Interview mit Niall Berkery, CEO von Neumo

„Human-State-Daten werden so strategisch wie Fahrzeugtelemetrie“

Je stärker KI in Entscheidungen im Fahrzeug involviert ist, desto wichtiger wird der kognitive Zustand des Fahrers. Neumo-CEO Niall Berkery erklärt, warum dessen Erfassung zum Schlüsselfaktor der Sicherheit werden könnte.

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Mann hält ein Gerät auf einer Konferenzbühne vor blauem Hintergrund mit großer Schrift.
Niall Berkery auf der AEK-Bühne 2026.

Niall Berkery ist CEO und Mitgründer von Neumo, einem Unternehmen, das eine Technologie zur kontaktlosen Erfassung von Gehirnwellen im Fahrzeug entwickelt. Beim 30. AUTOMOBIL-ELEKTRONIK Kongress stand er gemeinsam mit MicroVision-CEO Glen DeVos in der Session „Technologies to Watch“ auf der Bühne.

Im Anschluss an die Veranstaltung sprachen wir mit Berkery darüber, warum SDV- und KI-Strategien mehr benötigen als Rechenleistung, Sensoren und Softwarearchitekturen. Die entscheidende Frage ist aus seiner Sicht, ob Fahrzeuge den kognitiven Zustand des Menschen am Steuer verstehen können.

Herr Berkery, wenn Sie drei bis fünf Jahre vorausblicken: Was wird der größte Engpass bei der Umsetzung von SDV- und KI-Strategien in skalierbare, industrialisierte Fahrzeugplattformen sein?

Der größte Engpass wird weder die Rechenleistung noch werden es die KI-Modelle sein, sondern der Kontext. Heutige SDV-Plattformen verfügen über einen beispiellosen Einblick in das Fahrzeug, haben jedoch nur ein sehr begrenztes Verständnis für den Menschen, der es bedient. Ohne zuverlässige Echtzeiteinblicke in den kognitiven Zustand des Fahrers sind KI-Systeme gezwungen, Entscheidungen allein auf Grundlage externer Beobachtungen zu treffen. Um sichere, personalisierte und vertrauenswürdige Automatisierung in großem Maßstab zu ermöglichen, müssen Fahrzeuge verstehen, was der Fahrer tut und warum er es tut. Die Industrialisierung von SDVs erfordert die Integration von Human-State-Intelligence als nativen Sensoreingang neben Kameras, Radar und Fahrzeugtelemetrie.

Save the date: 31. AUTOMOBIL-ELEKTRONIK Kongress

Am 22. und 23. Juni 2027 findet zum 31. Mal der Internationale AUTOMOBIL-ELEKTRONIK Kongress (AEK) statt. Dieser Netzwerkkongress ist bereits seit vielen Jahren der Treffpunkt für die Top-Entscheider der Elektro-/Elektronik-Branche und bringt die Automotive-Verantwortlichen und die relevanten High-Level-Manager der Tech-Industrie zusammen, um gemeinsam das ganzheitliche Kundenerlebnis zu ermöglichen, das für die Fahrzeuge der Zukunft benötigt wird. Trotz dieser stark zunehmenden Internationalisierung wird der AUTOMOBIL-ELEKTRONIK Kongress von den Teilnehmern immer noch als eine Art 'automobiles Familientreffen' bezeichnet.

Sichern Sie sich Ihr(e) Konferenzticket(s) für den 31. Automobil-Elektronik Kongress (AEK) im Jahr 2026! Folgen Sie außerdem dem LinkedIn-Kanal des AEK und #AEK_live. 

Im Channel zum Automobil-Elektronik Kongress finden Sie Rück- und Vorberichterstattungen sowie relevanten Themen rund um die Veranstaltung.

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Im Channel zum Automobil-Elektronik Kongress finden Sie Rück- und Vorberichterstattungen sowie relevanten Themen rund um die Veranstaltung.

Welche heute getroffene Entscheidung wird am stärksten darüber bestimmen, wo im künftigen automobilen Ökosystem Wertschöpfung entsteht?

Die entscheidende Frage ist, wer die Intelligenzebene kontrolliert, die menschliches Verhalten interpretiert. OEMs, die die Verbindung zwischen Fahrzeugwahrnehmung, Verständnis des Fahrers und KI-gestützter Personalisierung kontrollieren, werden sich weit über Kriterien wie Motorleistung oder Bildschirmgröße hinaus differenzieren können. Human-State-Daten werden eine ebenso strategische Bedeutung erlangen wie die Fahrzeugtelemetrie und sichereres Fahren, stärker personalisierte Erlebnisse, adaptive Automatisierung und völlig neue digitale Dienste ermöglichen. Die Gewinner werden nicht einfach mehr Daten sammeln, sie werden bessere Erkenntnisse daraus gewinnen.

