Interview mit Georg Doll, Microsoft

„KI verstärkt Chaos im Unternehmen, statt es zu reduzieren“

Künstliche Intelligenz im Software Engineering macht Skalierung zur Prozessfrage. Georg Doll, CTO Automotive & Mobility bei Microsoft, erklärt im Interview, wie Spec-Driven Development und AI-Agents formale Spezifikationen in verifizierten Code überführen.

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Lächelnder Mann mit Brille vor Steintreppe und moderner Wand im Freien
Georg Doll studierte Elektrotechnik und Technik der Informationsverarbeitung am Karlsruher Institut für Technologie.

Mit zunehmender Komplexität softwaredefinierter Fahrzeuge verlagert sich der Druck auf Entwicklungsorganisationen von der reinen Codegenerierung hin zu Prozessqualität, Spezifikationstiefe und Rückverfolgbarkeit. Gleichzeitig entwickelt sich KI vom Experiment zu einem ernstzunehmenden Entwicklungswerkzeug – und wirft neue Fragen zu Validierung, Safety und Skalierung auf.

Georg Doll, CTO Automotive & Mobility bei Microsoft und zuvor bei Cariad tätig, greift diese Themen in seiner Keynote auf der Automotive Software Strategies Conference 2026 (19. und 20. Mai in München) auf. In seinem Vortrag zeigt der Diplom-Ingenieur, warum unstrukturiertes KI-gestütztes Coding für sicherheitskritische Systeme nicht skalieren wird, wie Spec-Driven Development das Software Engineering verbessern kann und was reale Automotive-Projekte bereits über den Einsatz von KI-Agenten in Entwicklungs-Workflows erkennen lassen.

Im Vorfeld der Veranstaltung in München haben wir mit ihm über die strukturellen Veränderungen gesprochen, die das Automotive Software Engineering derzeit grundlegend prägen.

Herr Doll, was wird in den nächsten drei bis fünf Jahren die größte Herausforderung bei der Skalierung des Software Engineering für SDVs sein?

Ehrlich gesagt würde ich lieber nicht fünf Jahre in die Zukunft schauen – die Veränderungen finden bereits jetzt statt. Die relevantere Frage ist, was sich in den nächsten ein bis zwei Jahren verschieben wird.

Gerne.

Die größte Herausforderung ist nicht die Codegenerierung, sondern die präzise Spezifikation von Absichten, damit KI zuverlässig darauf reagieren kann. Der Engpass verschiebt sich bereits – weg von der Frage, wie schnell man Code schreiben kann, hin zu der Frage, wie präzise man spezifizieren kann und, ganz entscheidend, wie gut dokumentiert und strukturiert die eigenen Entwicklungsprozesse sind. Die Softwarekomplexität in Fahrzeugen wächst viermal so schnell, wie Engineering-Teams skaliert werden können. Zwischen Multi-Zonen-Architekturen, Safety-Grenzen, OTA-Update-Ketten und funktionaler Integration haben organisatorische Prozesse und formale Engineering-Disziplinen mit der KI-Welle schlicht noch nicht Schritt gehalten. Unternehmen, die jetzt in Spezifikationsqualität und Prozessdisziplin investieren, werden einen sich verstärkenden Vorteil erzielen. Unternehmen, die das nicht tun, werden feststellen, dass KI ihr Chaos verstärkt, statt es zu reduzieren.

Spec-Driven Development als neuer Engineering-Ansatz

Welcher Paradigmenwechsel in der Entwicklung wird das Automotive Software Engineering am stärksten beeinflussen?

Spec-Driven Development, kurz SDD. Die untere Ebene des V-Modells – die Codegenerierung – ist im Grunde gelöst. Das neue Schlachtfeld ist die linke Seite: formale Spezifikation und Validierung. KI-Agenten können Code generieren, aber sie können nur dann den richtigen Code generieren, wenn sie präzise, strukturierte, maschinenlesbare Spezifikationen erhalten, die in formalen Sprachen wie SysML V2 ausgedrückt sind. Entscheidend ist: Es geht nicht nur darum, Spezifikationen von Hand zu schreiben – KI unterstützt auch deren Erstellung. Die Entwicklung verschiebt sich also weg vom Schreiben von Code hin zu KI-gestützter Spezifikationserstellung und KI-getriebener Codegenerierung. Genauso wichtig ist jedoch, dass parallel dazu eine robuste Test- und Validierungsfähigkeit auf der rechten Seite des V aufgebaut wird, ebenfalls KI-gestützt. Andernfalls wird die Validierung schlicht zum nächsten Engpass.

