Mehr Transparenz in der Elektronikfertigung

Warum EMS-Scout die OEM-Perspektive stärker in den Fokus rückt

2025 startete der EMS-Scout erstmals eine Umfrage unter OEMs mit EMS-Partnern. Im Interview erklären Michael Künsebeck und Matthias Holsten, warum sie den Markt bewusst aus Kundensicht analysieren, wo sie strukturelle Schwächen sehen und was sie planen.

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Article-Header zum Interview mit Michael Künsebeck und Matthias Holsten vom EMS-Scout: Im Hintergrund ist eine detailreiche Leiterplatte mit zentralem Mikrochip zu sehen, der durch eine Lupe vergrößert wird; auf dem Chip ist stilisiert die Europakarte erkennbar. Das Motiv symbolisiert Transparenz und Marktanalyse in der europäischen Elektronikfertigung. Eingebunden sind Porträts der beiden Interviewpartner, die im Gespräch erläutern, warum EMS-Scout 2025 erstmals eine OEM-Umfrage gestartet hat, um strukturelle Schwächen im EMS-Markt sichtbar zu machen – etwa fehlenden Marktüberblick, hybride Fertigungsmodelle und den Wandel im Einkauf, bei dem komplexe Baugruppen zunehmend nur noch als „Materialnummer“ betrachtet werden.
Michael Künsebeck (rechts) und Matthias Holsten (links) vom EMS-Scout erläutern im Interview, warum sie den EMS-Markt stärker aus Sicht der OEMs analysieren und mit ihrer Umfrage mehr Transparenz in die Zusammenarbeit zwischen Auftraggebern und Fertigungspartnern bringen wollen.

2025 veröffentlichte der EMS-Scout, eine B2B-Plattform zur Auswahl und Bewertung von EMS-Dienstleistern in Europa, erstmals eine eigene Umfrage unter OEMs, die mit EMS-Dienstleistern kooperieren. Ziel war es, systematisch zu erfassen, wie Auftraggeber ihre Fertigungspartner bewerten und welche Erwartungen sie an die Zusammenarbeit stellen. Im Mittelpunkt standen dabei Themen wie Auswahlkriterien, Zufriedenheit, Innovationsfähigkeit und strategische Ausrichtung der Elektronikbeschaffung.

Die Ergebnisse liefern ein erstes Stimmungsbild aus dem DACH-Raum. Für die Initiatoren ist die Erhebung jedoch keine einmalige Bestandsaufnahme, sondern Teil eines längerfristigen Ansatzes, den EMS-Markt systematischer aus Sicht der Auftraggeber zu analysieren. Wie dieser Ansatz konkret aussieht, welche Lücken er schließen soll und welche Rolle die OEM-Perspektive künftig spielen kann, erläutern Michael Künsebeck und Matthias Holsten im Gespräch.

Was weiß der EMS-Markt wirklich über OEMs?

Herr Künsebeck, Herr Holsten, was ist die Idee hinter der OEM-Umfrage im EMS-Markt und warum braucht es sie?

Matthias Holsten: In unseren Beratungsgesprächen haben wir immer wieder festgestellt, dass EMS-Unternehmen ihre Kunden erstaunlich wenig kennen. Es gibt viele Statistiken über EMS-Dienstleister – Umsätze, Marktanteile, Wachstumszahlen. Aber darüber, wie OEMs ihre Partner sehen, weiß man vergleichsweise wenig. Das wollten wir ändern.

Michael Künsebeck: Uns hat beschäftigt, dass sich vieles im Markt auf Angebotskennzahlen konzentriert. Was aber fehlt, ist die systematische Betrachtung der Nachfrageseite. Wie viele OEMs gibt es eigentlich? Wie organisieren sie ihre Fertigung? Wie denken sie über Insourcing oder Outsourcing? Vieles basiert auf Schätzungen. Wir wollten belastbarere Informationen bekommen.

Was haben OEMs konkret davon, an der Umfrage teilzunehmen?

Holsten: Alle Teilnehmer erhalten einen detaillierten Ergebnisbericht mit Branchenauswertung, Benchmarks und identifizierten Trends. Das ermöglicht eine realistische Standortbestimmung im Marktumfeld.

Künsebeck: Viele OEMs wissen selbst nicht genau, wie sie im Vergleich zu anderen Unternehmen aufgestellt sind, etwa bei Outsourcing-Strategien, Auswahlkriterien oder Erwartungen an EMS-Dienstleister. Die Umfrage schafft hier Transparenz und liefert Argumentationsgrundlagen für interne Entscheidungen.

Gab es Ergebnisse in der Studie, die Sie überrascht haben?

Künsebeck: Ja, zum Beispiel der Anteil der Unternehmen, die selbst fertigen, teilweise EMS-Leistungen anbieten und gleichzeitig externe EMS-Dienstleister beauftragen. Dieses hybride Modell ist stärker vertreten, als wir es erwartet hätten.

