Abschlussbericht zum Project Callisto
Was von der Hoffnung auf kalte Fusion übrig bleibt
Mehr als 100 Beteiligte, über 500 Proben und neun Jahre Forschung: Project Callisto suchte mit großem Aufwand nach kalter Fusion. Doch die jetzt veröffentlichten Ergebnisse zeigen, wie weit Theorie und Experiment noch auseinanderliegen.
Mit aufwendigen Laboraufbauten wie diesem untersuchte Project Callisto neun Jahre lang, ob sich in mit Deuterium beladenem Palladium ein reproduzierbarer Effekt der kalten Fusion nachweisen lässt. Trotz mehr als 500 Proben, extremen Drücken, elektrischen Feldern und Laseranregung fand das Team keinen belastbaren Hinweis auf LENR.
Project Callisto
Der Traum ist fast zu schön, um ihn aufzugeben: Atomkerne verschmelzen und setzen große Mengen Energie frei, ohne dass dafür Temperaturen von vielen Millionen Grad notwendig sind. Seit Martin Fleischmann und Stanley Pons 1989 behaupteten, eine solche „kalte Fusion“ in Palladium beobachtet zu haben, sorgt die Idee deshalb immer wieder für neue Forschungsansätze. Und das trotz zahlreicher Reproduktionsversuche, die allesamt scheiterten.
Auch theoretisch ist das Thema keineswegs vollständig verschwunden. Bereits Anfang 2025 zeigte eine Arbeit von Forschern des MIT und der Universität Zürich, welche physikalischen Mechanismen die Wahrscheinlichkeit einer Deuterium-Deuterium-Fusion in Festkörpern erhöhen könnten – theoretisch. Das Ergebnis war eine (immer noch) theoretische Forschungs-Roadmap. Der entscheidende Schritt blieb offen: der experimentelle, praktische Nachweis.
Hier bekommt Project Callisto besonderes Gewicht. Von 2015 bis 2024 suchte ein privat finanziertes Forschungsprogramm mit mehr als 100 Beteiligten systematisch nach jenen Effekten, die seit Jahrzehnten mit kalter Fusion beziehungsweise Low Energy Nuclear Reactions (LENR) in Verbindung gebracht werden. Das Team zog viele Register und untersuchte mehr als 500 Proben, arbeitete dabei mit extremem Druck, elektrischen Feldern und Laserpulsen und sammelte allein im elektrochemischen Programm mehr als 200.000 Stunden (sic!) kalorimetrischer Messdaten. Die jetzt veröffentlichten Ergebnisse zeigen, was von der Hoffnung nach neun Jahren Experimentieren übrig blieb. Spoiler: wenig, sehr wenig.
Mehr als 500 Proben und 200.000 Stunden Messzeit
Callisto beschränkte sich keineswegs auf einzelne Versuche. Das Team führte mehr als 40 formelle oder modifizierte Reproduktionen der Experimente von Fleischmann und Pons durch. Eine exakte Wiederholung des ursprünglichen Versuchs von 1989 war nach Angaben der Forscher allerdings kaum möglich, weil wesentliche Details in den damaligen Veröffentlichungen schlicht fehlten.
Über das gesamte elektrochemische Programm hinweg untersuchte Callisto mehr als 500 Proben und sammelte über 200.000 Stunden kalorimetrischer Messdaten. Um auch selten auftretende Effekte erfassen zu können, entwickelte das Team unter anderem Anlagen, in denen zahlreiche elektrochemische Zellen parallel betrieben wurden. Bei einer Langzeitkampagne liefen 80 Zellen über 50 Tage – zusammen also rund elf Zelljahre Messzeit.
Untersucht wurden unterschiedliche Temperaturen, Palladiumformen, Legierungen, Beschichtungen und Elektrolytzusätze. Hinzu kamen elektrische und mechanische Stimulationsverfahren. Einen reproduzierbaren anomalen Wärmeeffekt fand das Team dabei nicht.
Wie stark lässt sich Palladium mit Deuterium beladen?
Ein zentraler Punkt in der Diskussion um kalte Fusion ist die Deuteriumkonzentration im Palladium. In der LENR-Literatur wird häufig angenommen, dass ein möglicher Effekt erst bei sehr hohen Beladungsgraden auftritt. Werte von rund 90 Prozent gelten dabei als besonders relevant. Callisto untersuchte deshalb gezielt, wie sich die Aufnahme von Deuterium erhöhen lässt. Zum Einsatz kamen unterschiedliche Elektrolytzusätze und verschiedene Palladiumstrukturen. Besonders wirksam waren nach Angaben des Projekts bestimmte Verbindungen mit dreiwertigem Arsen. Damit erreichte das Team zeitweise D/Pd-Verhältnisse von rund 95 Prozent. Doch auch während dieser Phasen hoher Beladung registrierten die Forscher keinen reproduzierbaren Wärmeüberschuss.
Daneben setzte Callisto auf Hochdruckexperimente. Eigene Anlagen erreichten Drücke bis etwa 600.000 psi, umgerechnet mehr als 40.000 bar. Bei kryogenen Bedingungen konnte Palladium nach Angaben des Projekts vollständig mit Deuterium beladen werden. Bei Raumtemperatur waren dafür extrem hohe Drücke erforderlich. Und, Sie ahnen es, auch diese Experimente führten zu keinem belastbaren Hinweis auf eine nukleare Reaktion.
