Milliarden fließen in SDV, KI und neue Fahrzeugarchitekturen. Doch der entscheidende Wettbewerbsvorteil entsteht woanders: bei der Fähigkeit, schneller vom Kunden zu lernen. Warum genau hier Europas größte Chance – und Risiko – liegt.
Joachim , LangenwalterJoachim ,LangenwalterCEO und GründerTMT CoPilots
5 min
Das softwaredefinierte Fahrzeug wird zum Symbol eines neuen Wettbewerbs in der Automobilindustrie: Entscheidend dabei ist die Geschwindigkeit, mit der Hersteller aus Kundendaten lernen und daraus bessere Produkte entwickeln.KI
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Noch nie hat die Automobilindustrie so viel Geld in ihre Transformation
investiert wie heute. Milliarden Euro fließen in Software Defined Vehicles
(SDV), künstliche Intelligenz (KI), Cloud-Plattformen und neue Fahrzeugarchitekturen. Softwarestrategien,
digitale Services, KI und Daten gehören damit längst zum strategischen
Standardrepertoire der Branche. Doch trotz dieser beispiellosen
Investitionswelle gelingt es vielen etablierten Automobilherstellern kaum, ihre technologischen
Investitionen in schnellere Lernzyklen, spürbare Kundenbegeisterung und
nachhaltige Wettbewerbsvorteile zu übersetzen.
Milliarden für das SDV:
Transformiert die Branche das Falsche?
Die unbequeme Realität lautet: Die Herausforderung
besteht zunehmend nicht mehr nur darin, ein SDV zu entwickeln. Die eigentliche
Frage ist, ob ein Unternehmen schnell genug von seinen Kunden lernen und diese
Erkenntnisse mithilfe von Software und KI kontinuierlich in bessere Produkte
übersetzen kann. Vieles spricht dafür, dass die Branche aktuell versucht, ein
fundamentales Lernproblem primär mit technologischer Hardware-Erneuerung zu
lösen.
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Über mehr als ein Jahrhundert hat die
Automobilindustrie ein Betriebssystem perfektioniert, das auf den Start of
Production (SOP) ausgerichtet war. Anforderungen wurden früh fixiert, Risiken
vor Marktstart minimiert, Zulieferer lieferten genau nach Spezifikation, und
nach dem SOP wandte sich der Hersteller gleich der nächsten Fahrzeuggeneration
zu. Dieses Modell brachte einige der sichersten, zuverlässigsten und
hochwertigsten Automobile hervor. Sein Grundprinzip war jedoch, dass ein
Fahrzeug mit dem Verlassen des Bandes weitgehend fertig entwickelt ist.
Diese Welt hat sich allerdings
komplett verändert. Moderne Fahrzeuge entwickeln sich
zu vernetzten Computerplattformen. Sie generieren Daten, erhalten
kontinuierliche Softwareupdates "Over-the-Air" (OTA) und werden fortlaufend um neue Funktionen
erweitert. Der Fahrzeugwert entsteht deshalb immer seltener vor dem SOP,
sondern zunehmend erst nach der Auslieferung. Jede Kundeninteraktion kann heute
zur Datenquelle werden und jedes Software-Release zur Chance, Produkt und
Service weiter zu verbessern. Damit
ist das Fahrzeug nicht länger der Endpunkt der Entwicklung. Es ist zum Startpunkt
einer Lernphase geworden.
Vom Hardware-Betriebssystem zum Betriebssystem des fortlaufenden Lernens: Der Wettbewerbsvorteil verschiebt sich vom optimierten Fahrzeug vor SOP hin zur Fähigkeit, Kundendaten, KI-Erkenntnisse und Software-Updates kontinuierlich in bessere Fahrzeugfunktionen zu übersetzen.Joachim Langenwalter
Dieser Wandel erklärt, warum Unternehmen heute trotz vergleichbarer
Technologieinvestitionen sehr unterschiedliche Ergebnisse erzielen.
Softwareplattformen, Cloud-Infrastrukturen, KI-Tools und zentrale
Rechenarchitekturen stehen mittlerweile nahezu allen Herstellern zur Verfügung.
Der eigentliche Wettbewerbsvorteil liegt deshalb vor allem in der Fähigkeit
einer Organisation, Kundenfeedback schneller in Produktverbesserungen zu
übersetzen. Er entsteht exakt in der Schleife zwischen Kundenerlebnis,
Datenanalyse, technischer Umsetzung und Softwarebereitstellung. Je schneller
sich diese Schleife dreht, desto schneller verbessern sich Fahrzeug und
Service. Lerngeschwindigkeit wird damit zum zentralen Wettbewerbsfaktor der
Automobilindustrie.