Holsten: Das zeigt, dass der Markt komplexer ist als klassische Einteilungen es vermuten lassen. Es gibt historisch gewachsene Strukturen, freie Kapazitäten oder strategische Entscheidungen, die dazu führen, dass Unternehmen mehrere Rollen gleichzeitig einnehmen.

Fehlender Marktüberblick – auf beiden Seiten

Wo sehen Sie aktuell die größten strukturellen Schwächen im Markt?

Holsten: In Projekten erleben wir häufig, dass OEMs selbst keinen klaren Marktüberblick haben. Sie kennen ihre bestehenden Dienstleister, aber nicht die Breite des Marktes oder alternative Optionen. Gleichzeitig verändert sich das Rollenbild im Einkauf deutlich.

Künsebeck: Darüber hinaus kennen auf der anderen Seite auch viele EMS-Unternehmen ihre Zielgruppen nur unzureichend. Wer sind die OEMs eigentlich? Wie hoch ist der Eigenfertigungsanteil? Wie entwickeln sich Insourcing- oder Outsourcing-Strategien? Ohne belastbare Daten bleibt vieles Spekulation.

Sie sprechen von einem Wandel im Einkauf. Wo beobachten Sie konkret Veränderungen?

Holsten: Wir sehen zunehmend Generalisten im Einkauf. Elektronik ist dann oft nur noch eine Artikelnummer im System. Die technische Tiefe ist nicht mehr in jedem Fall vorhanden.

Künsebeck: Teilweise entsteht der Eindruck, dass es zunächst keine große Rolle spielt, was sich hinter dieser Nummer verbirgt. Ich formuliere das bewusst überspitzt: Ob es am Ende eine Klopapierrolle oder eine sicherheitskritische Leiterplatte ist, wird manchmal erst sehr spät differenziert. Und genau dort entstehen dann Missverständnisse.

Plattform, Beratung und das Ende der Blackbox

Welche Auswirkungen hat das auf die Zusammenarbeit mit EMS-Dienstleistern?

Holsten: Wenn technisches Detailwissen fehlt, wird stärker über den Preis entschieden. Aspekte wie Technologiekompetenz, Zusatzleistungen oder strategische Passfähigkeit werden dann nicht immer ausreichend berücksichtigt.

Künsebeck: Das kann dazu führen, dass Entscheidungen kurzfristiger getroffen werden. Langfristige Partnerschaften oder strategische Entwicklung rücken teilweise in den Hintergrund.

Welche Rolle spielt EMS-Scout in diesem Zusammenhang?

Künsebeck: Unser Ziel ist es, OEMs einen strukturierten und möglichst wertfreien Marktüberblick zu ermöglichen. Auch Unternehmen mit wenig Erfahrung im EMS-Sourcing sollen in der Lage sein, passende Dienstleister zu identifizieren.

Holsten: Unsere Umfrage ergänzt das. Sie liefert Benchmarks und Trends, die sowohl OEMs als auch EMS-Dienstleistern Orientierung geben können.

Kritisch gefragt: Warum sollten OEMs heute noch auf europäische EMS setzen, wenn asiatische Anbieter oft günstiger sind?

Künsebeck: Bei sehr einfachen Produkten mag der Preis dominieren. Bei komplexen Baugruppen relativieren sich die Unterschiede. Hochautomatisierte Fertigungslinien kosten weltweit vergleichbar viel. Mit intelligenten Prozessen lässt sich auch in Europa wettbewerbsfähig produzieren.

Holsten: Hinzu kommen Faktoren wie Entwicklungsnähe, Normenkonformität, schnelle Abstimmung und Lieferkettenstabilität. Das wird bei reiner Preisbetrachtung häufig nicht ausreichend berücksichtigt.

Zurück zur OEM-Umfrage. Wird diese fortgesetzt?

Holsten: Ja. Wir verstehen sie nicht als einmaliges Projekt, sondern als Beginn einer regelmäßigen Erhebung. Nur wenn man Entwicklungen kontinuierlich misst, lassen sich echte Trends erkennen.

Künsebeck: Unser Ziel ist es, mehr Transparenz in den Markt zu bringen – sowohl für OEMs als auch für EMS-Dienstleister. Wenn beide Seiten besser verstehen, wie die jeweils andere denkt, profitieren am Ende beide.

Zum Schluss noch ein ganz anderes Thema: Sie sind auf der kommenden electronica wieder mit einem Gemeinschaftsstand vertreten. Was erwartet Besucher dort?

Holsten: Wir wachsen weiter. Auf der nächsten Electronica werden 26 EMS-Unternehmen am EMS-Scout-Gemeinschaftsstand vertreten sein und damit neun mehr als zuletzt. Mit 450 Quadratmetern Fläche in Halle A1 befinden wir uns zudem an einem sehr attraktiven Standort.

Künsebeck: Unser Konzept ermöglicht es auch kleineren EMS-Dienstleistern, mit überschaubarem Budget auf der wichtigsten Elektronikmesse Europas präsent zu sein. Viele erwarten kurzfristig konkrete Aufträge. Tatsächlich geht es zunächst um Sichtbarkeit, Markenbildung und Netzwerkeffekte.