Key Facts – Automotive Software Strategies Conference 2026

Konferenzbanner mit der Aufschrift 7th International Conference Automotive Software Strategies May 19-20 2026 mit Fahrzeugfront und Code.

Was ist die Automotive Software Strategies Conference? Die Automotive Software Strategies Conference ist eine Fachkonferenz mit Fokus auf Software-Defined Vehicles, Automotive-Softwarearchitekturen und neue Entwicklungsparadigmen. Sie bringt OEMs, Zulieferer, Technologieunternehmen und Engineering-Spezialisten zusammen, um die Zukunft der Fahrzeugsoftware zu diskutieren.

Wann findet die Veranstaltung statt? Die Konferenz findet am 19. und 20. Mai 2026 statt.

Wo findet die Veranstaltung statt? Der Veranstaltungsort ist das Hochhaus des Süddeutschen Verlags in München.

Für wen ist die Konferenz gedacht? Die Veranstaltung richtet sich an Softwarearchitekten, Systemingenieure, Plattformentwickler, Engineering Manager sowie Entscheidungsträger, die an Automotive-Softwareplattformen, SDV-Architekturen und digitalen Fahrzeugökosystemen arbeiten.

Welche Themen werden auf der ASSC 2026 behandelt? Softwarearchitekturen und Softwarefabriken, Betriebssysteme und Middleware, die Programmiersprache Rust in Automotive-Systemen, Simulation und Virtualisierung, KI-gestützte Softwareentwicklung, Datennutzung und Datenmanagement sowie softwarebasierte Geschäftsmodelle.

Welche Unternehmen werden vertreten sein? Zu den Sprechern und Teilnehmern zählen Experten von Unternehmen wie Jaguar Land Rover, Mercedes-Benz, BMW, Renesas, Infineon, Microsoft, Google Cloud, AVL, IAV, ZF, Schaeffler und Green Hills Software.

Warum ist die Konferenz für die Branche relevant? Da sich Fahrzeuge zunehmend zu softwaredefinierten Plattformen entwickeln, untersucht die Konferenz, wie neue Softwarearchitekturen, Entwicklungsprozesse und Datenstrategien die Zukunft der automobilen Innovation prägen werden.

Wo gibt es Tickets für die Konferenz? Tickets gibt es auf der offiziellen Event-Page zur ASSC 2026.

Warum klassische Coding-Ansätze im Auto an Grenzen stoßen

Warum werden traditionelle Coding-Ansätze bei sicherheitskritischen Automotive-Systemen Probleme haben zu skalieren?

Man sollte sich Folgendes vor Augen führen: Entwickler verbringen nur 14 Prozent ihrer Zeit tatsächlich mit dem Schreiben von Code. Die eigentliche Challenge ist nicht die Codegenerierung, sondern die funktionale Rückverfolgbarkeit – also die Fähigkeit, jede Anforderung über den gesamten Entwicklungsprozess hinweg bis hinunter zu jedem einzelnen Validierungstest nachzuverfolgen. „Vibe Coding“ – KI-gestützt, aber unstrukturiert – erzeugt Code, der auf einem Rechner funktioniert, sich aber nicht rückverfolgen, verifizieren oder im großen Maßstab sicher beherrschen lässt. Technische Schuld, die durch fehlende Spezifikationen und unterbrochene Rückverfolgbarkeit entsteht, ist kein Softwareproblem. Es ist ein Prozessproblem, das sich allein durch Codegenerierung nicht lösen lässt.

Wie verändert Spec-Driven Development die Beziehung zwischen Anforderungen, Code und Verifikation?

