Vorwärtsfehlerkorrektur in der Luft- und Raumfahrt
Hohe Datenraten über Glasfaser erweitern die Möglichkeiten moderner Avionik, erhöhen jedoch die Anforderungen an die Signalqualität. Vorwärtsfehlerkorrektur trägt dazu bei, Bitfehlerraten zu senken und Übertragungen robuster auszulegen.
Grover BrowerGroverBrower
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Luft- und Raumfahrtsysteme unterstützen im Zuge
ihrer Weiterentwicklung immer datenintensivere Funktionen – angefangen von
Echtzeitvideos und Sensorfusion bis hin zu fortschrittlichen Radaranlagen.
Dabei stoßen herkömmliche Datenbusse wie MIL-STD-1553 an ihre Grenzen. Wegen
ihres geringen Durchsatzes und ihrer veralteten Architektur können sie nicht
mit missionskritischen Systemen mithalten, die heute die Bandbreite,
Geschwindigkeit und Flexibilität von Ethernet-basierten Glasfaserverbindungen
benötigen.
Warum steigt die Fehleranfälligkeit bei hohen Datenraten?
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Glasfaserleitungen, die auf den IEEE
802.3-Standards basieren, bieten Datenraten von 1 Gbit/s bis
400 Gbit/s und ermöglichen so die robuste digitale Infrastruktur, die eine
aktuelle Avionik erfordert. Diese Umstellung bringt jedoch eine Herausforderung
mit sich: optische Hochgeschwindigkeitssysteme sind anfälliger für
Signalverschlechterungen durch Jitter, Interferenzen und Dämpfung. Um die
Signalintegrität aufrechtzuerhalten und die für die Flug- und
Missionssicherheit unerlässlichen extrem niedrigen Bitfehlerraten (Bit Error
Rates – BER) zu erreichen, greifen Entwickler auf ein altbekanntes Hilfsmittel
aus dem Bereich der Langstreckennetzwerke zurück: die Vorwärtsfehlerkorrektur
(Forward Error Correction – FEC).
Dieser Artikel befasst sich mit den Prinzipien der
FEC, ihrer Bedeutung für Glasfasersysteme in der Luft- und Raumfahrt und den
Kompromissen, die Ingenieure bei der Implementierung in Architekturen der
nächsten Generation abwägen müssen.
Optische Hochgeschwindigkeitsverbindungen in der Avionik
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Aktuelle Luft- und Raumfahrt- sowie
Verteidigungssysteme müssen immer größere Datenmengen in rauen Umgebungen
übertragen. Anwendungen wie hochauflösende Sensordaten, erweiterte
Situationserkennung, fortschrittliche Befehls- und Kontrollfunktionen sowie
KI-gestützte Analysen erfordern eine schnelle Übertragung und außergewöhnliche
Signalzuverlässigkeit. Dies hat zu einer Abkehr von deterministischen
Altsystemen hin zu Glasfaserverbindungen mit hohem Durchsatz geführt.
IEEE 802.3 Ethernet über Glasfaser bietet einen
skalierbaren Standard für solche Kommunikationen mit
Übertragungsgeschwindigkeiten von bis zu 400 Gbit/s. Dies eröffnet zwar
neue Leistungsgrenzen, bringt aber auch größere Risiken hinsichtlich der Signalintegrität
mit sich. Im Gegensatz zu älteren Systemen, bei denen niedrige Datenraten
geringfügige Verluste kaschierten, sind Hochgeschwindigkeits-Glasfaserverbindungen
in dieser Hinsicht weniger tolerant. Dies liegt vor allem daran, dass
Datencodierungsverfahren wie die 4-stufige Pulsamplitudenmodulation (PAM4) die
Spannungsreserven verringern und die Rauschanfälligkeit erhöhen.
In diesem neuen Kontext erweist sich FEC als
unverzichtbares Werkzeug für eine zuverlässige Kommunikation in
rauschbehafteten Umgebungen.
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Welche Bedeutung hat das Signal-Rausch-Verhältnis?
Die Signalintegrität bei der Datenübertragung hängt
von einem entscheidenden Faktor ab: dem Signal-Rausch-Verhältnis
(Signal-to-Noise Ratio – SNR). Das SNR ist definiert als das Verhältnis von
Signalleistung zu Rauschleistung und bestimmt die Fähigkeit des Systems, eine
übertragene Information genau von Hintergrundstörungen zu unterscheiden. Er
wird in Dezibel (dB) anhand der folgenden Formel ausgedrückt:
SNR (dB) =
10 · log₁₀ (P_Signal / P_Rauschen)
In Anwendungen mit einem hohen SNR treten
Datenfehler selten auf. Das effektive SNR sinkt jedoch mit steigender Datenrate
und zunehmenden Störquellen, sei es durch Laserjitter, unsaubere Anschlüsse
oder Empfängerbeschränkungen. Wenn keine zusätzlichen Maßnahmen ergriffen
werden, kann ein System, das bei 1 Gbit/s gut funktioniert, bei
25 Gbit/s eine inakzeptable BER aufweisen.
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Bei kritischen Avionikfunktionen kann jedoch schon
eine geringfügige Datenverfälschung erhebliche Folgen haben. Während einige
Anwendungen eine BER von 10⁻⁴ tolerieren können, erfordern sicherheitskritische
Systeme oft eine BER von maximal 10⁻¹². Um eine solche Leistung in
Hochgeschwindigkeitsumgebungen zu erreichen, sind kostspielige Upgrades der
Komponenten oder eben der strategische Einsatz von FEC erforderlich.
