Interview mit Dr. Svenja Müller und Dr. Marcella Oberst, TE Connectivity
„Es braucht die vollständige Automatisierung von EDS-Komponenten“
Zuverlässige Hochstromverbindungen werden immer entscheidender für Sicherheit und Lebenszykluskosten. Dr. Svenja Müller und Dr. Marcella Oberst, TE Connectivity, erklären im Interview dazugehörige Designregeln, Fügestrategien und die neue VDI Guideline.
Dr. Svenja Müller, links, studierte Ingenieur- und Managementwissenschaften an der Hochschule Mannheim. Dr. Marcella Oberst studierte Elektrotechnik an der TU Dresden und promovierte am Lehrstuhl für Hochstrom- und Hochspannungstechnik mit Fokus auf Verbindungstechnik.
TE Connectivity
Mit der zunehmenden
Elektrifizierung steigen die erforderlichen Stromstärken und die Komplexität
der Energieverteilung im Fahrzeug deutlich an. Damit wird die
Zuverlässigkeit von Hochstromverbindungen im Bordnetz zu einer zentralen
ingenieurtechnischen Herausforderung. Materialien, Fügetechnologien und
Montagequalität bestimmen immer stärker die Lebensdauer, Sicherheit und
Wartbarkeit.
Dr. Svenja Müller und Dr. Marcella Oberst, Kolleginnen bei
TE Connectivity, bewegen sich in genau diesen Spannungsfeldern. Während Müller
das regionale Produktmanagement für E-Mobility-Lösungen
in Europa und Indien verantwortet, konzentriert sich Oberst auf die
Entwicklung von Zellkontaktiersystemen und Hochstromverbindungstechnologien.
Auf dem Bordnetzkongress 2026 am 5. und 6. Mai in Ludwigsburg halten
sie gemeinsam die Keynote „Bolted High-Current Connections in Electromobility –
Market Overview and Contents of the new VDI Guideline 2231“, worin sie Einblicke
in Konstruktionsprinzipien, Zuverlässigkeitsanforderungen und die kommende
Branchenrichtlinie für Hochstrom-Schraubverbindungen geben.
Im Vorfeld der Veranstaltung in Ludwigsburg haben wir mit den Expertinnen gesprochen.
Frau Dr. Müller, Frau Dr. Oberst, was wird in den
nächsten fünf Jahren die größte Herausforderung für die Bordnetz- und
EDS-Branche sein – und warum?
Die größte Herausforderung für
die Bordnetz- und EDS-Industrie in den nächsten fünf Jahren wird die
durchgängige End-to-End-Automatisierung von Kabelbäumen sein. Angesichts eines
verstärkten Fokus auf Nachhaltigkeit und der Risiken von Störungen in globalen
Lieferketten wird eine lokalisierte Produktion zunehmend attraktiver. Um dies
unter anhaltend hohem Kostendruck zu erreichen, braucht es die vollständige
Automatisierung der EDS-Komponenten – trotz hoher Variantenkomplexität und
historisch stark manueller Produktionsprozesse. Parallel dazu müssen alternative Leitermaterialien wie Aluminium oder
Hybridlösungen eingesetzt werden, um Kosten und CO₂-Emissionen zu reduzieren
und gleichzeitig langfristige Qualität und Zuverlässigkeit sicherzustellen.
Sowohl die Kabelbaumfertigung als auch die Fahrzeugmontage müssen modularer und
automatisierungsfreundlicher werden, ermöglicht durch zonale und vereinfachte
E/E-Architekturen. OEMs werden weiterhin Just-in-Time-Lieferungen verlangen,
selbst wenn Lieferketten fragiler werden und Transformationsinvestitionen
steigen. Die CO₂-Reduktion muss durch leichtere Architekturen, kürzere
Leitungslängen, geringere Ausschussraten und energieeffizientere Produktion
vorangetrieben werden. Gleichzeitig steigen die Qualitätsanforderungen, da das
EDS zunehmend sicherheitskritisch für ADAS- und autonome Fahrfunktionen wird.
Autonomes Fahren erhöht zusätzlich die Anforderungen an Zuverlässigkeit,
funktionale Sicherheit sowie eine kontrollierte Energie- und Signalverteilung,
wobei Automatisierung helfen kann, unnötige Redundanzen zu vermeiden. Insgesamt
besteht die zentrale Herausforderung darin, ein hochautomatisiertes, CO₂-armes,
kosteneffizientes und fehlerfreies Bordnetzsystem in großem Maßstab
bereitzustellen.
Hochstromverbindungen
im Bordnetz: Materialien, Fügetechniken und Lebenszykluskosten
Welche Material- oder Fügetechnologieentscheidung von
heute hat den größten langfristigen Einfluss auf Zuverlässigkeit und
Lebenszykluskosten?
Die Wahl des Leitermaterials und – noch entscheidender – die
Fügetechnologie zwischen Kupfer und Aluminium haben den größten langfristigen
Einfluss auf Zuverlässigkeit und Lebenszykluskosten von Bordnetzsystemen.
