Experteneinschätzung

Vor welchen Herausforderungen steht die Bordnetzbranche 2026?

Welche Herausforderung prägen die Bordnetz- und EDS-Branche in den kommenden fünf Jahren? Wir haben nachgefragt und vier Experten, allesamt Speaker auf dem Bordnetzkongress 2026, geben darauf überraschend unterschiedliche Antworten.

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Georg Sterler auf der Bordnetzkongressbühne vor blauer Präsentationsfolie zu Bordnetzen im Automobil.
Bordnetze entwickeln sich zunehmend zu einem strategischen Integrationspunkt moderner Fahrzeugarchitekturen – und damit zu einem entscheidenden Faktor für die Zukunft der Automobilbranche. Wie diese aussehen könnte, wird auf den Bordnetze-im-Automobil-Kongress vorgestellt und diskutiert.

Alle Infos zum Bordnetze im Automobil Kongress

Der Bordnetze Kongress gilt als zentrale Branchenplattform für Entwickler, Zulieferer und OEMs, die sich mit der elektrischen und elektronischen Architektur heutiger Fahrzeuge befassen. Im Fokus stehen Trends wie zonale Architekturen, steigende Bordnetzspannungen, neue E/E-Konzepte sowie deren Auswirkungen auf Kosten, Gewicht und Komplexität. 

Der 14. Kongress "Bordnetze im Automobil" wird am 5. bis 6. Mai 2026 in Ludwigsburg, stattfinden. Sind Sie gespannt? Registrieren Sie sich jetzt und sichern Sie sich Ihr Ticket.

Weitere Informationen zum Bordnetze im Automobil Kongress finden Sie hier.

Die Bordnetz- und EDS-Branche steht zweifelsohne vor großen Herausforderungen. Die Mitte eines schwierigen Jahrzehnts knapp überschritten, drängt sich nun die Frage auf, welche Herausforderungen diesen Automotive-Industriezweig in den kommenden fünf Jahren am stärksten prägen werden – und warum?

Im Vorfeld des 14. Bordnetzkongresses, der am 5. und 6. Mai 2026 in Ludwigsburg stattfinden wird, haben wir mit den folgenden vier Speakern der Veranstaltung über zentrale Entwicklungen (in) der Bordnetzbranche gesprochen: 

    Lutz Schmittat, Head of Electromechanics E-Mobility bei Dräxlmaier 

    Serkan Akıncı, EDS Technical Leader bei Ford Otosan & Nursan 

    Thomas Lorenz, Technical Specialist bei One Mobility 

    Lutz Lehmann, Product Manager Digitalization bei Telsonic

Alle vier erhielten dieselbe Leitfrage: „Mit Blick auf die kommenden fünf Jahre: Was wird die größte Herausforderung für die Bordnetz- und EDS-Industrie sein – und warum?“ Ihre Antworten zeichnen ein differenziertes Bild der Herausforderungen, die auf Entwickler, Zulieferer und OEMs zukommen. Ihre Einschätzungen zeigen, wie stark Architekturentscheidungen, Materialfragen, Entwicklungsgeschwindigkeit und Produktionsprozesse diesen Bereich der Automobilindustrie beeinflussen werden.

Darum wird die Bordnetzarchitektur zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor

Für Lutz Schmittat, seit fast fünfzehn Jahren bei Dräxlmaier tätig, unter anderem in der Serienentwicklung und im Interior Concept Design, steht eine grundlegende architektonische Weichenstellung im Mittelpunkt: „Die entscheidende Aufgabe der nächsten fünf Jahre – und zugleich diejenige architektonische Entscheidung, die Kosten, Komplexität und Flexibilität für das kommende Jahrzehnt bestimmt – besteht darin, SDV-Standardisierung mit der Variantenvielfalt eines Fahrzeugportfolios zu vereinbaren, ohne für ungenutzte Funktionen zu bezahlen.“

Mit dem Übergang zum Software-Defined Vehicle verändern sich auch die Anforderungen an Bordnetze. Plattformen müssen stärker standardisiert werden, gleichzeitig erwarten OEMs weiterhin eine große Bandbreite an Fahrzeugvarianten und Ausstattungsstufen. Bordnetzarchitekturen müssen daher flexibel genug sein, um unterschiedliche Leistungsniveaus, Funktionen und Segmente abzubilden. Und das, ohne sich in unnötiger Komplexität zu verlieren.

Welche Herausforderungen bremsen die Entwicklungsprozesse in der Bordnetz- und EDS-Branche?

Neben architektonischen Fragen wird die Entwicklungsgeschwindigkeit zu einem essenziellen Faktor. Fahrzeugprogramme müssen 2026 deutlich schneller umgesetzt werden als noch vor wenigen Jahren. Im Jahre 2031, um mal den Endpunkt unserer eingänglichen Fragestellung zu nehmen, dürften sich die Geschwindigkeitsanforderungen aller Plausibilität nach nicht (weiter) verlangsamt haben. Selbstredend wird es in der sich immer weiter globalisierenden Branche nicht überall gleich schnell ablaufen.

Dicht gefülltes Bordnetzkongress-Messefoyer mit Geschäftsleuten vor mehreren Firmenständen. Auf einem steht Automotive Digital Transformation.
Auch 2026 ist der Bordnetzkongress ein hochgradiges Networking-Event.

Thomas Lorenz sieht hier starke strukturelle Unterschiede und bürokratische Hürden zwischen den Regionen. „Die größte Herausforderung wird darin liegen, mit der Geschwindigkeit einiger nicht-europäischer OEMs Schritt zu halten. Sie haben viel gelernt, indem sie unsere Systeme beobachtet haben, aber nie im gleichen Maße durch Bürokratie ausgebremst wurden“, so der Ingenieur, der auf langjährige Erfahrung in der Bordnetzsystem-Entwicklung bei OEMs wie BMW, Daimler, Porsche, Audi, VW und Bugatti zurückblickt.

