Interview mit Jochen Gimple und Holger Wußmann von Kontron

Kontron: ODM/EMS in Europa neu aufgestellt

Mit Electronics² bündelt Kontron sein ODM/EMS-Geschäft mit Katek und Beflex electronic. Jochen Gimple und Holger Wußmann erklären, wie sie mit europäischem Footprint, Local-for-Local-Strategie und digitaler Transparenz im EMS-Markt punkten wollen.

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Als erfahrener ODM/EMS-Partner steht Elec-tronics² für fachkundige Begleitung und umfassende Lösungen – von der Entwicklung bis zur Fertigung moderner Elektronik.

productronic: Herr Gimple, Herr Wußmann, Kontron hat mit Electronics² ein erweitertes ODM/EMS-Angebot vorgestellt. Was ist der Kern dieser Neuausrichtung?

„Ich bin jetzt seit fast 30 Jahren im ODM/EMS-Markt aktiv und kann sagen, dass die Herausforderungen derzeit außergewöhnlich hoch sind.“

Jochen Gimple (VP Production & Operations Kontron Global)

Jochen Gimple: Kontron ist seit 2018 im ODM/EMS-Markt aktiv, damals aber noch mit kleinerer Struktur und geringerer Sichtbarkeit. Mit Electronics² führen wir nun die etablierten Marken Kontron, Katek und Beflex electronic unter einem gemeinsamen Dach zusammen. Die Marken bleiben eigenständig, mit ihrem gewachsenen Profil und ihrer Expertise – für den Kunden ist aber auf einen Blick erkennbar: Dahinter steht ein starker Verbund, der das komplette Serviceportfolio aus einer Hand bietet. So kombinieren wir das Beste aus drei Welten und schaffen echten Mehrwert.

Holger Wußmann: Für die Kunden bleibt gleichzeitig alles vertraut. Die bekannten Ansprechpartner bleiben bestehen, wir arbeiten mit einem klaren „One Face to the Customer“-Ansatz. Hinter dieser einen Person steht dann der Zugang zum gesamten Know-how und zum gesamten Portfolio von Electronics². Das verbindet die Vorteile einer großen Gruppe mit individueller, sehr konkreter Betreuung.

productronic: Welche Rolle spielen Katek und Beflex konkret für das neue Setup?

Jochen Gimple: Die Übernahmen von Beflex electronic und Katek waren zentral für unsere Neuausrichtung. Heute können wir die komplette Kette abbilden – von der Entwicklung und dem Prototyping über Klein- und Mittelserie bis zur Großserienfertigung. Bei Electronics² arbeiten inzwischen über 100 Entwickler, die aus Kun-denideen reale Produkte machen. Damit treten wir als echter One-Stop-Shop auf und bieten maßgeschneiderte Lösungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette.

„Auch wenn der Wettbewerbsdruck groß ist, halte ich es für entscheidend, dass Europa sich gegenüber der asiatischen Konkurrenz behauptet.“

Holger Wußmann (VP Technology, GF Kontron Electronics und Beflex electronic)

Holger Wußmann: Beflex bringt die Prototypenkompetenz und Prozesse mit, um Entwicklungen schnell und flexibel zu begleiten. Katek wiederum stärkt uns besonders im Bereich Großserien – etwa bei Weißer Ware. So können wir sowohl wenige Prototypen als auch hohe Stückzahlen effizient realisieren.

productronic: Der Wettbewerb im EMS/ODM-Markt ist hart – auch global. Wie differenziert sich Electronics²?

Jochen Gimple: Ein wesentlicher Punkt ist unser ausgeprägter europäischer Footprint. Wir fertigen in acht europäischen Ländern und sind zusätzlich in den USA und Kanada vertreten. Das ist ein starkes Argument für Kunden, die bei der Elektronikfertigung bewusst auf Local-for-Local setzen oder einen Outsourcing-Partner in Europa suchen.

Gleichzeitig ist Local-for-Local mehr als ein Marketinglabel. Bei hochkomplexen Projekten brauchen Kunden Nähe und Vertrauen – und das entsteht über kurze Wege, direkten Austausch und Transparenz. In Zeiten gestörter Lieferketten und geopolitischer Spannungen wird dieser Ansatz immer wichtiger.

Holger Wußmann: Dank unseres global aufgestellten Sourcing-Teams und des dezentralen Netzwerks können wir flexibel auf regionale Besonderheiten reagieren und Engpässe abfedern. Lokale Ansprechpartner vor Ort beschleunigen Entscheidungen und geben unseren Kunden in einem volatilen Umfeld mehr Planungssicherheit.

productronic: Was bringt die Kombination von Entwicklungs- und Fertigungskompetenz ganz praktisch für die Kunden?

