Halbleiterkonflikt mit China spitzt sich juristisch zu

Nexperia-Untersuchung: Gericht stärkt europäische Kontrolle

Ein niederländisches Gericht ordnet Medienberichten zufolge eine Untersuchung bei Nexperia an und lässt das europäische Management im Amt. Für den chinesischen Eigentümer ist das ein Dämpfer – doch wie geht es nun weiter im geopolitischen Chipkonflikt?

Die Nexperia-Zentrale im niederländischen Nijmegen: Von hier aus steuert der Halbleiterhersteller seine weltweiten Aktivitäten. Der Standort steht seit dem Eingriff der niederländischen Regierung im Fokus – als Symbol für den Balanceakt zwischen industrieller Souveränität und internationaler Abhängigkeit.
Die Nexperia-Zentrale im niederländischen Nijmegen: Von hier aus steuert der Halbleiterhersteller seine weltweiten Aktivitäten. Der Standort steht seit dem Eingriff der niederländischen Regierung im Fokus – als Symbol für den Balanceakt zwischen industrieller Souveränität und internationaler Abhängigkeit.

Update, 11.02.2026: Gericht ordnet Untersuchung an – Kontrolle bleibt in Europa

Im juristischen Tauziehen um den Halbleiterhersteller Nexperia hat die Amsterdamer Enterprise Chamber eine umfassende Untersuchung wegen möglicher Missstände im Unternehmen angeordnet. Wie Reuters berichtet, bleibt das europäische Managementteam während der Prüfung im Amt. Die im Oktober verhängten Notmaßnahmen – darunter die Suspendierung des früheren CEO Zhang Xuezheng sowie die vorübergehende Übertragung der Stimmrechte des chinesischen Eigentümers Wingtech an einen gerichtlich bestellten Verwalter – bleiben bestehen.

Damit erleidet Wingtech einen weiteren Rückschlag. Der chinesische Konzern hatte gehofft, die Kontrolle über Nexperia zurückzuerlangen, nachdem die niederländische Regierung im Herbst 2025 auf Basis des Goods Availability Act eingegriffen hatte. Das Gericht betonte in seiner schriftlichen Begründung, die Lage bei Nexperia erfordere vor allem Stabilität, um interne Beziehungen, Produktionsketten und die Belieferung von Kunden wiederherzustellen.

Konflikt zwischen Europa und China bleibt ungelöst

Wie Reuters weiter berichtet, ist der Konflikt zwischen der europäischen Waferfertigung und der chinesischen Muttergesellschaft weiterhin nicht beigelegt. Besonders heikel ist dabei die strategische Ausrichtung: Während Wingtech mittelfristig auf den Ausbau von Packaging-Kapazitäten in Malaysia setzt, um Lieferketten unabhängiger von China zu gestalten, prüft der chinesische Packaging-Arm offenbar Alternativen zu europäischen Wafern und erwägt den verstärkten Einsatz heimischer chinesischer Produktion.

Die Untersuchung könnte sich über mehrere Monate erstrecken. Während dieser Zeit bleiben die bestehenden Eingriffe in die Eigentümerrechte in Kraft. Wingtech erklärte laut dem Nachrichtenportal, man bedaure die Entscheidung, werde jedoch „alle verfügbaren rechtlichen Mittel“ ausschöpfen, um die vollständigen Aktionärsrechte wiederherzustellen. Zugleich begrüßte das Unternehmen, dass im Rahmen der Untersuchung auch das Verhalten europäischer Manager geprüft werde.

Bedeutung für die Lieferketten der Automobilindustrie

Der Fall Nexperia gilt inzwischen als einer der sichtbarsten wirtschaftspolitischen Konflikte zwischen Europa und China im Technologiesektor. Das Unternehmen ist ein zentraler Anbieter diskreter Halbleiter – darunter Dioden, Transistoren und MOSFETs –, die in Steuergeräten, Sensorik und Leistungselektronik verbaut werden. Gerade die Automobilindustrie ist auf stabile Lieferbeziehungen angewiesen.

