VDE-Zahlen zu Studium und Fachkräften

Elektrotechnik droht die Absolventenlücke

Die Elektrotechnik bleibt ein Schlüsselstudium für die Industrie. Doch neue VDE-Berechnungen zeigen: Die Absolventenzahlen sinken, die Schwundquoten bleiben hoch – und die Verrentungswelle wächst.

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Die Gesamtschwundquote in der Elektrotechnik hat sich innerhalb von 25 Jahren auf 50 % verdoppelt.

Die Elektro- und Informationstechnik gilt als eines der zentralen Fächer für eine zunehmend elektrifizierte Welt. Genau deshalb sind die neuen Berechnungen des VDE zur Entwicklung der Absolventinnen- und Absolventenzahlen alarmierend. Zwar sind die Erstsemesterzahlen zwischen 2023 und 2025 auf niedrigem Niveau stabil geblieben. Der VDE ordnet diese Stabilisierung jedoch vor allem der wachsenden Anzahl internationaler Studierender zu. Ohne diese Gruppe würden die Anfängerzahlen weiter stark sinken.

Ein Blick auf den gesamten MINT-Arbeitsmarkt zeigt zugleich, dass die Fachkräftelücke zwar zuletzt kleiner geworden ist, die strukturelle Herausforderung aber bestehen bleibt. In Deutschland fehlten im April 2026 gut 141.000 Personen in MINT-Berufen, um alle offenen Stellen zu besetzen. Im April 2025 waren es noch mehr als 163.000 Personen. Die Lücke ist damit innerhalb eines Jahres um annähernd 14 % geschrumpft. Dieser Rückgang hängt jedoch vor allem mit der schwachen Konjunktur zusammen und weniger mit einer grundsätzlichen Entspannung auf dem Arbeitsmarkt. 

Für Elektronik-Entwickler in Unternehmen, Personalverantwortliche und Studierende ist das mehr als eine Bildungsstatistik. Die Zahlen zeigen, wie viele qualifizierte Elektroingenieurinnen und Elektroingenieure dem Arbeitsmarkt künftig tatsächlich zur Verfügung stehen. Und sie zeigen, wo die Branche ansetzen muss, wenn sie Entwicklungskapazitäten in Deutschland halten oder ausbauen will.

Wie der VDE die Absolventenzahlen neu berechnet hat

Die Untersuchung knüpft an die VDE-Arbeitsmarktstudie 2022 an. Weil die elektrotechnischen Studiengänge seit Jahren unter einem massiven Imageproblem leiden und verschiedene Statistiken teilweise stark voneinander abweichen, haben die Autorin und die Autoren die Absolventen- und Schwundquoten neu berechnet. Grundlage sind vor allem Daten des Statistischen Bundesamtes zu Studierenden und Hochschulprüfungen.

Ein wichtiger methodischer Punkt ist die Unterscheidung zwischen erstem Hochschulsemester und erstem Fachsemester. Für die Gesamtbetrachtung entscheidet sich der VDE für das erste Hochschulsemester, um Doppelzählungen weitgehend zu vermeiden. Denn im ersten Fachsemester würden beispielsweise konsekutive Masterstudierende oder Studierende nach Hochschulwechseln erneut als Anfänger auftauchen. Auch bei den Abschlüssen rechnet der VDE genauer nach. Als Absolventinnen und Absolventen gelten diejenigen, die dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen. Dazu zählen Diplom- und Masterabschlüsse sowie ein Teil der Bachelorabschlüsse. Bachelorabsolventinnen und -absolventen werden nur anteilig einbezogen, weil viele anschließend ein Masterstudium aufnehmen. Nach VDE-Berechnung stehen 36 % der Bachelorabsolventen direkt dem Arbeitsmarkt zur Verfügung.

Was bedeutet Schwundquote im Elektrotechnikstudium?

