Vor welchen Herausforderungen steht die Bordnetzbranche 2026?
Welche Herausforderung prägen die Bordnetz- und EDS-Branche in den kommenden fünf Jahren? Wir haben nachgefragt und vier Experten, allesamt Speaker auf dem Bordnetzkongress 2026, geben darauf überraschend unterschiedliche Antworten.
Bordnetze entwickeln sich zunehmend zu einem strategischen Integrationspunkt moderner Fahrzeugarchitekturen – und damit zu einem entscheidenden Faktor für die Zukunft der Automobilbranche. Wie diese aussehen könnte, wird auf den Bordnetze-im-Automobil-Kongress vorgestellt und diskutiert.Matthias Baumgartner
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Alle Infos zum Bordnetze im Automobil Kongress
Der Bordnetze Kongress gilt als zentrale Branchenplattform für Entwickler, Zulieferer und OEMs, die sich mit der elektrischen und elektronischen Architektur heutiger Fahrzeuge befassen. Im Fokus stehen Trends wie zonale Architekturen, steigende Bordnetzspannungen, neue E/E-Konzepte sowie deren Auswirkungen auf Kosten, Gewicht und Komplexität.
Die Bordnetz- und EDS-Branche steht zweifelsohne vor großen
Herausforderungen. Die Mitte eines schwierigen Jahrzehnts knapp überschritten, drängt
sich nun die Frage auf, welche Herausforderungen diesen Automotive-Industriezweig
in den kommenden fünf Jahren am stärksten prägen werden – und warum?
• Lutz Schmittat, Head of Electromechanics E-Mobility
bei Dräxlmaier
• Serkan Akıncı, EDS Technical Leader bei Ford Otosan & Nursan
• Thomas Lorenz, Technical Specialist bei One Mobility
• Lutz Lehmann, Product Manager Digitalization bei Telsonic
Alle vier erhielten dieselbe Leitfrage: „Mit Blick auf die
kommenden fünf Jahre: Was wird die größte Herausforderung für die Bordnetz- und
EDS-Industrie sein – und warum?“ Ihre Antworten zeichnen ein differenziertes Bild der
Herausforderungen, die auf Entwickler, Zulieferer und OEMs zukommen. Ihre Einschätzungen
zeigen, wie stark Architekturentscheidungen, Materialfragen,
Entwicklungsgeschwindigkeit und Produktionsprozesse diesen Bereich der
Automobilindustrie beeinflussen werden.
Darum wird die Bordnetzarchitektur zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor
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Für Lutz Schmittat, seit fast fünfzehn Jahren bei Dräxlmaier
tätig, unter anderem in der Serienentwicklung und im Interior Concept Design, steht
eine grundlegende architektonische Weichenstellung im Mittelpunkt: „Die
entscheidende Aufgabe der nächsten fünf Jahre – und zugleich diejenige
architektonische Entscheidung, die Kosten, Komplexität und Flexibilität für das
kommende Jahrzehnt bestimmt – besteht darin, SDV-Standardisierung mit der
Variantenvielfalt eines Fahrzeugportfolios zu vereinbaren, ohne für ungenutzte
Funktionen zu bezahlen.“
Mit dem Übergang zum Software-Defined Vehicle verändern sich
auch die Anforderungen an Bordnetze. Plattformen müssen stärker standardisiert
werden, gleichzeitig erwarten OEMs weiterhin eine große Bandbreite an
Fahrzeugvarianten und Ausstattungsstufen. Bordnetzarchitekturen müssen daher flexibel genug sein, um unterschiedliche
Leistungsniveaus, Funktionen und Segmente abzubilden. Und das, ohne sich in unnötiger
Komplexität zu verlieren.