Bereits in den vergangenen Monaten hatten Exportbeschränkungen und politische Unsicherheiten die Lieferketten belastet. Eine vollständige Entspannung ist weiterhin nicht in Sicht. Das Gerichtsurteil bringt kurzfristig zwar organisatorische Klarheit, verlängert jedoch die Phase politischer Ungewissheit.

Strategischer Präzedenzfall für Europa

Mit der gerichtlichen Untersuchung wird deutlich, dass der niederländische Staat seinen industriepolitischen Eingriff nicht als kurzfristige Notmaßnahme versteht, sondern als strukturelle Sicherung europäischer Interessen. Gleichzeitig zeigt der Fall, wie komplex Eigentumsverhältnisse in global verflochtenen Halbleiterstrukturen geworden sind: wirtschaftlich chinesisch, operativ europäisch, politisch transnational.

Ob sich beide Seiten außergerichtlich einigen oder der Konflikt weiter eskaliert, bleibt offen. Sicher ist jedoch: Der Fall Nexperia entwickelt sich zunehmend zu einem Präzedenzfall für Europas Umgang mit strategisch sensiblen Technologieunternehmen unter ausländischer Kontrolle.

Update, 20.11.2025: Niederlande stoppen Maßnahmen gegen Nexperia

Im Konflikt um den für die Autoindustrie zentralen Halbleiterhersteller Nexperia deutet sich eine Entspannung an. Die niederländische Regierung setzt ihre Maßnahmen gegen den chinesischen Eigentümer Wingtech vorerst aus und sucht gemeinsam mit europäischen und internationalen Partnern nach einer diplomatischen Lösung. Wirtschaftsminister Vincent Karremans sprach von einem „Zeichen des guten Willens“ und lobte Chinas Schritte zur Stabilisierung globaler Lieferketten.

Die Niederlande hatten Ende September den Nexperia-Chef abgesetzt und das Unternehmen unter staatliche Aufsicht gestellt, nachdem Hinweise auf einen Abfluss von Technologie und Produktionsanlagen nach China bekannt geworden waren – auch das Hamburger Werk wäre betroffen gewesen. Peking reagierte mit Exportstopps für Produkte mit Nexperia-Chips, was die ohnehin fragile Versorgungslage der Automobilindustrie weiter verschärfte. Nexperia, mit weltweit 12.500 Beschäftigten ein führender Hersteller einfacher Halbleiter, fertigt seine Chips in Europa, lässt sie aber häufig in China verpacken und weiterverarbeiten.

Seit Anfang November sind die chinesischen Restriktionen zwar gelockert, doch die Lieferketten bleiben angespannt. In Deutschland etablierte der Verband der Automobilindustrie gemeinsam mit dem Bundeskartellamt eine Tauschbörse, um Engpässe abzufedern. Eine vollständige Normalisierung ist noch nicht in Sicht – aber der politische Kurswechsel der Niederlande könnte den Weg dahin ebnen.

Update, 05.11.2025: Nexperia-Konflikt setzt Lieferketten unter Druck

Seit der Übernahme der Kontrolle über Nexperia durch die niederländische Regierung Mitte Oktober 2025 hat sich die Lage weiter zugespitzt. Die Maßnahme soll die Versorgung mit kritischen Gütern sichern und reagiert auf Governance-Bedenken gegenüber dem chinesischen Mutterkonzern Wingtech Technology. CEO Zhang Xuezheng wurde suspendiert, die Stimmrechte Wingtechs liegen vorübergehend bei einem staatlich bestellten Treuhänder.

China reagierte mit Exportbeschränkungen für bestimmte Nexperia-Komponenten, die in europäischen und japanischen Werken benötigt werden. Zwar sind Ausnahmegenehmigungen angekündigt, doch die Unsicherheit bleibt bestehen. Besonders die Automobilindustrie steht unter Druck: Steuergeräte, Sensoren und Module enthalten zahlreiche Standardbauelemente von Nexperia wie Dioden, Transistoren und Schutzschaltungen.

Mehrere Hersteller prüfen ihre Lieferverträge und bewerten mögliche Abhängigkeiten. Ein schneller Wechsel auf alternative Komponenten ist schwierig, da Automotive-Qualifikationen und Lebensdauertests Monate dauern. Nexperia betont, die Produktion laufe weiter, man arbeite mit Behörden an Exportfreigaben. Dennoch gilt die Lage als angespannt, da wesentliche Fertigungs- und Montageprozesse außerhalb Europas stattfinden und politische Entscheidungen unmittelbar auf die Lieferfähigkeit wirken.

