prozent gerechnet. „Wir fahren bis heute auf einem sehr niedrigen Niveau“, betonte Kegel und erinnerte daran, dass es zuletzt 2022 einen signifikanten Produktionszuwachs gegeben habe. Seitdem stagniere die Branche oder schrumpfe.

Positiver entwickelte sich die Umsatzseite. Die nominalen Erlöse inklusive Dienstleistungen dürften sich hochgerechnet auf das Gesamtjahr 2025 auf rund 226 Milliarden Euro belaufen – ein Plus von 2,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Auch der Arbeitsmarkt zeigte sich robuster als befürchtet. Ende November waren rund 877.000 Menschen in der deutschen Elektro- und Digitalindustrie beschäftigt, 1,7 Prozent weniger als im Vorjahr. Die Zahl der Beschäftigten in Kurzarbeit sank deutlich auf 23.000.

Hoffnung machen aus Sicht des ZVEI vor allem die Auftragseingänge, die 2025 insgesamt um fünf Prozent zulegen konnten. Auch die Kapazitätsauslastung stieg auf 78 Prozent und damit vier Prozentpunkte mehr als im Jahr zuvor. Allerdings folgte auch hier prompt die Einschränkung. „Von den angestrebten 83 Prozent, die eine gute Ausgewogenheit zwischen Auslastung und Überlastung darstellen, sind wir noch ein ganzes Stück entfernt“, sagte Kegel. Die Branche befinde sich weiterhin in einer Unterauslastung.

Die ZVEI-Jahresauftaktpressekonferenz in Bildern

Wie Europa die Exportrückgänge abfängt

Erfreulich entwickelte sich das Exportgeschäft. Die deutschen Elektroexporte legten von Januar bis November um 4,6 Prozent auf 236,2 Milliarden Euro zu. Bemerkenswert ist dabei weniger das Geschäft mit den klassischen Einzelmärkten USA und China – im Gegenteil. Die Ausfuhren in beide Länder gingen zurück, nach China um fast acht Prozent, in die USA um mehr als drei Prozent.

Ein Weiter so können wir uns schlichtweg nicht mehr leisten – nicht politisch, nicht wirtschaftlich und nicht gesellschaftlich.

Dr. Gunther Kegel, ZVEI-Präsident

„Beachtlich ist, dass diese Rückgänge zu einem guten Teil kompensiert werden konnten“, sagte Kegel und verwies ausdrücklich auf den europäischen Binnenmarkt. Einschließlich Großbritanniens entfallen inzwischen rund drei Viertel der Exporte auf Europa. Die Niederlande sind mittlerweile größter Abnehmermarkt der deutschen Elektro- und Digitalindustrie. China und die USA liegen mit jeweils rund neun Prozent weiterhin an der Spitze der Einzelmärkte, bleiben für die Branche unverzichtbar; sind aber nicht mehr alleiniger Stabilitätsanker.

Europa übernimmt diese Rolle zunehmend selbst. Für Kegel ist das jedoch kein Selbstläufer. Der Binnenmarkt sei zwar die „Rückversicherung in unsicheren Zeiten“, werde aber durch interne Barrieren geschwächt. Nationale Produktregulierungen wirkten faktisch wie Zölle. „Der IWF hat errechnet, dass diese EU-internen Hindernisse so wirken wie ein Zoll von 44 Prozent“, sagte Kegel. Gerade im Umwelt- und Ressourcenschutz seien nationale Sonderwege dringend zurückzunehmen.

Darum bleiben Standortfaktoren für den ZVEI das Nadelöhr

Zusammenfassendes Faktenblatt zur ZVEI-Jahresauftaktpressekonferenz 2026 mit zentralen Daten zu Produktion, Umsatz, Exporten, Beschäftigung, Investitionen und Innovationsausgaben
Das Faktenblatt untermauert die ZVEI-Botschaft: Stabilisierung ja – Entwarnung nein.

Trotz der stabileren Zahlen ließ der ZVEI keinen Zweifel daran, dass die strukturellen Standortprobleme ungelöst bleiben. Bürokratie, hohe Energiepreise, langwierige Planungs- und Genehmigungsverfahren sowie steigende Lohnnebenkosten wirkten weiterhin als Wachstumsbremse. „Ein Weiter so können wir uns schlichtweg nicht mehr leisten – nicht politisch, nicht wirtschaftlich und nicht gesellschaftlich“, sagte Kegel.