Während viele europäische Entwicklungsprogramme stark prozess- und dokumentationsgetrieben sind, setzen andere Märkte stärker auf iterative Entwicklungsmodelle und kürzere Entscheidungswege. Gerade bei neuen Materialien oder Verbindungstechnologien zeigt sich häufig, dass technische Lösungen verfügbar sind, ihre Einführung jedoch durch komplexe Freigabeprozesse verzögert wird.

So verändert die Elektromobilität die Anforderungen an Bordnetz und EDS

Parallel dazu steigen mit der Elektrifizierung auch die Anforderungen an Bordnetzkomponenten selbst. Höhere Stromstärken, neue Hochvolt-Architekturen und steigende Leistungsdichten verändern die Belastungen für Kabel, Kontakte und Verbindungstechnologien erheblich.

Der studierte Elektroingenieur Serkan Akıncı, seit 2008 bei Ford, bringt diese Herausforderung auf folgende prägnante Formel: „Die größte Herausforderung besteht darin, die Lücke zwischen Design und realer Anwendung zu schließen.“ Besonders im Nutzfahrzeugbereich wirken extreme Umweltbedingungen auf elektrische Systeme. Vibrationen, thermische Zyklen, Feuchtigkeit oder korrosive Umgebungen können langfristig zu Ausfällen führen. Konstruktion, Validierung und Testmethoden müssen diese realen Belastungen stärker berücksichtigen, um die Zuverlässigkeit moderner Bordnetze sicherzustellen. Gleichzeitig wächst der Bedarf an präziseren Analyse- und Diagnosemethoden, um Fehlerquellen frühzeitig zu identifizieren.

Elektromobilität wird sich in Europa und Deutschland endgültig durchsetzen und Verbrennungsmotoren mit ihren klassischen Architekturen und langen, stark konstruktionsgetriebenen Entwicklungsprozessen verdrängen.

Lutz Lehmann, Product Manager Digitalization bei Telsonic

Konsequente Digitalisierung und Datennutzung

Neben Architektur und Materialien verändert auch die Digitalisierung die Branche. Schließlich zählen Bordnetze zu den komplexesten Baugruppen eines Fahrzeugs – sowohl in der Entwicklung als auch in der Fertigung.  Für Lutz Lehmann, seit 1999 in verschiedenen Bereichen der Bordnetzindustrie tätig, wird deshalb die konsequente Nutzung von Daten zum entscheidenden Faktor. Zudem sieht er batterieelektrische Fahrzeuge – zumindest auf unserem Kontinent – klar auf der Überholspur. 

„Elektromobilität wird sich in Europa und Deutschland endgültig durchsetzen und Verbrennungsmotoren mit ihren klassischen Architekturen und langen, stark konstruktionsgetriebenen Entwicklungsprozessen verdrängen. Bis dahin müssen sich Zulieferer auf zunehmend fahrzeugsoftwaregetriebene, agile Entwicklungsprozesse einstellen und die Bordnetzfertigung an neue Systemarchitekturen anpassen. Eine konsequente Digitalisierung und Datennutzung wird dabei zur Überlebensfrage,“ mahnt der Diplom-Ingenieur mit Schwerpunkt Produktion und Automatisierung.

Digitale Produktionssysteme, automatisierte Qualitätsüberwachung und datenbasierte Prozessanalysen können dazu beitragen, Fehler frühzeitig zu erkennen und komplexe Fertigungsprozesse stabil zu halten. Gleichzeitig wird eine engere Verzahnung zwischen Entwicklungs- und Produktionsdaten immer wichtiger, um Entwicklungszeiten zu verkürzen und Produktionsprozesse effizienter zu gestalten.

Warum ist der Bordnetzkongress 2026 für die Bordnetz- und EDS-Branche so wichtig?

Ebenjene Themen stehen im Mittelpunkt des diesjährigen Bordnetzkongresses. Die 14. Auflage der internationalen Fachkonferenz bringt am 5. und 6. Mai 2026 Entwickler, Produktionsverantwortliche und Strategen aus der gesamten Wertschöpfungskette der Bordnetz- und EDS-Industrie zusammen.

Die Teilnehmer kommen unter anderem aus den Bereichen Fahrzeugentwicklung, Bordnetzarchitektur, Hochvolt- und Energiesysteme, Produktion, Automatisierung sowie Forschung und Entwicklung. Neben OEMs und Tier-1-Zulieferern nehmen auch Hersteller von Kabel- und Steckverbindungssystemen, Komponentenlieferanten, Automatisierungsanbieter und Forschungseinrichtungen teil.  Bereits die Antworten der vier Experten zeigen im Vorfeld, welche Fragestellungen die Branche besonders beschäftigen (werden). Darüber hinaus werden in Ludwigsburg unter anderem neue Architektur-Ansätze, Strategien für Hochstrom- und Hochvoltverteilungen sowie digitale Engineering- und Produktionskonzepte diskutiert. Ziel des zweitätigen Kongresses ist es, technologische Trends ebenso wie praktische Erfahrungen aus Entwicklungs- und Produktionsprojekten zusammenzubringen.

Keiner Diskussion bedarf die Tatsache, dass sich Bordnetze zunehmend zu einem strategischen Integrationspunkt moderner Fahrzeugarchitekturen entwickeln und damit zu einem entscheidenden Faktor für die Zukunft der Automobilbranche.