Aluminium-Kupfer-Schnittstellen sind aus Kosten-, Gewichts- und Bauraumgründen
unvermeidbar, stellen jedoch das größte langfristige Risiko dar, wenn das
Verbindungskonzept nicht stimmt. Mechanische Schraubverbindungen an
Aluminium-Kupfer-Schnittstellen bieten wesentliche Vorteile für Hochstrom- und
Dauerlastanwendungen: Sie ermöglichen extrem niedrige und stabile
Kontaktwiderstände, sind im Langzeitbetrieb robust und können über den
Lebenszyklus des Fahrzeugs hinweg geprüft, nachgezogen oder ersetzt werden,
sofern sie korrekt ausgelegt sind. Im Vergleich zu permanenten Verbindungen
bieten Schraubverbindungen eine bessere Wartbarkeit, und im Vergleich zu
Steckverbindungen weisen sie eine höhere Alterungsbeständigkeit auf,
insbesondere unter thermischen Zyklen und Vibration. Steckverbindungen bleiben
dort essenziell, wo Modularität und Montagegeschwindigkeit im Vordergrund
stehen, bringen jedoch aufgrund geringerer Normalkräfte höhere
Kontaktwiderstände mit sich. Verbindungen mit atomaren Bindungen wie Schweiß-
oder Lötverbindungen sind bei begrenztem Bauraum und gewichtsoptimierten
Designs unverzichtbar, sind jedoch irreversibel und stellen hohe Anforderungen
an Materialkompatibilität und Prozesskontrolle. Die zentrale langfristige
Entscheidung lautet daher: wo stecken, wo schrauben und wo schweißen – abhängig
von Strombelastung, Sicherheitsrelevanz, Zugänglichkeit und erwarteter
Lebensdauerbelastung. Es gibt keine universell beste Verbindungsmethode; alle
werden benötigt und müssen gezielt und konsistent eingesetzt werden. Die
richtige Balance entscheidet über elektrische Stabilität, Wartbarkeit,
Redundanzstrategie und die gesamten Lebenszykluskosten über Jahrzehnte hinweg,
insbesondere in autonomiefähigen Fahrzeugen mit Dauerbetrieb und erhöhten
Sicherheitsanforderungen.
Welches Problem adressiert die neue VDI-2231-Richtlinie
für Hochstromverbindungen in der E-Mobilität?
Die VDI 2230 ist die am häufigsten verwendete Richtlinie zur
Auslegung von Schraubverbindungen. Diese gilt jedoch für Schraubverbindungen
mit rein mechanischer Belastung und für verspannte Bauteile aus hochfesten
Werkstoffen. Relativ weiche Materialien wie Aluminium und Kupfer sowie die
Funktion der Stromführung fallen nicht in ihren Anwendungsbereich. Da die
Herausforderungen solcher Verbindungen – beispielsweise aufgrund hoher
thermischer Belastungen durch elektrische Ströme – anders gelagert sind, haben
viele OEMs und Zulieferer eigene interne Richtlinien entwickelt. Die VDI 2231
wird die erste öffentlich verfügbare Richtlinie sein, die sich gezielt mit
diesen Hochstromverbindungen befasst. Fragen wie die sichere Kombination von
Leiter- und Beschichtungsmaterialien in Schraubverbindungen, die zuverlässige
Messung sehr kleiner Kontaktwiderstände oder Maßnahmen zur Sicherstellung der
langfristigen Stabilität elektrischer und mechanischer Eigenschaften werden
darin behandelt. Ziel ist es, ein gemeinsames Verständnis zu schaffen und
hochwertige Verbindungen mit möglichst geringem Zusatzaufwand für
Ingenieurinnen und Ingenieure zu ermöglichen.
Schraubverbindungen
in der E-Mobilität: typische Fehler und langfristige Stabilität
Welche Konstruktions- und Montagefehler führen am
häufigsten zu Ausfällen im Feld und wie lassen sie sich systematisch vermeiden?
Die meisten Feldausfälle bei Schraubverbindungen sind auf
Konstruktions- und Montagefehler zurückzuführen. Ein häufiger Fehler ist die
Kombination von Materialien, die langfristig keine stabile elektrische
Verbindung gewährleisten, sowie eine unzureichende Berücksichtigung von
Oberflächenverunreinigungen. Im Gegensatz zu Steckverbindungen, bei denen die
Gleitbewegung beim Stecken einen Teil der Verunreinigungen entfernen kann,
werden bei Schraubverbindungen die Kontaktflächen lediglich aufeinandergepresst.
