Die neue Kolumne von Silicon Saxony

Europas Chip-Zeitenwende?

Vier Jahre nach Einführung des Chips Act zeigt sich ein differenziertes Bild. Einzelne Projekte schreiten voran, andere wurden gestoppt. Marktanteile stagnieren, strukturelle Abhängigkeiten bleiben bestehen. Eine nüchterne Analyse der europäischen Halbleiterstrategie.

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Wenn sich in München die Welt zur Sicherheitskonferenz trifft, reden Militärs, Minister und CEOs über die neue Weltlage – über Zeitenwenden, Abschreckung und Allianzen. Dabei lohnt sich in diesen Tagen ein Blick auf eine andere Bühne, auf der ebenfalls über Macht und Souveränität entschieden wird: die Halbleiterindustrie.

Vier Jahre nach der Ankündigung des EU Chips Act ist der richtige Moment für eine nüchterne Standortbestimmung. Wo steht Europa tatsächlich? Die ehrliche Antwort liegt zwischen Ambition und Ernüchterung. Der jüngste Bericht des Europäischen Rechnungshofs zeichnet ein gemischtes Bild: Während einzelne Projekte vorankommen und sich in der Umsetzung befinden, sind andere, wie etwa die geplante Intel-Ansiedlung, vollständig entfallen. Damit verliert Europa nicht nur wichtige Bausteine entlang der Halbleiter-Wertschöpfungskette, sondern auch die realistische Perspektive, bestehende Lücken in absehbarer Zeit zu schließen.

Sicherheitspolitik trifft Silizium

Seit Chris Millers „Chip-Krieg“ sollte jedem klar sein: Wer Mikroelektronik kontrolliert, kontrolliert Einfluss, Kontrolle und Stabilität. Chips sind das neue Öl, die moderne Infrastruktur der Macht. Deutschland und Europa haben diese Lektion gelernt – aber zu spät und halbherzig.

Souveränität lässt sich nicht ausrufen – sie muss gebaut, verdient und bezahlt werden.

Frank Bösenberg, Geschäftsführer Silicon Saxony

Olaf Scholz hat mit seiner Zeitenwende-Rede 2022 die Verteidigungspolitik neu justiert. Für die Wirtschaft, für Technologie und Industrie, blieb die große Weichenstellung bislang aus. Der Draghi-Report beschreibt, was nötig wäre: strategisches Denken, gemeinsame Investitionen, Tempo. Doch zwischen Bericht und Umsetzung verläuft in Brüssel und Berlin oft ein tiefer Graben.

Vier Jahre Chips Act – die Uhr tickt

20 Prozent Weltmarktanteil bis 2030 lautete das große Versprechen. Heute, vier Jahre später, liegt Europa noch immer bei rund 10 Prozent. Natürlich – ASML ist eine Ausnahmeerscheinung, ein Trumpf im Ärmel. Aber ein Trumpf macht noch kein Spiel.

In fast allen anderen Bereichen – Chipdesign, Packa-ging, Materialien, Fertigung weit unterhalb der sogenannten mature nodes – sieht es ernüchternd aus.

Diese Lücken sind nicht nur ein industriepolitisches Problem, sondern ein sicherheitspolitisches Risiko. Ohne eigene technologische Tiefe bleibt Europa von Lieferketten abhängig, die andere kontrollieren – und die in Krisenzeiten schnell zur Waffe werden können.

Langsamkeit als Risiko

Das Beispiel FMC (Ferroelectric Memory Company) zeigt, woran Europa krankt. Seit über einem Jahr wartet das Unternehmen auf eine Entscheidung, ob im Rahmen des Chips Act überhaupt gebaut werden darf. Schweigen in Berlin, Schweigen in Brüssel. Während in Asien längst neue Fabriken aus dem Boden schießen, wird in Europa debattiert, geprüft, koordiniert.

Zwei Voraussetzungen wären entscheidend, um die eigene Schwäche auszugleichen: Geschwindigkeit und Zusammenarbeit. Beides klingt banal – und beides fehlt. Nationale Eitelkeiten bremsen die europäische Koordination, und der Politik fehlt der Mut, Projekte auch unter Unsicherheit einfach zu starten.

Forschung kein Ersatz für Industrie

Forschung ist die Komfortzone europäischer Politik. Milliarden fließen in Exzellenzcluster und Pilotprojekte – aber wer produziert am Ende die Chips? Ohne industrielle Skalierung bleibt Forschung ein Zuschussgeschäft. Jede Universität kann Grundlagenforschung betreiben, aber keine Steuerzahlerin wird zufrieden sein, wenn das Wissen dann in Asien oder den USA monetarisiert wird.

Europa war nicht eingeladen zur Pax

Silica, jener informellen Allianz, die die USA mit technologisch gleichgesinnten Nationen schmieden. Das sollte zu denken geben. Wenn wir über „digitale Souveränität“ sprechen, müssen wir endlich begreifen: Sie hört nicht beim Software-Stack auf. Sie reicht vom Silizium bis zum Endprodukt – von der Rohstoffverfügbarkeit bis zum Systemdesign.

Souveränität kostet

Souveränität lässt sich nicht ausrufen, sie muss verdient, gebaut und manchmal auch erkauft werden – durch harte Investitionsentscheidungen und den Mut, strukturelle Abhängigkeiten zu reduzieren. Der Chips Act war ein Anfang. Aber wenn Europa nicht mehr Mut zeigt, bleibt er auch das: ein Anfang ohne Fortsetzung.

Die Zeitenwende, von der Scholz sprach, wird sich nicht daran messen lassen, wie viele Reden darüber gehalten werden. Sie wird sich daran messen lassen, ob Europa endlich bereit ist, seine industrielle Basis so ernst zu nehmen wie seine Sicherheit – denn beides ist längst dasselbe Thema. (bs)

Autor

Frank Bösenberg, Geschäftsführer bei Silicon Saxony

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