Wenn es in der Elektronikfertigung zu Ausfällen, Qualitätsproblemen oder schwer erklärbaren Schadensbildern kommt, beginnt für Viktoria Rawinski die eigentliche Arbeit. Als Gründerin und Geschäftsführerin der Rawinski GmbH unterstützt sie Unternehmen dabei, materialanalytische Ursachen sichtbar zu machen, Fehlerquellen systematisch einzugrenzen und belastbare Lösungen zu entwickeln. Im Interview spricht sie über ihren Weg in die Elektronikbranche, den Alltag zwischen unternehmerischer Verantwortung und forensischer Detailarbeit sowie über die Herausforderungen, vor denen Elektronikfertigung und Qualitätsmanagement heute stehen.
Sie sind Gründerin und Geschäftsführerin der Rawinski GmbH. Welche Aufgaben gehen mit der einher?
Als Gründer, Eigentümer und Geschäftsführer haben Sie die volle Verantwortung für das Bestehen und das Wachstum Ihres Unternehmens. Für jede getroffene Entscheidung. Sie spüren die Konsequenzen jeder Entscheidung unmittelbar. Die positiven genauso wie auch die negativen. Gerade wenn ein Unternehmen entsteht, haben Sie noch keine bestehenden Strukturen. Kein Vertriebsnetz. Keine Bestandskunden. Keine Homepage. Das alles muss erst einmal aufgebaut werden. D. h. im Klartext der Gründer ist Marketing, Vertreib, IT, Einkauf, Entwicklung, Montage, Lager, Versand und Geschäftsführer in einer Person. Es entwickelt sich rasch ein klarer Blick für Notwendiges und Konsequenz beim Umsetzen.
Warum haben sie sich selbstständig gemacht?
Der Wille meine berufliche Umgebung aktiv selbst zu gestalten war größer als das Bedürfnis nach Sicherheit eines angestellten Verhältnisses. Die Möglichkeiten, die sich mir dadurch eröffneten, würde ich in einem angestellten Verhältnis niemals erreichen. Z.B. darf ich Live-Shows und Podiumsdiskussionen zu aktuellen Themen der Elektronikbranche auf internationalen Bühnen moderieren. Meine Shows. Meine Themen. Meine Gäste. Früher undenkbar. Heute selbstverständlich. Auch kann ich mein Wissen bei internationalen Konferenzen auf großen Bühnen weltweit präsentieren. Was ich tue, fühlt sich sinnvoll an. Ich helfe Unternehmen ihre Produkte zu retten. Ihre Qualität zu verbessern. Und am Ende aller noch so stressigen Tage (manche davon mit 12-14 Stunden) – es fühlt sich für mich nicht nach Arbeit an.
Was verbirgt sich konkret hinter Ihrer Arbeit? Wie würden Sie jemandem, der die Elektronikfertigung nicht kennt, Ihren Job erklären?
Der wesentliche Bestandteil meines Jobs ist wahre Detektivarbeit. Es gibt ein Opfer – in unserem Fall ist es die Leiterplatte/Baugruppe. Es gibt einen oder mehrere Täter – z.B. Feuchtigkeit, Salzrückstände. Es gibt eine Gelegenheit – schädliche, störende Faktoren können die Qualität bei der Produktion ruinieren. Und es gibt ein Motiv – z.B. Reduzierung der Produktionskosten auf der Herstellerseite. Meine Arbeit besteht nun darin molekularen Fingerabdruck des Opfers und der Täter zu erfassen und die Ursache zu finden. Meine Kunden interessieren sich nicht für bunte Kurven, die man aus Analyseberichten kennt. Sie wollen meist exakt 3 Dinge wissen:
1. Wer oder was hat das Problem verursacht?
2. Kann ich das Problem beheben?
3. Wie viel kostet mich das?
Bisher konnte ich jede Ursache für Qualitätsprobleme finden. Ich wachse mit meinen Herausforderungen und mein Wissen und meine Erfahrung wachsen täglich mit.
Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei Ihnen aus – oder gibt es so etwas wie einen typischen Tag überhaupt?
Ich plane alle anstehenden Aufgaben für die kommende Woche meist Sonntagabend. Wohlwissend, dass ein kurzer Anruf Montagmorgen die Planung durcheinanderbringen kann. Wenn z. B. ein Kunde Produktionsstopp hat. Dann hat dieser Kunde die oberste Priorität. Alle anderen Aufgaben müssen warten. Flexibilität und Geschwindigkeit sind zwei Stärken, die von meinen Kunden im Notfall sehr geschätzt werden. Grundsätzlich bestimmen die Materialanalysen, Beratung und Reklamationsvorbereitung meiner Kunden meinen beruflichen Alltag. Organisatorische Dinge, Bürokratie und Korrespondenz erledige ich meistens, wenn es etwas ruhiger ist z. B. im Hotelzimmer.
Sie haben Kunststoff- und Kautschuktechnik studiert. Wie hat Sie dieser Weg schließlich in die Elektronikfertigung und Materialanalytik geführt?
In der Elektronikfertigung wird eine große Bandbreite an Kunststoffen verwendet - von Substrat der Leiterplatten, über Lötstoppmasken, Conformal Coatings bis hin zu Bauteilgehäusen. Bereits im Studium habe ich beim Fraunhofer Institut in Würzburg in der angewandten Forschung und Materialcharakterisierung von „Smart Materials“ gearbeitet. Das „Materialuniversum“ und insbesondere die Möglichkeiten der Analytik haben mich damals schon fasziniert. Später, in der Elektronikbranche fand ich rasch Anwendung meines Wissens indem ich zwei weltweit patentierte Technologien zur chemischen Prozessgasreinigung und Voidminimierung entwickelt habe.
