Die Elektronikindustrie erlebt erneut einen Aufschwung, und
gerade im Vertrieb zeigen solche Phasen schnell, wo Stärken liegen – und wo
Schwachstellen bestehen. Die Nachfrage steigt, Produktionsgeschwindigkeiten
verändern sich, Vorlaufzeiten verschieben sich, und Systeme sowie Prozesse, die
in ruhigeren Marktphasen weitgehend zuverlässig funktionierten, geraten
plötzlich unter erheblichen Druck. Im Zentrum steht dabei weniger das Wachstum
an sich als vielmehr die Frage der Skalierbarkeit: Wie lassen sich Abläufe so
weiterentwickeln, dass die Anforderungen der Kunden nicht nur heute, sondern
auch in den kommenden fünf Jahren erfüllt werden können?
Warum wird Skalierbarkeit im Vertrieb zum Schlüsselfaktor?
Skalierbarkeit bedeutet in diesem Zusammenhang vor allem,
mit den bereits vorhandenen Mitarbeitern und Prozessen unabhängig von der
aktuellen Nachfrage mehr zu erreichen. In einem begrenzten Arbeitsmarkt ist der
einzig nachhaltige Weg zu höherer Leistungsfähigkeit eine konsequente
Effizienzsteigerung – bei der Ausführung der Arbeit, beim Personaleinsatz, im
Materialfluss und bei der Reduzierung von Berührungspunkten mit dem Produkt vor
dem Versand.
Deshalb wird jede Tätigkeit unter dem Aspekt der
Wertschöpfung überprüft: Lassen sich Aufgaben ohne direkten Mehrwert
automatisieren oder ganz eliminieren, damit sich die Mitarbeitenden auf die
wesentlichen Tätigkeiten konzentrieren können?
Wie schaffen Unternehmen vorhersehbare Abläufe?
In der Auftragsabwicklung ist Volatilität häufig der größte
Gegner. Starke Schwankungen im Stundenverlauf können die Personalsteuerung
erheblich erschweren, wenn das System nicht auf einen stabilen Fluss ausgelegt
ist. Einer der wichtigsten Hebel für kontinuierliche Verbesserung ist daher die
Rückbesinnung auf die Grundprinzipien des Lean-Managements. Dieser Ansatz zielt
darauf ab, Verschwendung zu reduzieren und Abläufe zu verbessern, indem ein
konsistenter und vorhersehbarer Prozess von der Bestellung bis zum Versand
geschaffen wird.
Je gleichmäßiger die Abläufe sind, desto effizienter lässt
sich Personal einsetzen. Das Lagerautomatisierungssystem wurde so konzipiert,
dass es Schwankungen abfedern kann. Der Fokus liegt darauf, dieses System
optimal zu nutzen, um einen möglichst stabilen Warenfluss sicherzustellen.
Kontinuierliche Verbesserung bedeutet dabei nicht
ausschließlich große Transformationsprojekte. Häufig geht es vielmehr darum,
die Organisation wieder auf die Grundlagen zurückzuführen – also auf ein klares
Verständnis der Abläufe, standardisierte Arbeitsweisen und stabile Prozesse –
und erst darauf aufbauend weitere Optimierungen vorzunehmen.
Warum ist Standardisierung die harte Voraussetzung?
Ein zentrales Prinzip in der Vertriebsarbeit lautet: Was
nicht stabil ist, lässt sich auch nicht verbessern. Aus diesem Grund
konzentrieren sich viele der jüngsten Investitionen auf Standardisierung,
betriebliche Steuerung und Transparenz. Führungskräfte sollen in Echtzeit
erkennen können, was im Betrieb geschieht, damit Teams Probleme direkt an der
Ursache beheben können.
Wichtige Voraussetzungen dafür waren Investitionen in
technische Arbeitsstandards, Produktionsplanung und Werkzeuge für das
Arbeitsmanagement. Gemeinsam mit einem externen Partner wurde eine Roadmap für
ein echtes Produktionsplanungssystem entwickelt. Zusätzlich wurde ein neues
Arbeitsverwaltungssystem eingeführt, das Führungskräften einen besseren
Überblick verschafft. Dadurch wird klarer, wofür sie verantwortlich sind, wie
die Leistung im Verhältnis zu den Zielen ausfällt und welche Maßnahmen zur Verbesserung
notwendig sind.
Das Zusammenspiel aus Produktionsplanung, technischen
Standards und Arbeitsmanagement schafft die Grundlage für ein kohärentes
Steuerungskonzept, mit dem Führungskräfte Arbeit planbarer organisieren und
verlässlicher umsetzen können.
Bestandsgenauigkeit als Schlüsselfaktor
Das PDC ist zu diesem Zweck nahezu vollständig
automatisiert. Produkte werden in Behältern gelagert, die unterschiedlich
konfiguriert werden können, um Einzelmengen, Stangen, Rollen oder andere
Verpackungskonventionen der Hersteller zu unterstützen. Die größte Komponente
des Automatisierungssystems ist das OSR-System (Order Storage and Retrieval).
Es stellt dem Kommissionierer jeweils die richtigen Produkte bereit, vermeidet
unnötige Laufwege und schafft eine ergonomisch günstigere Arbeitsumgebung. Der hohe
Automatisierungsgrad steigert die Kommissioniereffizienz um bis zu 35 Prozent
und verbessert zugleich Verpackungsqualität und Prozesseffizienz.