Seit 2026 berät Thomas Lorenz in seiner Rolle als Technical Specialist internationale Teams, unterstützt Trainingsprogramme und begleitet die Entwicklung technischer Systemlösungen.One Mobility Group
Der Diplom-Mechatronikingenieur Lutz Lehmann treibt seit 2024 bei Telsonic datenbasierte Ansätze zur Weiterentwicklung der Ultraschallschweißtechnik voran.Telsonic AG, Stephan Duerer
Serkan Akıncı verantwortet die Entwicklung von Bordnetzsystemen für Ford-Nutzfahrzeuge in Niedervolt- und Hochvoltarchitekturen.Ford Otosan & Nursan
Lutz Schmittat verantwortet bei Dräxlmaier alle elektromechanischen Produkte im E-Mobility-Portfolio, darunter Hochvoltkomponenten, Ladesysteme und zugehörige Systemarchitekturen. Seine Arbeit reicht von der frühen Konzeptphase bis zur Serienfreigabe.Dräxlmaier Group
Welche Herausforderungen bremsen die Entwicklungsprozesse in der Bordnetz- und EDS-Branche?
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Neben architektonischen Fragen wird die
Entwicklungsgeschwindigkeit zu einem essenziellen Faktor. Fahrzeugprogramme
müssen 2026 deutlich schneller umgesetzt werden als noch vor wenigen Jahren. Im
Jahre 2031, um mal den Endpunkt unserer eingänglichen Fragestellung zu nehmen,
dürften sich die Geschwindigkeitsanforderungen aller Plausibilität nach nicht (weiter)
verlangsamt haben. Selbstredend wird es in der sich immer weiter globalisierenden Branche nicht überall gleich schnell ablaufen.
Auch 2026 ist der Bordnetzkongress ein hochgradiges Networking-Event.Matthias Baumgartner
Thomas Lorenz sieht hier starke strukturelle Unterschiede und
bürokratische Hürden zwischen den Regionen. „Die größte Herausforderung wird darin
liegen, mit der Geschwindigkeit einiger nicht-europäischer OEMs Schritt zu
halten. Sie haben viel gelernt, indem sie unsere Systeme beobachtet haben, aber
nie im gleichen Maße durch Bürokratie ausgebremst wurden“, so der Ingenieur,
der auf langjährige Erfahrung in der Bordnetzsystem-Entwicklung bei OEMs wie
BMW, Daimler, Porsche, Audi, VW und Bugatti zurückblickt.
Während viele europäische Entwicklungsprogramme stark
prozess- und dokumentationsgetrieben sind, setzen andere Märkte stärker auf
iterative Entwicklungsmodelle und kürzere Entscheidungswege. Gerade bei neuen
Materialien oder Verbindungstechnologien zeigt sich häufig, dass technische
Lösungen verfügbar sind, ihre Einführung jedoch durch komplexe Freigabeprozesse
verzögert wird.
So verändert die Elektromobilität die Anforderungen an Bordnetz und EDS
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Parallel dazu steigen mit der Elektrifizierung auch die
Anforderungen an Bordnetzkomponenten selbst. Höhere Stromstärken, neue
Hochvolt-Architekturen und steigende Leistungsdichten verändern die Belastungen
für Kabel, Kontakte und Verbindungstechnologien erheblich.
Der studierte Elektroingenieur Serkan Akıncı, seit 2008 bei
Ford, bringt diese Herausforderung auf folgende prägnante
Formel: „Die größte Herausforderung besteht darin, die Lücke zwischen Design
und realer Anwendung zu schließen.“ Besonders im Nutzfahrzeugbereich wirken extreme
Umweltbedingungen auf elektrische Systeme. Vibrationen, thermische Zyklen,
Feuchtigkeit oder korrosive Umgebungen können langfristig zu Ausfällen führen.
Konstruktion, Validierung und Testmethoden müssen diese realen Belastungen
stärker berücksichtigen, um die Zuverlässigkeit moderner Bordnetze
sicherzustellen. Gleichzeitig wächst der Bedarf an präziseren Analyse- und
Diagnosemethoden, um Fehlerquellen frühzeitig zu identifizieren.