Reichen Druck und Elektrochemie denn nicht aus?
Das Projekt testete zahlreiche weitere Möglichkeiten, eine Reaktion anzustoßen. Proben wurden erhitzt, starken elektrischen Feldern ausgesetzt oder mit Laser- und Terahertz-Pulsen angeregt. Bei einer Versuchskampagne mit mikrostrukturierten Proben kamen mehr als 400 Bauelemente und insgesamt über eine Million Pulse zum Einsatz. Das Team suchte dabei sowohl nach zusätzlicher Wärme als auch nach lokalen Veränderungen, die auf einzelne nukleare Ereignisse hindeuten könnten.
Dazu entwickelten die Forscher besonders dünne Palladiumstrukturen, bei denen ein energiereiches Ereignis mikroskopisch sichtbare Schäden hinterlassen sollte. Elektronenmikroskopische Untersuchungen vor und nach den Experimenten ergaben jedoch keine Strukturen, die sich eindeutig einer LENR-Reaktion zuordnen ließen. Zusätzlich suchte Callisto nach Infrarot-Hotspots, akustischen Impulsen, Veränderungen magnetischer Eigenschaften und nuklearer Strahlung. Auch diese Messungen lieferten keinen belastbaren Nachweis.
Was steckte hinter vermeintlich überschüssiger Wärme?
Besonders aufschlussreich waren die Experimente, bei denen zunächst tatsächlich etwas Auffälliges gemessen wurde. Mehrfach registrierten die Forscher Signale, die auf den ersten Blick wie überschüssige Wärme aussahen. Im elektrochemischen Programm ließen sich diese Ereignisse nach Angaben von Callisto jeweils mit bekannten physikalischen oder chemischen Effekten erklären. Dazu gehörten Fehler bei der Erfassung der elektrischen Eingangsleistung, Veränderungen im Verhalten der Kalorimeter, defekte Temperatursensoren und gespeicherte chemische Energie.
Eine weitere Fehlerquelle war die Rekombination von Wasserstoff und Sauerstoff. Dabei entsteht Wärme, die bei einer unvollständigen Energiebilanz fälschlicherweise als zusätzlicher Energiegewinn erscheinen kann.
Auch Flüssigkeitsstände oder Schaumbildung in offenen Kalorimetern konnten die Messungen beeinflussen. Bei bestimmten Rekonstruktionen entstanden dadurch scheinbare Energieüberschüsse, obwohl keine zusätzliche Energiequelle vorhanden war.
Blieben trotzdem ungeklärte Beobachtungen?
Ganz frei von offenen Fragen bleibt Callisto allerdings nicht. Im Hochdruckprogramm traten einige einzelne Auffälligkeiten auf, für die das Team keine eindeutige Erklärung fand. Entscheidend war aus Sicht der Forscher jedoch die Reproduzierbarkeit. Die betreffenden Signale ließen sich in weiteren Experimenten nicht erneut erzeugen. Damit erfüllen sie nach Einschätzung des Projekts keine ausreichenden Kriterien für einen Nachweis von LENR.
Das ist für die Einordnung des Gesamtergebnisses wichtig. Callisto behauptet nicht, jeden denkbaren physikalischen Effekt ausgeschlossen zu haben. Das Team kommt zu dem Schluss, innerhalb des sehr umfangreichen untersuchten Parameterraums keinen reproduzierbaren Hinweis auf kalte Fusion gefunden zu haben.
Was bedeutet Project Callisto für die kalte Fusion?
Nach neun Jahren fällt das Ergebnis entsprechend deutlich und nüchtern aus. Auf seiner Projektseite fasst das Team zusammen, es habe keinerlei Hinweise auf irgendeine Variante eines Cold-Fusion-Phänomens gefunden. Dass sie es nicht versucht haben, kann man ihnen kaum vorwerfen. Das ist allerdings kein physikalischer Beweis dafür, dass kalte Fusion unter allen denkbaren Bedingungen unmöglich ist. Auch die Callisto-Forscher räumen ein, dass sie unmöglich jede Materialkombination, jede Geometrie und jeden experimentellen Zustand untersuchen konnten.
Das Gewicht des Ergebnisses entsteht vielmehr durch die Breite der Versuche. Hohe Deuteriumbeladungen, extreme Drücke, unterschiedliche Palladiumstrukturen, elektrische Felder, Laser, Wärme und verschiedene Detektionsverfahren führten immer wieder zum gleichen Resultat: Ein reproduzierbarer nuklearer Effekt ließ sich nicht nachweisen. Damit bleibt auch die theoretische Arbeit (vorerst) genau das: ein möglicher physikalischer Weg, dessen entscheidende experimentelle Bestätigung weiterhin aussteht. Falls ein LENR-Effekt existiert, muss er deutlich seltener, schwächer oder an wesentlich speziellere Bedingungen geknüpft sein als große Teile der bisherigen Literatur angenommen haben.