Mit Schwundquote meint der VDE den Anteil eines Studienjahrgangs, der das Elektrotechnikstudium im Vergleich zum zugeordneten Erstsemesterjahrgang erfolgreich abschließt oder eben aus der betrachteten Studienkarriere herausfällt. Für die Gesamtbetrachtung werden Abschlüsse eines Jahres mit den Erstsemestern früherer Jahre ins Verhältnis gesetzt: bis 2010 mit fünf Jahren Versatz, ab 2011 mit sechs Jahren Versatz.

Das Ergebnis ist deutlich: Die Gesamtschwundquote in der Elektrotechnik hat sich innerhalb von 25 Jahren auf 50 % verdoppelt. Sie umfasst dabei alle Studienkarrieren, also arbeitsmarktrelevante Bachelorabschlüsse, konsekutive Masterstudierende und Masterstudierende aus dem Ausland. Nach einem langen Anstieg scheint sich dieser Wert inzwischen zu stabilisieren. Noch kritischer fällt der Blick auf das Bachelorstudium aus. Der VDE errechnet für Bachelorstudiengänge Schwundquoten in der Nähe von 60 %. Für die Studienjahre 2022/23, 2023/24 und 2024/25 weist die Grafik Bachelor-Schwundquoten von 57 %, 56 % und 56 % aus. Damit liegt der erste berufsqualifizierende Abschluss deutlich über der Gesamtschwundquote.

Warum besonders das Bachelorstudium unter Druck steht

Der VDE nennt mehrere mögliche Gründe für den hohen Schwund. Dazu gehört die starke Vermehrung und Diversifizierung von Studienangeboten. 2024 gab es nach Angaben der Hochschulrektorenkonferenz insgesamt 22.078 Studiengänge an deutschen Hochschulen. Für junge Menschen wird Orientierung damit schwieriger.

Hinzu kommen laut VDE generelle Orientierungsschwierigkeiten bei der jungen Generation. Das erste Studienjahr wird dadurch häufig zu einem Such- und Orientierungsjahr. Die meisten Abbrüche in der Elektrotechnik passieren demnach innerhalb dieses Zeitraums. Außerdem nennt das Papier Scheinstudierende als mögliche Einflussgröße, weil sie statistisch erfasst werden, obwohl sie mutmaßlich nicht ernsthaft studieren.

Ein weiterer zentraler Punkt betrifft die MINT-Kompetenzen. Der VDE verweist auf sich verschlechternde Fähigkeiten bei Schülerinnen und Schülern und einen wachsenden Abstand zwischen Schulmathematik und Hochschulmathematik. In einer genannten Studie war dies einer der Hauptgründe für Studienabbrüche in der Elektrotechnik. Für Hochschulen, Unternehmen und Studieninteressierte ist das ein entscheidender Befund: Der Übergang ins Studium bleibt eine der größten Hürden.

Auch die MINT-Auswertung sieht in der Bildung einen langfristigen Hebel gegen den Fachkräftemangel. Genannt werden unter anderem mehr Betreuungsplätze, Sprach- und Leseförderung, hochwertige Ganztagsangebote, gezielte Unterstützung für Schülerinnen und Schüler mit Förderbedarf sowie mehr digitale Bildungsangebote.

Wie sich der Bologna-Prozess auf die Abschlüsse auswirkt

Die Daten zeigen auch, wie stark sich die Abschlussstruktur verändert hat. Nach einer langen Übergangsphase war der Bologna-Prozess laut VDE etwa ab 2018 praktisch abgeschlossen. Die Parität zwischen Bologna- und Diplomabschlüssen war bereits 2010 erreicht. Heute streben rund zwei Drittel der Studierenden einen Masterabschluss an.

Das hat Folgen für die Studiendauer. Vor dem Bologna-Prozess lag die durchschnittliche Studiendauer in der Elektrotechnik laut den im PDF herangezogenen Angaben bei etwa fünf Jahren. Seit 2011 deutet die VDE-Auswertung auf eine durchschnittliche Gesamtstudiendauer von sechs Jahren hin. Für das Bachelorstudium allein werden fünf Jahre angesetzt, für das Masterstudium zwei Jahre, jeweils mit einer Ungenauigkeit von etwa plus/minus 0,5 Jahren.