Auch in Deutschland zeigen sich erste Folgen: Bosch meldete an mehreren Standorten Engpässe bei Elektronikkomponenten und führt diese teilweise auf die Liefersituation bei Nexperia zurück. In betroffenen Werken, darunter Ansbach und Salzgitter, wurde vorübergehend Kurzarbeit eingeführt. ZF bestätigte ebenfalls, dass der Konzern einzelne Produktionsanpassungen prüfe, betonte jedoch, die Ursachen seien komplex und nicht ausschließlich auf den niederländisch-chinesischen Halbleiterkonflikt zurückzuführen. Während Gewerkschaften auf Engpässe bei diskreten Bauelementen hinweisen, verweist das Management auf schwankende Kundennachfrage und laufende Gespräche mit alternativen Zulieferern.


Nexperia, einer der größten europäischen Hersteller von Standardhalbleitern, steht seit Ende September 2025 unter staatlicher Kontrolle. Die niederländische Regierung hat auf Grundlage des Goods Availability Act eingegriffen – eines Gesetzes, das in Ausnahmefällen den Schutz kritischer Technologien und Produktionskapazitäten sicherstellen soll. Nach offiziellen Angaben lagen „akute Hinweise auf schwerwiegende Führungsmängel“ vor, die eine Gefährdung für die nationale und europäische Technologiebasis darstellten. Der Schritt gilt als außergewöhnlich, denn noch nie zuvor wurde dieses Gesetz auf ein Hightech-Unternehmen angewendet.

Eingeschränkte Kontrolle für den chinesischen Eigentümer

Das Eingreifen der Regierung bedeutet: Die Führung des Unternehmens wurde teilweise entmachtet. Ein Gericht der Amsterdamer Enterprise Chamber bestätigte die Maßnahme und suspendierte den bisherigen CEO Zhang Xuezheng. Gleichzeitig wurden die Stimmrechte der chinesischen Muttergesellschaft Wingtech Technology – sie hält 100 % der Anteile an Nexperia – vorübergehend einem unabhängigen Treuhänder übertragen.

An die Spitze des Unternehmens wurde der niederländische Manager Guido Dierick gesetzt, der künftig eine entscheidende Rolle bei allen strategischen Entscheidungen spielt. Damit hat Wingtech zwar weiterhin das wirtschaftliche Eigentum, aber keine operative Kontrolle mehr über Nexperia. Die Regierung behält sich das Recht vor, Unternehmensentscheidungen zu prüfen und gegebenenfalls zu blockieren.

Was die Redaktion dazu meint
Die Niederlande zwischen den Fronten

Die niederländische Regierung selbst nennt es einen „außergewöhnlichen“ Schritt, die chinesische Außenhandelskammer in Brüssel wirft Den Haag „einen modernen Akt wirtschaftlichen Banditentums“ vor. Bereits am 30. September 2025 haben die Niederlande den Chiphersteller Nexperia, der dem chinesischen Unternehmen Wingtech gehört, übernommen. Der Schritt wurde erst jetzt durch das zuständige Gericht in den Niederlanden publik.

Die Regierung in Den Haag beruft sich auf ein Gesetz aus 1952, das bisher noch nie zum Einsatz gekommen ist. Das „Gesetz über die Verfügbarkeit von Waren“ erlaubt es dem Staat, in Ausnahmefällen einzugreifen, sollten bestimmte Waren als sicherheitsrelevant gelten. Nexperia selbst stellt vor allem Standardprodukte her, ist mit einem Marktanteil im Automotive-Bereich von 2,1 Prozent jetzt nicht der größte Zulieferer, aber bestimmt nicht unwichtig. Wingtech-Gründer und Vorstandschef Zhang Xuezheng hat man die Zügel aus der Hand genommen und gestern den deutschen CFO von Nexperia Stefan Tilger übergangsweise an die Spitze gesetzt. 

