Ein SDV wird im Kern durch Daten gesteuert.Bild: RTI
Trotz Fortschritten stockt die Entwicklung softwaredefinierter Fahrzeuge – die Komplexität der Datenintegration erweist sich als zentrale Hürde. Mit DDS und COVESA VSS entsteht eine datenorientierte Infrastruktur, die SDVs skalierbar macht.
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Die Entwicklung softwaredefinierter Fahrzeuge (SDVs) ist zwar
nach wie vor vielversprechend, hat aber einen Dämpfer erlitten. Ähnlich wie beim
Konzept des autonomen Fahrens der SAE-Levels 4+ lässt sich das Ideal eines
datengesteuerten SDVs zwar relativ einfach beschreiben, doch die praktische
Umsetzung ist wesentlich schwieriger. Ein zentraler Grund dafür ist die Komplexität
der Systemintegration.
Ein SDV wird im Kern durch Daten gesteuert. Dabei kommen riesige
Datenmengen aus unzähligen Quellen zum Einsatz. Jede davon hat spezifische
Anforderungen, und die Daten müssen genau dann und dorthin in Echtzeit gesendet
werden, wo sie benötigt werden.
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Die Herausforderung liegt in den Daten selbst: Wie werden sie
dargestellt? Als Textzeichenfolge, als Ganzzahl oder als Gleitkommazahl? Sind
sie absolut oder relativ? Gibt es einen Offset oder einen Skalierungsfaktor?
Woher kommen diese Daten? Idealerweise sind sie überall dort
verfügbar, wo sie im Fahrzeug benötigt werden. Dafür muss ihre Quelle jedoch auffindbar
und verständlich sein.
Und schließlich: Wie erfolgt der Zugriff auf diese Daten?
Geschieht dies über eine serviceorientierte Architektur (SOA), eine
herstellerspezifische API oder eines der von der Allianz entwickelten
Frameworks? Erfordert dies eine enge Kopplung zwischen den Komponenten?
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Fahrzeuge bestehen aus Komponenten, die aus einem Ökosystem aus
Zulieferern und Integratoren stammen. Wenn diese „besten“ Subsysteme digital
miteinander verschweißt werden, bringt das neue Komplexitäten und Kosten mit
sich. Um dieses Problem zu lösen, hat die Automobilindustrie gemeinsame
Software-API-Standards für die Kommunikation zwischen Komponenten geschaffen. Diese
Ansätze stellen Entwickler jedoch weiterhin vor Herausforderungen. Die APIs sind
für ein SDV von entscheidender Bedeutung. Ein datenzentrierter Ansatz kann die
Komplexität der Systemintegration reduzieren. COVESA arbeitet bereits an der Entwicklung
und Integration entsprechender Modelle.
Wie funktioniert datengetriebene Kommunikation im SDV?
Das Ideal eines datengesteuerten SDVs kann um drei Punkte
ergänzt werden: Erstens verwenden alle Daten einen gemeinsamen Typ- und
Formatstandard. Dies umfasst alle
Daten im und um das Fahrzeug herum, z.B. Sensoren, Aktoren,
Software-Datenobjekte, für alle Systeme: Fahrgastraum, Fahrwerk, ADAS,
Infotainment, V2X usw..
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Außerdem bilden die Daten selbst die Schnittstelle zwischen den
Komponenten. Beispielsweise könnte ein Wahrnehmungssystem Eingaben von Kamera,
LiDAR, Radar, GNSS und IMU unter Verwendung der Standarddatentypen erwarten und
eine Liste der wahrgenommenen Objekte sowie deren Position und Bewegung
exportieren. Dabei würden ebenfalls die Standarddatentypdefinitionen verwendet.
Und zuletzt gibt es im Fahrzeug einen „globalen Datenraum”. Jede ECU und jeder Verarbeitungsknoten
im Fahrzeug hat vollen Zugriff auf alle Daten im globalen Datenraum. Dadurch wird die Aufgabe der Erstellung und Integration eines
SDV erheblich vereinfacht:
• Softwarefunktionen, die mit diesen Datentypen arbeiten, können
an beliebiger Stelle im Fahrzeug platziert werden – in jeder ECU oder jedem
Rechenknoten.