Für Studierende bedeutet das: Wer Elektrotechnik wählt, entscheidet sich häufig für einen längeren Ausbildungsweg. Für Arbeitgeber bedeutet es: Der Nachwuchs kommt später in den Arbeitsmarkt, als es eine reine Bachelor-Master-Schemadarstellung vermuten lässt.

Warum der Rückgang der Absolventen die Industrie trifft

Der VDE zeigt, dass die Zahl der Abschlüsse nach einem Höchststand von 9.500 in den vergangenen Jahren auf rund 8.000 gefallen ist. Das entspricht einem Minus von 16 %, mit weiter fallender Tendenz. Der Rückgang der Abschlüsse seit 2017 passt zum Rückgang der Erstsemesterzahlen ab 2011.

Besonders relevant wird diese Entwicklung im Vergleich mit den Verrentungen. Trotz eines derzeit verhaltenen Arbeitsmarkts zeichnet der VDE ein „düsteres Bild“ für die künftige Fachkräftesituation. Unternehmen halten sich aktuell mit Neueinstellungen zurück, wissen laut VDE jedoch, dass sie künftig wieder mehr Ingenieurkapazitäten aufbauen müssen. Als Begründung nennt das Papier unter anderem, dass die Welt immer elektrischer wird und kleine sowie mittlere Unternehmen ihre Entwicklungskapazitäten voraussichtlich nicht überwiegend ins Ausland verlagern werden. Die prognostizierte Lücke wächst deutlich: Für 2025 nennt die VDE-Grafik 7.858 Abschlüsse und 12.000 Verrentungen, also eine Lücke von 4142 Personen. 2027 stehen 6523 Abschlüsse 13.100 Verrentungen gegenüber. 2029 rechnet die Darstellung mit 6674 Abschlüssen und 14.200 Verrentungen, was einer Lücke von 7526 entspricht.

Diese Entwicklung passt zum demografischen Bild im gesamten MINT-Bereich. Bis 2028 werden jedes Jahr fast 295.000 Fachkräfte im MINT-Bereich aus dem Berufsleben ausscheiden, hinzu kommen jährlich annähernd 68.000 MINT-Akademikerinnen und -Akademiker. Für das kommende Jahrzehnt ist daher wieder mit deutlich zunehmenden Engpässen zu rechnen. Allein zwischen 2024 und 2034 droht die Beschäftigung in den MINT-Berufen demografisch bedingt um 1,8 % abzunehmen.

Was heißt das für Arbeitgeber?

Für Arbeitgeber ist die Botschaft klar: Die Fachkräfteplanung muss die kommenden Jahre stärker berücksichtigen. Der VDE formuliert ausdrücklich die Empfehlung, dass Arbeitgeber die Perspektive der nächsten Jahre in ihrer Personalplanung beachten sollten. Schon 2027 wird die jährliche Verrentung laut VDE doppelt so groß sein wie die Zahl der Abschlüsse.

Für Entwicklungsabteilungen kann das bedeuten, dass Nachwuchsgewinnung, Bindung von Absolventinnen und Absolventen sowie Kooperationen mit Hochschulen strategischer werden. Das PDF macht zugleich deutlich, dass internationale Absolventinnen und Absolventen immer wichtiger für den deutschen Arbeitsmarkt werden. Ein wachsender Teil dieser Gruppe will in Deutschland arbeiten oder sich möglicherweise im Heimatland einem deutschen Unternehmen anschließen.

Auch die MINT-Daten verweisen auf Zuwanderung als einen wichtigen Hebel. Viele internationale Studierende aus MINT-Fächern arbeiten nach ihrem Abschluss in Deutschland in einem qualifikationsnahen Beruf. Begleitprogramme und Sprachkurse können den Übergang in den Arbeitsmarkt erleichtern. Zusätzlich kann ein längerer Verbleib älterer MINT-Beschäftigter im Berufsleben helfen, Fachwissen länger in den Unternehmen zu halten. 

Was bedeutet das für Studierende?

