Zahlen, Trends und Erfolgsfaktoren
Elektrotechnikstudium: Warum Standorte auseinanderdriften
Die Zahl der Erstsemester in der Elektro- und Informationstechnik ist seit Jahren rückläufig. Eine aktuelle Untersuchung analysiert die Entwicklung differenziert nach Hochschultyp und Standortgröße – und zeigt, wie einige Hochschulen erfolgreich bleiben.
Elektrotechnik-Studiengänge haben ein Nachwuchsproblem. Doch manche Hochschulen zeigen Gegenstrategien, die wirken.
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Die elektrotechnischen Studiengänge leiden seit Jahren unter
einem massiven Imageproblem. Das zeigt sich auch in der Entwicklung der
Studierendenzahlen. Eine aktuelle Auswertung des VDE zeigt: Das Interesse am
Elektrotechnikstudium sinkt seit Jahren –
allerdings nicht überall gleich stark. Während einige Hochschulstandorte massiv unter Nachwuchsmangel
leiden, gelingt es anderen, ihre Attraktivität
deutlich zu steigern.
Die Studie „Hochschulen Elektro- und Informationstechnik 2026 – Teil 1“ des VDE
analysiert, welche Faktoren über Erfolg oder
Misserfolg elektrotechnischer Studiengänge entscheiden können.
Erstsemesterzahlen Elektrotechnik: Langfristiger
Abwärtstrend
Die Auswertung der Statistiken des Fakultätentags Elektro-
und Informationstechnik (FTEI) und des Fachbereichstags Elektro- und
Informationstechnik (FBTEI) zeigt einen klaren Befund: Seit 2013 ist die Zahl
der Erstsemester im Bachelorstudium der Elektro- und Informationstechnik
bundesweit um rund 34 Prozent gesunken, und zwar an Universitäten und
Hochschulen für Angewandte Wissenschaften (HAW) gleichermaßen.
Das Problem ist also nicht einem Hochschultyp allein zuzuordnen.
HAW 2022 und 2024 im Vergleich: Größe als entscheidender
Erfolgsfaktor
Kleine HAW-Standorte: Hohe Volatilität, geringe
Planungssicherheit
Kleinere Hochschulen für Angewandte Wissenschaften mit bis
zu 40 Erstsemestern pro Jahr zeigen keinen einheitlichen Trend. Die
Entwicklungen streuen stark, im Mittel folgen sie jedoch dem negativen
Gesamttrend. Einzelne Standorte verzeichnen Rückgänge von bis zu 45 Prozent.
Mittelgroße HAW-Standorte: Abwärtstrend trotz einzelner
Lichtblicke
Bei mittelgroßen HAW-Standorten mit 40 bis 120 Erstsemestern
ist tendenziell ein Rückgang zu beobachten. Die größten prozentualen Verluste
innerhalb des Betrachtungszeitraums liegen bei -70 Prozent, der größte prozentuale
Anstieg liegt bei knapp 50 Prozent.
Große HAW-Standorte: Wachstum durch Sichtbarkeit und
Vernetzung
Ein anderes Bild zeigt sich bei großen HAW-Standorten mit
170 bis 330 Erstsemestern pro Jahr. Hier ist zwischen 2022 und 2024 ein nahezu
einheitlicher Aufwärtstrend erkennbar. Die Hochschule München sticht mit einem
Zuwachs von rund 40 Prozent innerhalb eines Jahres besonders hervor. Große
Standorte profitieren offenbar von höherer
Sichtbarkeit, urbanem Umfeld und enger Industrieanbindung.
Universitäten 2013 bis 2023: Mittelgroße Standorte als
Hauptverlierer
Kleine Universitäten: Teilweise dramatische Einbrüche
An kleinen Universitätsstandorten mit 40 bis 150
Erstsemestern zu Beginn des Betrachtungszeitraums ist der Abwärtstrend
besonders ausgeprägt. Vier von fünf untersuchten Standorten verloren im Mittel
rund 75 Prozent ihrer Studienanfänger. Insgesamt gingen die Erstsemesterzahlen an Universitäten im Zeitraum 2013–2023 ebenfalls
um 34 Prozent zurück. Die größten prozentualen Gewinne verzeichnet die TU
Clausthal. Von deren Erfahrungen können ggfs. andere Hochschulen profitieren.
Mittelgroße Universitäten: Größter Beitrag zum
Gesamtrückgang
Mittelgroße Universitäten mit ursprünglich 250 bis 400
Erstsemestern tragen zahlenmäßig am stärksten zum Rückgang bei. Bei vier von
fünf Standorten sank die Zahl der Studienanfänger um rund 50 Prozent. Viele dieser Hochschulen
rutschen damit in die Kategorie kleiner Standorte ab. Damit tragen die
mittelgroßen Standorte zahlenmäßig deutlich zum Gesamtrückgang an den
Universitäten bei.
Große Universitäten: Stabilität durch Strahlkraft
Große Universitätsstandorte mit 380 bis 1000
Studienanfängern zeigen dagegen eine weitgehend stabile Entwicklung. Die
Strahlkraft großer Metropolregionen, etablierte Reputation und starke
industrielle Netzwerke wirken hier stabilisierend.
Standortgröße als Erfolgsfaktor – mit Einschränkungen
Die Clusteranalyse legt nahe, dass die Größe eines
Hochschulstandorts einen relevanten Einfluss auf die Entwicklung der
Erstsemesterzahlen hat. Aufgrund der begrenzten Stichprobengröße ist die
statistische Signifikanz jedoch eingeschränkt. Dennoch zeigt sich ein Trend:
Kleine und mittlere Standorte verlieren an Attraktivität, während große
Standorte robuster aufgestellt sind. Der VDE vermutet, dass sowohl im Falle der
großen Universitäten als auch der großen HAW die Attraktivität des Standortes
und auch die hohe Zahl an potentiellen Studieninteressierten eine große Rolle
spielt.