SDD beseitigt die konventionelle Lücke zwischen diesen drei Phasen, indem es sie als kontinuierliche, maschinenlesbare Artefakte statt als getrennte Dokumente behandelt. Ein zentraler Enabler ist X-as-code: Anforderungen, Architektur, Testfälle und Deployment-Konfigurationen werden allesamt als codeähnliche Artefakte ausgedrückt, die versioniert, verglichen und sowohl von Menschen als auch von KI interpretiert werden können. Wenn Spezifikationen in formalen Sprachen wie SysML V2 ausgedrückt sind, fließen sie direkt in die Codegenerierung durch KI-Agenten und in die Verifikation durch algorithmische Validatoren ein. Code wird damit zu einer Ableitung der Spezifikation und nicht zu einer Interpretation eines PDF-Dokuments, das bereits vierzehn Versionen veraltet ist. Ändert sich eine Anforderung, dann propagiert die Auswirkung durch das gesamte System: Die Agenten wissen Bescheid, die Testfälle wissen Bescheid, und das Deployment weiß ebenfalls Bescheid.

KI-Agenten zwischen Codegenerierung, Verifikation und Sicherheit

Welche Rolle können KI-Agenten dabei spielen, Spezifikationen in verifizierte Softwarekomponenten zu überführen?

KI-Agenten sind dafür besonders gut geeignet, weil formale Sprachen wie SysML V2 ihnen etwas geben, das sie nur selten bekommen: vollständige, strukturierte, maschinenlesbare Intention. Statt die Absicht eines Entwicklers aus einem Kommentar erraten zu müssen, kann ein Agent über formal spezifizierte Verhaltensweisen, Schnittstellen und Randbedingungen schlussfolgern. Das Ergebnis lässt sich auf zwei Ebenen validieren: deterministisch hinsichtlich der Korrektheit – entspricht das Ergebnis der Spezifikation? – und semantisch hinsichtlich der Qualität – ergibt es aus Engineering-Sicht Sinn? Wir haben das End-to-End mit Rust-Bare-Metal-Firmware für Automotive-Zonencontroller demonstriert. Die zentrale architektonische Erkenntnis lautet: Dort, wo Korrektheit entscheidend ist, braucht man einen Algorithmus; dort, wo Qualität entscheidend ist, kann man einen Agenten einsetzen. Diese beiden Ebenen ergänzen sich. Sie stehen nicht in Konkurrenz zueinander.

Wie können Unternehmen KI-getriebene Entwicklungsansätze integrieren und dabei die Safety-Compliance aufrechterhalten?

Die Architektur, die funktioniert, besteht aus formalen Spezifikationen als Ground Truth, deterministischen Validierungsskripten als Compliance-Schicht und KI-Agenten als Beschleunigern für die Generierung. Man überträgt die Safety-Compliance nicht einem KI-Agenten – man überträgt sie der Validierungsinfrastruktur, die den Output der KI bestehen muss. Dadurch wird die Nichtdeterministik von KI sauber von der Deterministik getrennt, die durch ISO 26262, ASPICE und AUTOSAR gefordert wird. Das Risiko entsteht dann, wenn Organisationen diese Unterscheidung ignorieren und der KI sowohl die Generierung als auch die Selbstvalidierung überlassen. „Agent testet Agent“ ist Nichtdeterministik im Quadrat, und das ist kein Safety-Argument, das ein Functional-Safety-Audit überstehen würde.

Zum Abschluss würde uns interessieren, was Sie sich persönlich von der Automotive Software Strategies Conference in München erhoffen?

Ich bin wirklich neugierig zu sehen, wie weit sich die Branche von „Wir erkunden KI“ hin zu „Wir setzen KI in sicherheitsrelevanten Workflows ein“ bewegt hat. Ich erwarte eine bimodale Verteilung: einige vorausschauende Teams, die die strukturellen Investitionen in formales Engineering bereits getätigt haben, und eine größere Gruppe, die noch versucht, KI auf traditionelle Prozesse aufzusetzen. Was ich mitnehmen möchte, sind konkrete Belege dafür, wer es richtig macht, welche organisatorischen Veränderungen das ermöglicht haben und welche Muster die Branche insgesamt realistisch nachbilden kann. Meiner Erfahrung nach beantworten die Flur-Gespräche auf Konferenzen wie der ASSC diese Fragen ehrlicher als jeder Vortrag auf der Hauptbühne.