Warum Human-State-Intelligence für SDVs entscheidend wird

Wo stoßen aktuelle Ansätze für SDVs und E/E-Architekturen der nächsten Generation in realen Projekten noch an ihre Grenzen?

Aktuelle Architekturen werden zunehmend softwarezentriert, stützen sich jedoch bei der Beobachtung des Fahrerverhaltens weiterhin stark auf Kameras. Kameras können erkennen, wohin ein Fahrer blickt oder ob seine Augen geschlossen sind. Sie können jedoch weder die kognitive Belastung noch Beeinträchtigungen, mentale Ermüdung oder die Aufmerksamkeitsfähigkeit direkt messen. Je intelligenter Fahrzeuge werden und je stärker sie sich die Kontrolle mit dem Fahrer teilen, desto wichtiger wird es, die kognitive Bereitschaft zu verstehen. Der fehlende Sensor in heutigen Architekturen ist keine weitere Kamera, sondern eine Möglichkeit, den kognitiven Zustand des Menschen direkt zu messen.

Wie entwickelt sich die Fahrzeugintelligenz über traditionelle Computing-Konzepte hinaus?

Mann im grauen Blazer steht vor einer blauen AEK-Messewand mit der Aufschrift „Welcome to the Future“.
Niall Berkery studierte Elektrotechnik am Dublin Institute of Technology. Seine Karriere begann er in Japan als Ingenieur und Produktplaner. Später skalierte er Unternehmen im Automotive- und Mobilitätssektor und übernahm unter anderem Führungspositionen bei Pioneer, Agero und TeleNav.

Die Fahrzeugintelligenz entwickelt sich von deterministischen Steuerungssystemen hin zu adaptiven kognitiven Systemen. Künftige Fahrzeuge werden nicht einfach Software ausführen. Sie werden kontinuierlich wahrnehmen, interpretieren, vorhersagen und personalisieren. Sie werden Informationen aus dem Fahrzeug, der Umgebung und von den Insassen zusammenführen, um in Echtzeit kontextbezogene Entscheidungen zu treffen. Intelligenz wird nicht mehr durch Rechenleistung definiert, sondern durch Verständnis.

Was multimodale Fahrzeugintelligenz leisten kann

Was zeichnet die nächste Generation der Intelligenz im Fahrzeug aus?

Die nächste Generation der Intelligenz im Fahrzeug wird multimodal sein. Sie wird Informationen zur Fahrzeugdynamik, zur Wahrnehmung der Umgebung und zur Insassenerfassung sowie – als entscheidenden Faktor – die direkte Messung des kognitiven Zustands des Fahrers kombinieren. Dadurch entsteht in Echtzeit ein Verständnis dessen, was innerhalb und außerhalb des Fahrzeugs geschieht. So können Fahrzeuge Risiken vorhersehen, bevor sie sich in sichtbarem Verhalten zeigen, das Fahrerlebnis an den Zustand des Fahrers anpassen und die Automatisierung entsprechend der Bereitschaft des Fahrers zur Übernahme der Kontrolle adaptieren. Echte Intelligenz beginnt, wenn das Fahrzeug den Menschen versteht und nicht nur die Maschine.

Wo ist aus Ihrer Sicht der größte Durchbruch erforderlich, um echte Fahrzeugintelligenz zu ermöglichen?

Der größte Durchbruch besteht darin, über die Ableitung des kognitiven Zustands aus beobachtbarem Verhalten hinauszugehen und diesen direkt zu messen. Die Automobilindustrie hat sich bislang auf Kameras verlassen, um daraus abzuleiten, ob ein Fahrer möglicherweise abgelenkt oder ermüdet ist. Viele der Zustände mit dem höchsten Risiko – darunter kognitive Überlastung, Beeinträchtigung, Stress und mentale Ermüdung – treten jedoch auf, bevor sie äußerlich sichtbar werden. Neumos Technologie zur kontaktlosen Erfassung von Gehirnwellen stellt eine neue Sensormodalität für das Fahrzeug dar. Indem wir neuronale Aktivität direkt über eine Kopfstütze messen, ohne dass dafür Wearables erforderlich sind, liefern wir Echtzeiteinblicke in den Zustand des Fahrers, die Kameras nicht erfassen können. Wir sind überzeugt, dass diese Human-State-Intelligence zu einer grundlegenden Eingangsgröße für SDVs der nächsten Generation werden und sicherere Automatisierung, stärker personalisierte Mobilitätserlebnisse und ein grundlegend intelligenteres Fahrzeug ermöglichen wird.