Warum KI häufig an fehlender Experimentierfreude scheitert
KI ist kein Zukunftsversprechen mehr, sondern Realität. Doch fehlende Experimentierfreude bremst die Industrie. Jetzt gilt: mutig starten, statt endlos planen – kindlicher denken!“ Ein Kommentar von Normann Hartmann, CEO Workerbase.
Petra GottwaldPetraGottwaldPetra GottwaldChefredakteurin Elektronik-Titel
2 min
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Digitalisierung
in der Industrie wurde jahrzehntelang mit Großprojekten, hohen Kosten und
langen Laufzeiten gleichgesetzt. Viele verbinden damit ERP-Einführungen,
monatelange Workshops und endlose Vorbereitungen. Das hat Spuren hinterlassen.
Der Reflex lautet bis heute: „Wir müssen erst alles vorbereiten, bevor wir
etwas Neues wagen.“ Doch dieser Reflex ist im KI-Zeitalter ein Klotz am Bein. KI
funktioniert anders. Sie entwickelt Wirkung nicht durch jahrelange Planung,
sondern durch Schritt-für-Schritt-Umsetzung direkt im Prozess. Und genau
deshalb sage ich: “Wir
müssen kindlicher denken!”
Damit
meine ich nicht Naivität. Ich meine Experimentierfreude. Kinder probieren aus.
Sie testen, lernen, korrigieren und testen erneut. Sie gehen neugierig an
Probleme heran. Nicht mit der Angst, etwas falsch zu machen, sondern mit dem
Drang, herauszufinden, was funktioniert. Genau dieser Pragmatismus ist es, der
unserer Industrie gerade fehlt.
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Was heute schon
funktioniert
Viele Unternehmen glauben, KI könne erst wirken, wenn Daten vollständig
harmonisiert sind oder Prozesse bis ins Detail definiert wurden. Die Realität
sieht anders aus: KI schafft auch ohne perfekten Rahmen schon heute direkten
Mehrwert.
Beispiele
gibt es reichlich:
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Maschinenstörungen, bei denen KI Fehlercodes,
Historie und Dokumente zusammenzieht und Wartungsmitarbeitenden sofort
sinnvolle Maßnahmen vorschlägt.
Wissenstransfer im Moment des Bedarfs, etwa wenn
Mitarbeitende bei Problemen Hilfe rufen und das System automatisch mitfilmt,
was zur Lösung nötig ist.
Lieferscheinerkennung mit direkter
ERP-Integration, die lästige Kontrollarbeit ersetzt.
Standardisierung von Dokumentationen, selbst
wenn Teams unterschiedliche Begriffe und Texte verwenden.
All
diese Anwendungen laufen bereits heute stabil in industriellen Umgebungen. Und
sie beweisen: Wir müssen nicht warten, bis die Organisation „bereit“ ist. Wir
müssen nur anfangen.
Doch damit KI dieses Potenzial entfalten kann, müssen wir drei Dinge
überwinden:
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Den
Glauben, erst müsse alles perfekt sein: Moderne KI
arbeitet auch mit unvollständigen Daten und liefert trotzdem Mehrwert. Jede
Stunde, die wir mit Warten verbringen, verlierejn wir an unser globales Umfeld,
das längst ausprobiert.
Die Idee,
wir müssten unsere eigenen Modelle bauen: Das
Wettrennen der großen LLMs ist global weit fortgeschritten. Für Europa ergibt
es daher keinen Sinn, Milliarden in Konkurrenzstrukturen zu stecken. Der Wert
entsteht in der Anwendung, nicht im Grundmodell.
Die Angst vor
kleinen Schritten: Die besten KI-Projekte starten
nicht als Transformationsprogramme, sondern als Mini-Piloten auf dem Shopfloor. schnelle Erfolge schaffen Vertrauen; bei Mitarbeitenden genauso wie im
Management.
Diese
drei Barrieren sind mental. Und genau deshalb können wir sie sofort überwinden.
Denn die Werkzeuge sind da, die Technologie ist verfügbar und erfolgreiche
Beispiele aus der Praxis zeigen: Es funktioniert. Was fehlt, ist der Mut zum
ersten Schritt. Wer jetzt wartet, bis alles perfekt ist, verliert Jahre an
Wettbewerbsvorsprung.
Was auf uns
zukommt
Wenn wir nach 2026 schauen, zeichnet sich klar ab, wohin die Reise geht.
KI wird deutlich kontextsensitiver und prozessnäher arbeiten als heute. Systeme
werden nicht mehr nur Muster erkennen, sondern ganze Abläufe verstehen: welche
Qualifikation ein Mitarbeiter hat, welche Maschinenparameter relevant sind, wie
Materialflüsse verlaufen und welche Abhängigkeiten eine Rolle spielen.
Unternehmen, die diese Granularität heute noch nicht erfassen, werden morgen
keinen Vorsprung aufbauen können.
Gleichzeitig
wird KI immer stärker Teil der täglichen Arbeit und eben kein Ersatz dafür. Die
Diskussion um Jobverlust verkennt die Realität. Die Industrie kämpft seit
Jahren mit zu wenigen Fachkräften. KI hilft nicht dabei, Menschen überflüssig
zu machen, sondern dabei, ihre Wirkung zu erhöhen. Sie schafft Freiräume,
entlastet und hebt Kompetenzen auf ein neues Niveau.
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Parallel
dazu wird multimodale KI völlig neue Anwendungsfelder eröffnen. Text, Bild,
Video und Sensordaten verschmelzen zu einem Gesamtkontext. Eine Routine, für
die früher zwei Spezialisten, drei Dokumente und zehn Minuten Abstimmung nötig
waren, lässt sich künftig mit einer einzigen Eingabe abbilden. Das wird
Arbeitsprozesse weniger fehleranfällig und gleichzeitig deutlich schneller
machen.
Und
schließlich wird die Akzeptanz zum entscheidenden Erfolgsfaktor. Der beste
Algorithmus ist wertlos, wenn die Belegschaft ihn nicht nutzt. Erfolg entsteht
dort, wo Systeme den Alltag konkret erleichtern, Zeit sparen, Fehler reduzieren
und Sicherheit erhöhen. Akzeptanz ist Voraussetzung für jede nachhaltige
KI-Transformation.
2026 ist heute
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Kindlicher zu denken heißt nicht, blauäugig zu sein. Es heißt, Dinge
auszuprobieren, statt sie endlos zu diskutieren. Denn KI bringt nur dann etwas,
wenn wir sie in den Alltag holen. Und genau das entscheidet darüber, wer 2026
wirklich vorn liegt. Nicht die größten Datenmengen oder die teuersten
Technologien machen den Unterschied, sondern die Fähigkeit, Schritt für Schritt
zu lernen.
Ein Kommentar von Normann Hartmann, CEO Workerbase, MünchenWorkerbase