VDE-Zahlen zu Studium und Fachkräften
Elektrotechnik droht die Absolventenlücke
Die Elektrotechnik bleibt ein Schlüsselstudium für die Industrie. Doch neue VDE-Berechnungen zeigen: Die Absolventenzahlen sinken, die Schwundquoten bleiben hoch – und die Verrentungswelle wächst.
Die Gesamtschwundquote in der Elektrotechnik hat sich innerhalb von 25 Jahren auf 50 % verdoppelt.
Anke Thomass - @stock.adobe.com
Die Elektro- und Informationstechnik gilt als eines der
zentralen Fächer für eine zunehmend elektrifizierte Welt. Genau deshalb sind
die neuen Berechnungen des VDE zur Entwicklung der Absolventinnen- und
Absolventenzahlen alarmierend. Zwar sind die Erstsemesterzahlen zwischen 2023
und 2025 auf niedrigem Niveau stabil geblieben. Der VDE ordnet diese
Stabilisierung jedoch vor allem der wachsenden Anzahl internationaler
Studierender zu. Ohne diese Gruppe würden die Anfängerzahlen weiter stark
sinken.
Für Elektronik-Entwickler in Unternehmen,
Personalverantwortliche und Studierende ist das mehr als eine
Bildungsstatistik. Die Zahlen zeigen, wie viele qualifizierte
Elektroingenieurinnen und Elektroingenieure dem Arbeitsmarkt künftig
tatsächlich zur Verfügung stehen. Und sie zeigen, wo die Branche ansetzen muss,
wenn sie Entwicklungskapazitäten in Deutschland halten oder ausbauen will.
Wie der VDE die Absolventenzahlen neu berechnet hat
Die Untersuchung knüpft an die VDE-Arbeitsmarktstudie 2022
an. Weil die elektrotechnischen Studiengänge seit Jahren unter einem massiven
Imageproblem leiden und verschiedene Statistiken teilweise stark voneinander
abweichen, haben die Autorin und die Autoren die Absolventen- und Schwundquoten
neu berechnet. Grundlage sind vor allem Daten des Statistischen Bundesamtes zu
Studierenden und Hochschulprüfungen.
Ein wichtiger methodischer Punkt ist die Unterscheidung
zwischen erstem Hochschulsemester und erstem Fachsemester. Für die
Gesamtbetrachtung entscheidet sich der VDE für das erste Hochschulsemester, um
Doppelzählungen weitgehend zu vermeiden. Denn im ersten Fachsemester würden
beispielsweise konsekutive Masterstudierende oder Studierende nach
Hochschulwechseln erneut als Anfänger auftauchen. Auch bei den Abschlüssen
rechnet der VDE genauer nach. Als Absolventinnen und Absolventen gelten
diejenigen, die dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen. Dazu zählen Diplom- und
Masterabschlüsse sowie ein Teil der Bachelorabschlüsse. Bachelorabsolventinnen
und -absolventen werden nur anteilig einbezogen, weil viele anschließend ein
Masterstudium aufnehmen. Nach VDE-Berechnung stehen 36 % der
Bachelorabsolventen direkt dem Arbeitsmarkt zur Verfügung.
Was bedeutet Schwundquote im Elektrotechnikstudium?
Mit Schwundquote meint der VDE den Anteil eines
Studienjahrgangs, der das Elektrotechnikstudium im Vergleich zum zugeordneten
Erstsemesterjahrgang erfolgreich abschließt oder eben aus der betrachteten
Studienkarriere herausfällt. Für die Gesamtbetrachtung werden Abschlüsse eines
Jahres mit den Erstsemestern früherer Jahre ins Verhältnis gesetzt: bis 2010
mit fünf Jahren Versatz, ab 2011 mit sechs Jahren Versatz.
Das Ergebnis ist deutlich: Die Gesamtschwundquote in der
Elektrotechnik hat sich innerhalb von 25 Jahren auf 50 % verdoppelt. Sie
umfasst dabei alle Studienkarrieren, also arbeitsmarktrelevante
Bachelorabschlüsse, konsekutive Masterstudierende und Masterstudierende aus dem
Ausland. Nach einem langen Anstieg scheint sich dieser Wert inzwischen zu
stabilisieren. Noch kritischer fällt der Blick auf das Bachelorstudium aus. Der
VDE errechnet für Bachelorstudiengänge Schwundquoten in der Nähe von 60 %. Für
die Studienjahre 2022/23, 2023/24 und 2024/25 weist die Grafik
Bachelor-Schwundquoten von 57 %, 56 % und 56 % aus. Damit liegt der erste
berufsqualifizierende Abschluss deutlich über der Gesamtschwundquote.
