Interview mit Thomas Lorenz, Technical Specialist bei One Mobility

„Die größte Herausforderung liegt in der Prozessstabilität“

Wie lässt sich Aluminium in LV- und HV-Kontaktsystemen zuverlässig einsetzen? Thomas Lorenz von One Mobility zeigt, wo das Metall Vorteile bietet – und welche prozessseitigen Grenzen heute noch entscheidend sind.

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Mann im Anzug blickt lächelnd vor heller Wand in die Kamera
Thomas Lorenz verfügt über mehr als 13 Jahre Erfahrung in Advanced Connection Technologies, LV- und HV-Systemen sowie in der Analyse von Automotive-Komponenten.

Mit der rasant voranschreitenden Elektrifizierung von Fahrzeugen gewinnen Materialentscheidungen in Bordnetzen und Kontaktsystemen zunehmend strategische Bedeutung. Aluminium etabliert sich dabei sowohl in Nieder- als auch in Hochvoltanwendungen und bietet klare Vorteile bei Gewicht und Kosten. Gleichzeitig stellt sein konsistenter und skalierbarer Einsatz die Branche weiterhin vor technische, qualifikatorische und prozessuale Herausforderungen.

Thomas Lorenz, Technical Specialist bei One Mobility, verfügt über mehr als 13 Jahre Erfahrung in Advanced Connection Technologies und der Analyse von Automotive-Komponenten. Er war als Entwicklungsingenieur im Bereich Advanced Connection Technologies an der Entwicklung von Bordnetzsystemen bei OEMs wie BMW, Daimler, Porsche, Audi, VW und Bugatti tätig und bringt umfangreiche praktische Erfahrung in Kontaktsystemen und Fehleranalysen mit.

Auf dem Bordnetzkongress 2026 in Ludwigsburg spricht er über den konsistenten Einsatz von Aluminium in LV- und HV-Kontaktsystemen. Im Vorfeld der Veranstaltung haben wir mit ihm gesprochen.

Herr Lorenz, was wird in den nächsten fünf Jahren die größte Herausforderung für die Bordnetz- und EDS-Branche sein – und warum?

Die größte Herausforderung wird darin bestehen, mit der Geschwindigkeit einiger nicht-europäischer OEMs Schritt zu halten. Diese haben viel gelernt, indem sie uns beobachtet haben, sie wurden jedoch nie in gleichem Maße durch Bürokratie ausgebremst und lösen Probleme eher durch Erfahrung als durch Papierarbeit.

Welche Entscheidung im Material- oder Fügeverbindungsbereich, die heute getroffen wird, hat den größten Einfluss auf Zuverlässigkeit und Lebenszykluskosten?

Um ehrlich zu sein: Kupfer und Aluminium werden sich nie vollständig gegenseitig ersetzen, es hängt stark vom Anwendungsfall ab, und oft ist eine Kombination sinnvoll. Je mehr Aluminium in Komponenten eingesetzt wird, desto stärker wird auch die Nachfrage steigen. Viele Unternehmen arbeiten bereits an Sicherungen, Schaltern und Relais auf Aluminium-Basis oder mit Fokus auf deren Anbindung an Aluminium. Aluminium ist heute deutlich verbreiteter als noch zu Beginn seiner Nutzung im Jahr 2001 im VW Phaeton als Kabel. Es dauerte bis 2014, bis erstmals ein Aluminiumkontakt mit BMW in Serie ging. Das zeigt, wie schwierig es ist, etablierte Materialregeln zu durchbrechen. Selbst heute ist noch nicht allgemein bekannt, dass diese Materialien als zuverlässige elektrische Kontakte eingesetzt werden können. 

Wo spielt Aluminium seine Vorteile in puncto Gewicht, Kosten oder Lieferkette aus – und wo bestehen weiterhin technische Hürden?

Ein klarer Vorteil zeigt sich überall dort, wo Kabel und Busbars hohe Ströme führen müssen. Je nach Fahrzeugarchitektur betrifft das etwa Ladekabel zwischen DC-Port und HV-Batterie, Modulverbindungen, Verbindungen innerhalb von PDUs oder zwischen Inverter und E-Motor. Auch Startergenerator- und Masseleitungen im LV-Bereich sind etabliert. Herausforderungen bestehen weiterhin dort, wo unterschiedliche Materialien kombiniert werden und zuverlässige Kontaktierungen – etwa durch Schweißen – noch nicht ausreichend etabliert sind. Steck- oder Schraubverbindungen sind möglich, benötigen jedoch viel Bauraum, insbesondere in Batterie- oder PDU-Bereichen. Schweißen ist daher zentral, allerdings erfordert das Fügen von Aluminium und Kupfer viel Erfahrung und enge Prozesskontrolle. Reine Cu/Cu- oder Al/Al-Verbindungen sind deutlich einfacher beherrschbar und vermeiden kritische intermetallische Phasen, die bei Cu/Al-Verbindungen im Schmelzprozess entstehen können. 

Alle Infos zum Bordnetze im Automobil Kongress

Der Bordnetzkongress gilt als zentrale Branchenplattform für Entwickler, Zulieferer und OEMs, die sich mit der elektrischen und elektronischen Architektur heutiger Fahrzeuge befassen. Im Fokus stehen Trends wie zonale Architekturen, steigende Bordnetzspannungen, neue E/E-Konzepte sowie deren Auswirkungen auf Kosten, Gewicht und Komplexität. 

Der 14. Kongress "Bordnetze im Automobil" wird am 5. bis 6. Mai 2026 in Ludwigsburg, stattfinden. Sind Sie gespannt? Registrieren Sie sich jetzt und sichern Sie sich Ihr Ticket.

Weitere Informationen zum Bordnetze im Automobil Kongress finden Sie hier.

Was sind die zentralen Herausforderungen bei Verbindung und Kontaktierung, etwa galvanische Korrosion, Fretting oder Kontaktwiderstand – und wie lassen sich diese beherrschen?

Bei Cu/Al-Verbindungen liegt die größte Herausforderung in der Prozessstabilität sowie in der notwendigen Erfahrung, um eine kosteneffiziente und gleichzeitig zuverlässige Lösung zu gewährleisten. Bei Aluminium-Aluminium-Verbindungen steht vor allem Korrosion im Fokus. In HV-Batterien oder PDUs spielt die korrosive Umgebung jedoch eine geringere Rolle als in manchen LV-Anwendungen. Auch hierfür existieren geeignete Lösungen.

Wie müssen Qualifikations- und Testmethoden angepasst werden, damit Aluminium in HV-Anwendungen breite Verwendung findet?

Die Umweltprüfungen sollten im Grunde unverändert bleiben. Idealerweise sollte der Materialwechsel im Ergebnis nicht erkennbar sein. Das ist grundsätzlich gut umsetzbar – mit Ausnahme von Korrosionstests.

Inwiefern sollten Entwickler Designregeln ändern, wenn sie konsequent von Kupfer auf Aluminium umstellen?

Weniger die Designregeln selbst sind entscheidend, sondern vielmehr das Verständnis dafür, dass eine Vielzahl unterschiedlicher Legierungen zur Verfügung steht, die je nach Zielsetzung ausgewählt werden müssen.

Was erhoffen Sie sich vom Bordnetzkongress 2026?

Neue Kontakte, inspirierende Gespräche und die Perspektiven anderer Unternehmen.