Die Autoindustrie im Umbruch: Vom Fahrzeug zum digitalen System
Die Branche steht vor einer ihrer tiefgreifendsten Transformationen: Fahrzeuge werden zu dynamischen Softwareplattformen, OTA-Updates werden zum Standard, KI beschleunigt Entwicklung. Wie OEMs ihre Architekturen, Prozesse und Geschäfte neu ausrichten.
Die Autoindustrie wandelt sich zur softwaregetriebenen Mobilität: zentrale Architekturen, OTA-Updates, KI und neue Ökosysteme bestimmen die Zukunft.Catsby_Art - stock.adobe.com
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Die Automobilindustrie bewegt sich mit hohem Tempo in
Richtung einer softwaregetriebenen Mobilitätswelt, in der Fahrzeuge nicht mehr
als statische Produkte gelten, sondern als kontinuierlich weiterentwickelbare
digitale Plattformen. Hersteller reagieren damit auf wachsende Erwartungen an
vernetzte Dienste, schnelle Funktionsupdates und ein Nutzungsverhalten, das
stärker von digitalen Services als von klassischen Hardware-Merkmalen geprägt
ist. Software wird damit zum zentralen Wettbewerbsfaktor – viele Unternehmen
betrachten sie bereits als wichtigsten Differenzierungshebel der kommenden
Jahre. Dieser Paradigmenwechsel erfasst nahezu alle Bereiche der Wertschöpfung:
Produktentwicklung, Elektrik-/Elektronik-Architekturen, Sicherheitskonzepte,
Produktionsprozesse und das operative Modell der OEMs.
Zentralisierte Rechnerarchitekturen lösen fragmentierte ECU-Welten ab
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Der Aufbau zentralisierter Hochleistungsrechner und ein
schrittweises Ablösen fragmentierter ECU-Landschaften gelten als Kernstrategie
für zukünftige Fahrzeugplattformen. Hersteller, die bislang auf stark
domänenorientierte Architekturen setzten, arbeiten zunehmend an einer
Abstraktionsebene, die Software von Hardware entkoppelt und damit schnellere
Entwicklungszyklen ermöglicht. Einige traditionelle Player befinden sich noch
in frühen Pilotphasen, während digitale Vorreiter wie Tesla, NIO oder XPENG bereits
auf durchgängig zentralisierte Architekturen setzen. Dieses technische
Fundament dient als Voraussetzung dafür, Funktionen über
Full-Over-the-Air-Updates kontinuierlich zu erweitern und gleichzeitig
Entwicklungs- und Testprozesse zu vereinheitlichen.
OTA-Fähigkeit wird zum entscheidenden Qualitätsmerkmal
Parallel steigt der Anteil softwaredefinierter Dienste an
der gesamten Wertschöpfung stetig an. OEMs erwarten, dass digitale Services,
Funktionsfreischaltungen, vernetzte Mobilitätsangebote oder datenbasierte
Geschäftsmodelle langfristig höhere Margen erzielen als der reine
Fahrzeugverkauf. Die Fähigkeit, Fahrzeugfunktionen über den gesamten
Lebenszyklus hinweg zu aktualisieren, wird zunehmend zu einem Treiber für
Kundenzufriedenheit und Loyalität. Heute verfügen knapp ein Drittel der
ausgelieferten Fahrzeuge über OTA-Fähigkeiten, in den kommenden Jahren soll
dieser Anteil auf rund zwei Drittel steigen. Dabei geht es nicht mehr nur um
Komfort- oder Infotainment-Updates: Sicherheits-Patches, Optimierung von
Fahrfunktionen, Performance-Upgrades oder Software-Erneuerungen im
Infrastruktur-Stack werden zum Standard.
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KI beschleunigt Entwicklung, Validierung und Fahrzeugfunktionen
Mit steigender Softwarekomplexität wachsen jedoch auch
Sicherheits- und Compliance-Anforderungen. Neue Regulierungen wie UNECE
R155/R156 verlangen ein durchgängiges Cybersecurity- und Update-Management über
den gesamten Fahrzeuglebenszyklus. Hersteller benötigen dafür automatisierte
Test- und Freigabeprozesse, robuste CI/CD-Pipelines sowie ein
Sicherheitskonzept, das sowohl On-Board-als auch Off-Board Systeme abdeckt.
