Zinnmiene - Stannol

Die Arbeitsbedingungen beim Zinnabbau sind in der Regel durch den Kontakt mit belastenden Stäuben und mangelnden Arbeitsschutz gesundheitsschädlich. Die Verwendung von Sekundärrohstoffen bei fairem Lötdraht vermeidet, dass diese Art von Zinnabbau unterstützt wird. (alle Bilder: Minespider/Stannol)

Zusammen mit FairLötet e.V entstand 2015 die Idee, einen in Deutschland nachhaltig, fair und CO2-neutral gefertigten Lötdraht auf Basis von Sekundärzinn herzustellen. Sechs Jahre später hat Stannol nicht nur viele Tonnen Lötdraht HS10 Fair produziert, sondern gibt Elektronikherstellern mit seinem Lötmittelprogramm Fairtin ab sofort Produkte an die Hand, um ihre Elektronik nachhaltiger zu machen. Und damit noch nicht genug.

Was wäre, wenn der Kauf des Elektronikspielzeugs ein gutes Gefühl hinterlässt? Elektronikgeräte sind umwerfende Designobjekte und zugleich faszinierende technische Höchstleistungen. Man möchte sie einfach haben. Das gilt aber nicht für die Arbeitsbedingungen, die bei der Fertigung und der Rohstoffgewinnung allzu oft herrschen.

Anbieter von Elektronikprodukten haben es immer schwerer, sich vom Wettbewerb abzuheben, geschweige denn abzusetzen. Das Aussehen, die technischen Spezifikationen und die begleitenden Services werden sich ähnlicher. Demgegenüber rückt ein Punkt immer weiter in das Interesse der Öffentlichkeit: Wo kommt das Produkt her? Welches Lebensgefühl und welche Kultur ist damit verbunden?

Zinnabbau in vielen Ländern kritisch

„Geben Sie das Schlagwort „Zinnabbau“ doch einfach mal bei einer Suchmaschine als Suchbegriff ein und Sie werden mit eigenen Augen sehen, mit welchen Methoden Zinn in vielen Ländern abgebaut wird. Mich hat dies persönlich betroffen gemacht.“, bringt Geschäftsführer Marco Dörr die Wirkung von mangelnder Unternehmensverantwortung auf den Punkt. Berichte von lebensgefährlichen Produktionsbedingungen bei den Rohstoffen der Elektronikindustrie sind immer wieder auch in den klassischen Medien präsent.

Besonders betroffen ist die Zerstörung von paradiesischer Natur vor der Insel Bangka in Indonesien. Kunden sind sich dieser Thematik zunehmend bewusst und wollen nicht mehr von diesen Missständen profitieren. Sie wollen im Gegenteil dazu beitragen, sie zu lindern. Ein Unternehmensengagement für eine stärkere soziale Nachhaltigkeit ist ein gutes Mittel, um sich zu differenzieren und die Aufmerksamkeit der Kunden anzuziehen.

„Lange Zeit ist man bei der Zinnbeschaffung nur nach zwei Kriterien vorgegangen – der Qualität und dem Preis. Allerdings findet nun seit einiger Zeit ein Umdenken in der Gesellschaft statt, sodass man sich mit einer fairen Beschaffung auseinandersetzt“, berichtet der Geschäftsführer von Stannol über die Anfänge von Fairtin. Dem Traditionsunternehmen aus Velbert ist gesellschaftliche Verantwortung in Bezug auf Menschen und Umwelt wichtig. Aus diesem Grund geht das Unternehmen mit Fairtin zwei Wege: Aufbereitetes Zinn aus Sekundärrohstoffen und Primärzinn aus aus garantiert nachhaltiger Herkunft.

Lötmittelprodukte Stannol
Ob Zinn, Lötpaste, Lötdraht oder Flussmittel – mit den fairen Lötmitteln ­ermöglicht Stannol ­Anwendern, einen Schritt in Richtung nachhaltiger und ökologischer Fertigung zu gehen.

Der erste faire Lötdraht

Der Lötdraht HS10 Fair ist das Ergebnis einer Zusammenarbeit von Stannol und FairLötet, bei dessen Konzeption besonderer Wert auf soziale Nachhaltigkeit gelegt wurde. Dieses Ziel wird erreicht, indem Zinn verwendet wird, das bereits im industriellen Umfeld eingesetzt worden ist. Aufbereitetes Zinn stellt eine attraktive und leicht verfügbare Quelle dar. Für HS10 Fair kommen zwei durch Stannol geprüfte Zinnquellen zum Einsatz: Zum einen durch Primärzinn aus der nachhaltigen San Rafael-Mine, zum anderen Sekundärzinn aus einem komplexen Recyclingprozess. Dabei werden von einem europäischen Unternehmen Prozessabfälle aus der Elektronikfertigung hochwertig aufbereitet. Die Mine betreibt Minsur, ein in Peru ansässiges Bergbauunternehmen, das sich auf die Gewinnung, Verarbeitung und Veredelung von Zinn und Kupfer spezialisiert hat. In der Mine San Rafael werden rund 12 Prozent des weltweiten Zinns gefördert und das Unternehmen legt großen Wert auf Nachhaltigkeit und soziale Verantwortung.

