Kolumne von Silicon Saxony

Verteidigungsfähigkeit beginnt im Reinraum

Rüstung und Mikroelektronik wachsen zusammen: Geopolitische Spannungen treiben Politik und Industrie zur engeren Kooperation. Doch Europas Stärke liegt nicht in Autarkie, sondern in skalierbarer Produktion, resilienten Lieferketten und kluger Verzahnung ziviler und militärischer Nachfrage.

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In Berlin trafen sich diesen Monat die Spitzen der Rüstungsindustrie mit Verteidigungsminister Boris Pistorius und Wirtschaftsministerin Katharina Reiche. Beim „Rüstungsgipfel“ machten sie deutlich, dass Politik und Industrie in Zeiten geopolitischer Spannungen zusammenrücken. Fast zeitgleich feierte GlobalFoundries in Dresden den Baustart seiner Werks­erweiterung – das Projekt „SPRINT“, das die Kapazität um mehr als 110.000 Wafer pro Jahr erhöhen und 1,1 Milliarden Euro kosten soll. Bemerkenswert ist, dass nun erstmals auch die Verteidigungsindustrie als möglicher Kunde genannt wird. Was noch vor wenigen Jahren undenkbar schien, wird plötzlich Realität: Rüstungspolitik trifft Mikroelektronik. 

Verteidigungspolitik trifft Silizium

Immer häufiger arbeiten klassische Rüstungsunternehmen mit Partnern aus bisher rein zivilen Technologiebranchen zusammen – von Halbleitern über KI-Infrastruktur bis hin zu Sensorik und Kommunikation. Das ist mehr als ein Trend. Es ist ein struktureller Wandel, der zu einer unbequemen, aber zentralen Erkenntnis führt: moderne Verteidigung ist ohne Mikroelektronik nicht denkbar und ohne zivile Skalierung nicht tragfähig. Drohnen, Radarsysteme, elektronische Kriegsführung, Satelliten oder präzisionsgelenkte Munition sind im Kern hochkomplexe elektronische Systeme. In den vergangenen Jahren ist der Anteil elektronischer Komponenten in Waffensystemen stetig gestiegen und liegt heute oft bei über 50 Prozent. Doch was im Ernstfall wirklich zählt, ist nicht nur technologische Exzellenz, sondern der Zugang – die Fähigkeit, Daten, Komponenten und Produktionskapazitäten jederzeit kontrollieren und skalieren zu können. 

Zivile Skalierung und strategische Abhängigkeiten

Hier entsteht das eigentliche Dilemma: Die Mikroelektronik folgt einer industriellen, nicht einer militärischen Logik. Die entscheidenden Volumina entstehen in zivilen Märkten – etwa in der Automobilindustrie, bei industrieller Elektronik, KI-Systemen oder Telekommunikation. „Dual Use“ ist deshalb keine politische Floskel, sondern eine operative Notwendigkeit. Ohne Nachfrage aus der Breite der Industrie können keine robusten und widerstandsfähigen Lieferketten für militärische Anwendungen entstehen. In Europa diskutieren wir Halbleiterfragen oft unter dem Stichwort „technologische Souveränität“. Doch diese Debatte greift zu kurz. Europa wird auf absehbare Zeit nicht jede Schlüsseltechnologie selbst beherrschen – weder bei Hochleistungsprozessoren noch bei Spezialkomponenten. Die entscheidende Frage lautet daher: Welche Teile der Wertschöpfung müssen wir kontrollieren, um im Krisenfall handlungsfähig zu bleiben? Die Antwort liegt dort, wo wir unsere Stärken haben – bei verlässlicher, skalierbarer Produktion, sicheren Lieferketten und langfristig verfügbaren, robusten Technologien.

Rechenzentrumsstrategie: Gut, aber unvollständig

Die im März 2026 verabschiedete Nationale Rechenzentrumsstrategie ist ein Schritt in die richtige Richtung. Sie berücksichtigt erstmals auch die Anwendungsebene und stärkt den Aufbau von KI-Rechenkapazitäten in Europa. Doch sie blendet einen entscheidenden Aspekt aus: die physische Produktion der Mikroelektronik, auf der diese digitalen Infrastrukturen laufen. Hier läge die Chance, Dual-Use-Ansätze gezielt zu nutzen – also die zivile Nachfrage mit sicherheitsrelevanten Anforderungen zu verzahnen. Stattdessen bleiben Forschungs‑, Industrie‑, Digital‑ und Sicherheitspolitik weiterhin weitgehend getrennte Sphären. Das ist kein industrielles, sondern ein politisches Problem: Wir programmieren Hochleistungsrechner, aber vergessen, auf welchem Silizium sie rechnen.

COTS: Bequem, aber riskant

In der Verteidigungstechnik wird häufig auf sogenannte COTS-Komponenten gesetzt – Commercial Off The Shelf, also handelsübliche, am Markt verfügbare Elektronik ohne militärische Spezifikation. In stabilen Zeiten ist das effizient und kostengünstig. Doch im Krisenfall erweist sich diese Bequemlichkeit als Schwachstelle. Die globalen Lieferketten für kritische Mikroelektronik sind hochkonzentriert – sowohl geografisch als auch technologisch. Fällt ein Teil dieser Struktur aus, lässt sich das Angebot nicht kurzfristig ersetzen. Eine Möglichkeit, dieses Risiko abzufedern, wäre der Aufbau größerer Lagerbestände für zentrale Bauteile. Doch das bindet erhebliche finanzielle Mittel und führt zu hohen Working‑Capital‑Kosten – also genau jenen Aufwänden, die das COTS‑Prinzip ursprünglich vermeiden wollte. Schon heute gibt es für viele Schlüsselkomponenten in Europa keine Ausweichquellen. Eine reine COTS‑Strategie bedeutet daher Abhängigkeit – und damit ein sicherheitspolitisches Risiko. 

Europäischer Blick: Integration statt Isolation

Gerade deshalb gewinnen bestehende europäische Cluster an strategischer Bedeutung. Silicon Saxony in Dresden ist einer der wenigen Orte, an denen Forschung, Entwicklung und industrielle Fertigung in der Mikroelektronik in relevanter Tiefe zusammenkommen. Projekte wie die SPRINT-Erweiterung von GlobalFoundries schaffen dort nicht nur zusätzliche Kapazitäten, sondern vor allem eine kontrollierbare Produktionsfähigkeit innerhalb Europas. Für die Verteidigungsindustrie ist das keine Option, sondern eine Notwendigkeit. Wer langfristig Verfügbarkeit, Sicherheit und Skalierbarkeit gewährleisten will, muss zivile und militärische Nachfrage frühzeitig verzahnen. Ein moderner europäischer Ansatz darf sich nicht an nationalen Grenzen erschöpfen. Deutschland kann dabei eine Schlüsselrolle spielen – nicht als Alleingänger, sondern als industrieller Anker in einem europäischen Verbund. Der Rüstungsgipfel war ein wichtiges Signal, und GlobalFoundries zeigt, dass die Industrie bereit ist, zu investieren und neue Partnerschaften einzugehen. Doch die eigentliche Herausforderung liegt auf politischer Ebene. Souveränität entsteht nicht durch Ankündigungen, sondern durch Kontrolle über kritische Technologien – und durch deren Verankerung in einer starken Industrie. Verteidigungsfähigkeit beginnt nicht auf dem Schlachtfeld. Sie beginnt im Reinraum. (na)

Autor:

Frank Bösenberg, Geschäftsführer bei Silicon Saxony

Sustainability Gate @ Silicon Saxony Days 2026

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