Intelligente Energiearchitektur im Fahrzeug der Zukunft
Die Elektrifizierung und Automatisierung von Fahrzeugen stellen neue Anforderungen an das Bordnetz. Intelligente Stromverteilung mit eFuses, Zonenarchitekturen und 48-V-Technik ermöglicht höhere Effizienz, funktionale Sicherheit und flexible Energieflüsse im Fahrzeug.
David MartinezDavidMartinez
5 min
Wie verändert intelligente Stromverteilung mit eFuses, 48-V-Architekturen und Zonenmodellen die Automobiltechnik?Texas Instruments
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Die konventionellen Blei-Säure-Batterien heutiger Autos sind
zwar preisgünstig, jedoch ist ihre Lebensdauer
begrenzt und auch in ökologischer Hinsicht sind sie problematisch. Es gibt
deshalb Bestrebungen, auf Lithium-Ionen-Akkus, Gleichspannungswandler und Superkondensatoren umzusteigen. Letztere
bieten sich insbesondere für kurze Lastspitzen beispielsweise beim Anlassen von
Verbrennungsmotoren an. Sie können dadurch die Belastung für die eigentliche
Batterie verringern und ihre Lebensdauer
verlängern.
Neue Technik hält Einzug in das SDV
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Bei der Gruppierung der Bordelektronik vollzieht sich eine
Umstellung von Domänen- auf Zonenarchitekturen, die den Verkabelungsaufwand
erheblich senken. Von Verteilerkästen (Power Distribution Boxes, PDBs) aus wird
der Strom an ZCMs (Zone Control Modules) und elektronische Steuergeräte
(Electronic Control Units, ECUs) verteilt. In den ZCMs und PDBs kommen außerdem
intelligente elektronische Sicherungen (eFuses) auf Halbleiterbasis zum
Einsatz, die die Funktionen von Schmelzsicherungen und elektromechanischen
Rails in sich vereinen. Diese eFuses lassen sich per Software managen und
müssen nicht mehr an gut zugänglichen Stellen platziert werden. Somit erlaubt
es diese Architektur auch, die Stromversorgung nicht benötigter Funktionen
abzuschalten. So genannte PAAT-Funktionen (Powered At All Times), die auch bei
geparktem Fahrzeug in Betrieb bleiben müssen, können zudem über den
Low-Power-Status der eFuse versorgt werden. Gewichts- und Kosteneinsparungen
versprechen ebenfalls 48-V-Bordnetze, die mit niedrigeren Stromstärken und
kleineren Leiterquerschnitten auskommen. Bild 1 vergleicht die verschiedenen
Konzepte.
Eine Rolle spielt auch die Einführung von Fahrassistenzsystemen
und Lösungen für autonomes Fahren. Wird die Kontrolle über das Fahrzeug
vermehrt an elektronische Systeme übertragen, werden redundante Stromversorgungen,
ein intelligentes Lastmanagement bei Ausfall einer Versorgung sowie
Störbeständigkeit verlangt. Grundlage hierfür sind die Normen ISO 26262 und VDA
450.
Bild 2 veranschaulicht die primäre Stromversorgung. Bei der Festlegung der redundanten Eingangsquellen ist unter
anderem zu berücksichtigen, welche Lastsprünge im System vorkommen, ob
insbesondere bei batterieelektrischen Fahrzeugen (BEVs) ein Low-Power-Modus
benötigt wird, ob ein bidirektionaler Stromfluss zulässig ist und welche
Sicherheitsmechanismen erforderlich sind.
Bild 2: Aufbau eines generischen Stromverteilungs-ModulsTexas Instruments
Unbedingt zu beachten sind die zu erwartenden Lastsprünge
und -spitzen. Superkondensatoren und
Batterien können hohe Inrush-Ströme liefern, während DC/DC-Wandler und smarte
eFuses eine Strombegrenzung besitzen und das Aufladen kapazitiver Lasten
unterstützen müssen, damit diese Stromspitzen von nachfolgenden Komponenten
ferngehalten werden.
Niedervolt-Batterien
spielen bei Low-Power-Betriebsarten eine zentrale Rolle, denn ihre
Selbstentladerate ist minimal und ihre Spannung bleibt anders als bei
Superkondensatoren über lange Zeit stabil. Während die Ruhestromaufnahme (IQ)
eines DC/DC-Wandlers hoher Leistung nicht vernachlässigbar ist, kann ein
DC/DC-Wandler mit niedrigem IQ-Wert die Stromentnahme aus der
Hochspannungs-Batterie im Low-Power-Status sogar reduzieren. Mit einem
DC/DC-Wandler als sekundäre Eingangsquelle kann die Batterie durch Aktivieren
der Mixed-Input-Schalter bei geparktem Fahrzeug aufgeladen werden, indem ein
Stromfluss von Vin_2 nach Vin_! ermöglicht wird (Bild 3).