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Warum China beim SDV schneller lernt
Nirgendwo habe ich das klarer gesehen als bei meinen wiederholten
Besuchen in China. Die auffälligste Erkenntnis war: Heute ist ein radikal
überlegener Technologie-Stack nicht mehr für den Erfolg ausschlaggebend. Denn viele
der in China eingesetzten Technologien sind europäischen OEMs bestens vertraut
– von Android-basierten Cockpitplattformen über AUTOSAR und Rechenplattformen
von Nvidia und Qualcomm bis hin zu cloudnativer Entwicklung, KI-gestützter
Softwareentwicklung und modernen DevOps-Methoden. Der Unterschied liegt also nicht
primär darin, was diese Unternehmen einsetzen, sondern darin, wie
sie arbeiten.
Bei vielen chinesischen OEMs und
Startup-OEMs zeigen sich viel kürzere Entscheidungswege eine ausgeprägte
Produktverantwortung und die Bereitschaft, früh zu handeln und aus Fehlern zu
lernen, anstatt zu lange auf die vermeintlich perfekte Lösung hinzuarbeiten. Technische Entscheidungen werden dort getroffen,
wo die größte fachliche Expertise vorhanden ist – nämlich bei denjenigen, die
die Probleme verstehen und lösen. Funktionsübergreifende Teams optimieren das
gesamte Kundenerlebnis statt einzelner Komponenten. Kundendaten fließen
unmittelbar in die Priorisierung ein. Releases werden kontinuierlich gemessen,
verbessert und in kurzen Zyklen erneut ausgerollt. Nicht
frühe Unvollkommenheit, sondern spätes Lernen gilt als das größere Risiko.
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Was extreme Bedingungen über
Lernfähigkeit zeigen
Dasselbe Prinzip zeigt sich außerhalb der
Automobilindustrie. Die rasante Entwicklung von Drohnen und autonomen Systemen
in der Ukraine unter den extremen Bedingungen eines anhaltenden Krieges
verdeutlicht, dass Innovationsgeschwindigkeit vor allem aus kurzen
Feedbackschleifen entsteht. Ingenieure, Anwender, Softwareentwickler,
Hersteller und Felddaten haben sich eng miteinander verzahnt. Der Produkteinsatz
markierte nicht das Ende der Entwicklung, sondern den Beginn eines fortlaufenden
Lern- und Verbesserungsprozesses.
Für Führungskräfte in der
Automobilindustrie sollte die Schlussfolgerung aber nicht lauten, China oder
die Ukraine einfach zu kopieren. In dieser neuen Logik ist vielmehr maßgeblich,
ein ständiges Lernen als strategische Fähigkeit in der Organisation zu etablieren.
Denn Komplexität sowie Anforderungen an Safety und Security bleiben in der
Automobilindustrie natürlich auch weiterhin unverzichtbare Rahmenbedingungen und
dürfen nicht kompromittiert werden. Sie rechtfertigen jedoch keine
Betriebsmodelle mehr, die Monate benötigen, um Kundenfeedback in Softwareverbesserungen
zu übersetzen, während digitale Wettbewerber in wöchentlichen Zyklen lernen und
ihre Lösungen kontinuierlich weiterentwickeln. Unternehmen, die diese Distanz
zwischen Kundenerlebnis und technischer Umsetzung konsequent verkürzen, werden langfristig
wesentlich erfolgreicher sein als jene, deren Betriebssystem primär auf Planung
und Governance ausgerichtet ist. Kontinuierliches
Lernen verändert aber nicht nur das Betriebssystem einer Organisation, sondern
auch die Art und Weise, wie das Produkt verstanden werden muss.
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Der Kreislauf des kontinuierlichen Lernens: Kundennutzung, Fahrzeugdaten, KI-Auswertung, Engineering-Entscheidungen, Softwareentwicklung und OTA-Updates verstärken sich zu einem Lern-Flywheel, das Produkte, KI-Modelle und Kundenerlebnis fortlaufend verbessert.Joachim Langenwalter
Customer Defined Vehicle: Premium
definiert sich neu
Es verändert sich damit z. B. auch die Bedeutung
des SDV. Zwar ist es weiterhin essenziell, aber es ist nicht mehr das
eigentliche Ziel, sondern es wird zur Brücke zum sogenannten Customer Defined
Vehicle (CDV). Software schafft hierbei zwar immer noch die technische
Voraussetzung für kontinuierliche Updates. Aber welche Verbesserungen den
größten Mehrwert schaffen, wird künftig durch Kundendaten bestimmt. Das
Potenzial, solche Erkenntnisse zu gewinnen, zu priorisieren und in die
Produktentwicklung einfließen zu lassen, wird durch KI zudem nochmals
beschleunigt.