Elektromobilität wird sich in Europa und Deutschland endgültig durchsetzen und Verbrennungsmotoren mit ihren klassischen Architekturen und langen, stark konstruktionsgetriebenen Entwicklungsprozessen verdrängen.
Lutz Lehmann, Product Manager Digitalization bei Telsonic
Konsequente Digitalisierung und Datennutzung
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Neben Architektur und Materialien verändert auch die Digitalisierung die Branche. Schließlich zählen Bordnetze zu den komplexesten Baugruppen eines Fahrzeugs – sowohl in der Entwicklung als auch in der Fertigung. Für Lutz Lehmann, seit 1999 in verschiedenen Bereichen der
Bordnetzindustrie tätig, wird deshalb die konsequente Nutzung von Daten zum
entscheidenden Faktor. Zudem sieht er batterieelektrische Fahrzeuge – zumindest
auf unserem Kontinent – klar auf der Überholspur.
„Elektromobilität wird sich
in Europa und Deutschland endgültig durchsetzen und Verbrennungsmotoren mit
ihren klassischen Architekturen und langen, stark konstruktionsgetriebenen
Entwicklungsprozessen verdrängen. Bis dahin müssen sich Zulieferer auf
zunehmend fahrzeugsoftwaregetriebene, agile Entwicklungsprozesse einstellen und
die Bordnetzfertigung an neue Systemarchitekturen anpassen. Eine konsequente
Digitalisierung und Datennutzung wird dabei zur Überlebensfrage,“ mahnt der
Diplom-Ingenieur mit Schwerpunkt Produktion und Automatisierung.
Digitale Produktionssysteme, automatisierte
Qualitätsüberwachung und datenbasierte Prozessanalysen können dazu beitragen,
Fehler frühzeitig zu erkennen und komplexe Fertigungsprozesse stabil zu halten.
Gleichzeitig wird eine engere Verzahnung zwischen Entwicklungs- und
Produktionsdaten immer wichtiger, um Entwicklungszeiten zu verkürzen und
Produktionsprozesse effizienter zu gestalten.
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Warum ist der Bordnetzkongress 2026 für die Bordnetz- und EDS-Branche so wichtig?
Ebenjene Themen stehen im Mittelpunkt des diesjährigen Bordnetzkongresses.
Die 14. Auflage der internationalen Fachkonferenz bringt am 5. und 6. Mai 2026 Entwickler,
Produktionsverantwortliche und Strategen aus der gesamten Wertschöpfungskette
der Bordnetz- und EDS-Industrie zusammen.
Die Teilnehmer kommen unter anderem aus den Bereichen
Fahrzeugentwicklung, Bordnetzarchitektur, Hochvolt- und Energiesysteme,
Produktion, Automatisierung sowie Forschung und Entwicklung. Neben OEMs und
Tier-1-Zulieferern nehmen auch Hersteller von Kabel- und
Steckverbindungssystemen, Komponentenlieferanten, Automatisierungsanbieter und
Forschungseinrichtungen teil. Bereits die Antworten der vier Experten zeigen im Vorfeld, welche Fragestellungen die Branche besonders beschäftigen (werden). Darüber hinaus werden in Ludwigsburg unter anderem neue Architektur-Ansätze,
Strategien für Hochstrom- und Hochvoltverteilungen sowie digitale Engineering-
und Produktionskonzepte diskutiert. Ziel des zweitätigen Kongresses ist es, technologische
Trends ebenso wie praktische Erfahrungen aus Entwicklungs- und
Produktionsprojekten zusammenzubringen.
Keiner Diskussion bedarf die Tatsache, dass sich Bordnetze zunehmend zu einem strategischen Integrationspunkt
moderner Fahrzeugarchitekturen entwickeln und damit zu einem entscheidenden Faktor für
die Zukunft der Automobilbranche.