Erfolgreiche Gegenstrategien: Was funktioniert in der
Praxis
TU Clausthal:
Attraktives Studienangebot und hohe Ansprüche an die Lehre
Die Technische Universität Clausthal gilt als Positivbeispiel
unter den kleineren Universitäten. Nach einem Tiefpunkt von lediglich 13
Erstsemestern im Jahr 2017
stieg die Zahl bis 2023 auf rund 90.
Entscheidend war eine Neustrukturierung des Studienangebots: Statt vieler
spezialisierter Bachelorprogramme wurde ein breit angelegter Studiengang „Elektrotechnik“ mit klaren
Vertiefungsrichtungen eingeführt, der es
ermöglicht, problemlose einen Masterstudiengang an einer großen Universität anzuschließen.
Hinzu kommen internationale Kooperationen – etwa mit der
Sichuan University. Chinesische Studierende kommen wegen eines besonderen bereits
im Bachelor an die TU Clausthal: Man gibt ihnen für die ersten beiden Semester
zwei Jahre Zeit, um auch dabei die deutsche Sprache zu erlernen. Weitere
Programme für die einheimischen Studierenden, international anschlussfähig
weiterzumachen und auch dort zu bleiben sind ebenfalls erfolgreich: Von
Australien bis USA.
Die Attraktivität des Studienangebots wurde noch durch zwei
weitere Maßnahmen angehoben. Mittlerweile studieren die Meisten in der
Regelstudienzeit. Dies hat u.a. etwas mit der Vorbereitung insbesondere für stark
theoretische Fächer wie „Theorie der Felder und Wellen“oder „Theoretische
Elektrotechnik“ zu tun. Statt die alten Klausuren geheim zu halten, werden
diese zur Vorbereitung an die Studierenden herausgegeben, was allerdings immer
wieder Arbeit am Lehrstuhl bedeutet. Ohne das das Niveau herabgesetzt wird, können
Studierende den Aufwand in der Vorbereitung relativ sicher in eine gute Note ummünzen.
Der Erfolg bei diesen Klausuren beträgt rund 80 Prozent.
Auch für Frauen ist ein Elektrontechnikstudium an der TU
Clausthal sehr attraktiv. Durch den hohen Frauenanteil bei den internationalen
Studierenden fühlen sich auch die deutschen Frauen gut aufgehoben und im
richtigen Studiengang. Das ist wiederum eine wichtige Botschaft in der
Kommunikation z. B. mit den Schulen.
Weiter steht die Qualität der Lehre und Studierbarkeit besonders
im Fokus. So achten die Dozenten sehr darauf, dass die Praktika funktionieren
und spannende Inhalte vermitteln
Diese Maßnahmen zeigen insgesamt eine gewisse Sogwirkung: Es
spricht sich herum, nicht nur in der Region, sondern auch bis in afrikanische
Länder.
Hochschule München: Nachwuchsgewinnung durch
Kommunikation und Sichtbarkeit
Die Hochschule München zeigt, wie strategische
Nachwuchsarbeit wirkt. 2022 wurden regelmäßige Schulbesuche eingeführt, außerdem
wurden Schulen an die Hochschule eingeladen. Das dient zunächst zum Abbau von
Hemmschwellen und Stereotypen. Seit 2024 sind die Besuche von Schulen mit der Projektvernissage
kombiniert worden. Junge Studierende zeigen den Schülerinnen und Schülern die
Ergebnisse spannender Praxisprojekte und dienen somit als öffentliches
Aushängeschild. Seit 2023 ist ein Instagram-Kanal eingerichtet und wird durch
wiederkehrende Formate #kenntihreigentlichschon, #studiengangimfokus und
#alumnistories stets aktuell gehalten. Somit werden Personen der Fakultät und
Karrierewege den Jugendlichen sichtbar gemacht, authentische Einblicke in den
Studienalltag gegeben und das Studienangebot der Elektro- und
Informationstechnik greifbarer gemacht. Die Maßnahmen sind derart wirksam, dass
2025 – Bayern ist ohne Abiturjahrgang – sogar noch 256 junge Menschen das
Studium der Elektro- und Informationstechnik aufgenommen haben.
Studiengangsmarketing: Hochschulen arbeiten am Limit
Die Befragung der Dekanate macht deutlich: Die Bewerbung
elektrotechnischer Studiengänge erfolgt vielerorts bereits an der
Belastungsgrenze. 96 Prozent der
Universitätsfakultäten und
77 Prozent der HAW-Fachbereiche
geben an, dass sie sehr hohen Aufwand betreiben oder sich dringend mehr
Ressourcen wünschen. Kein Standort stuft seinen
Werbeaufwand als gering ein.
Handlungsempfehlungen: Elektrotechnik-Studiengänge
gezielt stärken
Der VDE warnt ausdrücklich vor vorschnellen
Standortschließungen. Stattdessen fordert er gezielte Unterstützung durch
Wissenschaftsministerien und Hochschulleitungen – insbesondere für
jugendgerechte Kommunikation, nachhaltiges Marketing und eine hohe Qualität der
Lehre. Erfolgreiche Beispiele zeigen: Attraktive Studiengänge sprechen sich
herum. Ein systematischer Best-Practice-Austausch zwischen Universitäten und
HAW, etwa über FBTEI und FTEI, könnte dazu beitragen, den elektrotechnischen
Nachwuchs in Deutschland langfristig zu sichern. (bs)
Autor
Sabine Synkule,
Redakteurin bei all-electronics