Zudem sind die Oberflächen in der Regel nicht beschichtet, wie es bei
Steckverbindungen oft der Fall ist. Verunreinigungen durch externe Stoffe wie
Öle oder Staub sowie natürliche Oxidschichten, insbesondere auf blanken
Aluminium- und Kupferschienen, können die elektrische Performance erheblich
beeinträchtigen. Selbst dünne Filme auf den Kontaktflächen können die
elektrische Leistung und Langzeitzuverlässigkeit deutlich verschlechtern. Daher
sind Sauberkeit und eine geeignete Vorbehandlung der Oberflächen entscheidend,
um einen niedrigen Kontaktwiderstand sowohl initial als auch über die gesamte
Lebensdauer sicherzustellen. Ein weiteres häufiges Problem entsteht bei der
Montage: Wird eine Schraube beispielsweise schräg eingesetzt, kann das
erforderliche Drehmoment erreicht werden, ohne die notwendige Normalkraft
aufzubauen. Solche Fehlstellungen lassen sich durch hochkontrollierte
Montageprozesse oder durch systemseitige Lösungen vermeiden, die solche Fehler
konstruktiv ausschließen, wie etwa beim BCON+-Steckverbinder von TE
Connectivity mit Führungselementen. Eine systematische Vermeidung erfordert
daher sowohl eine konstruktive Auslegung unter Berücksichtigung der erwarteten
Belastungen als auch saubere und kontrollierte Montageprozesse.
Wie sollten Ingenieurinnen und Ingenieure die
Vorspannkraft über die Lebensdauer unter thermischen Zyklen, Vibration und
Relaxation betrachten?
Über die gesamte Lebensdauer einer Verbindung muss die
Vorspannkraft ausreichend erhalten bleiben, um eine stabile elektrische
Performance sicherzustellen. Die beim Montageprozess eingebrachte Spannung
nimmt durch Kriechen und Relaxation im Laufe der Zeit ab. Ein entscheidender
Einflussfaktor ist die Auswahl der Legierung, einschließlich Zusammensetzung
und Zustand, die die Erweichungstemperatur des Systems bestimmt. Abhängig von
Materialwahl und Belastung über die Lebensdauer können Maßnahmen zur Sicherstellung
der Vorspannkraft getroffen werden, beispielsweise durch den Einsatz von
Federelementen. Diese sind besonders wichtig, wenn relativ weiche
Aluminiumleiter hohen Temperaturen ausgesetzt sind oder strukturierte
Oberflächen zur Aufbrechung von Oxidschichten eingesetzt werden. Eine
ausreichende Erprobung sollte die Auslegung stets begleiten. Neben
Langzeittests unter thermischer Belastung kann ein Hysteresetest helfen zu
bestimmen, wie sich der Widerstand mit zunehmender Kraft reduziert und ab
welchem Punkt die Kontaktstellen wieder instabil werden. Ein häufiger Fehler
besteht darin, Vibration und Relaxation getrennt zu testen. Sinnvoller ist es,
zunächst eine thermische Alterung durchzuführen, um Kriechen und Relaxation zu
induzieren, und anschließend Vibrationstests durchzuführen. Dieser Ansatz
bildet den kritischeren Lastpfad ab und erhöht die Wahrscheinlichkeit, die
Stabilität der Verbindung sicherzustellen.
Standardisierung
im Bordnetz: wohin sich der Markt entwickelt
In welche Richtung entwickelt sich der Markt – mehr
Standardisierung oder mehr OEM-spezifische Verbindungskonzepte?
Der Markt entwickelt sich in beide Richtungen, jedoch nicht
einheitlich über alle Spannungs- und Anwendungsbereiche hinweg. Vor einigen
Jahren gab es ernsthafte Bestrebungen, Steckgeometrien und Schnittstellen zu
standardisieren, jedoch mit begrenztem Erfolg. Ein Grund dafür ist, dass
Standardisierung Zeit benötigt, während OEMs gleichzeitig schnelle
Entwicklungen bei E/E-Architekturen vorantreiben. In Bereichen mit starker
technologischer Dynamik besteht daher derzeit wenig Interesse an strikter
Standardisierung. OEMs setzen zunehmend auf eigene Verbindungskonzepte, um
Architektur, Packaging und Performance zu differenzieren – insbesondere in
Hochleistungs- und sicherheitskritischen Anwendungen. Im Niedervoltbereich
hingegen schreitet die Standardisierung weiter voran, getrieben durch
Kostendruck, Skaleneffekte und ausgereifte Technologien. Hier können
standardisierte Schnittstellen Komplexität reduzieren und die Flexibilität
gegenüber Lieferanten erhöhen, ohne Innovation einzuschränken. Trotz klarer Vorteile
in Bezug auf Automatisierung und Kostenreduktion überwiegt kurzfristig der
Trend zu OEM-spezifischen Systemlösungen mit selektiver Standardisierung auf
Komponenten- und Niedervoltebene.
Was möchten Sie persönlich vom Bordnetzkongress 2026 in
Ludwigsburg mitnehmen?
Wir freuen uns insbesondere auf die Networking-Möglichkeiten
beim Bordnetzkongress 2026. Die Konferenz bietet eine wertvolle Plattform, um
praktische Erfahrungen bei der Integration von Hochvoltsystemen auszutauschen,
neue Technologien zu diskutieren und branchenübergreifende Perspektiven von
OEMs, Zulieferern und Technologieanbietern zu gewinnen.