Software Kolumne: CES Las Vegas – KI ist das neue Endspiel
Die CES 2026 verdeutlicht die Verschiebung der Automobilindustrie hin zu Software- und KI-Plattformen. Während US-Techanbieter den Takt vorgeben und China Innovationszyklen verkürzt, setzen europäische Akteure auf Partnerschaften, Souveränität und Initiativen wie S-CORE.
Diemut BaldaufDiemutBaldauf
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München, Shanghai, Las Vegas – dort lässt sich das Stimmungsbarometer der Automobilindustrie gut ablesen. Auf der CES Anfang Januar fiel zunächst eines auf: Die Autos fehlten fast vollständig. Während in den Jahren zuvor große Fahrzeugvorstellungen von CLA bis Neue Klasse die Medien dominierten, verzichteten die meisten OEMs 2026 komplett auf einen Messeauftritt. Die Management-Teams waren dennoch vor Ort, denn die Herausforderungen bleiben groß.
Die USA geben insbesondere mit ihren Techgiganten Google, Microsoft, Amazon und NVIDIA den Innovationstakt an, an dem keiner mehr vorbeikommt. NVIDIA stellte auf der CES nicht nur die Innovationsführerschaft bei der Rechenpower und KI unter Beweis, sondern veröffentlichte nebenbei mit „Alpamayo“ einen Self-Driving-Stack als Open Source, der das Hauptproblem beim autonomen Fahren lösen soll: der lange Rattenschwanz von seltenen Ereignissen auf der Straße. Hier sollen die Reasoning-Fähigkeiten von sog. „Vision-Language-Action“-Modellen helfen, seltene Situationen in beherrschbare Einheiten zu zerlegen. Ein leistungsfähiges Paket als Open Source also, doch zum Preis einer engen Bindung an NVIDIA Hardware und Software.
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Beeindruckend ist auch zu sehen, wie KI bei der Entwicklung von KI hilft, und damit exponentielle Beschleunigung erzeugt. Zu wenig Video-Daten fürs Training? Macht nichts, dann simulieren wir zuerst ein 3D-Modell, erzeugen daraus fotorealistische Videos und trainieren damit weiter.
Währenddessen zieht China unbeirrt weiter. Der chinesische Markt ist zwar mit über 150 OEMs massiv überbevölkert, hat nun aber alle wesentlichen Stellhebel zur Hand: Kundenerlebnis, Software, Batterien, aber auch fortschrittliche Hybrid-Antriebe und kurze Innovationszyklen setzen die Etablierten weiter unter Druck.
Save the date: 30. Automobil-Elektronik Kongress
Am 16. und 17. Juni 2026 findet zum 30. Mal der Internationale Automobil-Elektronik Kongress (AEK) statt. Dieser Netzwerkkongress ist bereits seit vielen Jahren der Treffpunkt für die Top-Entscheider der Elektro-/Elektronik-Branche und bringt nun zusätzlich die Automotive-Verantwortlichen und die relevanten High-Level-Manager der Tech-Industrie zusammen, um gemeinsam das ganzheitliche Kundenerlebnis zu ermöglichen, das für die Fahrzeuge der Zukunft benötigt wird. Trotz dieser stark zunehmenden Internationalisierung wird der Automobil-Elektronik Kongress von den Teilnehmern immer noch als eine Art "automobiles Familientreffen" bezeichnet.
Es kann leicht der Eindruck entstehen, europäische Player hättem in diesem kapitalintensiven Spiel nichts verloren. Doch die Basistechnologien wie die großen KI-Modelle werden zum einen schnell zum Allgemeingut, und sie sind nichts ohne das Wissen in der industriellen Anwendung – es braucht also Partnerschaften mit denen, die die letzte Meile verstehen und gestalten können.
Der starke Auftritt von Siemens zum digitalen Zwilling zeigt, dass sich der alte Kontinent noch nicht geschlagen geben muss. Die europäischen OEMs und ihre Zulieferer kooperieren alle mit den großen „Hyperscalern“, und gleichzeitig ist die eigene Souveränität bezüglich Software ein Leitmotiv. Die Open-Source-Initiative „S-CORE“ entwickelt im Rahmen der Eclipse Foundation einen Software-Stack für alles, was für den Kunden im Fahrzeug nicht sichtbar ist. Auf der CES wurden weitere weltweite Partner von
S-CORE vorgestellt, mehr als 30 OEMs, Zulieferer, Entwicklungspartner und Chiphersteller wollen im gemeinsamen Rahmen die Kräfte bündeln. Nun muss der Schritt zum ersten Einsatz in einem Serienfahrzeug gelingen.
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KI Endgeräte
Dazu kommt eine Entwicklung, die wir bereits vom „SW defined Vehicle“ her kennen: Es geht nicht darum, KI ins Fahrzeug zu integrieren – sondern Fahrzeuge in die KI-Ökosysteme. KI-Modelle werden nicht nur an jedem Kontaktpunkt der Kundenreise der Erstkontakt sein, sie werden auch die wesentlichen Schritte des Entwicklungsprozesses führend übernehmen, mit dem Experten als Steuermann.
Und damit bahnt sich eine weitere kopernikanische Wende an: Das Auto ist eben auch nur eines von vielen phyischen KI-Endgeräten. 3D-Modelle der Welt, physische KI und KI, die Physik versteht – das werden sich die Automobilisten mit den Roboter-Herstellern in Zukunft teilen. Oder sogar selber in der Robotik aktiv werden, wie dies Hyundai auf der CES gezeigt hat. Die Zukunft der Robotik hat gerade erst begonnen.
Getting digital done: Die Kolumne von Dr. Christof Horn, Accenture
(Bild: Ferdinand Horn)
Software-defined ist kein Wettlauf um Technologien, sondern um Vorgehensweisen, Geschwindigkeit und Mindset. Was dazu gehört beschreibt Dr. Christof Horn in seiner Kolumne, die auf all-electronics und in der AUTOMOBIL-ELEKTRONIK erscheint. Die Beiträge zum Nachlesen