Warum besonders das Bachelorstudium unter Druck steht
Der VDE nennt mehrere mögliche Gründe für den hohen Schwund.
Dazu gehört die starke Vermehrung und Diversifizierung von Studienangeboten.
2024 gab es nach Angaben der Hochschulrektorenkonferenz insgesamt 22.078
Studiengänge an deutschen Hochschulen. Für junge Menschen wird Orientierung
damit schwieriger.
Hinzu kommen laut VDE generelle Orientierungsschwierigkeiten
bei der jungen Generation. Das erste Studienjahr wird dadurch häufig zu einem
Such- und Orientierungsjahr. Die meisten Abbrüche in der Elektrotechnik
passieren demnach innerhalb dieses Zeitraums. Außerdem nennt das Papier
Scheinstudierende als mögliche Einflussgröße, weil sie statistisch erfasst
werden, obwohl sie mutmaßlich nicht ernsthaft studieren.
Ein weiterer zentraler Punkt betrifft die MINT-Kompetenzen.
Der VDE verweist auf sich verschlechternde Fähigkeiten bei Schülerinnen und
Schülern und einen wachsenden Abstand zwischen Schulmathematik und
Hochschulmathematik. In einer genannten Studie war dies einer der Hauptgründe
für Studienabbrüche in der Elektrotechnik. Für Hochschulen, Unternehmen und
Studieninteressierte ist das ein entscheidender Befund: Der Übergang ins
Studium bleibt eine der größten Hürden.
Wie sich der Bologna-Prozess auf die Abschlüsse auswirkt
Die Daten zeigen auch, wie stark sich die Abschlussstruktur
verändert hat. Nach einer langen Übergangsphase war der Bologna-Prozess laut
VDE etwa ab 2018 praktisch abgeschlossen. Die Parität zwischen Bologna- und
Diplomabschlüssen war bereits 2010 erreicht. Heute streben rund zwei Drittel
der Studierenden einen Masterabschluss an.
Das hat Folgen für die Studiendauer. Vor dem Bologna-Prozess
lag die durchschnittliche Studiendauer in der Elektrotechnik laut den im PDF
herangezogenen Angaben bei etwa fünf Jahren. Seit 2011 deutet die
VDE-Auswertung auf eine durchschnittliche Gesamtstudiendauer von sechs Jahren
hin. Für das Bachelorstudium allein werden fünf Jahre angesetzt, für das
Masterstudium zwei Jahre, jeweils mit einer Ungenauigkeit von etwa plus/minus
0,5 Jahren.
Für Studierende bedeutet das: Wer Elektrotechnik wählt,
entscheidet sich häufig für einen längeren Ausbildungsweg. Für Arbeitgeber
bedeutet es: Der Nachwuchs kommt später in den Arbeitsmarkt, als es eine reine
Bachelor-Master-Schemadarstellung vermuten lässt.
Warum der Rückgang der Absolventen die Industrie trifft
Der VDE zeigt, dass die Zahl der Abschlüsse nach einem
Höchststand von 9.500 in den vergangenen Jahren auf rund 8.000 gefallen ist.
Das entspricht einem Minus von 16 %, mit weiter fallender Tendenz. Der Rückgang
der Abschlüsse seit 2017 passt zum Rückgang der Erstsemesterzahlen ab 2011.
Besonders relevant wird diese Entwicklung im Vergleich mit
den Verrentungen. Trotz eines derzeit verhaltenen Arbeitsmarkts zeichnet der
VDE ein „düsteres Bild“ für die künftige Fachkräftesituation. Unternehmen
halten sich aktuell mit Neueinstellungen zurück, wissen laut VDE jedoch, dass
sie künftig wieder mehr Ingenieurkapazitäten aufbauen müssen. Als Begründung
nennt das Papier unter anderem, dass die Welt immer elektrischer wird und
kleine sowie mittlere Unternehmen ihre Entwicklungskapazitäten voraussichtlich
nicht überwiegend ins Ausland verlagern werden. Die prognostizierte Lücke
wächst deutlich: Für 2025 nennt die VDE-Grafik 7.858 Abschlüsse und 12.000
Verrentungen, also eine Lücke von 4.142 Personen. 2027 stehen 6.523 Abschlüsse
13.100 Verrentungen gegenüber. 2029 rechnet die Darstellung mit 6.674
Abschlüssen und 14.200 Verrentungen, was einer Lücke von 7.526 entspricht.