Für Studieninteressierte enthält die Untersuchung trotz hoher Schwundquoten eine positive Botschaft: Der VDE bezeichnet das Studium der Elektrotechnik im Hinblick auf Jobsicherheit weiterhin als klare Empfehlung. Der Arbeitsmarkt ist zwar aktuell durch die schwierige wirtschaftliche Situation verhalten, doch der erwartete Abstand zwischen Verrentungen und neuen Absolventinnen und Absolventen ist laut VDE sehr groß.

Gleichzeitig zeigt die Studie, dass das Elektrotechnikstudium anspruchsvoll bleibt. Besonders der Bachelor ist offenbar die kritische Phase. Wer sich für das Fach entscheidet, sollte sich der mathematisch-technischen Anforderungen bewusst sein und gerade den Studienstart ernst nehmen. Für Hochschulen und Unternehmen liegt hier ein Ansatzpunkt: Orientierung, Brückenkurse und frühe Praxisbezüge könnten entscheidend sein, um aus Studienanfängern tatsächlich spätere Entwicklerinnen und Entwickler zu machen.

Warum die Frauenquote weiter ein Problem ist

Ein weiterer Befund betrifft die Frauenquote. Im Betrachtungszeitraum ist der Anteil von Frauen unter den Erstsemestern zwar signifikant gestiegen. Der VDE nennt aktuell 18 %. Dieser Wert wird jedoch durch den höheren Frauenanteil bei internationalen Studierenden getragen. Bei deutschen Erstsemestern liegt die Quote nur bei 13 %.

Der VDE empfiehlt deshalb weiterhin Werbung für das elektrotechnische Studium bei der nachwachsenden Generation, insbesondere bei inländischen jungen Frauen und Mädchen. Für die Elektronikbranche ist das ein wichtiger Punkt, denn eine breitere Ansprache kann helfen, das Potenzial an künftigen Fachkräften besser auszuschöpfen.

Auch über die Elektrotechnik hinaus gilt die stärkere Ansprache von Frauen als wichtiger Ansatz gegen den MINT-Fachkräftemangel. Die MINT-Auswertung verweist unter anderem auf besseres Feedback zu den Stärken von Schülerinnen in Mathematik und Naturwissenschaften sowie auf weibliche Role Models, um mehr junge Frauen für MINT-Ausbildungen und -Studiengänge zu gewinnen.

Elektrotechnik bleibt ein Zukunftsfach mit Engpassrisiko

Die VDE-Auswertung zeigt ein Spannungsfeld: Elektrotechnik bleibt für die Industrie hochrelevant, doch der Nachwuchs reicht absehbar nicht aus, um die Verrentungen auszugleichen. Die Gesamtschwundquote liegt bei 50 %, der Bachelor-Schwund in der Nähe von 60 %, die Absolventenzahlen sinken und die Lücke zu den Verrentungen wächst.

Für Elektronik-Entwickler bedeutet das: Die eigene Qualifikation bleibt gefragt. Für Arbeitgeber bedeutet es: Nachwuchs wird knapper, und Personalplanung muss früher ansetzen. Für Studierende bedeutet es: Das Studium ist fordernd, bietet aber nach VDE-Einschätzung weiterhin sehr gute Perspektiven. Die eigentliche Herausforderung liegt damit weniger in der Frage, ob Elektrotechnik gebraucht wird. Die Zahlen zeigen vielmehr, wie dringend mehr Menschen dieses Fach erfolgreich bis zum Abschluss bringen müssten.

Die ergänzenden MINT-Zahlen zeigen zugleich, dass die aktuell kleinere Fachkräftelücke keine Entwarnung bedeutet. Der Rückgang von mehr als 163.000 auf gut 141.000 fehlende MINT-Arbeitskräfte ist vor allem konjunkturbedingt. Mit dem demografischen Wandel dürfte der Druck wieder steigen – besonders in Energie- und Elektroberufen, der Metallverarbeitung, den Bauberufen sowie der Maschinen- und Fahrzeugtechnik. (bs)