Welche Fähigkeiten und Eigenschaften sind aus Ihrer Sicht besonders wichtig, um in Ihrem Beruf erfolgreich zu sein?
Unvoreingenommene, strukturierte Herangehensweise. Klarer Blick auf die Problemstellung. Der Kunde schildert ein Symptom – selten die Problemursache. Enge, direkte Kommunikation. Flexibilität und (vor allem in Notfällen) Geschwindigkeit. Ein weiterer essenzieller Faktor ist die Diskretion. Zu meinen Kunden gehören neben den kleinen auch einige sehr große. Einige sind in sensiblen Bereichen unterwegs. Diskretion ist die Voraussetzung einer langfristigen, vertrauensvollen Zusammenarbeit.
Wie wichtig ist der Austausch mit anderen Fachleuten – etwa mit Entwicklern, Fertigungsingenieuren oder Materialwissenschaftlern – in Ihrer täglichen Arbeit?
Das ist sehr wichtig. Deshalb präsentiere ich nicht nur mein Wissen jährlich auf internationalen Fachkonferenzen, ich tausche mich dabei auch mit meinen internationalen Kollegen aus dem Bereich Forschung, Entwicklung und Wissenschaft zu aktuellen Entwicklungen, Herausforderungen und Problemstellungen aus.
Wie gut bereitet ein technisches Studium Ihrer Meinung nach auf die Realität im Berufsleben vor? Was sollte aus Ihrer Sicht stärker vermittelt werden?
Ein Studium vermittelt Wissen zu bestimmten Themenbereichen. So wie eine Fahrschule Theorie und Bedienung des Fahrzeugs vermittelt. Das Fahren lernt man jedoch erst danach im Straßenverkehr. In realen Situationen. Ohne Fahrlehrer. Ohne ein zweites Pedal, das im Notfall mitbremst. Genauso ist es auch mit dem Studium. Die Praxis kann nur durch noch mehr Praxis ersetzt werden. Die Erfahrung kommt erst im Berufsleben. Und hier zählt nicht selten die menschliche Komponente wie z.B: Teamfähigkeit eine wesentlich größere Rolle als abrufbares Wissen aus dem Studium.
Welche technologischen Entwicklungen in der Elektronikfertigung oder Materialanalytik begeistern Sie derzeit besonders?
Mich begeistert die rasante Entwicklung der Elektronikbranche an sich viel mehr als einzelne Entwicklungen in individuellen Bereichen. Ich gehöre noch zu einer Generation, die ohne Internet aufwuchs. Und ich erlebte und erlebe immer noch mit großer Faszination diese rasante Entwicklung der gesamten Branche in allen Bereichen.
Wo sehen Sie aktuell die größten Herausforderungen für die Elektronikentwicklung und -fertigung?
Der zunehmende Kosten- und Wettbewerbsdruck zwingt EMS-Unternehmen dazu auf günstigere Leiterplatten auszuweichen. Diese Entwicklung geht oft mit Qualitätsproblemen einher. Es tauchen Probleme auf wie Nicht-Benetzung, weil sich Lötstoppmaske auf Lötpads befindet. Eingelagerte Feuchtigkeit wegen falscher Lagerung führt zur Elektromigration. Leitfähige Verarbeitungsrückstände zwischen den PCB-Lagen führen zum vorzeitigen Versagen der Baugruppen. Die Aufzählung der Beispiele kann ich noch sehr lange fortführen. Die aktuelle Herausforderung für die europäische Elektronikbranche ist es, im internationalen Wettbewerb nicht nur profitabel zu produzieren, sondern oft einfach nur zu überleben.
Was sind für Sie persönlich die größten Highlights Ihres Berufs?
Wenn ein Kunde mich am 1. Januar persönlich kontaktiert um sich dafür zu bedanken, dass er mir meiner Unterstützung nicht nur die Ursache für massive Qualitätspröbleme lösen konnte, sondern auch bei anschließender Reklamation einen mittleren sechsstelligen Betrag von seinem Lieferanten zurückholen konnte. Aber auch wenn Kunden erfolgreich meine Empfehlungen zur Prozessoptimierung umsetzten und Ihnen damit scheinbar Unmögliches gelingt. Sie tauften es „Rawinski Zeit“. So etwas bleibt im Gedächtnis und motiviert mich weiter zu machen.
Gab es Projekte oder Fragestellungen, die Sie besonders gefordert oder nachhaltig geprägt haben?
Ja die gab es und gibt es immer noch. Ein Beispiel: Vor 3 Jahren bekam ich mit Eilkurier aus dem Ausland eine ausgefallene, verkohlte Baugruppe. Produktausfall und Produktrückrufaktion. Eine Ausnahmesituation. Nach 3,5 Jahren im Betrieb ist eine bestimmte Charge Leiterplatten ausgefallen. Es folgte eine Woche „forensische Analytik“. Ich entfernte und analysierte Lage für Lage dieser Leiterplatte und fand eine Verkettung von Qualitätsabweichungen im Herstellprozess, die in Kombination zum Produktausfall führten.
Welchen Rat würden Sie jungen Ingenieurinnen und Ingenieuren geben, die heute in die Elektronikentwicklung einsteigen möchten?
Wer etwas erreichen will und mit Disziplin, Struktur und Ausdauer daran arbeitet – wird es auch schaffen. Beruflich wird es immer Höhen und Tiefen geben, das ist nun mal Realität. Umso wichtiger ist es mit Begeisterung und Passion seinen Beruf auszuüben. Stets neugierig zu bleiben. Bereit sein Neues zu lernen. Über sich hinaus zu wachsen. Raus aus der Komfortzone. Rein ins Universum der Elektronikentwicklung. Die Branche ist spannend. Faszinierend. Es lohnt sich einzutauchen. Sich begeistern zu lassen. Mitzugestalten.