• Komponenten können frei ausgetauscht oder aufgerüstet werden,
ohne dass die üblichen Integrationsprobleme auftreten.
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• Für aktuelle Fahrzeuge geeignete Komponenten können auch in
zukünftigen Fahrzeugen weiter eingesetzt werden.
• Komponenten können unabhängig von Marke oder Modell entwickelt
werden – sie sind auf die Daten zugeschnitten, nicht auf das Fahrzeug.
Welche Rolle spielt das COVESA VSS-Datenmodell?
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Ein solches System wird aktuell aktiv entwickelt. Mit COVESA und DDS sind diese datenzentrierten Systeme bereits auf dem Weg in die Umsetzung – sie werden derzeit erstellt, getestet und eingesetzt. COVESA übernimmt eine führende Rolle bei der
Weiterentwicklung datengesteuerter SDVs und der Erweiterung ihrer Fähigkeiten
durch Open Source- / offene Standards und kommerzielle Unterstützung.
COVESA (Connected Vehicle Systems Alliance) ist eine Technologieallianz,
die weltweit Organisationen zusammenbringt, um neue Technologien für vernetzte
Fahrzeuge zu entwickeln. Sie ist Gründungsmitglied der SDV Alliance und hat
einen Schwerpunkt auf der Definition eines Katalogs gemeinsamer Datentypen, die
in der Vehicle Signal Specification (VSS) enthalten sind.
DDS (Data
Distribution Service) ist ein von der Object Management Group (OMGR)
entwickelter Standard für datenzentrierte Kommunikation. Bei DDS bilden die
Daten selbst die Schnittstelle zwischen den Systemkomponenten. Es verwendet ein
Publish-Subscribe- oder Request-Reply-Muster mit automatischer Erkennung, ist
unabhängig vom zugrunde liegenden Transport und bietet eine Vielzahl von
Quality-of-Service-Funktionen (QoS), die einen Betrieb auch unter härtesten Bedingungen
ermöglichen. DDS bietet durch eine effiziente binäre Datenkodierung eine extrem
hohe Leistung und kann die zugrunde liegenden Transportfunktionen nutzen, ohne
die Code-Portabilität zu beeinträchtigen.
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Bild 1: Data Distribution Service (DDS).Bild: RTI
Datenorientiertes Framework
für Systeminteroperabilität
Ein Funktionsprinzip der DDS ist ein gemeinsamer Satz benutzerdefinierter
Datentypen, die alle Daten umfassen (u.a. Radarsignale, Fahrerkontrollen, Video-Feeds,
Sensoren, Aktoren). Diese Datentypdefinitionen werden im gesamten System
verwendet.
Ein weiteres Funktionsprinzip sind Publisher und Subscriber der
Datentypen. Softwareanwendungen erstellen diese Daten zur Veröffentlichung oder
abonnieren sie zur Nutzung. In beiden Fällen kommuniziert die Anwendung nur mit
den Daten selbst, unabhängig von ihrer Quelle, ihrem Ziel oder ihrem Weg
dorthin.
Das letzte Funktionsprinzip ist die Erkennung anderer
DDS-Teilnehmer, um die Publisher und Subscriber aller im System verwendeten
Datentypen zu lokalisieren und abzugleichen. Dadurch werden die Verbindungen
für den Datenfluss hergestellt. Die Erkennung funktioniert über alle
unterstützten Transportprotokolle hinweg. Somit sind bei einer Neukonfiguration
des Systems keine Änderungen an den Anwendungen erforderlich.
Die DDS-Core-Bibliotheken
erkennen andere DDS-Teilnehmer durch die QoS-Konfiguration und übernehmen die Sicherheit, sofern aktiviert. Letztere kann Authentifizierung,
Verschlüsselung und Zugriffskontrolle für jeden einzelnen Datenfluss
handhaben.
Der DDS-Core ist mit der Transportabstraktionsschicht
verbunden, die es DDS ermöglicht, über nahezu jeden Übertragungsweg zu arbeiten.
Dies ist die letzte Schnittstelle zum von DDS geschaffenen Global Data Space. Es ist eine
Abstraktion, in der alle Daten im System aktuell und verfügbar sind. Sie bietet
die einzige verlässliche Informationsquelle für das, was im System geschieht.