Was heißt das für Arbeitgeber?
Für Arbeitgeber ist die Botschaft klar: Die
Fachkräfteplanung muss die kommenden Jahre stärker berücksichtigen. Der VDE
formuliert ausdrücklich die Empfehlung, dass Arbeitgeber die Perspektive der
nächsten Jahre in ihrer Personalplanung beachten sollten. Schon 2027 wird die
jährliche Verrentung laut VDE doppelt so groß sein wie die Zahl der Abschlüsse.
Für Entwicklungsabteilungen kann das bedeuten, dass
Nachwuchsgewinnung, Bindung von Absolventinnen und Absolventen sowie
Kooperationen mit Hochschulen strategischer werden. Das PDF macht zugleich
deutlich, dass internationale Absolventinnen und Absolventen immer wichtiger
für den deutschen Arbeitsmarkt werden. Ein wachsender Teil dieser Gruppe will
in Deutschland arbeiten oder sich möglicherweise im Heimatland einem deutschen
Unternehmen anschließen.
Was bedeutet das für Studierende?
Für Studieninteressierte enthält die Untersuchung trotz
hoher Schwundquoten eine positive Botschaft: Der VDE bezeichnet das Studium der
Elektrotechnik im Hinblick auf Jobsicherheit weiterhin als klare Empfehlung.
Der Arbeitsmarkt ist zwar aktuell durch die schwierige wirtschaftliche
Situation verhalten, doch der erwartete Abstand zwischen Verrentungen und neuen
Absolventinnen und Absolventen ist laut VDE sehr groß.
Gleichzeitig zeigt die Studie, dass das
Elektrotechnikstudium anspruchsvoll bleibt. Besonders der Bachelor ist offenbar
die kritische Phase. Wer sich für das Fach entscheidet, sollte sich der
mathematisch-technischen Anforderungen bewusst sein und gerade den Studienstart
ernst nehmen. Für Hochschulen und Unternehmen liegt hier ein Ansatzpunkt:
Orientierung, Brückenkurse und frühe Praxisbezüge könnten entscheidend sein, um
aus Studienanfängern tatsächlich spätere Entwicklerinnen und Entwickler zu
machen.
Warum die Frauenquote weiter ein Problem ist
Ein weiterer Befund betrifft die Frauenquote. Im
Betrachtungszeitraum ist der Anteil von Frauen unter den Erstsemestern zwar
signifikant gestiegen. Der VDE nennt aktuell 18 %. Dieser Wert wird jedoch
durch den höheren Frauenanteil bei internationalen Studierenden getragen. Bei
deutschen Erstsemestern liegt die Quote nur bei 13 %.
Der VDE empfiehlt deshalb weiterhin Werbung für das
elektrotechnische Studium bei der nachwachsenden Generation, insbesondere bei
inländischen jungen Frauen und Mädchen. Für die Elektronikbranche ist das ein
wichtiger Punkt, denn eine breitere Ansprache kann helfen, das Potenzial an
künftigen Fachkräften besser auszuschöpfen.
Elektrotechnik bleibt ein Zukunftsfach mit Engpassrisiko
Die VDE-Auswertung zeigt ein Spannungsfeld: Elektrotechnik
bleibt für die Industrie hochrelevant, doch der Nachwuchs reicht absehbar nicht
aus, um die Verrentungen auszugleichen. Die Gesamtschwundquote liegt bei 50 %,
der Bachelor-Schwund in der Nähe von 60 %, die Absolventenzahlen sinken und die
Lücke zu den Verrentungen wächst.
Für Elektronik-Entwickler bedeutet das: Die eigene
Qualifikation bleibt gefragt. Für Arbeitgeber bedeutet es: Nachwuchs wird
knapper, und Personalplanung muss früher ansetzen. Für Studierende bedeutet es:
Das Studium ist fordernd, bietet aber nach VDE-Einschätzung weiterhin sehr gute
Perspektiven. Die eigentliche Herausforderung liegt damit weniger in der Frage,
ob Elektrotechnik gebraucht wird. Die Zahlen zeigen vielmehr, wie dringend mehr
Menschen dieses Fach erfolgreich bis zum Abschluss bringen müssten. (bs)