Nexperia ist wegen seines chinesischen Eigentümers in den letzten Jahren immer wieder in Bedrängnis geraten: die Waferfab in Newport musste aufgrund von Druck aus der britischen Regierung wieder veräußert werden (dass das Unternehmen noch eine weitere Fab in Manchester betreibt, hat damals niemanden gestört), in Deutschland flog das Unternehmen von der Förderliste und nun dies. Laut dem niederländischen Wirtschaftsminister Vincent Karremans steckt hinter der Entscheidung kein ausländischer Einfluss.

Wirklich? Nexperia steht auf der schwarzen Liste des US-Handelsministeriums, unter anderem deshalb könnten verschiedene Maschinen bei Nexperia nicht von US-Firmen gewartet werden. Es gilt nun seit Anfang Oktober eine Übergangsfrist von 60 Tagen, um US-Sanktionen abzuwenden. China hat den Export von in China verbauten Komponenten untersagt. Außerdem wurde auch der Zugang zu Rohstoffen wie Gallium und Germanium von der chinesischen Regierung wieder erschwert, Trump reagierte darauf mit erneuten Zöllen.

Und schon steht wieder das Schreckgespenst „Stillstand“ im Raum. Denn erinnern wir uns an die sogenannte Chipkrise: es waren nicht die Leading-Edge-Halbleiter die gefehlt haben, sondern es waren die Standardprodukte – wie sie eben Nexperia produziert.

Hintergrund: Ein europäisches Unternehmen unter chinesischem Dach

Nexperia war ursprünglich Teil von NXP Semiconductors und wurde 2017 als eigenständiges Unternehmen ausgegliedert. Seit der Übernahme durch Wingtech im Jahr 2019 steht der Hersteller immer wieder im Fokus politischer Debatten – insbesondere wegen seiner Bedeutung für die europäische Halbleiterproduktion.

Das Unternehmen beschäftigt rund 14.000 Mitarbeitende und produziert Dioden, Transistoren, MOSFETs und Logikchips für die Automobil-, Industrie- und Konsumgüterelektronik. Wichtige Standorte sind Nijmegen in den Niederlanden, Manchester in Großbritannien und Hamburg in Deutschland. In Hamburg hatte Nexperia zuletzt rund 180 Millionen Euro in neue Fertigungskapazitäten investiert.

Einfluss der USA und internationale Reaktionen

Die Entscheidung der niederländischen Regierung fiel nicht im luftleeren Raum. Nach übereinstimmenden Berichten von Reuters und The Guardian hatten die USA im Vorfeld Druck auf Den Haag ausgeübt. Washington befürchtete, dass sensible Technologien über Nexperia an chinesische Stellen gelangen könnten, und drohte mit Sanktionen, sollte keine interne Neuausrichtung erfolgen.

Wingtech selbst steht seit Ende 2024 auf der US-amerikanischen Entity List, die den Zugang zu US-Technologien einschränkt. Diese Maßnahme betrifft Nexperia bislang nicht direkt, sorgt aber für zusätzliche Unsicherheit.

Die chinesische Regierung reagierte empört auf den niederländischen Eingriff. Sie bezeichnete ihn als „politisch motiviert“ und als Beispiel für eine zunehmende Instrumentalisierung wirtschaftlicher Entscheidungen. Wingtech kündigte rechtliche Schritte an und bat Peking um diplomatische Unterstützung.

Aktueller Status und Ausblick für Nexperia

Trotz des Eingriffs läuft der Betrieb bei Nexperia weiter. Laut offizieller Erklärung der niederländischen Behörden ist die Produktion an allen Standorten gesichert. Die staatliche Aufsicht soll vorerst ein Jahr bestehen, in dem alle größeren Managemententscheidungen einer Genehmigungspflicht unterliegen.

Damit befindet sich Nexperia derzeit in einem stabilen, aber politisch angespannten Zustand: wirtschaftlich handlungsfähig, rechtlich eingeschränkt und geopolitisch im Mittelpunkt. Der Fall zeigt, wie eng Industriepolitik, Technologie und Sicherheit inzwischen miteinander verflochten sind – und wie schnell ein Halbleiterhersteller zur strategischen Frage werden kann.