Kommentar - Wir müssen kindlicher denken!

Warum KI häufig an fehlender Experimentierfreude scheitert

KI ist kein Zukunftsversprechen mehr, sondern Realität. Doch fehlende Experimentierfreude bremst die Industrie. Jetzt gilt: mutig starten, statt endlos planen – kindlicher denken!“ Ein Kommentar von Normann Hartmann, CEO Workerbase.

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Digitalisierung in der Industrie wurde jahrzehntelang mit Großprojekten, hohen Kosten und langen Laufzeiten gleichgesetzt. Viele verbinden damit ERP-Einführungen, monatelange Workshops und endlose Vorbereitungen. Das hat Spuren hinterlassen. Der Reflex lautet bis heute: „Wir müssen erst alles vorbereiten, bevor wir etwas Neues wagen.“ Doch dieser Reflex ist im KI-Zeitalter ein Klotz am Bein.
KI funktioniert anders. Sie entwickelt Wirkung nicht durch jahrelange Planung, sondern durch Schritt-für-Schritt-Umsetzung direkt im Prozess. Und genau deshalb sage ich: “Wir müssen kindlicher denken!”

Damit meine ich nicht Naivität. Ich meine Experimentierfreude. Kinder probieren aus. Sie testen, lernen, korrigieren und testen erneut. Sie gehen neugierig an Probleme heran. Nicht mit der Angst, etwas falsch zu machen, sondern mit dem Drang, herauszufinden, was funktioniert. Genau dieser Pragmatismus ist es, der unserer Industrie gerade fehlt.

Was heute schon funktioniert

Viele Unternehmen glauben, KI könne erst wirken, wenn Daten vollständig harmonisiert sind oder Prozesse bis ins Detail definiert wurden. Die Realität sieht anders aus: KI schafft auch ohne perfekten Rahmen schon heute direkten Mehrwert.

Beispiele gibt es reichlich:

  • Maschinenstörungen, bei denen KI Fehlercodes, Historie und Dokumente zusammenzieht und Wartungsmitarbeitenden sofort sinnvolle Maßnahmen vorschlägt.
  • Wissenstransfer im Moment des Bedarfs, etwa wenn Mitarbeitende bei Problemen Hilfe rufen und das System automatisch mitfilmt, was zur Lösung nötig ist.
  • Lieferscheinerkennung mit direkter ERP-Integration, die lästige Kontrollarbeit ersetzt.
  • Standardisierung von Dokumentationen, selbst wenn Teams unterschiedliche Begriffe und Texte verwenden.
  • All diese Anwendungen laufen bereits heute stabil in industriellen Umgebungen. Und sie beweisen: Wir müssen nicht warten, bis die Organisation „bereit“ ist. Wir müssen nur anfangen.

Was uns zurückhält

Doch damit KI dieses Potenzial entfalten kann, müssen wir drei Dinge überwinden:

  1. Den Glauben, erst müsse alles perfekt sein: Moderne KI arbeitet auch mit unvollständigen Daten und liefert trotzdem Mehrwert. Jede Stunde, die wir mit Warten verbringen, verlierejn wir an unser globales Umfeld, das längst ausprobiert.
  2. Die Idee, wir müssten unsere eigenen Modelle bauen: Das Wettrennen der großen LLMs ist global weit fortgeschritten. Für Europa ergibt es daher keinen Sinn, Milliarden in Konkurrenzstrukturen zu stecken. Der Wert entsteht in der Anwendung, nicht im Grundmodell.
  3. Die Angst vor kleinen Schritten: Die besten KI-Projekte starten nicht als Transformationsprogramme, sondern als Mini-Piloten auf dem Shopfloor. schnelle Erfolge schaffen Vertrauen; bei Mitarbeitenden genauso wie im Management.
  4. Diese drei Barrieren sind mental. Und genau deshalb können wir sie sofort überwinden. Denn die Werkzeuge sind da, die Technologie ist verfügbar und erfolgreiche Beispiele aus der Praxis zeigen: Es funktioniert. Was fehlt, ist der Mut zum ersten Schritt. Wer jetzt wartet, bis alles perfekt ist, verliert Jahre an Wettbewerbsvorsprung.

Was auf uns zukommt

Wenn wir nach 2026 schauen, zeichnet sich klar ab, wohin die Reise geht. KI wird deutlich kontextsensitiver und prozessnäher arbeiten als heute. Systeme werden nicht mehr nur Muster erkennen, sondern ganze Abläufe verstehen: welche Qualifikation ein Mitarbeiter hat, welche Maschinenparameter relevant sind, wie Materialflüsse verlaufen und welche Abhängigkeiten eine Rolle spielen. Unternehmen, die diese Granularität heute noch nicht erfassen, werden morgen keinen Vorsprung aufbauen können.

Gleichzeitig wird KI immer stärker Teil der täglichen Arbeit und eben kein Ersatz dafür. Die Diskussion um Jobverlust verkennt die Realität. Die Industrie kämpft seit Jahren mit zu wenigen Fachkräften. KI hilft nicht dabei, Menschen überflüssig zu machen, sondern dabei, ihre Wirkung zu erhöhen. Sie schafft Freiräume, entlastet und hebt Kompetenzen auf ein neues Niveau.

Parallel dazu wird multimodale KI völlig neue Anwendungsfelder eröffnen. Text, Bild, Video und Sensordaten verschmelzen zu einem Gesamtkontext. Eine Routine, für die früher zwei Spezialisten, drei Dokumente und zehn Minuten Abstimmung nötig waren, lässt sich künftig mit einer einzigen Eingabe abbilden. Das wird Arbeitsprozesse weniger fehleranfällig und gleichzeitig deutlich schneller machen.

Und schließlich wird die Akzeptanz zum entscheidenden Erfolgsfaktor. Der beste Algorithmus ist wertlos, wenn die Belegschaft ihn nicht nutzt. Erfolg entsteht dort, wo Systeme den Alltag konkret erleichtern, Zeit sparen, Fehler reduzieren und Sicherheit erhöhen. Akzeptanz ist Voraussetzung für jede nachhaltige KI-Transformation.

2026 ist heute

Kindlicher zu denken heißt nicht, blauäugig zu sein. Es heißt, Dinge auszuprobieren, statt sie endlos zu diskutieren. Denn KI bringt nur dann etwas, wenn wir sie in den Alltag holen. Und genau das entscheidet darüber, wer 2026 wirklich vorn liegt. Nicht die größten Datenmengen oder die teuersten Technologien machen den Unterschied, sondern die Fähigkeit, Schritt für Schritt zu lernen.

Ein Kommentar von Normann Hartmann, CEO Workerbase, München