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Smarte eFuses und High-Side-Schalter eignen sich
hervorragend für Anwendungen mit uni- oder bidirektionalem Stromfluss. Abgesehen
von Situationen, in denen eine Batterie geladen werden muss, muss ein
bidirektionaler Stromfluss auch dann möglich sein, wenn aus Sicherheitsgründen
die Möglichkeit bestehen muss, ein ECU aus mehreren Spannungen oder Domänen zu
versorgen. Die Software kann dann bei Ausfall eines Gleichspannungswandlers die
Stromverteilung so modifizieren, dass beispielsweise Strom aus der linken Zone
an wichtige Funktionen in der Heckzone geleitet wird. Sollten diese
zusätzlichen Aufgaben die Batterie überfordern, würde die Fahrzeugsoftware dies
mithilfe von Stromsensoren erkennen und daraufhin entscheiden, welche anderen
Verbraucher deaktiviert werden können, um die vorrangigen Systeme in Betrieb zu
halten. Auch Superkondensatoren können
zum Aufrechterhalten der Stromversorgung entscheidender Funktionen genutzt
werden – beispielsweise zur Versorgung der Türverriegelung nach einem Unfall.
Bild 3: Aufladen des Li-Ion-Akkus per Mixed-Input-SchalterTexas Instruments
Welche Ausgänge bietet das System?
Bei der Auswahl der smarten eFuses kommen Aspekte wie etwa
ein programmierbarer Leitungsschutz (I²t), das Aufladen von Kapazitäten,
Low-Power-Betriebsarten, Pins für Steuerungs-
und Konfigurationszwecke, Strom- und Spannungserfassung sowie die funktionale
Sicherheit ins Spiel. Welche dieser Features im Einzelfall benötigt werden,
hängt vom Betriebs- und Spitzenstrom, der Art des Verbrauchers, eventueller
PAAT-Tauglichkeit sowie der ASIL-Einstufung (Automotive Safety Integrity Level)
ab. Bei sehr hohem Strombedarf von beispielsweise 30 A oder mehr kommt ein
High-Side-Controller in Kombination mit einem externen FET in Betracht, da eine
Lösung mit internem FET hier zu hohe Sperrschichttemperaturen erreichen würde.
Bei niedrigeren Strömen sind dagegen integrierte
High-Side-Schalter und smarte eFuses im Vorteil, was die Leistungsfähigkeit und
die Kosten angeht. Eine PDB wird dagegen meist mit High-Side-Controllern
bestückt, da bei der Versorgung der zahlreichen Zonen durchaus Ströme von
einigen hundert Ampere fließen können. Entsprechend der programmierten
Leitungscharakteristik kann ein smartes eFuse-Element im Fall eines Überstroms
zudem ohne Eingriff des zuständigen Mikrocontrollers selbsttätig abschalten.
Bild 4 veranschaulicht die Möglichkeit zum Programmieren der
eFuse-Charakteristik.
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Die Last- und Spitzenströme bestimmen ebenfalls, ob die Kapazitätsladefunktion eines eFuse-Elements
genutzt werden. Smarte eFuses verfügen meist über eine Funktion, die die hohen
Inrush-Ströme beim Aufladen von Kapazitäten unterstützt, ohne die MOSFETs zu
beschädigen. Der hohe Strom beim Anlaufen eines bürstenbehafteten
Gleichstrommotors verlangt dagegen in der Regel nach einem eFuse-Element mit
reduziertem Drain-Source-Widerstand oder nach Verwendung eines externen MOSFET,
wenn keine PWM-Ansteuerung oder Strombegrenzung zur Verfügung steht.
Bild 4: Programmierung verschiedener Ansprech-Charakteristiken bei einem eFuse-ElementTexas Instruments
Unbedingt zu
berücksichtigen sind auch die Safety-Mechanismen
eines eFuse-Elements. Hier geht es insbesondere um die Notlauffunktion, die aktiviert
wird, wenn ein Fehler auftritt, wie etwa ein Ausfall der Kommunikation zwischen
High-Side-Schalter und SPI-Controller. Bei der Konzeption solcher Notlauflösungen
zur Aufrechterhaltung unerlässlicher Fahrzeugfunktionen ist überdies zu
überlegen, ob die Ausgänge aktiv bleiben sollen und welche
Fehlerbehebungs-Methode angewandt werden soll. Beide Features können bei
smarten eFuses vor dem Wechsel in den Notlaufmodus programmiert werden.