Herkömmliche Ansätze zur Fehlerbehandlung, wie
Paritätsbits, Prüfsummen und zyklische Redundanzprüfungen (CRC), können Fehler
erkennen, aber nicht korrigieren. Diese Techniken sind zwar unkompliziert und
schnell, aber wenn sie allein verwendet werden, muss das System eine erneute
Übertragung anfordern, was in vielen Echtzeit- oder
Einweg-Kommunikationsumgebungen unpraktisch oder unmöglich ist.
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Bild 1: Optische Kommunikation.Cinch
FEC löst dieses Problem, indem sie Redundanz direkt
in den Datenstrom einfügt. Dabei werden jedem Datenblock zusätzliche
„Paritäts-“ oder „Prüfbits“ hinzugefügt, sodass der Empfänger bestimmte Fehler
erkennen und korrigieren kann, ohne sie erneut übertragen zu müssen. Das in der
optischen Kommunikation am häufigsten verwendete FEC-Verfahren ist die
Reed-Solomon-Kodierung (RS), beispielsweise RS(255,239), bei der 239
Datensymbole mit 16 Paritätssymbolen kodiert werden. Mit dieser Konfiguration
kann der Empfänger bis zu 8 Symbolfehler pro Block korrigieren.
Damit verbessert FEC die effektive BER um ein
Vielfaches, häufig von 10⁻⁴ auf 10⁻¹². Sie erhöht effektiv die Rauschtoleranz
des Systems auch ohne drastische Verbesserung der Laserleistung,
Steckerqualität oder Fotodetektorleistung.
Latenz, Overhead und Systemdesign
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Natürlich hat FEC auch Nachteile. Jedes
Codierungsverfahren führt zu einem Symbol-Overhead, erhöht die Komplexität der
Verarbeitung und verursacht aufgrund der blockbasierten Codierung und
Decodierung zusätzliche Latenz.
So verursacht RS(255,239) beispielsweise einen
Overhead von etwa 6,3 Prozent. Um dies auszugleichen, können Entwickler die
Übertragungsrate erhöhen, oder den reduzierten Durchsatz akzeptieren.
Zusätzlich wird die Latenz bei der Blockverarbeitung mit niedrigeren Datenraten
signifikanter. Ein System mit 10 Gbit/s weist vielleicht nur eine Latenz
von 1 µs auf, was einer Verzögerung von 300 m Glasfaserleitung
entspricht, während eine Verbindung mit 1 Gbit/s eine Latenz von
10 µs verursachen kann, was einer Verzögerung von 3 km entspricht.
Daher müssen Ingenieure die Vorteile einer
verbesserten BER gegen die zusätzliche Komplexität und Systemverzögerung
abwägen, insbesondere bei latenzempfindlichen Luft- und Raumfahrtanwendungen.
Nicht jede Glasfaserverbindung in einem Flugzeug-
oder Satellitensystem benötigt FEC. Bei niedrigen Datenraten (z. B.
1–2 Gbit/s) ist es oft kostengünstiger, die BER durch die Verbesserung
einzelner Verbindungskomponenten zu verbessern, wie beispielsweise:
Erhöhung der Laserausgangsleistung
Verwendung einer Diode mit höherem
Extinktionsverhältnis (ER)
Auswahl eines empfindlicheren Fotodetektors
Reduzierung von Steckerverlusten
Bei Geschwindigkeiten von 10 Gbit/s und mehr
reichen diese stückweisen Verbesserungen jedoch möglicherweise nicht aus. Denn
die kombinierten Auswirkungen von Laserjitter, Intersymbolinterferenz (ISI),
Empfängerrauschen und Bandbreitenbeschränkungen lassen sich nicht immer allein
mit Hardware mindern. So wird FEC zu einer strategischen Notwendigkeit, um das
Verbindungsbudget überschaubar zu halten und die Robustheit des Systems unter
realen Bedingungen sicherzustellen.
Darüber hinaus erfordert die Verwendung von FEC
koordinierte Änderungen an beiden Enden der Verbindung, also sowohl beim Sender
und als auch beim Empfänger. Dies kann zwar die Komplexität des Systems im
Vorfeld erhöhen, bietet dafür aber auch eine architektonische Möglichkeit, die
Skalierbarkeit und Zukunftssicherheit auch bei weiter steigenden
Datenanforderungen zu gewährleisten.