Mit steigender Nachfrage und wachsender Produktkomplexität
wird die Genauigkeit der Bestände immer wichtiger für die Kundenzufriedenheit.
Deshalb wird die Qualität inzwischen täglich gemessen – mit besonderem Blick
auf Fehler und auf die Qualität der Behälter innerhalb des OSR-Systems. Ist ein
Behälter unvollständig, leer oder mit dem falschen Produkt bestückt, hat das
unmittelbare Auswirkungen auf die Auftragsabwicklung. Entsprechende Dashboards
werden täglich überwacht, damit solche Fehler schnell erkannt und behoben
werden können.
Diese Mentalität, möglichst nah am Problem zu arbeiten,
ermöglicht schnelleres Feedback und eine beinahe Echtzeit-Bearbeitung von
Störungen – und damit auch schnellere Verbesserungen.
Digitale Transformation mit belastbarer Basis
Die Automatisierung eines traditionsreichen Unternehmens,
das seit mehr als 50 Jahren Kundenaufträge kommissioniert, verpackt, versendet
und erfüllt, ist zwangsläufig mit Herausforderungen verbunden. Dazu zählen
insbesondere die Integration neuer digitaler Systeme und die Einführung
automatisierter Prozesse. Die digitale Transformation verlief nicht ohne
Reibungsverluste. Gleichzeitig zeigen die täglichen Fortschritte, wie wichtig
eine gemeinsame Grundüberzeugung ist: Zunächst müssen manuelle Abläufe stabilisiert
und optimiert werden – erst danach sollte automatisiert werden.
Denn wer einen instabilen Prozess automatisiert, beseitigt
die Probleme nicht, sondern überträgt sie lediglich in ein neues System. Fehler
verschwinden dadurch nicht, sondern treten in veränderter Form erneut auf. Der
bestehende Automatisierungsgrad ist bereits hoch und soll weiter ausgebaut
werden, um mit dem erwarteten Wachstum der nächsten fünf Jahre Schritt zu
halten. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass die zugrunde liegenden
Prozesse im aktuellen Zustand verlässlich funktionieren. Nur dann senken Investitionen
tatsächlich den Arbeitsaufwand und erhöhen die Qualität, statt vorhandene
Schwächen zu verstärken.
Wie stärkt globale Versandlogistik die Wettbewerbsfähigkeit?
Strategische Partnerschaften mit Spediteuren spielen eine
zentrale Rolle, um eine starke Position in der weltweiten Distribution zu
sichern – insbesondere vor dem Hintergrund wachsender Kundenerwartungen an
kurze Lieferzeiten, die in vielen Fällen bei 48 Stunden oder weniger liegen.
DigiKey arbeitet eng mit strategischen Versandpartnern wie
FedEx und UPS zusammen, um kreative Lösungen zu entwickeln, die ein hohes
Serviceniveau sichern und zugleich das Kostenrisiko begrenzen. Ergänzend kommen
spezialisierte Softwarelösungen und externe Unterstützung zum Einsatz, um die
Transportleistung gezielt zu steuern.
Auch international ist die Komplexität der Zölle im
vergangenen Jahr deutlich gestiegen, sodass Maßnahmen zur Risikominderung
weiter an Bedeutung gewonnen haben. Eingesetzt werden unter anderem
Außenhandelszonen (FTZ), Zollverschiffung, Zolllager und Zollrückerstattungsprogramme.
Diese Instrumente wurden noch intensiver genutzt, um Risiken zu senken. Rund
ein Drittel der Hauptlieferanten beliefert inzwischen die eigene Zone, wodurch
sich ein erheblicher Teil der Zollausgaben verschieben ließ. Die nächste Entwicklungsstufe
liegt in einer noch tieferen Integration mit den Lieferanten und in engeren
Partnerschaften, um Zollthemen künftig stärker gemeinsam zu managen.
Warum wird Automatisierung zum Rentabilitätsmotor?
Mit Blick auf die Zukunft bleibt Skalierbarkeit die
wichtigste Chance, die Performance in der Auftragsabwicklung weiter zu
verbessern. In einem Markt mit knappen Arbeitskräften wird es darauf ankommen,
noch effizientere Wege der Leistungserbringung zu finden: bestehende
Automatisierung besser zu nutzen, dort neue Automatisierung einzuführen, wo sie
wirtschaftlich sinnvoll ist, und Verschwendung in den vorhandenen
Prozessabläufen konsequent zu beseitigen.
Ziel ist es, die Nachfrage zuverlässig zu bedienen und
zugleich eine Personalstruktur aufrechtzuerhalten, die in der Region tragfähig
bleibt. Dabei gilt ein pragmatischer Grundsatz: Probleme sollten nacheinander
bearbeitet werden – und zwar stets beginnend mit dem jeweils größten. In
Verbindung mit stabilen Prozessen, größerer Transparenz, starker Führung und
strategischen Partnerschaften bildet genau diese Herangehensweise die Grundlage
dafür, auch künftig verlässlich für die Kunden da zu sein – unabhängig davon,
wie sich der Markt weiterentwickelt. (bs)
Autor
Chris
Swenson, Vice President, Warehousing and Distribution bei DigiKey