Gleichzeitig werden Datenströme aus Fahrzeug, Backend und Cloud zur Grundlage
moderner Entwicklungsprozesse, insbesondere wenn KI-gestützte Methoden in
Simulation, Validierung und Funktionsentwicklung zum Einsatz kommen. KI hält
bereits Einzug in ADAS-Systeme, digitale Zwillinge, Produktionsoptimierung und
Prädiktiv-Modelle – und wird künftig noch stärker als produktionskritische
Technologie verstanden.
Digitale Vorreiter aus China verändern das globale Tempo
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Softwarestarke Wettbewerber aus China legen bei der Fahrzeugentwicklung ein ganz neues Tempo vor.studio v-zwoelf - stock.adobe.com
Ein weiterer Treiber des Wandels ist der wachsende Einfluss
softwarestarker Wettbewerber aus China. Marken wie BYD, Li Auto oder XPENG
demonstrieren, wie standardisierte Plattformen, offene Schnittstellen und
schnelle Entwicklungszyklen den Innovationsdruck erhöhen. Ihr
softwarezentrierter Ansatz zeigt sich in kurzen OTA-Iterationen,
hochintegrierten Cockpit-Plattformen und In-House entwickelten autonomen
Fahrfunktionen. Viele westliche OEMs suchen daher gezielt Kooperationen, etwa
für ADAS-Entwicklung oder Smart-EV-Architekturen, um den Rückstand bei
zentralisierten Softwareplattformen zu verkleinern.
OEMs müssen Strukturen, Prozesse und Kultur radikal umbauen
Damit OEMs den Übergang meistern, müssen sie sich
organisatorisch neu aufstellen. Der Schritt vom Hardware- zum
Softwareunternehmen erfordert funktionsübergreifende Teams, agile Strukturen,
einheitliche Engineering-Werkzeuge und eine Unternehmenskultur, die
kontinuierliche Weiterentwicklung statt Modelljahresdenken verankert.
Gleichzeitig ringen viele Hersteller mit Talentknappheit, hohem Bedarf an
Software- und KI-Fachkräften sowie steigenden Anforderungen an Security- und
Compliance-Expertise. Der Aufbau spezialisierter Softwareeinheiten und die
Integration moderner Entwicklungsprozesse gehören daher zu den dringendsten
Transformationsfeldern.
Neue datenbasierte Geschäftsmodelle gewinnen strategische Bedeutung
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Zudem definiert sich Wertschöpfung zunehmend über
Ökosysteme. Kooperationen mit Hyperscalern, Halbleiterherstellern,
Softwarehäusern und Open-Source-Initiativen gewinnen an Bedeutung, da kein
Unternehmen die steigende Komplexität alleine bewältigen kann. Während OEMs
Differenzierungsfunktionen wie UX, Markenservices oder proprietäre
Fahrerassistenzsysteme schützen, werden Basis-Stacks, Middleware oder
Safety-Layer zunehmend gemeinsam entwickelt. Parallel verfolgen viele
Hersteller Strategien für Software-Souveränität, um geopolitische Risiken,
Exportrestriktionen und Abhängigkeiten von einzelnen Technologieanbietern zu
reduzieren.
Save the date: 30. Automobil-Elektronik Kongress
Am 16. und 17. Juni 2026 findet zum 30. Mal der Internationale Automobil-Elektronik Kongress (AEK) statt. Dieser Netzwerkkongress ist bereits seit vielen Jahren der Treffpunkt für die Top-Entscheider der Elektro-/Elektronik-Branche und bringt nun zusätzlich die Automotive-Verantwortlichen und die relevanten High-Level-Manager der Tech-Industrie zusammen, um gemeinsam das ganzheitliche Kundenerlebnis zu ermöglichen, das für die Fahrzeuge der Zukunft benötigt wird. Trotz dieser stark zunehmenden Internationalisierung wird der Automobil-Elektronik Kongress von den Teilnehmern immer noch als eine Art "automobiles Familientreffen" bezeichnet.
Software definiert also nicht nur das
Fahrzeug, sondern die gesamte Mobilitätsbranche neu. Der Erfolg künftiger
Fahrzeuggenerationen hängt weniger von Motorleistung oder Karosseriekonzepten
ab, sondern davon, wie gut Hersteller in der Lage sind, komplexe
Softwarelandschaften zu beherrschen, schnell zu liefern, sicher zu betreiben
und als Basis neuer Geschäftsmodelle zu nutzen. Unternehmen, die Software als
strategisches Betriebssystem ihres Geschäfts begreifen, werden die
Transformation dominieren. Alle Anderen riskieren den Anschluss an eine
Mobilitätswelt zu verlieren, die sich zunehmend jenseits des klassischen
Fahrzeugs definiert.