Das strategische Ziel der Zukunft entwickelt sich damit zum CDV: Das ist kein Fahrzeug, das direkt vom Nutzer entworfen
wird, sondern ein Produkt, dessen Software, Services
und Nutzererlebnis kontinuierlich durch das Verhalten, das Feedback und die
tatsächliche Nutzung seiner Kunden weiterentwickelt werden. In dieser Welt wird der Kunde faktisch Teil des
Entwicklungsteams. Jede Fahrt, jeder Ladevorgang, jeder Sprachbefehl, jede
Navigationsentscheidung, jedes Ereignis beim autonomen
Fahren sowie jede Interaktion mit Fahrzeugfunktionen,
jede Beschwerde und jeder Moment der Begeisterung werden zu einer Lernchance.
Das Produkt altert nach der Fertigung nicht zwangsläufig – es kann mit der Zeit
sogar an Wert gewinnen. Premium erhält dadurch eine ganz
neue Dimension. Denn neben Ingenieurskunst, Performance, Materialien und
Qualität wird zunehmend auch die Intelligenz eines Fahrzeugs zum entscheidenden
Faktor – nämlich seine Fähigkeit, den Kunden zu verstehen, sich nahtlos in
dessen digitales Leben zu integrieren und sich nach dem Kauf kontinuierlich
weiterzuentwickeln.
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Infokasten: Mehr Automotive Software auf der ASSC 2027
Wer tiefer in Automotive Software, Software-defined Vehicles und neue E/E-Architekturen einsteigen möchte, sollte die Automotive Software Strategies Conference 2027 im Blick behalten. Die internationale Fachkonferenz findet am 20. und 21. April 2027 im SZ-Tower in München statt. Im Mittelpunkt stehen Software-defined Vehicles, E/E-Architekturen, Plattformstrategien, Entwicklungsprozesse, KI-gestützte Entwicklung, digitale Geschäftsmodelle und die Frage, wie Fahrzeugsoftware in der Praxis skalierbar wird. Die Konferenz bringt OEMs, Zulieferer, Softwareunternehmen und Technologiepartner zusammen und richtet sich an Entscheider, Entwickler und Engineering-Spezialisten, die die nächste Phase softwaredefinierter Mobilität gestalten. Tickets gibt es hier.
Co-Innovation: Das europäische Betriebssystem
der Automobilindustrie muss sich verändern
Diese Transformation legt zugleich einen
der größten Widersprüche der Branche offen. Führungskräfte bezeichnen Software
und KI heute als die “Kronjuwelen” ihrer künftigen Wettbewerbsfähigkeit.
Gleichzeitig steuern viele Unternehmen ihre Softwareökosysteme aber noch immer
mit Beschaffungs- und Liefermodellen, die für mechanische Komponenten
entwickelt wurden. Dieses Betriebssystem ist zwar hervorragend darin,
Spezifikationen zu definieren, Kosten zu optimieren und auf Basis festgelegter
Anforderungen zu liefern. Für Software reicht diese Logik jedoch nicht aus,
denn: Hardware folgt der Produktion. Software folgt dem Kunden.
Die Zukunft gehört daher
nicht isolierten Unternehmen, sondern lernenden Ökosystemen. OEMs, Zulieferer, Halbleiterhersteller, Cloud-Anbieter,
Softwareunternehmen, Start-ups, Universitäten und Nutzer werden zunehmend Daten,
Roadmaps, Feedbackschleifen und gemeinsame Erfolgskennzahlen teilen. Co-Innovation
wird damit vom Ausnahmefall zum neuen Organisationsprinzip der Wertschöpfung.
Die entscheidende Frage lautet nicht
mehr: „Wer entwickelt die Software?“, sondern: „Wer lernt am schnellsten vom
Kunden?“
Europa sollte diesen Übergang jetzt weniger als Kopiervorlage aus China oder dem Silicon Valley verstehen, sondern
sich auf die erheblichen Stärken konzentrieren, über die Europa bereits verfügt:
technologische Tiefe, Premiummarken, Führungspositionen bei Safety,
Produktionsexzellenz, vertrauensvolle Kundenbeziehungen, Weltklasse-Zulieferer
und jahrzehntelange operative Erfahrung. Gerade diese Wettbewerbsvorteile
bleiben im Zeitalter softwaredefinierter Fahrzeuge hoch relevant. Die große Chance
besteht darin, diese Stärken mit cloudnativer Entwicklung, dem systematischen
Lernen aus Flottendaten, kontinuierlicher Softwarebereitstellung, KI-gestützter
Entwicklung und funktionsübergreifenden Produktteams zu verbinden.