Durch diese Anordnung in DDS ist es möglich, Softwarekomponenten
zu entwickeln, ohne sich um die zugrunde liegende Hardware, das Betriebssystem,
das Netzwerk oder die Programmiersprache kümmern zu müssen. Komplexe Systeme
können von völlig unabhängigen Teams aufgebaut werden, wobei jedes Team seinen
eigenen optimalen Ansatz verfolgt und gleichzeitig über eine standardbasierte
Grundlage für Interoperabilität und Leistung verfügt.
Es gibt mehr als ein Dutzend Implementierungen von DDS, sowohl
Open-Source- als auch kommerzielle, und diese standardkonformen
Implementierungen sind vollständig miteinander kompatibel. DDS ist für die
meisten gängigen Programmiersprachen und Betriebssysteme bzw. RTOS verfügbar
und ist eines der beiden Kommunikationsframeworks des AUTOSAR-Standards.
DDS bietet die folgenden Funktionen:
• Extreme Leistung:
DDS arbeitet über IP-Netzwerke und sogar noch schneller über gemeinsam
genutzten Speicher.
• Erweiterte
QoS-Funktionen zur Feinabstimmung der Datenflüsse.
• Standardbasierte
Interoperabilität, um sicherzustellen, dass verschiedene Implementierungen
von DDS zusammenarbeiten.
Bild 2: Das Blockdiagramm veranschaulicht die Funktionsweise von DDS.Bild: RTI
• Einfache
Implementierung dank umfassender Plattformunterstützung: DDS läuft auf
Desktop- und Echtzeit- sowie Automobil-Plattformen
• Einfach zu verstehen,
da der Fokus auf den Daten selbst liegt.
• Einfach anzuwenden
dank automatischer Erkennung, globalem Datenbereich und Datenzentriertheit.
• Einfach zu sichern aufgrund
granularer Authentifizierung, Verschlüsselung und Zugriffskontrolle für jeden
Datenfluss.
Welche Rolle spielt das COVESA VSS-Datenmodell?
In Kombination mit anderen Datentypen, wie dem COVESA VSS, kann
DDS die Systemkomplexität reduzieren und die Entwicklung von SDVs sowie die
Realisierung der Autonomiestufen SAE L2–L5 vereinfachen.
Und so funktioniert es:
Da die Daten selbst die Schnittstelle bilden, erfordern
DDS-basierte Systeme keine enge Kopplung zwischen Anwendungen. Eine
Wahrnehmungskomponente beispielsweise, die Kamera- und Radardaten importiert
und eine Liste identifizierter Objekte exportiert, erfordert in der Regel einen
erheblichen Programmier- und Testaufwand, um die Komponenten-API und die
Datenformatierung an den Rest des Systems anzupassen. Beim Einsatz von DDS für
die Middleware-Schicht entfällt ein Großteil dieser Arbeit. Der Integrationsaufwand
zwischen DDS und einem gemeinsamen Satz von Datentypen wird minimiert, da jede
Komponente genau den Datentyp erzeugt und erhält, den sie benötigt.
Diese lose gekoppelte, datenzentrierte Architektur eröffnet Komponentenlieferanten
die volle Freiheit bei der Verwendung der jeweils am besten geeigneten
Technologie. So lässt sich eine Herstellerabhängigkeit für OEMs vermeiden und zugleich
erhalten Lieferanten die Möglichkeit, ihre bevorzugten Technologiekomponenten
zu nutzen.
DDS schafft einen „Globalen Datenraum“, in dem alle Daten für
alle mit dem Netzwerk verbundenen Teilnehmer verfügbar sind. Das erleichtert
die Verlagerung von Softwareanwendungen innerhalb des Systems z.B. bei der
Weiterentwicklung von verteilten Steuereinheiten zu zentralisierten
Hochleistungsrechnern.
Ein Szenario: Es werden Komponenten für ein gemeinsames
Datenmodell und DDS entwickelt. Das ermöglich eine
Drop-in-Plug-and-Play-Interoperabilität von Komponenten, die unabhängig
entstanden sind. Diese Komponenten könnten zwischen Lieferanten und Fahrzeugen
ausgetauscht und aktualisiert werden, und zwar mit einfachen
Integrationsmaßnahmen ohne kundenspezifische Entwicklung. Dadurch könnten
Zulieferer diese Komponenten mit höherem Wert und zu geringeren Kosten
herstellen. So schafft dieses Modell ein effizientes Ökosystem.
