Rüstung und Mikroelektronik wachsen zusammen: Geopolitische Spannungen treiben Politik und Industrie zur engeren Kooperation. Doch Europas Stärke liegt nicht in Autarkie, sondern in skalierbarer Produktion, resilienten Lieferketten und kluger Verzahnung ziviler und militärischer Nachfrage.
Frank BösenbergFrankBösenberg
3 min
Silicon Saxony / Hüthig-Medien
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In
Berlin trafen sich diesen Monat die Spitzen der Rüstungsindustrie mit
Verteidigungsminister Boris Pistorius und Wirtschaftsministerin Katharina
Reiche. Beim „Rüstungsgipfel“ machten sie deutlich, dass Politik und Industrie
in Zeiten geopolitischer Spannungen zusammenrücken. Fast zeitgleich feierte
GlobalFoundries in Dresden den Baustart seiner Werkserweiterung – das Projekt
„SPRINT“, das die Kapazität um mehr als 110.000 Wafer pro Jahr erhöhen und 1,1
Milliarden Euro kosten soll. Bemerkenswert ist, dass nun erstmals auch die
Verteidigungsindustrie als möglicher Kunde genannt wird. Was noch vor wenigen
Jahren undenkbar schien, wird plötzlich Realität: Rüstungspolitik trifft
Mikroelektronik.
Verteidigungspolitik
trifft Silizium
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Immer
häufiger arbeiten klassische Rüstungsunternehmen mit Partnern aus bisher rein
zivilen Technologiebranchen zusammen – von Halbleitern über KI-Infrastruktur
bis hin zu Sensorik und Kommunikation. Das ist mehr als ein Trend. Es ist ein
struktureller Wandel, der zu einer unbequemen, aber zentralen Erkenntnis führt:
moderne Verteidigung ist ohne Mikroelektronik nicht denkbar und ohne zivile
Skalierung nicht tragfähig. Drohnen, Radarsysteme, elektronische Kriegsführung,
Satelliten oder präzisionsgelenkte Munition sind im Kern hochkomplexe
elektronische Systeme. In den vergangenen Jahren ist der Anteil elektronischer
Komponenten in Waffensystemen stetig gestiegen und liegt heute oft bei über 50
Prozent. Doch was im Ernstfall wirklich zählt, ist nicht nur technologische
Exzellenz, sondern der Zugang – die Fähigkeit, Daten,
Komponenten und Produktionskapazitäten jederzeit kontrollieren und skalieren zu
können.
Hier
entsteht das eigentliche Dilemma: Die Mikroelektronik folgt einer
industriellen, nicht einer militärischen Logik. Die entscheidenden Volumina
entstehen in zivilen Märkten – etwa in der Automobilindustrie, bei
industrieller Elektronik, KI-Systemen oder Telekommunikation. „Dual Use“ ist
deshalb keine politische Floskel, sondern eine operative Notwendigkeit. Ohne
Nachfrage aus der Breite der Industrie können keine robusten und
widerstandsfähigen Lieferketten für militärische Anwendungen entstehen. In Europa
diskutieren wir Halbleiterfragen oft unter dem Stichwort „technologische
Souveränität“. Doch diese Debatte greift zu kurz. Europa wird auf absehbare
Zeit nicht jede Schlüsseltechnologie selbst beherrschen – weder bei
Hochleistungsprozessoren noch bei Spezialkomponenten. Die entscheidende Frage
lautet daher: Welche Teile der Wertschöpfung müssen wir kontrollieren, um im
Krisenfall handlungsfähig zu bleiben? Die Antwort liegt dort, wo wir unsere
Stärken haben – bei verlässlicher, skalierbarer Produktion, sicheren
Lieferketten und langfristig verfügbaren, robusten Technologien.
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Rechenzentrumsstrategie:
Gut, aber unvollständig
Die
im März 2026 verabschiedete Nationale Rechenzentrumsstrategie ist
ein Schritt in die richtige Richtung. Sie berücksichtigt erstmals auch die
Anwendungsebene und stärkt den Aufbau von KI-Rechenkapazitäten in Europa. Doch
sie blendet einen entscheidenden Aspekt aus: die physische Produktion der
Mikroelektronik, auf der diese digitalen Infrastrukturen laufen. Hier läge die
Chance, Dual-Use-Ansätze gezielt zu nutzen – also die zivile Nachfrage mit
sicherheitsrelevanten Anforderungen zu verzahnen. Stattdessen bleiben
Forschungs‑, Industrie‑, Digital‑ und Sicherheitspolitik weiterhin weitgehend
getrennte Sphären. Das ist kein industrielles, sondern ein politisches Problem:
Wir programmieren Hochleistungsrechner, aber vergessen, auf welchem Silizium
sie rechnen.