Das natürliche Harz Kolophonium bietet die Basis für das Flussmittel, das in dem Lötdraht enthalten ist. Durch den Einsatz von europäischen Sekundärrohstoffen und einem nachhaltig produzierten Kolophonium aus Brasilien wird sichergestellt, dass die Einhaltung der vier Grundprinzipien der ILO (International Labour Organization), existenzsichernde Bezahlung und der Schutz der Umwelt bei Rohstoffgewinnung und Weiterverarbeitung gewährleistet ist. Der Lötdraht ist ein erster Schritt in Richtung einer Produktion und eines Konsums, die ein nachhaltiges Wirtschaften für alle Beteiligten ermöglicht. Ein Anteil des Verkaufserlöses fließt in zivilgesellschaftliche Arbeit. Um Minenarbeiter/Innen und Anwohner, die von Umweltverschmutzung betroffen sind, zu unterstützen, erhalten sie durch eine gut vernetzte NGO vor Ort 25 Prozent der Einnahmen von FairLötet. Mit dem Rest finanziert der Verein seine zukünftige Arbeit, welche Workshops und Informationsveranstaltungen sowie die Arbeit an neuen Projekten zur fairen Elektronik beinhalten soll.

Die Lieferkette fair gestalten

Stannol möchte Hersteller und Endkunden darin unterstützen, ihre Verantwortung für die an der Produktion beteiligten Menschen wahrzunehmen. Mit seinem Fairtin getauften Produktprogramm will das Unternehmen Elektronikherstellern Lötmittel an die Hand geben, mit dem sie ihre Produkte im Sinne einer ökologischen und sozialen Nachhaltigkeit fairer machen können. Für Fertiger, die bereits bleifreie Lote nutzen, ist die Umstellung völlig unkompliziert, da aus technischer Sicht keinerlei Änderung bei den Spezifikationen und Freigaben bestehen.

„Fairtin enthält ausschließlich Zinn von Produzenten, die der Belegschaft in den Minen unter anderem gute Arbeitsbedingungen bieten und eine Bezahlung, von der man leben kann. Die lokale Umwelt wird im Rahmen eines professionellen Umweltmanagements wirksam geschützt“, erklärt Marco Dörr. Stannol arbeitet mit den Lieferanten kontinuierlich zusammen, überwacht die Einhaltung der Anforderungen und entwickelt die Produkte stetig weiter.

Fairtin Formblock
Fairtin gibt es als aufbereitetes Zinn aus Sekundärrohstoffen oder als Primärzinn aus ­garantiert nachhaltiger Herkunft.

Was ist das Liefer­ketten­sorgfalts­pflichten­gesetz?

Das Liefer­ketten­sorgfalts­pflichten­gesetz – umgangssprachlich Lieferkettengesetz – konkretisiert, in welcher Form die Unternehmen ihre menschenrechtliche Sorgfaltspflicht erfüllen. Dies beinhaltet, dass sie menschenrechtliche – das heißt bestimmte soziale und ökologische Risiken analysieren, Präventions- und Abhilfemaßnahmen ergreifen, Beschwerdemöglichkeiten einrichten und über ihre Aktivitäten berichten müssen. Es soll dazu beitragen, dass Kinder- und Zwangsarbeit sowie Umweltzerstörung bei der Produktion eingedämmt werden können. Das Gesetz soll ab 1. Januar 2023 gelten – und zwar vorerst für Unternehmen mit mehr als 3.000 Mitarbeitern. Von 2024 sinkt diese Schwelle auf 1.000. Auch für kleinere Unternehmen kann das Gesetz Relevanz haben, da diese als Zulieferer der Industrie ihren Kunden gegenüber ihre sozial und ökologisch verantwortungsvolle Geschäftspraktiken darstellen sollten.

Umsetzung der fairen Lieferkette

Der Lötzinnhersteller aus Velbert hat sich zum Ziel gesetzt, die Lieferkette seines verwendeten Zinns offenzulegen und sorgt mit dieser Transparenz, dass soziale und ökologische Standards eingehalten werden. Hintergrund ist auch das Lieferkettengesetz, das zwar erst am 1. Januar 2023 in Kraft tritt, das man jetzt aber schon umsetzen möchte. Doch wie stellt Stannol sicher, dass sein Zinn wirklich aus einer fairen Mine kommt und dass sich kein Anbieter mit fragwürdigen Rohstoffenquellen in die Lieferkette geschmuggelt hat? Hierbei hilft die Blockchain-Technologie. Stannol arbeitet als Partner mit Minespider zusammen, einem Berliner Start-up-Unternehmen, das sich auf die Blockchain-Technologie spezialisiert hat. Diese ermöglicht durch digitale Zertifikate eine lückenlose Rückverfolgung des Zinns bis zum Ursprung.