Denn KI verändert die Ökonomie der
Produktentwicklung grundlegend. Sie beschleunigt Softwareentwicklung, Tests,
Validierung, Anforderungsanalyse sowie die Auswertung von Nutzerfeedback und
Flottendaten. Ihr größter Beitrag liegt jedoch auch darin, organisationales
Lernen zu beschleunigen. Je schneller ein Unternehmen lernt, desto besser
werden seine Daten, Modelle und Entscheidungen. Leistungsfähigere KI
beschleunigt diesen Lernprozess noch weiter, so dass ein sich selbst
verstärkendes Flywheel kontinuierlichen Lernens enstehen kann. Dies erzeugt eine
Dynamik, die im Hardware-Zeitalter nicht möglich war.
Der Maßstab der Zukunft: Wer lernt am
schnellsten?
Die Auswirkungen auf die
Unternehmensführung sind tiefgreifend. Aufsichtsräte, CEOs und CTOs können die
Transformation nicht länger als ein weiteres Programm behandeln. Sie müssen das
Betriebssystem ihres Unternehmens neu gestalten: wie Entscheidungen getroffen
werden, wie Teams organisiert und finanziert werden, wie Zulieferer eingebunden
sind, wie Kundendaten in die Entwicklung einfließen, wie Software
bereitgestellt wird und woran Erfolg gemessen wird. Traditionelle Führungsfragen wie „Wie senken wir
Kosten?“, „Wie definieren wir Anforderungen?“ oder „Wie steuern wir
Zulieferer?“ müssen durch neue Fragen ergänzt werden: „Wie erhöhen wir unsere
Lernfähigkeit?“, „Wie verkürzen wir die Zeit vom Kundenfeedback zur
Produktverbesserung?“, „Wie gestalten wir lernende Ökosysteme?“ und „Wie
schaffen wir kontinuierlich mehr Kundennutzen?“
Save the date: 31. AUTOMOBIL-ELEKTRONIK Kongress
Am 22. und 23. Juni 2027 findet zum 31. Mal der Internationale AUTOMOBIL-ELEKTRONIK Kongress (AEK) statt. Dieser Netzwerkkongress ist bereits seit vielen Jahren der Treffpunkt für die Top-Entscheider der Elektro-/Elektronik-Branche und bringt die Automotive-Verantwortlichen und die relevanten High-Level-Manager der Tech-Industrie zusammen, um gemeinsam das ganzheitliche Kundenerlebnis zu ermöglichen, das für die Fahrzeuge der Zukunft benötigt wird. Trotz dieser stark zunehmenden Internationalisierung wird der AUTOMOBIL-ELEKTRONIK Kongress von den Teilnehmern immer noch als eine Art "automobiles Familientreffen" bezeichnet.
Schon im vergangenen
Jahrhundert hat sich die Automobilindustrie immer wieder neu erfunden. Heute
steht sie vor einer noch größeren Herausforderung: Sie muss sich selbst neu
erfinden. Die Unternehmen, die das nächste Jahrzehnt prägen werden, sind nicht
zwangsläufig jene mit den größten Softwareorganisationen oder den breitesten
Technologieportfolios. Maßgeblich wird vielmehr sein,
welche Unternehmen Nutzerdaten schneller und in größerem Maßstab als ihre
Wettbewerber in echten Kundennutzen übersetzen.
Der Wettlauf hat sich
verändert. Technologie wird zunehmend zur verfügbaren Grundlage und nicht mehr
zum alleinigen Differenzierungsmerkmal. Künftig
entscheidet über den Markterfolg die Fähigkeit, schneller als der Wettbewerb zu
lernen. Die wichtigste Führungsfrage lautet daher nicht
mehr, ob ein Unternehmen ein SDV entwickeln kann. Sie lautet vielmehr, ob es
eine Organisation aufbauen kann, die schneller lernt, als sich Märkte,
Kundenbedürfnisse und Technologien verändern. Im
KI-Zeitalter werden Unternehmen nicht mehr allein durch die Fahrzeuge
definiert, die sie entwickeln, sondern durch das Potenzial des Betriebssystems
ihrer Organisation, sich kontinuierlich weiterzuentwickeln.