Holger Wußmann: Der Vorteil ist ein durchgängiger Prozess von der ersten Idee bis zur Serienfertigung – ohne Medienbrüche. Entwicklung und Fertigung sitzen eng zusammen, was Kommunikationsaufwand reduziert, die Time-to-Market verkürzt und die Umsetzungssicherheit erhöht. Bei komplexen Projekten können wir schon in der Designphase fertigungstechnische Aspekte berücksichtigen. Das spart Zeit, senkt Kosten und verbessert die Qualität.

Jochen Gimple: Kontron hat bereits mehr als 3.000 Entwicklungsprojekte umgesetzt. Diese Erfahrung – kombiniert mit der Produkt- und Lösungsvielfalt von Kontron – versetzt uns in die Lage, sehr gezielt auf Branchenanforderungen einzugehen, von klassischer Industrie über Robotik bis hin zu New-Economy-Anwendungen.

productronic: Die neue Electronics²-Website gibt tiefe Einblicke in die Fertigungskette. Wie wichtig ist digitale Transparenz für Ihre Kunden?

Durch fortschrittliche Fertigungsprozesse und technologische Expertise lassen sich zukunftsorientierte Lösungen verwirklichen.

Jochen Gimple: Transparenz ist heute Standardanforderung – nicht nur in regulierten Märkten wie Medizintechnik oder Automotive. Praktisch alle Kunden erwarten Rückverfolgbarkeit und lückenlose Qualitätssicherung. Wir setzen hier auf unser eigenes Fab Eagle MES, um Traceability und hohe Qualitätsstandards zu gewährleisten. Gleichzeitig wächst im Zuge der Digitalisierung der Fokus auf Cyber Security. Wir setzen daher konsequent auf eigene Software-Tools, die in unseren Rechenzentren betrieben werden. So kombinieren wir Transparenz mit Daten- und Betriebssicherheit.

Holger Wußmann: Die Kunden wollen mehr als nur Nachweispflichten erfüllen – sie erwarten durchgängige Dokumentation und abgesicherte Prozesse. Unsere Erfahrung aus streng regulierten Branchen übertragen wir auf andere Industrien. So profitieren auch Kunden außerhalb von Medizintechnik und Avionik von einem hohen Level an Transparenz, Sicherheit und Effizienz.

productronic: Wohin entwickelt sich Electronics² technologisch in den nächsten Jahren?

Jochen Gimple: Wir setzen klar auf organisches, qualitatives Wachstum. Technologisch sehen wir vor allem Künstliche Intelligenz und Robotik als Schlüsselthemen. Gerade mit Blick auf die Dynamik in China darf Europa hier nicht den Anschluss verlieren. Deshalb investieren wir gezielt in interne KI-Ressourcen, die an konkreten Projekten im Produktionsumfeld arbeiten.

Holger Wußmann: Parallel dazu entwickeln wir neben klassischer Steuerungs- und Automatisierungstechnik verstärkt intelligente Produkte, die neue Geschäftsmodelle ermöglichen – etwa im Kontext von Edge Devices. Regulatorische Vorgaben wie der Cyber Resilience Act (CRA) und NIS-2 erhöhen den Bedarf an Beratung und sicheren Lösungen. Mit KontronOS und Kontron-AIShield adressieren wir genau diese Themen und unterstützen Kunden beim sicheren Betrieb kritischer Anwendungen.

productronic: Die EMS-Branche befindet sich in einem starken Konsolidierungstrend – zuletzt etwa durch die Fusion von Hanza und BMK. Chance oder Risiko?

Mit der Fertigungslinie von Beflex lassen sich individuelle Kundenanforderungen schnell umsetzen.

Holger Wußmann: Positiv ist, dass BMK in europäischer Hand bleibt. Angesichts des hohen Wettbewerbsdrucks ist es entscheidend, dass sich Europa gegenüber der asiatischen Konkurrenz behauptet. Wir dürfen keine Wiederholung der Entwicklung im Leiterplattenbereich zulassen, wo große Teile der Produktion abgewandert sind. Jede in Asien gefertigte Baugruppe bedeutet auch Know-how-Verlust in Europa.

Jochen Gimple: Konsolidierung ist aus meiner Sicht unvermeidlich. Um im Wettbewerb zu bestehen, braucht es Einkaufsvolumen und finanzielle Stärke für kontinuierliche Investitionen – für kleinere und mittlere EMS-Anbieter wird das immer schwieriger. Größere Strukturen ermöglichen Skaleneffekte, stärkere Marktpositionen und die nötige Investitionskraft.

Holger Wußmann: Wer flexibel bleibt, sich vernetzt und seine Stärken klar ausspielt – etwa besondere Spezialisierung oder schnelle Umsetzung – kann aber auch in diesem Umfeld profitieren. Mit Electronics² wollen wir genau das liefern: Stabilität, Investitionsfähigkeit und individuelle Lösungen, die unseren Kunden ein sicheres Agieren in ihren Märkten ermöglichen.

Autorin






Das Interview führte Petra Gottwald, Chefredakteurin Elektroniktitel