Ungewöhnlich deutlich wurde der Verband beim Thema Sozialreformen. Der ZVEI fordert unter anderem, die Regelaltersgrenze an die Lebenserwartung anzupassen und eine wöchentliche statt tägliche Höchstarbeitszeit einzuführen. Der gesellschaftliche Wohlstand müsse erst erarbeitet werden, bevor er verteilt werden könne. „Ohne Mehrarbeit, ohne Anstrengung und Fleiß wird dies nicht mehr möglich sein“, so Kegel.

Industrielle KI: großes Potenzial, falscher Rahmen

Den stärksten Zukunftsimpuls setzte der ZVEI beim Thema industrielle künstliche Intelligenz. Während sich die öffentliche Debatte stark auf amerikanische und chinesische Sprachmodelle konzentriere, liege der eigentliche Hebel in industriellen Anwendungen – etwa in der selbstoptimierenden Fertigung, der vorausschauenden Wartung oder der automatisierten Qualitätsprüfung. „Viele Anwendungen werden erst durch KI wirklich smart“, sagte Kegel, „und steigern dann Geschwindigkeit, Qualität und Effizienz.“

Deutschland verfüge aufgrund seiner industriellen Basis über einen einzigartigen Datenschatz. Das Wachstumspotenzial sei entsprechend hoch: Laut einer Studie von IW Consult könnte industrielle KI bis 2035 eine zusätzliche Wertschöpfung von 144 Milliarden Euro generieren. Umso schärfer fiel die Kritik an der europäischen Regulierung aus. ZVEI-Hauptgeschäftsführer Wolfgang Weber brachte es auf den Punkt: „Industrielle KI im AI Act zu regulieren, ist wie auf einer gut ausgebauten Autobahn mit Tempo 30 zu fahren.“ Die Forderung des Verbands ist eindeutig: Industrielle KI-Anwendungen müssten vollständig aus dem AI Act herausgenommen werden.

Was Dr. Kegel heute ändern würde, wenn er könnte

Auf eine Nachfrage der Redaktion vom all-electronics, ob seine Einschätzung aus dem Jahr 2025 – „Deutschland ist überreguliert und zu teuer“ – weiterhin gelte, bejahte ZVEI-Präsident Dr. Gunther Kegel dies ausdrücklich. Trotz einzelner Omnibusverfahren habe es bislang keinen echten Rückbau von Regulierung gegeben, viele Erleichterungen seien verwässert oder verzögert worden. 

Wenn er eine konkrete Maßnahme sofort umsetzen könnte, würde Kegel industrielle B2B-Anwendungen vollständig aus dem EU AI Act herausnehmen. Die Industrie sei bereits durch bestehende Produkt- und Sicherheitsnormen reguliert, zusätzliche KI-Vorgaben wirkten deshalb innovationshemmend. Regulierung dürfe nicht prophylaktisch Innovation verhindern, sondern müsse erfahrungsbasiert und differenziert erfolgen.

2026: Verband mit vorsichtigem Optimismus – unter Vorbehalt

Für 2026 wagt der ZVEI dennoch einen vorsichtigen Ausblick. Die Prognose lautet: zwei Prozent reales Produktionswachstum – nach drei Jahren Stagnation und Rückgang. Das ist kein Befreiungsschlag, aber ein möglicher Richtungswechsel. Ob daraus mehr wird als ein kurzer Hoffnungsschimmer, hängt aus Sicht des Verbands weniger von der globalen Nachfrage als von den politischen Rahmenbedingungen ab.

Damit schließt sich der Kreis zum Befund des Vorjahres. „Deutschland ist überreguliert und zu teuer“ – diese Diagnose hat aus Sicht des ZVEI nichts von ihrer Gültigkeit verloren. Neu ist lediglich die Perspektive: Die Branche zeigt, dass sie trotz widriger Bedingungen stabilisieren kann. Ob daraus ein echter Aufbruch wird, liegt nun nicht mehr bei ihr allein.