So funktioniert die Blockchain

Die von Minespider entwickelte Lösung basiert auf einer Blockchain. Eine dezentrale Struktur zur Verwaltung und Validierung von Transaktionen sichert die Software vor nachträglicher Manipulation. In einer Blockchain speichern die beteiligten Nutzer Informationen in Datenblocks. Diese Blocks sind miteinander verknüpft und werden vom Netzwerk validiert. Eine nachträgliche Änderung der Daten ist daher nicht möglich, ohne dass dies von den Teilnehmern bemerkt werden kann. Im Endeffekt ist Blockchain eine neue Art, Daten zu verstehen – und sie sicherer, vertrauenswürdiger und dezentraler zu machen.

Mittels Minespiders Plattform können Nutzer digitale Zertifikate – sogenannte Product Passports – erstellen, und mit diesen entlang der Lieferkette Informationen teilen. Durch einen QR-Code können die Daten mit den Produkten verlinkt werden.

Die Software setzt auf eine verschlüsselte Datenstruktur, die sich aus drei Ebenen zusammensetzt:

  • Auf der ersten, „öffentlichen“, Ebene werden Informationen weitergegeben, die jeder sehen kann (diese werden beispielsweise beim Scannen des QR-Codes unmittelbar sichtbar)
  • Auf der zweiten, „transparenten“, Ebene befinden sich Daten, die entlang der gesamten nachfolgenden Lieferkette weitergeben und eingesehen werden können.
  • Auf der dritten, „vertraulichen“ Ebene können vertrauliche Daten hinterlegt werden – diese Ebene ist nur für den Sender und Empfänger eines digitalen Zertifikats mit entsprechender Berechtigung sichtbar.
v.l.: Ingo Lomp, Stannol, und Christian Ecker, Minespider
v.l.: Ingo Lomp, Leiter Innovation bei Stannol, und Christian Ecker, Projektmanager bei Minespider

Die Minespider Plattform für verschiedenste Materialien und Lieferketten flexibel anwendbar. Der QR-Code kann je nach Anwendungsfall direkt auf das Produkt oder die Verpackung aufgedruckt werden.

Auch bei den Daten sind dem Nutzer keine Grenzen gesetzt. Beispiele wären Zertifizierungen eines Unternehmens, CO2-Ausstoß und Herkunftsnachweise mit GPS-Koordinaten bis hin zu Recyclinghinweisen für die Kreislaufwirtschaft. Für Regulierungen und Standards bietet Minespider Eingabemasken, um relevante Informationen übersichtlich weiterzugeben.

Das von Minespider entwickelte Blockchain-Protokoll ermöglicht es allen Beteiligten, die Herkunft von Metallen und Mineralien nachzuvollziehen – unabhängig von der Weiterverarbeitung entlang der Wertschöpfungskette. Dass dies lückenlos funktioniert, stellte Nathan Williams, Geschäftsführer und Gründer von Minespider, bereits 2019 in einem Gemeinschaftsprojekt mit Google, Cisco, SGS, Volkswagen und Minsur mit der Darstellung der Rückverfolgbarkeit von Zinn erfolgreich unter Beweis: angefangen bei der Mine von Minsur in Peru, über die Schmelze, die Raffinerie und das Lager bis hin zu den Endherstellern der Teilnehmer in Übersee.

Blockchain-Protokoll
Das Blockchain-Protokoll ermöglicht es allen Beteiligten, die Herkunft von Metallen und Mineralien nachzuvollziehen.

Das Lieferkettengesetz als Wettbewerbsvorteil

Am 11. Juni 2021 verabschiedete der Deutsche Bundestag das Liefer­ketten­sorgfalts­pflichten­gesetz für neue Sorgfaltspflichten in der Lieferkette. Das Lieferkettengesetz verpflichtet große Unternehmen, Menschenrechts- und Umweltprobleme in ihren eigenen Betrieben und in ihren Lieferketten zu identifizieren, zu bewerten, zu verhindern oder zu beheben. Minespiders Infrastruktur erlaubt auch hier, alle für die gesetzlich verankerte Nachweispflicht notwendigen Daten entlang einer Lieferkette weiterzureichen.

Fazit

Stannol und Minespider sind davon überzeugt, dass nicht nur der ökonomische sondern auch der ökologische und soziale Wert eines Produkts in den Vordergrund gerückt werden muss. Der erste Schritt dazu ist schon getan.

Die Autorin

Petra Gottwald

Petra Gottwald, Chefredakteurin productronic

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