Die wichtigsten Systemaspekte beim PDB-Design
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Systemdiagnostik, Stückliste, Ein- und Ausgänge sowie die Fehlerbeseitigung
sind wichtige Aspekte beim Design einer PDB. Die Systemdiagnostik kann
Parameter wie den Fehlerstatus sowie Spannung, Strom und Temperatur eines jeden
Schalters umfassen, aber auch Systemparameter wie einen Verlust der
Masseverbindung. Zum Messen von Strom und Spannung mit einer Genauigkeit von
besser als 1 Prozent können Strom- und Spannungsmessverstärker in Verbindung mit dem eingebauten
ADC des jeweiligen Mikrocontrollers herangezogen werden. Reichen 1 bis 5 Prozent Genauigkeit für die Strommessung aus, lässt sich der Bauteileaufwand mithilfe
der in den Schalter integrierten Messfunktionen reduzieren, die sich auch
hervorragend für Anwendungen eignen, in denen Strom- und Spannungsmessungen im
Aktiv- und im Low-Power-Modus benötigt werden.
Da PDBs und insbesondere ZCMs mehr als 60
High-Side-Schalter-, Halbbrücken- und eFuse-Ausgänge besitzen, sind am
Mikrocontroller über 300 I/O- und ADC-Pins erforderlich. Mit SPI-basierten eFuses und
SPI/I2C-I/O-Expandern ist es jedoch möglich, Gehäusegröße und Pin-Count der
Mikrocontroller zu optimieren. Wie Bild 5 verdeutlicht, werden für jedes
IO-basierte eFuse-Element vier Pins benötigt (EN, Diagnostic Enable, WAKE und
ISNS), wobei die I2T-Charakteristik nicht programmierbar ist. Ein SPI-basiertes
eFuse-Element dagegen kommt mit nur fünf MCU-Pins aus, und für jeden weiteren
Baustein ist lediglich ein Chip-Select-Anschluss nötig.
Bild 5: SPI-basierte eFuses ermöglichen ein Optimieren der I/O-Anzahl.Texas Instruments
Eine zentrale Rolle bei der Festlegung der
Fehlerbehebungs-Methode für jedes eFuse-Element spielt die Software. Während
Schmelzsicherungen im Fehlerfall den Stromfluss einfach dauerhaft unterbrechen,
bieten die smarten eFuses von Texas Instruments die Option, den betreffenden Ausgang nach einer vorgegebenen Zeit
wieder zu aktivieren. Im Mikrocontroller können zudem auch komplexere
Fehlerbeseitigungs-Algorithmen implementiert werden, die auf dem Abschätzen der
Kabeltemperatur beruhen. Dieses Automatisieren der Rückstellcharakteristik
macht es einfacher, die PDBs nahe an den jeweiligen Verbrauchern zu platzieren,
da die Zugänglichkeit kein Kriterium mehr ist.
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Besonderheiten der 48-V-Technik
Anders als bei
12-V-Bordnetzen ist die Lichtbogenbildung bei 48 V ein relevantes Thema, sodass
auf ausreichend große Luft- und Kriechstrecken geachtet werden muss. Software
in Verbindung mit Strom- und Spannungsmessung hilft, Lichtbögen zu detektieren
und die entsprechenden Schalter umgehend zu deaktivieren. Mithilfe von Machine
Learning lässt sich außerdem sicherer zwischen Lichtbögen und normalen
Stromspitzen unterscheiden, um Fehlauslösungen zu unterbinden. Bild 6
veranschaulicht gängige Ursachen von Lichtbögen in 48-V-Architekturen.
Bild 6: Häufige Ursachen von Lichtbögen in 48-V-BordnetzenTexas Instruments
Da noch nicht alle Aktoren und Halbleiter auf 48 V
umgestellt sind, werden in vielen 48-V-Architekturen der ersten Generation nach
wie vor Wandler zwischen 48 V und 12 V benötigt. Für diese Wandler kommen neben
traditionellen Tiefsetzstellern auch fortschrittlichere Topologien wie etwa
SCCs (Switched Capacitor Converters) oder STCs (Switched Tank Converters) in
Betracht. (na)
Autor:
David Martinez, Systems Engineer, Texas
Instruments