In
der Verteidigungstechnik wird häufig auf sogenannte COTS-Komponenten gesetzt
– Commercial Off The Shelf, also handelsübliche, am Markt
verfügbare Elektronik ohne militärische Spezifikation. In stabilen Zeiten ist
das effizient und kostengünstig. Doch im Krisenfall erweist sich diese
Bequemlichkeit als Schwachstelle. Die globalen Lieferketten für kritische
Mikroelektronik sind hochkonzentriert – sowohl geografisch als auch
technologisch. Fällt ein Teil dieser Struktur aus, lässt sich das Angebot nicht
kurzfristig ersetzen. Eine Möglichkeit, dieses Risiko abzufedern, wäre der
Aufbau größerer Lagerbestände für zentrale Bauteile. Doch das bindet erhebliche
finanzielle Mittel und führt zu hohen Working‑Capital‑Kosten –
also genau jenen Aufwänden, die das COTS‑Prinzip ursprünglich vermeiden wollte.
Schon heute gibt es für viele Schlüsselkomponenten in Europa keine
Ausweichquellen. Eine reine COTS‑Strategie bedeutet daher Abhängigkeit – und
damit ein sicherheitspolitisches Risiko.
Europäischer
Blick: Integration statt Isolation
Gerade
deshalb gewinnen bestehende europäische Cluster an strategischer
Bedeutung. Silicon Saxony in Dresden ist einer der wenigen
Orte, an denen Forschung, Entwicklung und industrielle Fertigung in der
Mikroelektronik in relevanter Tiefe zusammenkommen. Projekte wie die
SPRINT-Erweiterung von GlobalFoundries schaffen dort nicht nur zusätzliche
Kapazitäten, sondern vor allem eine kontrollierbare Produktionsfähigkeit
innerhalb Europas. Für die Verteidigungsindustrie ist das keine Option, sondern
eine Notwendigkeit. Wer langfristig Verfügbarkeit, Sicherheit und
Skalierbarkeit gewährleisten will, muss zivile und militärische Nachfrage
frühzeitig verzahnen. Ein moderner europäischer Ansatz darf sich nicht an
nationalen Grenzen erschöpfen. Deutschland kann dabei eine Schlüsselrolle
spielen – nicht als Alleingänger, sondern als industrieller Anker in einem
europäischen Verbund. Der Rüstungsgipfel war ein wichtiges Signal, und
GlobalFoundries zeigt, dass die Industrie bereit ist, zu investieren und neue
Partnerschaften einzugehen. Doch die eigentliche Herausforderung liegt auf
politischer Ebene. Souveränität entsteht nicht durch Ankündigungen,
sondern durch Kontrolle über kritische Technologien – und durch deren
Verankerung in einer starken Industrie. Verteidigungsfähigkeit beginnt
nicht auf dem Schlachtfeld. Sie beginnt im Reinraum. (na)
Autor:
Frank Bösenberg, Geschäftsführer bei Silicon Saxony
Sustainability Gate @ Silicon Saxony Days 2026
Nachhaltigkeit entscheidet zunehmend darüber, wie Elektronik künftig entwickelt, gefertigt und eingesetzt wird. Regulatorische Anforderungen, knappe Ressourcen und steigende Kosten treffen auf einen hohen Innovationsdruck – und verlangen nach neuen Lösungen entlang des gesamten Produktlebenszyklus.
Genau hier setzt das Sustainability Gate an, das die Fachmagazine productronic und elektronik industrie gemeinsam mit Silicon Saxony e. V. im Rahmen der Silicon Saxony Days 2026 (15.–17. Juni, Flughafen Dresden) veranstalten. Im Mittelpunkt stehen konkrete Ansätze, Erfahrungen und Technologien – von Nachhaltigkeitsmanagement und Design über Fertigungskonzepte bis hin zu Recycling und Kreislaufwirtschaft.
Mit Beiträgen unter anderem von Celus, Elesta, RS Components, Nexperia und dem VDE bringt das Sustainability Gate zentrale Akteure der Branche zusammen und schafft Raum für Austausch und neue Perspektiven. Bleiben Sie gespannt – weitere Details zu Programm und Inhalten folgen in Kürze.