FEC und PAM4
Ein Faktor, der die Einführung von FEC noch
dringlicher werden lässt, ist der zunehmende Einsatz von PAM4 in
Hochgeschwindigkeitsverbindungen. PAM4 ermöglicht die Übertragung von zwei Bits
pro Symbol, wodurch die Datenraten effektiv verdoppelt werden, ohne die
Baudrate zu erhöhen. Dies hat jedoch seinen Preis: Die Logikpegelamplitude wird
auf ein Drittel der Amplitude bei der NRZ-Modulation reduziert, wodurch sich
das SNR bei vergleichbarer BER um fast 9,5 dB verschlechtert.
Diese verringerte Reserve bedeutet, dass
PAM4-basierte Systeme von Natur aus rauschbehafteter und fehleranfälliger sind.
Daher ist FEC in solchen Umgebungen unverzichtbar. PAM4-Systeme werden häufig
mit FEC als integrierter Funktion entwickelt, um selbst unter idealen
Laborbedingungen eine akzeptable BER-Leistung zu ermöglichen.
Der Kompromiss macht Sinn: Der Umbau von
Schaltungen zur Reduzierung von Rauschen kann teuer und zeitaufwändig sein.
Dagegen dürfte die Integration von FEC wirtschaftlicher und effektiver sein,
insbesondere wenn es um Standardkomponenten oder bestehende Plattformen geht.
Systemarchitektur und Rauschquellen bei Glasfasertechnik
Luft- und Raumfahrtsysteme, die Glasfasertechnik
verwenden, haben entlang des gesamten Signalwegs mit einer Vielzahl von
Rauschquellen zu kämpfen, darunter:
Optischer Sender: Lasermodulationsjitter und
niedrige ER können die Signalklarheit beeinträchtigen.
Glasfaserkabel: Verbindungsverluste und
modale Dispersion können Signale beeinträchtigen, insbesondere in Mehrfaser-
oder Wellenlängenmultiplexsystemen.
Optischer Empfänger:
PIN-Diodenrauschen, Eingangsrauschen des Transimpedanzverstärkers (TIA) und
Abtastjitter tragen zur BER bei.
Konverterelektronik: ISI- und
Bandbreitenbeschränkungen auf beiden Seiten der Verbindung schränken die
Leistung zusätzlich ein.
Zusammengenommen verringern diese Probleme den
effektiven SNR des Systems. Hier bietet FEC einen Puffer, der die BER je nach
Codierungsverfahren um 6–10 dB verbessert und es Systemen ermöglicht,
strenge Leistungsziele zu erreichen, ohne die einzelnen Teilsysteme übermäßig
zu verkomplizieren.
Welche Rolle spielt die Empfängerempfindlichkeit?
Bild 2: BER vers. Empfindlichkeit.Cinch
Selbst in Luftfahrtanwendungen mit kurzen
Leitungsstrecken kann die Empfängerempfindlichkeit zum begrenzenden Faktor
werden. Wenn der Empfänger einen Signalverlust (LOS) bei einem Schwellenwert
meldet, der über dem Wert liegt, bei dem FEC die Daten noch wiederherstellen
könnte, geht der Vorteil von FEC verloren.
Beispielsweise könnte ein System eine uncodierte
BER von 10⁻⁴ bei -24,75 dBm erreichen. FEC könnte die Leistung zwar auf
-26,0 dBm erweitern, aber wenn der Empfänger bei -25 dBm einen LOS
auslöst, kann der zusätzliche Codierungsgewinn nicht genutzt werden. Daher
müssen Ingenieure das komplette System ganzheitlich konzipieren: Sender,
Glasfaser, Empfänger und FEC-Logik unter Berücksichtigung konsistenter
Leistungsschwellenwerte.
FEC als Schlüsselfaktor auf Systemebene
FEC ist nicht mehr nur ein Luxus, der
transkontinentalen Verbindungen vorbehalten ist, sondern ein wichtiger
Bestandteil bei der Konstruktion von Hochleistungs-Luft- und Raumfahrtsystemen.
Ob zur Kompensation der PAM4-Signalverschlechterung oder zur Rauschunterdrückung
in 25-Gbit/s-Verbindungen – FEC bietet verbesserte Zuverlässigkeit, geringere
BER und höhere Systemstabilität.
Bild 3: PAM4-Modulation.Cinch
Ihr Einsatz erfordert jedoch eine sorgfältige
Abwägung von Latenz, Komplexität und Implementierungskosten. Die Entscheidung
zur Implementierung von FEC sollte daher auf einer umfassenden Systembewertung
basieren, die nicht nur die Spezifikationen der einzelnen Komponenten, sondern
auch reale Rauschquellen und architektonische Einschränkungen berücksichtigt. (bs)
Autor: Grover
Brower, General Manager bei Cinch Connectivity Solutions