Mit DDS ist dieses Szenario bereits heute realisierbar. Ein
Beispiel dafür ist das ROS 2-Projekt. ROS 2 nutzt DDS als
Kommunikationsframework und verfügt über einen sehr stabilen und schnell
wachsenden Satz gemeinsamer Datentypen. Diese beiden Faktoren haben es ROS
ermöglicht, ein dynamisches Ökosystem aufzubauen, das von Low-Level-Sensorik
und -Aktuatorik bis hin zu Umfelderkennung, Wegplanung, SLAM und vielem mehr
reicht.
Ein weiteres Beispiel ist AUTOSAR Adaptive: Hier wird die
sprachunabhängige, dienstorientierte Semantik von ara::com über eine DDS-Netzverbindung
auf das DDS-Standardtypsystem und die APIs abgebildet. Dadurch wird das umfangreiche
Set an DDS-QoS-Richtlinien in die serviceorientierte Architektur von AUTOSAR
integriert. Dieser Ansatz ermöglicht neue Interoperabilitätsszenarien, in denen
AUTOSAR-Systeme durch die Nutzung des DDS-Datenbusses in größere
System-of-Systems-Umgebungen (SoS) integriert werden können. Der DDS-Datenbus
verteilt und verwaltet Echtzeitdaten in intelligenten Systemen.
Die Nutzung von DDS und gängigen Datentypen wie COVESA VSS für
die SDV-Entwicklung kann sich auf Kosten, Zeit und Wert der SDV-Entwicklung
auswirken. COVESA VSS kann:
• Zeit einsparen, indem aufwändige Systemintegrationen reduziert
werden.
• Mehrwert schaffen, indem Komponenten über verschiedene Marken,
Modelle und Modelljahre hinweg wiederverwendet werden.
• Kosten senken, indem kurzlebige kundenspezifische
Entwicklungsarbeiten während der Systementwicklung vermieden werden.
Weitere Vorteile sind Effizienzsteigerungen durch geringere
Komplexität sowie die Stärke eines gemeinsamen Ökosystems und einen größeren
Talentpool.
COVESA VSS als Grundlage für einheitliche Datenmodelle
Ein gemeinsamer und klar definierter Satz von Datentypen ist für
ein datenzentriertes System von entscheidender Bedeutung. Die COVESA
Vehicle Signal Specification (VSS) ist eine von der Allianz entwickelte,
unabhängige Referenz für die Datentypen und Signale innerhalb eines Fahrzeugs.
Die aktuell verfügbare VSS umfasst mehr als 850 Datensignale in den Bereichen
Karosserie, Fahrgastraum, Fahrwerk, ADAS, Antriebsstrang usw. Sie wird kontinuierlich
erweitert, um weitere Fahrzeugtypen, fortschreitende Autonomie und V2X und mehr
abzudecken.
Ein Teil dieser Erweiterungsarbeit erfolgt mit DDS. Die COVESA
VSS ist außerordentlich gut auf DDS abgestimmt. Zusammen mit diesem führenden
Kommunikationsframework bietet die VSS ein stabiles und umfassendes Datenmodell
für SDVs. Es ist eine der ersten gemeinsamen Bemühungen zur Anwendung von DDS
auf spezifische Automobilfunktionen in SDVs.
Rund um die VSS hat sich ein Ökosystem von Lösungen gebildet, das
eine schnelle Prototypenentwicklung, eine verbesserte Wartung und ein
verbessertes Nutzererlebnis im Fahrzeug ermöglicht – Dank der datenzentrierten
Interoperabilität durch die Verwendung gemeinsamer Datentypen.
Das Rennen hat begonnen: Die Fahrzeugarchitektur entwickelt sich
rasant weiter, und COVESA erweitert die VSS um diese neuen Funktionen, wobei es
noch viel zu tun gibt. Als gemeinschaftlich entwickelter Standard unterstützt
COVESA aktiv die Expansion in neue Bereiche. (bs)
Neil Puthuff
Staff Application Engineer bei Real-Time
Innovations