Dr. Christof Horn

(Bild: Ferdinand Horn)

Möglichst viel Kontrolle in einem eigenen Software-Stack, entwickelt in einer starken Inhouse-SW-Fabrik – die Strategien vieler OEMs für die digitale Aufholjagd sind sich ähnlich. Doch das Mantra „fully vertical“ führte erst zu Milliarden-Investments – und dann meist zu Ernüchterung. Oft wird übersehen: Effizienz in der Software-Entwicklung heißt, nicht alles selber zu machen. Open Source ist der Schlüssel, um sich auf die wirklich differenzierenden Themen zu fokussieren, anstatt in Komplexität zu ertrinken.

Die richtige Wertschöpfungstiefe

Die Frage nach der „richtigen“ Wertschöpfungstiefe ist gar nicht so eindeutig zu beantworten. Eine vertikale Kontrolle über alle Ebenen des Technologiestacks scheint eine hohe Geschwindigkeit, Stabilität in den Schnittstellen und hohe Resilienz in der Supply Chain zu ermöglichen – wenn man es denn kann. Und wenn es tatsächlich zu einer besseren Kundenerfahrung und lukrativeren Geschäftsmodellen führt.  
Der bisher durchaus erfolgreiche Weg, Kosten durch Standards und Kommunalitäten zu vergemeinschaften, führt allerdings bei Software in eine Sackgasse. Standardisierung bedeutet ein mühsames Ringen um den kleinsten gemeinsamen Nenner, Sonderfälle und politische Befindlichkeiten. Doch wenn der Standardisierungsprozess um Größenordnungen länger dauert als der Produktzyklus selbst, dann wird das nichts.

Getting digital done: Die Kolumne von Dr. Christof Horn, Accenture

Dr. Christof Horn
(Bild: Ferdinand Horn)

Software-defined ist kein Wettlauf um Technologien, sondern um Vorgehensweisen, Geschwindigkeit und Mindset. Was dazu gehört beschreibt Dr. Christof Horn in seiner Kolumne, die auf all-electronics und in der AUTOMOBIL-ELEKTRONIK erscheint. Die Beiträge zum Nachlesen

Die Bedeutung von Open Source

Open Source schafft ebenfalls Standards – aber auf die umgekehrte Weise. Die Eclipse Foundation und ihre SDV Arbeitsgruppe ist ein Beispiel: Zuerst wird geliefert, und dann entscheiden Nützlichkeit und Nutzung darüber, was sich evolutionär als Standard erfolgreich etablieren kann. Dieser unkoordiniert erscheinende Weg hat einen wichtigen Vorteil: Er legt den Entscheidungspunkt, ob ein Baustein überhaupt Aussichten auf Erfolg hat, sehr weit an den Anfang des Prozesses.

Die aktuellen Herausforderungen in den Entwicklungszeiten, aber auch in der Produktqualität, zeigen die Notwendigkeit, viel mehr als bisher zu teilen. Open Source kann hier vier wesentliche Beiträge liefern: Sie schafft effizient De-Facto-Standards und ermöglicht Wiederverwendung, sie schafft über den Produktbestandteil hinaus Entwicklungsumgebungen, sie ist eine Antwort auf fehlende Entwickler-Ressourcen, und sie kann prinzipiell kosteneffizienter sein.

Der Kostenaspekt bedarf noch einer Erläuterung: There is no free lunch. Open Source heißt nicht Freeware – irgendjemand muss die Aufwände finanzieren, und das ist auch bei den bekannten großen Open-Source-Projekten so. Die Arbeitsteilung jedoch verändert sich. Hersteller haben ein großes Interesse daran, klare Verhältnisse zu schaffen, und benötigen Distributoren, die aus einem Bündel von Open-Source-Bausteinen ein Produkt integrieren und dafür auch gerade stehen. Wer als Maintainer Technologiebausteine liefert, muss dafür und für die Pflege ebenfalls entlohnt werden. Die Initiativen wie SOAFEE, COVESA und andere bearbeiten wichtige Aspekte zukünftiger Architekturen. Gremien im Rahmen des VDA oder der EU bieten einen rechtlich sicheren Rahmen für Abstimmungen und Zusammenarbeit. Als größtes gemeinsames Vielfaches scheint sich die Eclipse Foundation zu etablieren.

Neue Rollenverteilungen

Die neuen Rollenverteilungen sind auch für die Automobilindustrie gut geeignet – doch sie bedeuten eine Neuverteilung der Aufgaben, und sie müssen im Anschub finanziert werden. Dies nun zu gestalten ist eine wesentliche Aufgabe für alle Beteiligten (OEMs, Zulieferer und Integratoren). Dabei müssen drei Kernfragen beantwortet werden: Wie sieht der Baukasten aus? Wie und wo wird er entwickelt? Und wie sehen nachhaltige Geschäftsmodelle aus?

Für alle ergeben sich dabei große Chancen – die größte aber für die Kunden. Zeit, auf den Open-Source-Zug aufzuspringen.

Save the date: 28. Automobil-Elektronik Kongress

Am 18. und 19. Juni 2024 findet zum 28. Mal der Internationale Automobil-Elektronik Kongress (AEK) in Ludwigsburg statt. Dieser Netzwerkkongress ist bereits seit vielen Jahren der Treffpunkt für die Top-Entscheider der Elektro-/Elektronik-Branche und bringt nun zusätzlich die Automotive-Verantwortlichen und die relevanten High-Level-Manager der Tech-Industrie zusammen, um gemeinsam das ganzheitliche Kundenerlebnis zu ermöglichen, das für die Fahrzeuge der Zukunft benötigt wird. Trotz dieser stark zunehmenden Internationalisierung wird der Automobil-Elektronik Kongress von den Teilnehmern immer noch als eine Art "automobiles Familientreffen" bezeichnet.

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